Sehnsucht (Luk 6 27ff)

Die Hoffnung
Der Tag wird kommen
wo jeder Mensch, der
je gelebt hat und lebt
Gott so sehen wird, wie er ist
Liebe, Heil und Gerechtigkeit für alle

Die Gefahr
Dass Hoffnung untergeht im Leid
dass Menschen unter Menschen verlassen sind
ein Leben ohne Gott
ohne Antwort für das Leben

GOTT aber lässt
Menschen in seinem Geist zusammen wohnen
jetzt schon leben im Glanz seines Reiches

Selig sind, die Frieden stiften,
denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt 5,9)
***
Sehnsucht. Die Sehnsucht nach besseren Zeiten. Vor dreißig Jahren sehnte ich mich danach, doch irgendwann zu Lebzeiten aus dem sozialistischen Mief herauszukommen. Nicht weil es mir schlecht gegangen wäre. Wohl aber, weil ich mich nicht gut fühlte. Nicht, weil mir meine Freiheit abhandengekommen wäre. Wohl aber, weil ich wenigstens theoretisch die Möglichkeit haben wollte, Palmen, Düsseldorf und den leibhaftigen Kapitalismus kennenzulernen. Nicht nur im Westfernsehn.

Sehnsucht nach besseren Zeiten. Kaum jemand in meinem Freundeskreis, der nicht mit dem Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ auf der Jacke herumgelaufen wäre. Oder mit den Resten davon. Wenn man von der Volkspolizei gezwungen wurde, ihn zu entfernen. Wenn man frech war, schnitt man das Symbol in der Mitte heraus und ließ den roten Rand außen einfach an der Jacke. Wer konnte einem auch das noch verbieten? Und fast jeder wusste danach doch Bescheid, was hier fehlte.

Sehnsucht nach besseren Zeiten. Warum wurde eigentlich „Schwerter zu Pflugscharen“ das Symbol dieser Sehnsucht? Diese Abbildung eines Denkmals, dass die Sowjetunion der UNO geschenkt hatte? Von dem Recken, der ernst machte damit: Ein Schwert zu einer Pflugschar umzuschmieden?

Wollte man „die Russen“ an ihre Doppelzüngigkeit erinnern? Hier Friedenssymbolik, da Atomwaffen direkt neben meiner Haustür? Wollte man wirklich eine Welt ganz ohne Waffen? Heiß diskutiert haben wir damals darum, aber ohne Küchenmesser leben wollte niemand, und in der Küche gibt es ganz schön große Messer. Waffen schafft niemand aus der Welt. Jedenfalls nicht aus dieser. Ernüchternde Tatsachen, an denen – leider – niemand vorbei kam. Auch mit noch so großem Enthusiasmus nicht.

Aber da waren eben diese beiden Propheten, Jesaja (2) und Micha (4, unsere Bibellesung heute), die der Sehnsucht nach besseren Zeiten ein Bild gegeben hatten. Schwerter zu Pflugscharen – vor fast 3000 Jahren. Es wird sein in den letzten Tagen (EG 426). Die Zeit wird kommen. Da werden die Zeiten besser. Alle werden begreifen. Alle werden sehen. Alle werden handeln. Besser kann es dann nicht mehr werden. Ein Bild, das sich ins Gedächtnis einbrennt, so dass man nicht vergisst.

Schwerter zu Pflugscharen. Manche haben sich gefragt, wo die vielen Aufnäher eigentlich herkamen. Schließlich gab es doch Zensur in der DDR. Da konnte man nicht einfach hingehen und ein paar tausend Aufnäher bei Amazon bestellen. Einige munkeln, selbst in der DDR habe es Gesetzeslücken gegeben, und Siebdruck auf Flies sei nicht genehmigungspflichtig gewesen. Also gab es Siebdruck auf Flies. Vielleicht aber hat auch irgendwer einfach weggesehen bei der Genehmigung. Schließlich war es ja das Denkmal der Russen. Auch wenn ein Bibelvers dabeistand. Wie auch immer: Die Sehnsucht war groß. Nach besseren Zeiten. Und die Sehnsucht hatte ein Bild.

