Schlüssel, Windeln und anderes Verlorene (Luk 15, 1-10)

Wie weit entfernt der Mensch auch ist
einen Augenaufschlag weit
oder am Ende der Welt
Gott ist nahe
den Christus geht ihnen nach

Sein Ruf ist hörbar
der Blick auf seine Gerechtigkeit
am letzten Tag der Welt liegt frei
sucht die Verlorenen
bittet um Rückkehr
schon heute

Der Menschensohn ist gekommen,
zu suchen und selig zu machen,
was verloren ist.
Lukas 19,10
***
Nein, von MIR ist diese Geschichte nicht. Sie fiel mir vor die Füße, und ich will sie euch jetzt vorlesen: Über das Suchen. Eine Empörung.

Ich nehme es den DINGEN übel, wenn ich sie suchen muss. Es ist einfach erniedrigend, triviale Dinge des Alltags suchen zu müssen.

Ich meine jetzt NICHT den Schlüssel. Das ist ja der Klassiker des Suchens. Schlüssel verliere ich nicht, weil ich sie IMMER in der Hosentasche habe, in der rechten Hosentasche präzise gesprochen. Und wenn ich die Hose wechsle, dann wechsle ich auch den Inhalt der Hosentaschen, also auch den Schlüsselbund. Das ist ja ganz einfach. Also in den allermeisten Fällen.

Wenn ich es tatsächlich mal VERGESSEN sollte, den Schlüssel von der alten in die neue Hose zu wechseln und es draußen vor der zugefallenen Wohnungstür merke, dann ist das zugegebenermaßen ärgerlich. Wenn niemand in der Wohnung ist, der mir öffnen könnte, auch kein Schlüsseldienst-Stefan. Dann kann es sogar SEHR ärgerlich sein, aber HIER geht es NICHT um das Suchen. SUCHEN muss ich den Schlüssel nicht. Ich weiß ja, wo er ist: In der abgelegten Hose, die auf dem Stuhl neben meinem Bett hängt.

Das ist der Vorteil, den Männer gegenüber Frauen haben. Frauen haben ihre Schlüssel irgendwo, aber nicht in der Hosentasche. Sie haben sie VIELLEICHT in der Handtasche oder im Rucksack oder auf dem Küchentisch oder in der Manteltasche oder, oder, oder.

Deswegen SUCHEN Frauen ihren Schlüssel ständig. Ich weiß nicht, wie man mit so etwas Wichtigem wie dem Hausschlüssel derart nachlässig umgehen kann, dass man ihn bald hierhin, bald dorthin tut.

Stellen Sie sich vor: Wir gehen zum Urlaub aus dem Haus. Ich trage die Gepäckstücke nach unten, packe sie in den Kofferraum und warte, bis Frau und Kind nachkommen. Unterwegs frage ich meine Frau nur so der Routine halber, ob sie denn auch abgeschlossen habe, als sie mit der Tochter die Wohnung verlassen habe. Da sagt sie, nein. Sie hätte gedacht, dass ich das getan habe, sie hätte ja gar keinen Schlüssel mehr gehabt, der sei ja im Rucksack gewesen, den ich doch schon runtergetragen hätte.

Soll ICH meiner Frau ihr Schlüssel sein Hüter sein? Woher soll ich wissen, wo meine Frau ihren Schlüssel gerade hat? Das kann man gar nicht wissen als Mann. Die Frauen wissen es ja meistens auch nicht, deswegen suchen sie ja auch ihren Schlüssel. So ist das mit den anderen, die Dinge verlegen und einen selber damit reinreißen.

Oder früher, als meine Tochter noch klein war: Wenn die ihren Katzen-Schnuller weiß der Kuckuck wo deponiert hat und dann lauthals nach eben diesem Katzen-Schnuller verlangt, dann gehen Sie mal zum Schrank und holen dort den Piraten-, Erdbeer- oder Blümchen- Schnuller. Da schwillt das Geschrei nur noch mehr an. Trost spendet in diesem Augenblick NUR der Schnuller mit der Katze, aber nicht irgendein anderer Schnuller.

Der Katzen-Schnuller ist aber nicht da. Da hilft nur das Suchen des verlorenen Schnullers, begleitet von einem Zornesgeschrei, als sei man selber derjenige gewesen, der den Schnuller des Kindes geklaut habe.

Oder meine Frau hatte die Windeltasche für das Kind nicht dahin gelegt, wo sie hingehört. Dann soll ich, wenn ich das Kind zu versorgen habe … Nein, reden wir offen miteinander: Wenn es brennt, wenn die Windel schwer und der Geruch unangenehm ist, dann soll ich erst die Windeltasche suchen, statt das Naheliegende zu tun und das Kind trocken zu legen. In so einer Stresssituation suchen zu müssen, das ist fast so unwürdig, wie den Schnuller zu suchen, während das Kind schreit. So sind sie, Frau und Kinder.

