Ostern will gepredigt sein. Nicht nur von der Kanzel. (Apg 17, 22-34)

(Apg 17, 22-34)

Wir haben als Predigttext heute eine Predigt zu bedenken. Das ist ja eigentlich nichts Ungewöhnliches. Genau genommen ist ja die ganze Bibel Predigt. Jeder Abschnitt dieses Buches ist doch von Menschen in der Absicht geschrieben worden, zu predigen.

Aber unser Text heute ist auch von der Form her eine Predigt: Einer redet, die anderen hören zu. Der Prediger ist Paulus, der uns allen gut bekannt ist als Schreiber langer, oft schwer verständlicher Briefe.

Ort dieser Predigt ist Athen, bis heute Hauptstadt Griechenlands. Damals hatte Athen in der Weltpolitik einen deutlichen besseren Ruf als heute. Es war zwar nicht mehr die bedeutendste Hauptstadt der Welt – das war inzwischen Rom. Aber Athen war Kuluturhauptstadt im römischen Reich.

Wer etwas auf sich hielt im Reich, sprach nicht nur Latein, sondern vor allem Griechisch. In Athen waren wichtige Theater, Akademien, Universitäten. Hier lehrte 400 Jahre zuvor Sokrates – auch  auf dem Athener Areopag, ein nordwestlich der Akropolis gelegener, 115 Meter hoher Felsen mitten in der Stadt.

In der Antike tagte hier der oberste Rat, der gleichfalls „Areopag“ genannt wurde und der Sokrates 399 vor Christi Geburt hier den Prozess gemacht hatte.

Hier oben trafen sich Menschen, von denen Lukas in der Apostelgeschichte schreibt: „Alle Athener und die Fremden, die sich dort aufhalten, tun nämlich nichts lieber als letzte Neuigkeiten austauschen“. Also eine Vorform von „Menschen bei Maischberger“ oder „hart, aber fair“. Hierhin hatte man Paulus mitgenommen, um ihn und seine Neuigkeiten zu hören.

Das waren noch Zeiten, in denen das Christentum etwas brennend Neues war und nicht zwei Jahrtausende, darunter kaum ein Jahr ohne Skandale auf dem Buckel hatte!

Lukas schreibt in Apostelgeschichte 17, unser Predigttext beginnt mit Vers 22:

22 Da stellte sich Paulus hin, mitten auf dem Areopag, und sprach:
Männer von Athen! Ihr seid – allem Anschein nach – besonders fromme Leute!
23 Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer anschaute, fand ich auch einen Altar, auf dem geschrieben stand: Dem unbekannten Gott

Paulus beginnt mitten auf dem Platz. Jeder konnte ihn sehen, jeder ihn verstehen. Und wie sie das jetzt zu hören bekommen, kann man in der deutschen Übersetzung gar nicht merken. Im Griechischen ist diese Rede ein Stück gekonnte Rhetorik. Jedem Vollblutgriechen, der das miterlebt hat, dürfte also jetzt das Herz höher geschlagen haben.

Männer von Athen – so beginnt er. Frauen hatten in dieser Runde wohl nichts zu melden. Zum Glück hat sich daran seit damals einiges geändert.

Paulus spricht etwas zweideutig weiter: „Ihr seid – allem Anschein nach – besonders fromme Leute! Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer anschaute…“

Die einen mögen sich gefreut haben, als sie das hörten. Dieser Fremde hier sieht sich in Ruhe unsere Stadt an, er würdigt, was er sieht, er will uns kennenlernen.

Aber andere werden das „allem Anschein nach“ besonders deutlich gehört haben. Vielleicht hören sie daraus einen verdeckten Vorwurf: Meint ihr das wirklich ernst? Wo man auch hinsieht, an jeder Ecke ein anderes Tempelchen. Multikulturell bis in die kleinste Ecke.

In jedem Fall scheint es, als wolle Paulus mit dieser Bemerkung bei seinen Hörern eine Entscheidung vorbereiten. Es geht ihm um einen Altar mit der Aufschrift „Dem Unbekannten Gott“.

Offenbar waren sich einige Athener unsicher, ob sie nicht doch einen Gott übersehen hätten, und hatten einen Altar extra gesetzt- man kann ja nie wissen.

Um diesen Altar geht es Paulus, Lukas schreibt weiter:

Was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch.
24 Der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind,
25 er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas nötig hätte; er ist es ja, der allen Leben und Atem und überhaupt alles gibt.
26 Aus einem einzigen Menschen hat er das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die Erde bewohne, so weit sie reicht. Er hat ihnen feste Zeiten bestimmt und die Grenzen ihrer Wohnstätten festgelegt,
27 damit sie Gott suchen, indem sie sich fragen, ob er denn nicht zu spüren und zu finden sei; denn er ist ja jedem einzelnen unter uns nicht fern.
28 In ihm nämlich leben, weben und sind wir, wie auch einige eurer Dichter gesagt haben: Ja, wir sind auch von seinem Geschlecht.

