Ohne Liebe ist alles nichts. (Mk 12 28-34)

Gottes Versprechen
die Erwählung Israels
eine unlösbare Verbindung
offen für alle
auf der Suche nach dem Reich Gottes
Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist
dem Volk,
das ER zum Erbe erwählt hat!
Ps 33,12
***
Christen und Juden. Ja, dass das christliche Abendland in der speziellen Ausformung der deutschen Nation Orte wie Ausschwitz entstehen ließ, ist wahr. Aber von uns war wohl niemand daran beteiligt, weder direkt noch indirekt. Und nicht nur durch die Gnade der späten Geburt.

Nein, schließlich sind wir evangelisch reformierte Christen, und wir haben es quasi mit der Muttermilch aufgesogen, ein besonders gutes Verhältnis zu den Juden haben zu wollen.

Ich selbst war zwar in einem reformierten Vikariat, habe dann zunächst aber ausschließlich in Gemeinden lutherischer Tradition gearbeitet. Und als ich dann vor fünf Jahren in Brandenburg und Hohenbruch meinen Dienst begann und dort nach dem derzeitigen reformiertem Selbstverständnis fragte, bekam ich gerade DAS immer wieder zu hören: In unserer Theologie, in unseren Gottesdiensten hat das Alte Testament einen ganz besonders hohen Stellenwert.

Ich will jetzt nicht danach fragen, ob das tatsächlich ein Unterscheidungsmerkmal zu den lutherischen Gemeinden in unserem Umfeld darstellt. Aber ich kann festhalten: Unser reformiertes Selbstverständnis hat seinen Frieden mit den Juden gefunden. Wir wissen: Jesus war Jude. Juden und wir verehren denselben Gott. Das Treueversprechen, dass Gott seinem Volk Israel gab und das seinerseits unverbrüchlich ist, gilt uns nur, weil der Jude Jesus Christus Gottes Sohn und unser Herr ist. Niemand von uns würde einen Juden mit einem Ledergürtel schlagen oder ihm die Kippa vom Kopf reißen oder Juden anders schlecht behandeln. Ich könnte also jetzt aufhören zu reden.

Könnte, wenn nicht einige der Mechanismen, die seinerzeit in die Shoa führten, auch heute und auch unter uns immer noch da sind. Und immer noch funktionieren. Zum Beispiel dieser eine, dass man Menschengruppen oder einzelne Menschen, die man gar nicht persönlich kennt, hernimmt, um sich an ihnen abzuarbeiten.

Dazu muss ich gar nicht in die Kiste der traurigen Parolen des derzeit stattfindenden Wahlkampfs in Brandenburg oder Sachsen greifen. „Vollende die Wende“ oder „unsere Kinder sind kein Freiwild“ diskreditieren sich ja eigentlich von selbst. Hoffe ich zumindest. Aber nehmen wir nur mal Greta, die „Ikone“ der „Freitage für die Zukunft“, um mal kein Denglisch zu reden. Was ist nicht alles über sie zu lesen oder zu sehen!

Lustig fand ich noch, was auf einer Tafel vor einer Kneipe mit Kreide geschrieben stand: „Unser Bier wird noch mit Co2 gezapft. Trinkt es, solange Greta noch nichts davon weiß.“ Weniger lustig fand ich einen großen, schwarzen Geländewagen. Aus der Heckklappe schauten zwei Zöpfe und ein gelbes Tuch heraus. Drüber an der Scheibe stand in großen weißen Buchstaben: „Problem gelöst“.

Ich wurde auch mit so genannten „Fakten“ versorgt: „Wusstest Du das bei der Atlantiküberquerung der Greta Thunberg auf einem Segelboot auch ein Filmteam (aus medialen Gründen) an Bord der Jacht ist und die Fahrt der Jacht von mehr von mehr als ein Dutzend militärischen Überwachungsflugzeugen mit weit mehr als 100 Einsatzflügen über dem Nordatlantik aus Sicherheitsgründen überwacht wird… Das wird die mit Abstand teuereste Atlantiküberquerung der Neuzeit! Mit dem höchten Co2-Verbrauch seit dem 2. Weltkrieg!“ (Fehler in Rechtschreibung und Grammatik aus dem Zitat…)

Besonders Gebildete gefallen sich durch wissenschaftlich fundierte Ausführungen zum Asperger-Syndrom, an dem Greta ganz offensichtlich erkrankt sei, und ebenso bemerkenswert fand ich die Ausführungen einer Kollegin, die in dem Zusammenhang erklärte, auch Jesus habe das Asperger-Syndrom gehabt.

