Mit Seele und Leib (1 Kor 6 9-14 18-20)

Die Vision vom Frieden Gottes
der Traum vom Zion
von dem das Licht der Welt ausgeht
Aus Jerusalem kommt, wonach wir uns sehnen.
Gottes Licht strahlt vom Berge Zion.

Lebt als Kinder des Lichts;
die Frucht des Lichts
ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5,8b.9
***
In Vorbereitung dieser Predigt bleibe ich zunächst an einer Frage hängen: „Habt Ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“
und denke: Vergessen würde ja bedeuten, dass ich das schon einmal gewusst habe. Also: Mehr als gelesen oder gehört.

Gelesen oder gehört habe ich das ja schon mal. Das habt ihr sicher auch. Aber wahrscheinlich nur wenigen hier im Raum dürfte dieses Bild in seiner ganzen Tragweite deutlich sein, und ich gebe zu: Es war mir bisher nicht wichtig, weil ich noch nie intensiver darüber nachgedacht habe. Vielleicht geht es den meisten von Euch ähnlich.

„Habt Ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“
Tempel: In Jerusalem ist davon nur noch die Außenmauer übrig, die alle als Klagemauer kennen. In Griechenland oder Italien stehen noch ein paar Ruinen, im Pergamonmuseum habe ich ein sehr beeindruckendes Modell gesehen. Beeindruckend müssen sie gewesen sein, die Tempel. Gewesen. Als es sie noch gab.

Aber gibt es sie nicht immer noch? Wenn heute doch jemand über Tempel redet, dann über Gourmet- Tempel, Konsum- Tempel, Musen- Tempel, Body- Tempel. Und wenn ich das genauer betrachte, sind auch diese Tempel heute wie damals Orte, an denen die Götter, denen dort gehuldigt wird, sehr beeindruckend anzutreffen sind.

Im Gourmet- Tempel trifft man die Sterneköchin, der Konsumtempel inkarniert als KaDeWe, der Musen- Tempel als Elb-Philharmonie und der Body-Tempel entpuppt sich als ältestes Tattoo -Studio Potsdams. Hat einer gedacht, es wäre eine Riesen- Mucki- Bude? Auch das wäre eine sehr reelle Möglichkeit…

Tempel sind keine gewöhnlichen Gebäude. Schon ihre Architektur, spätestens aber ihre Inneneinrichtung zeigen dir: Hier begegnest du etwas Besonderem. In einem Tempel macht man keine alltägliche, sondern besondere Erfahrungen. Mit allen Sinnen. Die Nase bekommt etwas Verführerisches zu riechen, die Zunge etwas Köstliches zu schmecken. Das Ohr hört mitreißende Musik. Der Tattoo-Fan findet alles, was sein Herz begehrt. Die Waren werden schön und verführerisch auf ihren Altären präsentiert, kann ich ohne sie überhaupt weiterleben?

„Habt Ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“
Der diese Frage stellt, ist Paulus im ersten Brief an die Korinther. Vorher in Kapitel 6 hat er seiner Enttäuschung darüber Ausdruck gegeben, dass Gemeindeglieder gegeneinander vor weltliche Gerichte ziehen. Vor Richtern, von denen sie sich in Glaubensangelegenheiten ganz sicher nichts sagen lassen würden, verklagen sie Geschwister im Glauben, um sich Unrecht (nach welchem Recht eigentlich?) vergelten zu lassen oder auf deren Kosten Vorteile zu verschaffen.

Zustände in einer christlichen Gemeinde, die Paulus an den Rand der Fassungslosigkeit bringen, und so schreibt er ab Vers 9 (in Neuer Genfer Übersetzung):

9 Muss ich euch daran erinnern, dass die, die Unrecht tun, keinen Anteil am Reich Gottes bekommen werden, dem Erbe, das Gott für uns bereithält? Macht euch nichts vor: Keiner, der ein unmoralisches Leben führt, Götzen anbetet, die Ehe bricht, homosexuelle Beziehungen eingeht,
10 stiehlt, geldgierig ist, trinkt, Verleumdungen verbreitet oder andere beraubt, wird an Gottes Reich teilhaben.
11 Auch ihr gehörtet zu denen, die so leben und sich so verhalten – zumindest einige von euch. Aber das ist Vergangenheit. Der Schmutz eurer Verfehlungen ist von euch abgewaschen, ihr gehört jetzt zu Gottes heiligem Volk, ihr seid von aller Schuld freigesprochen, und zwar durch den Namen von Jesus Christus, dem Herrn, und durch den Geist unseres Gottes.