Ein Glaubensbekenntnis, ein Stück Dogmatik: Der von den Athenern als unbekannt verehrte Gott ist in Wirklichkeit der Gott des Paulus.

Dieser Gott hat den Kosmos begründet. Er hat aus Adam die Menschheit werden lassen- Ihr erinnert Euch an die Lesung vorhin. Dieser Gott hat keinen Tempel nötig, denn niemand kennt Anfang oder Ende – niemand kennt die Grenzen seiner Macht, denn er hat alles geschaffen.

Er hat den Menschen das Ziel gegeben, ihre Bestimmung:
Nämlich nach ihm mit dem Leben zu suchen. Und er ist zu finden, denn er ist „nicht ferne einem jeden von uns“. „Denn in ihm leben, weben und sind wir“. Gott ist nicht nur Schöpfer: er ist Begleiter jedes menschlichen Lebens. Wir Menschen sind ein Teil von ihm.

Paulus findet ein Zitat eines griechischen Dichters, damit die Hörer merken, dass ihnen das Gehörte eigentlich näher ist, als sie es zunächst denken. Wir Menschen sind göttlichen Ursprungs, von ihm gewollt, kein Zufall. Und dieser Schöpfergott will mit seinen Menschen leben.

Ob die Athener diesen Bogen nachvollziehen konnten – der ihnen bisher unbekannte, unsichtbare Gott/ sei eigentlich der wahre, nicht die aus Stein oder Gold in ihren schönen Tempeln?

Jetzt entwickelt Paulus ihnen die Konsequenzen daraus, ich lese weiter aus der Apostelgeschichte:

29 Da wir also von Gottes Geschlecht sind, dürfen wir nicht denken, das Göttliche sei vergleichbar mit etwas aus Gold oder Silber oder Stein, einem Gebilde menschlicher Kunst und Erfindungsgabe.
30 Doch über die Zeiten der Unwissenheit sieht Gott nun hinweg und ruft jetzt alle Menschen überall auf Erden zur Umkehr.
31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, indem er ihn vor allen Menschen beglaubigte durch die Auferstehung von den Toten.

Die Menschen denken zwar oft, sie seien der Nabel der Welt –aber Gott lässt sich nicht von ihrer Schöpferkraft in Silber oder Stein einfangen. Der Mensch nun verfehlt den Sinn seines Lebens, wenn er die Suche nach der belebenden Begegnung mit Gott aufgibt und statt dessen meint, er könne seinen Gott in irgendwelchen Gottesbildern konservieren, allzeit verfügbar machen.

Denn das sind Gottesbilder: Starr und fest, der Ausdruck der Gedanken, eines Augenblickes, nicht aber der Ewigkeit. Wer diese Bilder anbetet, spricht mit den Ergebnissen seiner eigenen Phantasie – nie aber mit Gott selbst, der das Leben schafft und ist.

Wenn den Menschen das bisher nicht klar geworden ist, weil es ihnen niemand gesagt hat – diese Unwissenheit ist verziehen, aber seit Ostern vorbei.

Jetzt müssen die Menschen zu diesem lebendigen Gott umkehren. Denn Gott will nicht nur Recht, sondern Gerechtigkeit für diese Welt, und wird sie durchsetzen.

Der Vollstrecker der Gottesgerechtigkeit hat Gott bereits bestimmt: Ein Mann, vor allen Menschen beglaubigt durch die Auferstehung von den Toten.

Wir wissen, wen er meint, wir haben ja gerade erst Ostern gefeiert. Für die meisten Athener um Paulus wurde es aber an dieser Stelle zu eng. Sollten sie ihre ganze Religiosität ändern, nur weil es Berichte von leeren Gräbern und Begegnungen der unheimlichen Art mit einem am Römergalgen Hingerichteten gab?

So kam es, wie es kommen musste, Lukas schreibt weiter:

32 Als sie das von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten, die anderen aber sagten: Darüber wollen wir ein andermal mehr von dir hören.
33 So ging Paulus weg aus ihrer Mitte.
34 Einige aber schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, unter ihnen Dionysios, ein Mitglied des areopagitischen Rates, eine Frau mit Namen Damaris und einige andere.

Auferstehung von den Toten – daran scheiden sich nun wirklich die Geister. Tot ist Tot. Vielleicht lebt ja die Seele weiter – aber Auferstehung? Die einen spotten offen, die anderen winken innerlich ab –mehr davon irgendwann später bitte.

Aber einige gehen Paulus nach und werden zu einer neuen Gemeinde, stellvertretend für sie sind die Namen eines Mannes und einer Frau genannt – beide keine unbedeutenden Bürger des bedeutenden Athen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

ist es nicht erstaunlich, wie wenig sich die Fragestellungen der Menschen grundsätzlich verändert haben, wenn es um den Glauben geht?

