Knechtsein (Jes 49 1-6)

Glaube führt uns hierher
Glaube lässt uns
hoffen und zweifeln
fragen und hören
lieben und leben

Der Glaube ist unser Leben
JEDER unserer Tage auf dieser Welt
wird ein Tag mit Gott
der ewig ist und Leben schenkt
auch nach dieser Welt.

Unser Glaube ist der Sieg,
der die Welt überwunden hat.
1 Johannes 5,4c
***
Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da war, der da ist und der da kommt. Amen!

Im Buch des Propheten Jesaja gibt es im Mittelteil vier sogenannte „Gottesknechtlieder“. Das zweite ist heute Predigttext. Ich lese aus Kapitel 49 ab Vers 1:

49 1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.
2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.
3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
5 Und nun spricht der HERR,
der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat,
dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll
und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke -,
6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist,
die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

Hier redet einer, der seine Grenzen überschreitet. Der etwas vorhat, zu dem er allein weder Macht noch Kraft hätte. Hört mir zu! Sagt er. Er sagt das, weil er erfahren hat: Wer Gott begegnen will, der muss hören, denn Gott hat sich für die Menschen in das Wort begeben.

„Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr“ ( EG 452): Diese Zeile aus dem Lied von Jochen Klepper stammt aus den Gottesknechtliedern des Jesaja. „Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören“ (50,4). Und sogar die Inseln, die Völker in der Ferne sollen hören, was der Gottesknecht zu sagen hat. Sollen AUCH hören, wie Jünger hören. Hören auf das Wort, in dem sich Gott selbst zu erkennen gibt. Das will der Knecht.

Er verdankt sein Leben, sein ganzes Dasein nicht einfach seinen biologischen Eltern, sondern Gott selbst. Schon vor seiner Geburt war Gott es, der die Bahn seines Lebens bestimmte, der ihn zu seinem Knecht machte. Lange, bevor er selbst so etwas wie einen eigenen Willen entwickeln konnte, hatte Gott ihn bereits zu dem gemacht, was er jetzt ist.

Gott hat ihn mit einem Mund ausgestattet, scharf wie ein Schwert. Was er in Gottes Namen zu sagen haben wird, wird also Schliff haben. Er wird sein wie ein glatter, spitzer Pfeil: Zur rechten Zeit abgeschossen wird er sein Ziel nicht verfehlen. Und auch nicht stumpf abprallen und herunterfallen.  Auch wird er seine eigene Person hinten anstehen lassen. Ja, seine gesamte eigene Persönlichkeit wird hinter dem Amt seines scharfen Mundes und seiner spitzen Zunge nicht mehr zu erkennen sein: Er wird Knecht sein, Sklave, niemandem zu Diensten als nur seinem Herrn.

Durch diesen Knecht wird Gott ganz Israel in die Verantwortung nehmen. Ja, er wird sich durch seinen Knecht sogar verherrlichen. Gott redet zu seinem Knecht, aber zugleich zu ganz Israel. Das klingt zunächst ziemlich verwirrend, ist es aber gar nicht. Wir reden ja auch vom Werk und Auftrag der Kirche, ohne im Traum auf die Idee zu kommen, damit das Werk und den Auftrag Jesu irgendwie zu mindern oder klein zu reden. Christus handelt durch die Kirche und an der Kirche. So handelt Gott durch seinen Knecht an seinem Volk.

Sein Knechtsein wird eine Zeit des Leidens sein. Anders kann man nicht beschreiben, wenn man den Eindruck haben muss, dass alle Arbeit vergeblich ist, alle Kraft umsonst aufgezehrt wird, alles Begonnene unnütz ist. Solches Leid kann in tiefe Depression führen

Aber Gott selbst wird all das auffangen. Bei Gott weiß sich der Knecht wert geachtet. Gott wird ihn stark sein lassen. Er wird den Knecht das Licht nicht nur bringen lassen. Er wird ihn zum Licht MACHEN. Er selbst wird Heilsbedeutung bekommen. Nicht nur für Israel, sondern für die Welt. Darum: Hört ihm zu, dem Knecht!

Die Lieder vom Gottesknecht ziehen mich immer wieder in ihren Bann. Wenn ich sie lese, kann ich gar nicht anders, als an Jesus Christus zu denken, der als Jude aus Israel zum Heiland der Welt wird. Ich kann gar nicht anders, als im Leiden des Gottesknechtes das Leiden Jesu am Kreuz zu entdecken, der durch Ostern zum Licht der Welt wird. Ich kann gar nicht anders, als hier, im ersten Teil der Bibel, die Quelle all dessen zu erkennen, woran ich glaube.

Aber auch in meinem Alltag entdecke ich immer wieder Menschen, die Züge des Gottesknechtes in ihrem Leben mit sich tragen. Und ich denke da nicht nur an Menschen, die ihr Leben für ihren Glauben gelassen haben wie Martin Luther King oder Dietrich Bonhoeffer oder auch Jochen Klepper.