Und bevor ihr jetzt fragt: All das und noch viel mehr habe ich in den letzten Wochen von Gliedern reformierter Gemeinden zu hören oder zu lesen bekommen. Ich will mich hier nicht darüber lustig machen, aber das hat mich doch nachdenklich gemacht, gerade unseres Themas wegen.

Denn hier kommen doch unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit Ablehnungen von Menschen daher. Und niemand von denen, die Greta wie beschrieben kommentierten, hat sie persönlich kennengelernt, geschweige denn mit ihr eine ernste, aufrichtige Unterhaltung geführt. Und Greta ist nicht die Einzige, die derartig unter die Räder kommt. Unter uns unter die Räder kommt!

Ich will gar nicht abstreiten, dass es ein probates Mittel ist, mit schrillen Darstellungen oder Thesen einen guten Einstieg in ein Gespräch zu suchen. Eine Übertreibung zu nutzen und danach sachlich zu werden. Aber niemand, wirklich niemand von denen, die mir „Fakten“ , Bilder oder Argumente zu Greta zukommen ließen, wollte mit mir ernsthaft über die Umweltproblematik ins Gespräch kommen.

Ganz anders – auf Augenhöhe und in Hochachtung!- das Gespräch, dass der Predigttext von heute uns nahe bringt. Ich lese aus Markus 12 ab Vers 28 in der Neuen Genfer Übersetzung:

28 Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: »Welches ist das wichtigste von allen Geboten?«
29 Jesus antwortete: »Das wichtigste Gebot ist: ›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr.
30 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!‹
31 An zweiter Stelle steht das Gebot: ›Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!‹ Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.«
32 »Sehr gut, Meister!«, meinte darauf der Schriftgelehrte. »Es ist wirklich so, wie du sagst: Gott allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm.
33 Und ihn zu lieben von ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit aller Kraft und seine Mitmenschen zu lieben wie sich selbst ist viel mehr wert als alle Brandopfer und alle übrigen Opfer.«
34 Jesus sah, mit welcher Einsicht der Mann geantwortet hatte, und sagte zu ihm: »Du bist nicht weit vom Reich Gottes entfernt.«

Ohne Liebe ist alles nichts. Darin sind sich Jesus und sein schriftgelehrter Gesprächspartner einig. Das sei das höchste Gebot des Lebens: Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen Kräften und den Nächsten wie sich selbst.

Diese liebevolle Haltung gefällt mir, sie geht mir wirklich nahe, jedes Mal, wenn ich über dieses Gespräch lese. Denn eine solche Haltung brächte eine große Wärme in das Leben, gekennzeichnet von Zuwendung, Vertrauen, Gelassenheit. Diese Haltung würde als Kraft in der Lage sein, die Lebenslage von Menschen wirklich zu verbessern.

Doch Probleme mit der Liebe gibt es auch unter uns mehr als genug. Auch in unserer Gemeinde haben es viele schwer miteinander. Natürlich weiß hier jede und jeder, das Liebe nicht nur das Verliebtsein meint. Eine Angelegenheit der Hormone, die irgendwann einmal heftig beginnt, sich aber ganz sicher auch heftig ändert, bis sie gelegentlich kaum wiederzuerkennen ist.

Man weiß auch: Liebe ist auch und vielleicht zuerst das Denken und Reden MIT und FÜR den Anderen, das Tun und Lassen zum Wohle des Anderen.

Aber man weiß auch: Das braucht Kraft! Denn Zuhören und Handeln brauchen ebenso Kraft wie das Verzichten auf eigenen Vorteil oder das Zurückstecken, vor allem, wenn man sich doch eigentlich im Recht wähnt. Die Liebe hofft ALLES, erträgt ALLES, duldet ALLES, sucht NICHT das Ihre… Wie soll man das schaffen?

Da führt eine die Kasse anders als der andere es gerne hätte.
Die einen räumen die Küche auf, die anderen lassen einfach alles liegen oder – was noch schlimmer ist – räumen die Gläser in den falschen Schrank oder stellen den Stuhl an den falschen Ort. Die eine Gruppe sieht ihre Arbeit als Arbeit für die Gemeinde und ärgert sich über die andere Gruppe, die vor allem Spaß an sich selber hat…

Rechthaben ist doch viel einfacher als Lieben. Gemeinde – Recht kann man sogar mit Presbyteriums- Beschluss anordnen. Liebe aber lässt sich nicht gebieten oder auf ein Gebot hin erbringen. Auch über ein biblisches Gebot nicht.