12 »Alles ist mir erlaubt!« ´Wer so redet, dem antworte ich:` Aber nicht alles, ´was mir erlaubt ist,` ist auch gut ´für mich und für andere`. – »Alles ist mir erlaubt!« Aber es darf nicht dahin kommen, dass ich mich von irgendetwas beherrschen lasse.
13 ´Ihr sagt:` »Das Essen ist für den Magen da und der Magen für das Essen, und dem einen wie dem anderen wird Gott ein Ende bereiten.« ´Einverstanden,` aber ´das heißt noch lange nicht, dass wir mit unserem Körper machen können, was wir wollen`. Der Körper ist nicht für die Unmoral da, sondern für den Herrn, und der Herr ist für den Körper da ´und hat das Recht, über ihn zu verfügen`.
14 Und genauso, wie Gott den Herrn von den Toten auferweckt hat, wird er durch seine Macht auch uns vom Tod auferwecken ´und unseren Körper wieder lebendig machen`.

18 Lasst euch unter keinen Umständen zu sexueller Unmoral verleiten! Was immer ein Mensch für Sünden begehen mag – bei keiner Sünde versündigt er sich so unmittelbar an seinem eigenen Körper wie bei sexueller Unmoral.
19 Habt ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist? Der Geist, den Gott euch gegeben hat, wohnt in euch, und ihr gehört nicht mehr euch selbst.
20 Gott hat euch als sein Eigentum erworben; denkt an den Preis, den er dafür gezahlt hat! Darum geht mit eurem Körper so um, dass es Gott Ehre macht!

Dass es Paulus ernst ist mit dem, was er schreibt, merkt man deutlich. Man meint manchmal fast, seine Zornesadern zu sehen, keinesfalls lässt er es an Deutlichkeit mangeln, so dass wenig Erklärungsbedarf bestehen sollte.

Sicher aber liegt manchem Widerspruch auf der Zunge. An der Stelle ganz sicher, an der es um das eingehen homosexueller Beziehungen geht. Selbst zu unserer doch sehr kleinen Gemeinde hier in Brandenburg gehören homosexuelle Gemeindeglieder: Sollten die wirklich keine Chance auf Anteil am Reich Gottes haben? Ich denke: Entweder wir verstehen die Situation in Korinth nicht wirklich oder Paulus schießt hier über das Ziel hinaus.

Verstehen wir die Situation in Korinth? Andere berauben, verleumden, zu viel Alkohol, Geldgier und was Paulus noch als Beispiel für einen unmoralischen Lebenswandel aufführt: All das hat man irgendwie selbst in der Hand. Selbst wenn man stielt oder trinkt, weil man krank ist, gibt es Möglichkeiten zum Ausstieg aus der Krankheit, heute wesentlich Bessere als damals. Homosexualität aber sucht man sich nicht aus, die Betroffenen können sie auch nicht abstellen, egal, wie sie sich mühen würden.

Es sei denn, dass einige Korinther solche Beziehungen nur so zum Spaß, zum Zeitvertreib haben. Einige Theologen gehen davon aus, dass das so war – und dann hätte Paulus auch hier Recht.

Aber wir wissen das nicht, und so bleibt es nur eine Vermutung. Für manche ist diese Vermutung eine letzte Hoffnung, ihre Angst aber bleibt: Sollte Paulus wirklich mich meinen?! Sollte Gott mich nicht lieben, weil ich so bin, wie ich bin?

Wieder sind wir hier an einer Stelle, an der ganz deutlich wird: Wir haben beim Bibellesen die Arbeit, Gottes Wort von Menschenwort zu unterscheiden. Der wichtigste Maßstab dabei ist: Wir haben erkannt, dass Gottes Liebe größer ist als die Liebe unter den Menschen und dass sie ausnahmslos all seinen Geschöpfen, also auch jedem seiner Menschen gilt.

Konkret an dieser Stelle: Kann es sein, dass Gott Menschen von der Teilhabe an seinem Reich ausschließt, weil ihnen eine andere sexuelle Orientierung angeboren ist als den meisten anderen Menschen? Meine Antwort: Das halte ich für ausgeschlossen. Wenn Paulus hier alle Homosexuellen meint, schießt er ganz klar über das Ziel hinaus.

Aber aber, Herr Pfarrer, höre ich schon, meinen sie wirklich, dass sie das Recht haben, die Bibel umzuschreiben? Natürlich nicht. Aber ich lese sie so, wie sie schon immer gelesen wurde. Das ist sogar in der Bibel selbst zu lesen.

Erinnert euch: Im fünften Mosebuch steht, dass kein Entmannter zur Gemeinde Gottes gehören soll (23,2). Dem ist schon im Buch des Propheten Jesaja widersprochen (56, 3-5), und auch Philippus weiß: Gott liebt diesen Kämmerer aus Äthiopien, natürlich wird dieser entmannte Mann getauft (Apg 8, 38)!

Für Jesaja, Philippus und auch für uns gilt darum: Das Wort der Heiligen Schrift, dass Menschen für Menschen aufgeschrieben haben, ist daran zu messen, ob sie dem Maßstab der großen Liebe Gottes entsprechen oder nicht. Wenn ja, fließt aus ihnen der Geist Gottes – wenn nein, fließt aus ihnen nur der Geist des Menschen, der da schreibt oder geredet hat.