Sehnsucht nach besseren Zeiten – sie gab es nicht nur im Osten. 1983, als die staatliche Einheit Deutschlands bestenfalls noch in irgendwelchen politischen Papieren auftauchte, die keiner ernst nahm, veröffentlichte der westdeutsche Sänger Purple Schulz mit seiner Band „Neue Heimat“ (Name mit Programm!) dieses Lied, ihr habt den Text vor euch. Sein Titel: Sehnsucht.
MUSIK
Regen fällt – kalter Wind/ Himmel grau – Frau schlägt Kind/ Keine Nerven – und so allein/ Das Paradies kann das nicht sein/ Männer kommen müd‘ nach Haus/ Die kalte Seele fliegt hinaus/ Kind muss weinen – Kind muss schrei’n/ Schrei’n macht müde/ Und Kind schläft ein
Ich hab Heimweh/ Fernweh/ Sehnsucht/ Ich weiß nicht, was es ist

Keine Sterne in der Nacht/ Kleines Kind ist aufgewacht/ Kind fragt, wo die Sterne sind/ Ach, was weiß denn ich, mein Kind/ Ist der große Schwefelmond/ Eigentlich von wem bewohnt?/ Warum ist der Himmel leer?/ Ist da oben keiner mehr?
Ich hab Sehnsucht/ Ich will nur weg/ Ganz weit weg/ Ich will raus…

Warum hast du mich geborn/ Bevor ich da war war ich schon verlorn/ Land der Henker Niemandsland/ Das Paradies ist abgebrannt
Ich hab Heimweh/ Fernweh/ Sehnsucht/ Ich weiß nicht, was es ist/ Ich will nur weg/ Ganz weit weg/ Ich will raus…

Ich will raus! Auch wenn Purple Schulz mit diesem Lied niemals im Sinn hatte, dem DDR- Bürger eine Hymne für den Mauerfall zu schreiben, wurde es dazu. Ich habe Heimweh. Fernweh. Sehnsucht. Ich weiß nicht, was es ist. Ich will nur weg. Ganz weit weg. Ich will raus! sangen um mich herum alle mit. Jeder wusste wohl, woraus er selbst gerade heraus wollte. Aber ganz sicher war mein Heimweh NICHT das Heimweh von allen anderen.

Sehnsucht nach besseren Zeiten.
Der Predigttext aus Lukas 6, ab Vers 27. Jesus spricht:
27 Aber euch, die ihr mir zuhört,
sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen; 28 segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch Böses tun. 29 Schlägt dich jemand auf die eine Backe, dann halt ihm auch die andere hin, und nimmt dir jemand den Mantel, dann lass ihm auch das Hemd. 30 Gib jedem, der dich bittet, und wenn dir jemand etwas nimmt, dann fordere es nicht zurück.31 Handelt allen Menschen gegenüber so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet.
32 Wenn ihr die liebt, die euch Liebe erweisen, verdient ihr dafür etwa besondere Anerkennung? Auch die Menschen, die nicht nach Gott fragen, lieben die, von denen sie Liebe erfahren….

35 Nein, gerade eure Feinde sollt ihr lieben! Tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wartet eine große Belohnung auf euch, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein…
36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist…

Es gibt nicht wenige, die lesen diesen Text als einen ethischen Forderungskatalog. Etwa so: Wenn du an Gott glaubst, musst du eine Feinde lieben, nicht zurückschlagen, die andere Backe hinhalten, Mantel und Hemd hergeben, Leihen und es nicht zurückhaben wollen.

Wenn du das alles aber NICHT tust, kann es mit deiner Gottesfurcht ja nicht allzu weit her sein. Sogar die sagen einem das ins Gesicht, die man zu seinen Feinden zählen muss. Da wird es besonders hart.

Darum packt nicht wenige unter uns das schlechte Gewissen, wenn sie diese Zeilen bei Lukas oder die Bergpredigt nach Matthäus hören, aus der ja unser Wochenspruch stammt:
Selig sind, die Frieden STIFTEN…
Sie denken: Das schaff ich doch nie! Kann ich mich da überhaupt Christ nennen?

Aber hier geht es ja gar nicht um ethische Forderungen. Jesaja und Micha haben auch nicht gesagt: Volk Israel, alle Waffen weg und umschmieden! Gar nicht nur deshalb, weil das gar nicht geht und es der sichere Untergang des Volkes gewesen wäre.

Sondern vor allem, weil es den Propheten um etwas viel größeres ging. Es ging um die Sehnsucht. Nach einer Zeit, in der kein Krieg mehr ist, weil alle Völker der Welt nach Gottes Willen fragen und danach leben. Eine Vision, für die es sich zu leben und zu glauben lohnte.