Und doch: Liebe ist da, und Liebe verändert. Seht nur noch einmal auf Jesus und den Schriftgelehrten. Der Schriftgelehrte gehört nicht zu Jesu Jüngern, eher in die Gruppe derer, die ihn argwöhnisch beobachten.

Aber seine Haltung ändert sich: Er sah, „wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte“. Ist dieser Jesus vielleicht doch einer, den man besser kennen lernen sollte?

Letzte Zweifel will er klären mit einer Grundsatzfrage: Welches ist das höchste Gebot? Worauf kommt es wirklich an?

Und Jesus bringt in seiner Antwort zwei Sätze der Tradition zusammen: Liebe Gott – liebe den Nächsten.

Und der Schriftgelehrte erkennt: Das ist genau das, woran er glaubt, und er spürt: Hier ist keiner, vor dem man sich hüten muss – hier ist einer, der es ernst meint mit dem Glauben Israels.

Und so wandelt sich sein letzter Zweifel in ein freudiges, klares, aufrichtiges Ja: Ja, genau DAS ist es – und das ist mehr, als alle Opfer zusammen bewirken können.

Wie gerne
wird dieser Schriftgelehrte Jesu Erwiderung gehört haben: Du bist nicht fern vom Reich Gottes! Das Reich, Ziel des Glaubens, Richtung des Lebens: Und er selbst ein Teil darin!
Und wie gern
wird Jesus das zu ihm gesagt haben: Ja, du bist nicht fern vom Reich Gottes!
Denn DAS ist alles, worauf es ankommt!

Meine Schwestern, meine Brüder:

Liebloser Umgang beginnt im Kleinen wie mit Greta. Ernster wird es dann, wenn Menschen sich vor Gericht treffen, weil der frisch gepflanzte Knallerbsenstrauch den gerade gebauten Maschendrahtzaun schneller rosten lässt. Weil die Mitarbeiterin ein Brötchen gegessen hat, was sie eigentlich für die Chefetage schmieren sollte. Oder der türkischstämmige Müllmann wegen Stromdiebstahls gefeuert wird, weil er sein Handy in der Frühstückspause im Betrieb an die Steckdose gesteckt hat.

Diese Geschichten schreibt der Alltag mitten unter uns. Es sind Geschichten des totalen Scheiterns, denn hier scheitert das menschliche Miteinander grundsätzlich. Und damit scheitert auch das Lebensglück, und das nicht erst, wenn Konzentrationslager gebaut werden. Niemand kann ohne Liebe leben, weil er ohne Liebe niemals wissen kann, was Glück bedeutet.

Jesus begegnet seinen Nächsten auf Augenhöhe, aufrichtig, liebevoll. Nicht eigenes Wohlergehen ist wichtig, sondern dass der andere ins Himmelreich kommt. Darum, NUR darum geht es ihm.

Wir sind hier, weil auch wir den Eingang ins Himmelreich suchen. Hier begegnen wir Gott in Jesus Christus, der uns die Kraft der Liebe erleben lässt. Liebe, die als einzige Kraft auf dieser Welt die Macht hat, die Dinge des Lebens zum Besseren zu wenden. Die es als einzige vermag, uns das Himmelreich überhaupt einmal SEHEN zu lassen.

Damit haben wir eine klare Alternative zum Rechthaben, das ohnehin keine Gerechtigkeit, sondern Unfrieden und Unglück schafft. Wir haben eine klare Alternative, denn Christus macht uns frei vom Rechthaben und frei zum Lieben. Wir können in unserem Leben Liebe leben, und nur so können wir überhaupt irgend etwas zum Besseren ändern: Wenn wir lieben. Wir haben nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen: Wenn wir lieben.

Es mag sein, dass man auch auf anderem Wege zu dieser Erkenntnis hätte kommen können. Aber für uns ist es nun einmal so: Ohne den Juden Jesus wüssten wir nichts vom Weg in das Himmelreich. Wir hätten keine Ahnung davon, was wirklich wichtig in unserem Leben ist.

Durch ihn aber wissen wir: Durch
die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sind auch wir nicht fern dem Reiche Gottes.
AMEN

Vorwort zum Abendmahl:
Ungesäuertes Brot und ein guter Wein- ohne das geht es nicht beim Passahfest. Mit Brot und Wein nimmt Jesus uns zu sich: In den großen Bund Gottes mit seinem Volk, das er aus der Sklaverei Ägyptens führte und wie seinen Augapfel bewahrt- durch alle Zeiten der Welt.

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