Aber aber, Herr Pfarrer, höre ich schon wieder, kann man mit der übergroßen Liebe Gottes nicht alles unter den großen Teppich des Vergessens kehren? Konkret: Hat Gott nicht auch den Säufer, Dieb oder Verleumder lieb?

Bibellesen ist ARBEIT. Manchmal leichte Mühe wie das Blumengießen, manchmal schwere wie das Bäumefällen, aber eben Mühe. Wer Paulus einfach ganz unter den großen Teppich des Vergessens kehren würde, hätte ihn kaum verstehen wollen, sich nicht wirklich gemüht, ihn zu lesen. Dann hätten sich unsere Mütter und Väter im Glauben geirrt, als sie die Paulusbriefe in die Bibel der Christen aufgenommen haben. Und dafür kann ich keinen Grund erkennen.

Bei unserem Text sind wir so wieder bei dem Satz vom Anfang: „Habt Ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ Oder als Aussage: Euer Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes!

Das aber, meine Schwestern und Brüder, ist Wort Gottes, ohne Einschränkung. Denn es sagt jedem von uns, jedem OHNE Ausnahme: Du bist etwas Besonderes. Dein Leib ist Teil des Leibes Gottes. Dein Leben ist Teil des Lebens Gottes. Durch dein Leben kann der Heilige Geist erfahrbar, in deinem Leben kann Gott erfahrbar werden. In deinem Tun und Lassen können deine Mitmenschen Gott erfahren.

Es geht nicht nur um die innere Einstellung, um geistige und geistliche Überzeugungen, um Verstehen und Einsicht. Es geht um den ganzen Menschen, auch und gerade um seinen Körper, um unseren Körper. Dass wir alle Teil des Leibes Christi sind, bedeutet nicht nur, dass wir eine Taufe, einen Glauben, einen Gott haben, sondern dass wir EIN TEIL Christi sind. Wir sind nicht nur geistlich, sondern STOFFLICH miteinander verbunden.

Haben wir Schmerzen, sind das die Schmerzen Gottes. Leben wir von Gott weg, sind das Schmerzen seines Leibes. Begegnen wir einem anderen Menschen ohne Respekt, wahren wir die Würde eines anderen nicht oder fügen wir einem anderen Menschen sogar körperliche Schmerzen zu, begegnen wir Christus ohne Respekt, wahren seine Würde nicht, fügen ihm sogar körperliche Schmerzen zu.

Einer, der uns Menschen nicht über alles lieben würde, würde sich wegdrehen, wenn wir uns von ihm entfernen: Na gut, dann eben nicht, du hast es ja nicht anders gewollt. Anders Jesus Christus. Seine Liebe ist Gottes Liebe, sein Leid ist Gottes Leid, und wir können ihm nicht nur folgen, sondern sind sein LEIB: Euer Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes!

Sicher, das ist nicht nur ein schöner Zuspruch, sondern auch ein schwerer Anspruch. Denn welchem Gott begegnen denn Menschen auch unter Christen?

Einem knickrigen Gott, sparsam bis zum Geiz?
Oder dem Schöpfergott, der unsere Welt, die Tiere, die Pflanzen, die Menschen in großer, großzügiger Vielfalt geschaffen hat?
Einem hektischen Gott, immer beschäftigt, immer bei der Arbeit?
Oder dem Gott, der die Ruhe des siebenten Tages geschaffen und geheiligt hat?
Einem Gott, der sich von den Süchten und Möglichkeiten der Welt, die Paulus beschreibt, knechten lässt? Der sich unterdrücken lässt von Menschen-Anforderungen, Zeitgeistern, Spaß-Aposteln?
Oder dem Gott, der seine Menschen in die Freiheit neu geboren hat?

Noch ein großes Thema, das Paulus hier berührt. Ja, alles ist uns erlaubt, aber nicht alles ist gut für uns. Freiheit hat man nicht nur, man muss sie begreifen, ergreifen, sie in Besitz nehmen. Ohne – ja, ohne zu vergessen, dass wir nicht nur geistlich und geistig, sondern auch körperlich Teil Gottes sind. Ja, dass unser Leib TEMPEL Gottes ist. Dass durch uns Gottes Geist nicht nur hindurchweht, sondern durch uns spürbar ist.

Ist das nicht doch zu anstrengend? Sind die Anforderungen viel zu hoch? Aber was wäre unser Glaube wert, wenn er nur eine blasse Theorie wäre? Wenn er nicht erfahrbar wird? Wenn er nicht praktisch ist? Wenn er uns nicht leibhaftig ergreifen würde?

Habt Ihr vergessen? mahnt Paulus. Zum Glauben gehört nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper. „Gott hat euch als sein Eigentum erworben; denkt an den Preis, den er dafür gezahlt hat! Darum geht mit eurem Körper so um, dass es Gott Ehre macht!“

Lasst uns unseren Glauben mit Lust und Liebe leben. Mit Seele UND LEIB zum Lobe Gottes.
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes werden uns gefangen nehmen.
Und uns frei machen.
Amen.

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