„Die ihr mir zuhört“-
Jesus redet hier zu den Menschen, die zu ihm gekommen sind, weil sie ihn hören WOLLEN. Wieder ist es Sehnsucht, die viele treibt. Heimweh, Fernweh, es muss anders werden als es ist. Jesus beschimpft sie nicht, macht ihnen kein schlechtes Gewissen. Kein „Otternbrut“ oder „Natterngezücht“. Er will sie GEWINNEN, ihnen Sehnsucht ins Herz geben, für die es sich zu leben und zu glauben lohnt.

Ihr müsst nicht die Welt verbessern. Ihr braucht keine Revolution anzuzetteln und die Römer aus dem Land jagen. Ihr müsst keinen neuen König krönen. Es geht ganz friedlich, ganz ohne Schwert und Blutvergießen.

Versucht, das Verhältnis zu euren Nächsten zu ändern. Versucht, Hass und böse Gedanken zurückzudrängen. Lebt dafür, jeder Form der Gewalt in eurem Leben abzuschwören. Egal ob durch harte Worte oder durch harte Taten. Tretet offen und zugewandt, voller Liebe auch denen gegenüber, die ihr nicht kennt, nicht leiden könnt oder die gar versuchen, euch anzugreifen. Gebt freigiebig allen, die es nötig haben von dem, was ihr zu geben vermögt.

DAS wäre etwas wirklich Neues, das wäre das GANZ Große. Das ist der Weg GOTTES! Es ist der Weg, den Gott euch VORANGEHT. Ihr werdet es sehen, ihr werdet dabei sein. Denkt das ganz Große, das nahezu Unmögliche.

DENKT wie GOTT, der unendlich ist, bei dem größere Macht ist als alles, was ihr hier auf der Welt erlebt oder erleidet.
LEBT bei Gott, bei dem Frieden ist, der größer ist, all euer Denken zu fassen vermag.
HOFFT auf Gott, der jeden von euch geschaffen hat und lebendig hält. Und:
LEBT eure Sehnsucht!

Meine Schwestern, meine Brüder,

was wäre denn unser Leben ohne die Sehnsucht nach dem ganz Großen? Ohne die Gedanken an das eigentlich Unvorstellbare? Ohne die Möglichkeit, sich aus dieser Zeit in die Ewigkeit hinauszudenken?

Es wäre traurig, weil wir keine großen Ziele hätten. Der Sinn des Lebens würde auf die Fortpflanzung unserer Art reduziert. Wer so sterben muss und keine Kinder hat, stirbt arm und verlassen.

Es wäre auch gefährlich. Denn Menschen könnten dann nur sich selbst zum Maßstab ihres Denkens und Handelns machen. Sie wären in der Mittelmäßigkeit ihrer eigenen Leistung gefangen. Sie würden glauben, die ganze Welt erkennen, begreifen zu können. Und sie würden meinen, sie darum auch auszubeuten und beherrschen zu können. Sie wären die Herrscher dieser Welt. Und was die schon im Kleinen anrichten können, haben viele von uns schon am eigenen Leibe spüren müssen. Und das sehen wir heute besonders deutlich in der Ukraine, in Syrien, in Bolivien.

Und es wäre schließlich auch noch langweilig.
Niemand könnte mehr wirkliche Visionen beschreiben und leben. Von den Kanzeln würde nur noch Wasser gepredigt, und Wasser würde dann auch nur noch getrunken.
Alle, denen ihre Glaubwürdigkeit lieb ist, würden nur noch das laut aussprechen dürfen, was sie dann auch gleich selbst in die Tat umsetzen.
Wenn man das konsequent weiterdenkt, dürfte man auch nur noch dann in ein Konzert gehen, wenn man mindestens ein Instrument so gut spielt wie die Musiker da vorn.

Ein Leben ohne die Sehnsucht nach dem ganz Großen – langweilig, traurig, gefährlich. Wir aber sehnen uns doch nach mehr. Und haben das Glück, dass wir nicht im Nebel stochern müssen.

Dass wir vielleicht nicht wissen, aber doch ahnen, „was es ist“. Weil der, an den wir glauben, unsere Sehnsucht klar und deutlich beschreibt, unseren Gott beim Namen nennt, ihm ein Gesicht gibt. Wir sehen doch, wofür es sich zu leben lohnt.

Und wer seinen Mut zusammennimmt, wer versucht, schon heute den Worten und dem Weg Jesu zu folgen, der wird es immer deutlicher sehen können:

Die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des heiligen Geistes

sind Fernweh, Heimweh und Sehnsucht unseres Lebens.
AMEN

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