Immerhin verschaffen sie mir manchmal Entlastung, wenn etwas verloren ist: Sie sind es GEWESEN, die es verlegt, verschleppt, verbockt haben. Es ist beruhigend, wenn man weiß, wer es gewesen ist.

Aber wenn man weder Frau noch Kinder dafür verantwortlich machen kann?

Wenn es eindeutig ich selber war, der etwas in der herrenlosen Unordnung des Arbeitszimmers hat untergehen lassen. Wenn ich zugeben muss, dass wohl kein anderer den Zettel mit der Telefonnummer von meinem Schreibtisch genommen hat. Wenn ich weiß, dass der Zettel einfach immer tiefer gesunken ist unter all die Papiere, Bücher, Manuskripte, die sich stapelten, ohne dass ich ihnen Einhalt gebieten konnte.

Dann bleiben nur die DINGE SELBER übrig, denen ich grollen kann.

Ganz schlimm ist es, wenn ich die Dinge, die nun fehlen, eben noch selber in der Hand hatte, um sie zu verstauen, sie aber nicht dort verstaut habe, wo sie hingehören, sondern an einem anderen Ort „zwischengelagert“ habe.

Zwischenlager sind eine Erfindung des Teufels. Diese Zwischenlager sind oft nach wenigen Sekunden scheinbar völlig aus meinem Hirn gelöscht. Vielleicht habe ich auch nie gespeichert, wo ich Handy, Geldbeutel oder was auch immer zwischengelagert habe, vielleicht habe ich das unbewusst getan, geradezu bewusstlos zwischengelagert. Das ist schlimm, wenn niemand da ist, auf den ich die Schuld schieben kann, außer auf die verlegten Dinge, die ich suchen muss.

Dann neige ich dazu, grundsätzlich zu werden: Der Mensch ist doch nicht deswegen auf der Welt, um Handys zu suchen. Warum muss man einen guten Teil seines Lebens suchend verbringen? Solch eine Tätigkeit ist dem Menschen völlig unwürdig.

Noch unwürdiger aber wird es, wenn man wichtigere Dinge sucht als ein Handy. Stellen Sie sich vor, Sie suchen einen Menschen, nicht nur ein Ding. Nicht, dass Sie einen Menschen verloren hätten, aber vielleicht suchen Sie einen Menschen, den Sie noch nie hatten – und den es vielleicht gar nicht gibt.

„Jemand wartet auf dich in deiner Stadt“, verspricht eine Partnervermittlung im Internet. Angeblich gibt es ihn, der perfekt zu dir passt – ausgewählt anhand von 30 Persönlichkeitsmerkmalen. Es gibt den Menschen, den du suchst.

Das ist so erniedrigend, dass man sich an diesen halbseidenen Versprechen aufrecht hält, weil man ja wirklich gerne einen Menschen hätte, der das eigene Leben komplett macht.

Aber ich kann Sie trösten: Wenn man dann verheiratet ist, sinken die Ansprüche schnell, dann müssen es keine 30 Persönlichkeitsmerkmale mehr sein, die passen. Da reicht es, wenn jemand ANDERS ist als der Mensch, den man geheiratet hat.

Anders reicht dann als Verheißung, um sich selber und das Leben noch einmal neu zu erleben. Die Suche nach dem Anderen, diese Suche zeigt diese elende Bedürftigkeit, dass man angewiesen ist, angewiesen auf jemand oder etwas, das nicht da ist, das man deswegen suchen muss. (Spätestens jetzt hätte mancher gewusst, dass diese Geschichte nicht von mir sein KANN, weil ich gerade auf den Tag genau 34 Jahre verheiratet bin. GLÜCKLICH verheiratet! Aber zurück zur Geschichte:)

Manchmal aber SUCHT man nicht mal mehr, manchmal fühlt man nur die LEERE, die ein Was-auch-immer ausfüllen müsste. Da man aber nicht weiß, was diese Leere ausfüllen könnte, kann man nicht mal mehr suchen.

Das ist die höchste Form des Suchens, diese Lähmung: Zu wissen, DASS etwas fehlt, aber nicht zu wissen WAS: Sinn, Ziel, Richtung.

Irgend so etwas sucht man doch, nachdem die Illusionen und die damit verbundenen Leidenschaften gewichen sind. Aber wo soll man es suchen – und was genau ist es, das man vermisst? Das ist dasselbe Gefühl, wie wenn man es aufgegeben hat, die diebstahlsicher versteckte Kreditkarte doch noch in der Nacht vor dem Urlaubsbeginn zu finden.

Irgendwann sinkt man auf den Stuhl, weil man wirklich nicht mehr weiß, wo man noch suchen soll. Das Suchen ist nicht zu einem Ende gelangt, es ist nur sinnlos geworden, weil es keine Richtung mehr gibt, in der es zu suchen lohnen würde.

