Nicht nur unter der Dusche oder auf dem Fußballfeld: Singen ist Macht (Offb 15,2-4)

„dass mein Singen und mein Beten ein gefällig Opfer heißt.“(1) Um das BETEN geht es am Sonntag Rogate, also am nächsten Sonntag. HEUTE ist das SINGEN dran. Kantate: Singet! Gefälliges Singen bitteschön.

Singt? Gefällig? Gefälligst?

„Christ ist erstanden von der Marter alle.“ Für mich eines der Osterlieder schlechthin, auch wenn es aus Österreich- Bayern stammt. „Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen.“ Schöner kann man Ostern kaum auf den Punkt bringen.

Die Konfirmanden schlagen die Nummer 99 im Gesangbuch auf. Singen- darf ich dann (gefälligst) alleine. Danach allgemeines Gruppennörgeln. Warum wir denn diese alten Lieder singen müssen, die sowieso keiner versteht. Gut, mit Speck fängt man Mäuse. Ich nehme die Gitarre: „Ein Schiff, dass sich Gemeinde nennt.“ Funktioniert immer. Denke ich. Aber nicht hier: Selbst Strophe 5 singe ich immer noch alleine. Fast.

Felix und Stephan, habe ich euch nicht gerade gestern laut „We are the Champions“ singen hören?  Oh. Ertappt. Aber das war, weil wir gewonnen haben. Beim Fußball.

Und Ines? Du bist doch im Gospelchor. Was machst Du denn da? Auch Zuhören? Ja, da sing ich natürlich. Aber hier ist das doch nur peinlich.

Dann ein verbaler Ausflug übers Singen. Dass Lieder im Leben wichtig, manchmal sogar überlebenswichtig sind. Dass ich kürzlich mit einem Demenzkranken, der sich eigentlich an nichts mehr erinnern kann, „Nun danket alle Gott“ gesungen habe und der strahlte, weil er zwei Strophen auswendig konnte.

Oder dass zum Beispiel die Letten Anfang der 90 Jahre wochenlang jeden Abend in Massen singend vor ihr Parlament zogen. Die singende Revolution gegen die Besatzer. Singen ist eine Macht.

Und dass Christen gerade deshalb schon immer und für immer ihre Lieder singen. Wie bei dem Kampf gegen die Rassendiskriminierung in den USA oder später in Südafrika. Lieder gegen Gewalt und Untergang!

Stephan stimmt zu: Wenn die Mannschaft am Verlieren ist, muss der Fan auch singen. Steh auf, weil du ein Sieger bist. So schlimm sei es im Konfer aber noch nicht.

Achje: Was nun, Herr Pfarrer? Singt? Gefälligst? Gefällig?

Ja, genau das wird kommen, schreibt Johannes auf der Felseninsel Patmos im Mittelmeer in seiner Offenbarung. Wir hören den Predigttext aus Kapitel 15 in den Versen 2-4:

2 Und ich sah etwas wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermischt; und auf dem gläsernen Meer standen, die gesiegt hatten über das Tier und sein Bild und die Zahl seines Namens, mit den Harfen Gottes in der Hand.
3 Und sie singen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes:
Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Herrscher über das All. Gerecht und voller Wahrheit sind deine Wege, o König der Völker.
4 Wer wird nicht fürchten, Herr, nicht preisen deinen Namen?
Denn du allein bist heilig, ja, alle Völker werden kommen und beugen ihre Knie vor dir, denn offenbar geworden ist deine Rechtsordnung.

Nach dem Sieg: Es wird gesungen. Das Lied des Mose.

Allerdings singt Mose nicht als Fußballer oder Heerführer, sondern als Überlebender. Sein Lied ist kein Kampflied, sondern ein Lied der Freude nach überstandener Not.

Das Lied des Mose: Es ist das Lied am anderen Ufer des Schilfmeeres, das seine Wasser wieder zusammenlaufen lässt und  die Israeliten von ihren Verfolgern trennt. Aus der panischen Flucht wird eine Wanderung. Das heilige Volk wird davon befreit, weiter immerzu ängstlich hinter sich blicken zu müssen.

Nach dem Sieg: Es wird gesungen. Das Lied des Mose. Und das Lied des Lammes.

Jesus wird mit dem Passalamm identifiziert. Er kauft die Seinen frei mit seinem Blut. Wie das Blut der geschlachteten Passalämmer beim Auszug aus Ägypten die Erstgeburt der Israeliten vor dem Würgeengel erlöst, so erlöst das Blut Jesu die Gemeinde vom sicheren Tod.