Heute, knapp zweitausend Jahre später, werden Lebensinhalte, Ziele oder Größen vergöttert. Die Kulte um Jugendlichkeit, untadeliges Aussehen, Sportlichkeit – gepaart mit Erlebnishunger und der Angst, irgendetwas zu verpassen.

Die Einkaufstempel, die den Nutzern den Eindruck vermitteln, sich selbst etwas wesentliches Gutes zu tun, wenn man kauft. Der Tanz ums goldene Börsenkalb jeden Tag zur besten Sendezeit im Ersten Deutschen Fernsehen. Die Götterfiguren um uns herum sind nicht verschwunden. Sie sehen nur anders aus.

Auch der Altar für den unbekannten Gott ist zu finden. Über der Haustür eines Menschen zum Beispiel, der dort ein Hufeisen befestigt hatte. Als er gefragt wird, ob er denn an dessen schützende Wirkung glaube, gibt er die Antwort: „Nein, natürlich nicht. Ich bin doch nicht abergläubisch.“, fügt dann aber doch hinzu: „Aber man hat mir gesagt: Das Hufeisen wirkt auch, wenn man nicht daran glaubt“.

Ist er das nicht, genau dieser Altar für den unbekannten Gott?

Viele Menschen um uns herum leiden – oft unterbewusst-darunter, dass Gott ihnen fern und unbekannt ist. Sie suchen nach dem tragenden Sinn des Lebens. Finden ihn im Fitnesscenter, der Karriere, dem Bankkonto, der Politik. Und merken irgendwann, dass dieser Sinn nicht tragfähig ist. Ein großer, vielleicht der größte Teil der Politikverdrossenheit unter uns hat genau hier seine Ursache. Politik schafft Verwaltung, keinen Lebenssinn.

Und wir? Gehen wir auf den Areopag und predigen? Sicher: Wir haben es in vielen Punkten schwer als Paulus. Da sind Scheiterhaufen, Kreuzzüge, Bilderstürmerei und andere geschichtliche Fehlleistungen der Kirchen.

Aber das war gestern. Es geht doch um heute. Ändert der Auferstandene nicht unser Leben HEUTE? Haben wir nicht gerade Ostern gefeiert, weil Jesus uns die Augen dafür geöffnet hat für die Liebe, mit der Gott unser Leben HEUTE begleitet? Sind wir nicht hier, weil diese Liebe das Größte ist, was wir uns in unserem Leben vorstellen können?

Ostern schafft die neue Kreatur – nicht nur damals, sondern heute. Davon müssen wir reden – und das nicht nur unter uns, hier in der Kirche,  sondern auch mit den Nachbarn, Freunden und Familienangehörigen, die das nicht sehen oder verstehen können.

Die Erfahrungen des Paulus lassen uns dabei gerade nicht mutlos werden: „Einige aber schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben“-  das kann jeder erleben, der Ostern nicht nur feiert, sondern auch verkündigt. Ostern wirkt – seit tausenden von Jahren.

So ist es auch an jedem von uns, Ostern unter die Leute zu bringen. Indem wir darüber reden, was es denn ist, das die Osterfreude in uns Jahr für Jahr neu zu entzünden vermag.

AUCH WENN die Botschaft vom Sieg Gottes über den Tod nicht gleich bei jedem Begeisterungsstürme entfacht. Auch wenn naturwissenschaftlich Glaubende das oft nicht verstehen können.

Wer sich aber dem Anderen öffnet und zu reden und zu verstehen sucht, wird Liebe erleben, die Frieden schafft:

Den Frieden, der größer ist, als alles Denken es fassen kann und der Herzen und Sinne durch ein ganzes Leben bewahrt  – durch den, der zu Ostern dem Tode die Macht genommen hat.
AMEN

Nächster Termin: 18. Mai 2014, 15 Uhr, Dorfkirche Hohenbruch

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3 Antworten zu Ostern will gepredigt sein. Nicht nur von der Kanzel. (Apg 17, 22-34)

  1. Ingrid sagt:

    Liebe Malte,
    ich freue mich sehr über diese neue Website. Nun kann ich Deine Predigten, die mir immer so viel gegeben haben, lesen.
    Liebe Grüße, bis Sonntag
    Deine Ingrid

  2. Gisela Krüger sagt:

    eine Predigt mit so viel Inhalt, Bezügen zur damaligen Zeit, zur Bibel zum Heute, alles, das, was ich nicht könnte.

    Ich freue mich sehr, Sie nächsten Sonntag zu hören.

    Wir vermissen den Theologen in der Bibelarbeit. Dennoch geschieht es den KWern recht, keinen Pfarrer zu haben, regt hoffentlich zum Nachdenken an.

    Bis Sonntag!

    Gisela Krüger

  3. KarolaKadau sagt:

    Tolle Idee! Predigten zum Lesen, wenn ich Zeit dazu habe. Freue mich trotzdem schon auf die Live-Version am morgigen Sonntag! Herzlich willkommen in Hohenbruch! Karola

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