Nur die Genies, die müssen nicht suchen: „Ich suche nicht, ich finde“, hat er gesagt, der geniale Maler, der anfangs noch ganze Bilder malte und später mit wenigen Strichen und schnell hingeschluderten Skizzen Millionen verdiente. Der stand über den Dingen, der hüpfte wie ein Faun (das ist ein Waldgott) leichtfüßig über die Berge.

Der musste kein Portmonee suchen. Wenn er es verloren hatte, malte er ein neues, verkaufte das Bild und hat damit mehr Geld verdient als andere Leute ihr Lebtag lang im Portmonee haben werden.

Der suchte auch keine Frauen, dieser geniale Faun, der hatte immer neue Frauen, die er erst malte und später dann verzeichnete.

Und wer immer Geld und Frauen hat und außerdem noch unter der blauen Sonne der Côte d’Azur lebt, der muss auch nicht nach dem Sinn suchen. Nein, die wenigen Genies, die müssen nicht suchen. Die sind den Gesetzen der Sterblichen enthoben. Die finden immer nur, denen fliegt alles zu, die ahnen nicht mal, dass sie irgendeiner Sache oder eines Menschen bedürfen.

Nein, ich habe sie nicht selbst geschrieben, diese Empörung über das Suchen. Sie ist mir vor die Füße gefallen, besser vor die Finger, als ich den Predigttext für heute gelesen habe. Den lese ich euch jetzt auch noch vor, aus Lukas 15 die ersten 10 Verse:

15 1 Jesus war ständig umgeben von Zolleinnehmern und anderen Leuten, die als Sünder galten; sie wollten ihn alle hören.
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten waren darüber empört. »Dieser Mensch gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!«, sagten sie.
3 Da erzählte ihnen Jesus folgendes Gleichnis:
4 »Angenommen, einer von euch hat hundert Schafe, und eins davon geht ihm verloren. Lässt er da nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voller Freude auf seine Schultern
6 und trägt es nach Hause. Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir! Ich habe das Schaf wiedergefunden, das mir verloren gegangen war.‹
7 Ich sage euch: Genauso wird im Himmel mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.«
8 »Oder wie ist es, wenn eine Frau zehn Silbermünzen hat und eine davon verliert? Zündet sie da nicht eine Lampe an, kehrt das ganze Haus und sucht in allen Ecken, bis sie die Münze gefunden hat?
9 Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: ›Freut euch mit mir! Ich habe die Münze wiedergefunden, die ich verloren hatte.‹
10 Ich sage euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen einzigen Sünder, der umkehrt.«

Weil mir die Empörung über das Suchen vor die Finger gefallen ist und ich sie euch weitererzählt habe, muss ich jetzt gar nichts mehr sagen zu Verlieren, Verlegen, dem Zorn des Suchens sowie Schweiß und Angstschweiß, der dabei vergossen wird.

Ich muss nur noch was zur Freude des Findens sagen, die mir auch beim Genie zu kurz gekommen ist: Dieser unendlichen Erlösung, wenn die diebstahlsicher weggelegte Kreditkarte 5 Minuten vor dem endgültigen Aus doch noch auftaucht. Unter der Matratze. Wo ich immer draufliege. Wenn einer Schlüsselbund und Milch verwechselt hat und das erst merkt, wenn er den Schlüsselbund im Kühlschrank wiederfindet.

Von dieser Freude könnte meine Frau viel mehr erzählen, denn die ist berühmt- berüchtigt dafür, dass sie schon als Kind alle Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke lange vor dem Termin gefunden hatte. Sie ist auch heute die beste von uns im Finden.

Suchen und Zorn, Ohnmacht und Angstschweiß, aber vor allem die Freude des Findens: Das alles tröstet mich ungemein. Nicht nur, weil ganz offensichtlich auch andere Menschen außer mir ihre Qualen mit dem Suchen erleiden. Sondern vor allem deshalb, weil ich mir denke:

Wenn das größte denkbare Genie, dass unendlich mal mehr Genie ist als der geniale Faun mit seinen Bildern, Frauen, Millionen und dem Haus an der Côte d’Azur: Also wenn der größte aller Picassos, Gott selbst, sich dem Suchen von Menschen verschrieben hat, weil ihm die Freude des Findens wichtiger ist als die Qual der Suche davor:

Dann KANN ich nicht verloren sein, nicht heute, nicht morgen, niemals. Dann kann auch diese Menschheit und diese Erde nicht verloren sein. Die Leidenschaft Gottes ist diese Erde, ihre Menschen und das Suchen nach jedem, der ihm verloren zu gehen droht. Und der Himmel ist voller Freude, weil Jesus uns findet. Er ist es doch, der dafür sorgt, dass wir finden, was wir am meisten suchen:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Sie bewahren unsere Herzen und Sinne vor dem Verlorengehen.
AMEN

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