Die Juden haben für ihr Passafest ein Büchlein mit Erzählungen und Liedern, manchmal auch Bildern: Die Haggadah. Daraus lesen die Familien während des Festmahles.

In dieser Passa-Haggadah kann man lesen, dass ein Lämmchen von der Katze gefressen wird. Diesen Tod rächt ein Hund. Der findet nun im Stock seinen Meister. Das Lied singt: Über jedem Bedrücker ist ein Stärkerer.

Jetzt findet selbst der Tod seinen Herrn in Jesus. Denn Jesus wird von Gott aus dem Tode erweckt: Er herrscht zur Rechten Gottes und mit ihm diejenigen, die sich zu ihm bekennen.

In unserem Text gibt es zwei Strophen, die über dasselbe singen: Gepriesen werden die Werke Gottes, seine Schöpfung, sein Heilshandeln. Gott beweist am Ende unübersehbar für alle seine Allmacht. Sein Handeln in der Geschichte erweist sich am Ende als einzig gerecht: Seine Liebe hält Israel die Treue. Seine Liebe hält Treue auch denen, die Gott als Herrn der Geschichte erkennen. Gottes Rechtsordnung: Liebe, Treue, Wahrheit.

WAS immer oder WER immer das Leben verfolgt: Nicht der Satan und seine irdischen Helfershelfer, sondern Gott und sein Lamm werden den letzten Ton angeben. Niemand wird dann anders können, als den Namen Gottes zu preisen. Denn sie sind hindurch.

Lieder vom rettenden Ufer: Sie werden gesungen seit den Tagen des Mose, man singt sie auf Patmos, man wird sie noch am jüngsten Tag singen. Dann aber nicht am Ufer des Schilfmeeres, dessen Fluten über den Ägyptern zusammenstürzen. Auch nicht am undurchsichtigen und gewalttätigen Meer rund um Patmos. Sondern auf dem gläsernen Meer, das die Geretteten trägt und nie verschlingen wird.

Meine Schwestern, meine Brüder:

manches macht das Singen im Leben leichter. Als ich mit den Konfirmierten in den Sommerferien für zwei Wochen in einer Scheune in Schwedens Värmland wohnte, stand das Singen schon ab dem zweiten Tag ganz oben in der Tagesordnung. Es machte da mitten im Wald einfach Spaß.

Und wenn man die Unsicherheiten der Pubertät hinter sich gelassen hat, lernt man bald, dass Musik und eigenes Singen einem helfen, Verstand und Gefühl in Einklang zu bringen und froh zu werden.

Vieles aber macht das Singen auch schwer. Wenn Sorgen oder körperliche Versehrtheit einem die Seele auf Halbmast ziehen. Wenn einem eher nach Heulen zumute ist und selbst Klagelieder nicht helfen.

Aber schaut euch die Texte unserer Lieblings- Choräle an. Sie verbreiten keine Illusionen über die Welt. Sie besingen, wie sie ist. Es gibt in ihnen Gutes und Böses, Leichtes und Schweres, Leben und Sterben, es gibt Leid und Trost.

Denn wir haben guten Grund, immer und dennoch zu singen. Wir gehören zur Gemeinde Gottes, die das Lied des Mose und das Lied des Lammes singt, weil sie hindurch ist. In dieser Gemeinde sind Menschen zusammen, die sich ihres Lebens freuen können, weil GOTT UND SEIN LAMM das Leben tragen, weil es NICHT unter die Räder des Alltages  kommen wird.

Wir feiern zu Ostern, dass alle Not ein Ende hat. Darum singen wir in immer neuen Varianten das eine, alte Lied.
Und ich möchte mit meiner Arbeit (2) bei Euch dazu beitragen, dass Ihr das Eine nicht vergesst: Wir sind die Gemeinde, die schließlich auch das gläserne Meer mit eigenen Augen sehen wird.

Daraus leben wir:
Aus der Liebe Gottes, der Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Sie werden uns das Lied des Mose und des Lammes singen lassen- heute und durch den Tod hindurch. Amen.

(1): Evangelisches Gesangbuch 166, 3

(2): Predigt gehalten zu meiner Einführung in die Pfarrstelle Hohenbruch/ Brandenburg a.d. Havel

Nächster Termin: Sonntag, 1. Juni, 10 Uhr (Ritterstraße 94, 14770 Brandenburg)

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.