Ich denke an ANJA, die schon immer nicht nur eine laute Stimme hatte, sondern auch nie auf den Mund gefallen war. Sie war schon in der Jungen Gemeinde eine, die kaum zu bremsen war, wenn sie erst einmal richtig in Fahrt gekommen war. Heute sagt ihr Mann immer: „Bitte nicht jetzt!“, wenn sie zum Spontanvortrag ansetzt, nur viel Erfolg hat er damit meist nicht.

Sie hat schon immer eine besondere innere Stimme, wenn es um die irdische Ungerechtigkeit geht. Als die Polen das Kriegsrecht verhängten und wir deshalb mit der Jungen Gemeinde nicht mehr im Sommer an die polnische Ostsee durften, hätte sie am liebsten eine Mahnwache auf dem Alexanderplatz abgehalten.

Heute ist sie hauptamtliche Bürgermeisterin einer Kleinstadt und hat sich auf dem letzten Neujahrsempfang nur mühsam davon abhalten lassen, mehr als dreißig Minuten über die Wohnraumknappheit, fehlende Kitaplätze oder den Pflegenotstand zu reden. Ja, meine Frau ist nicht immer nur zu genießen, meinte ihr Mann mit einem etwas verkniffenen Lächeln dazu.

Anja hat oft Recht mit dem, was sie sagt. Dass wir keine Lösungen für die Probleme anzubieten haben, die wir gerade haben – weder für die Flüchtlingskrise noch den Wohnungsmangel. Dass alle Vereine oder Institutionen wie die Feuerwehr händeringend nach Ehrenamtlichen suchen, aber von den Jüngeren kaum noch jemand Zeit oder Lust hat, dort mitzuarbeiten- vor allem ohne Smartphone vor der Nase. Vielleicht stimmt auch das, was sie über die unregulierten Kapitalmärkte zu referieren hat. Da kann sie schon mal vergessen, dass auch noch Zeit für die Kulturvereine oder die Auszeichnungen auf dem Neujahrsempfang bleiben muss.

Ja, Anja hat oft Recht, aber häufig muss sie erleben, dass sie gegen einfache Lösungen wie „Immigration ist Ursprung aller politischen Probleme“ oder gar eine undurchdringliche Wand von Interessenlosigkeit ankämpft – und verliert.

Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt – wenn ich das bei Jesaja lese, muss ich unwillkürlich auch an Anja denken, auch bei der Zeile: Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Oder RALF – er ist schon jenseits der 80. Er pflegt seit Jahren seine Frau, die eigentlich so lange er sie kennt noch nie ganz gesund war. Solange beide arbeiteten, ging es eigentlich, da konnte er ihr neben seinem Beruf als Elektriker so weit helfen, dass sie ihren Alltag fast wie andere „normale“ Menschen leben konnten.

Aber seit beide Rentner sind, ist für ihn von „Ruhestand“ nichts zu spüren. Immer mehr Zeit musste er dafür einplanen, dass seine Frau bei ihm zuhause leben und alt werden kann. Jetzt braucht er den ganzen Tag dazu und kommt kaum noch aus dem Haus, und in den letzten Jahren kommt er nicht einmal mehr nachts wirklich zur Ruhe.

Wenn die beiden Besuch bekommen, vor allem zu den Geburtstagen, wundern sich die Freunde immer, wie er das alles so in den Griff bekommt. Und woher er die Kraft dazu hernimmt. Und dann sagt er einfach: Wir wollen das so. Meine Frau würde das auch für mich tun, wenn es mir schlecht gehen würde. Sie hätten auch viele schöne Stunden miteinander, da würden die schweren Stunden nicht so ins Gewicht fallen. Und inzwischen hätte seine Frau ihm ja sogar das Kochen beigebracht, das hätte er sich früher gar nicht vorstellen können, dass er das einmal allein könnte. Ralf hat abgenommen, das sehen die Freunde deutlich. Und machen sich so ihre Sorgen.

Und doch spüre ich, dass er das Richtige tut, und als ich bei den beiden vor ein paar Tagen zu Besuch war, fiel mir dieses Lied vom Knecht ein, der sagt: Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
Was kann Ralf mehr vom Leben bekommen?

SARAH ist seit über dreißig Jahren bei den Stadtwerken beschäftigt. Sie hat dort ihre Lehre gemacht und ist dort geblieben. Karriere war ihr nie wichtig. Das sehen auch ihre Kollegen, die zumeist Männer sind: Sie ist irgendwie der Fels in der Brandung. Sarah war schon immer da und wird es wohl auch bleiben. Sie wird ihre Arbeit machen, zuverlässig und präzise. Und auch wenn sie jetzt ganz allmählich zu den Alten im Betrieb gehört und auf die Rente zugeht und auch etwas langsamer geworden ist – ihr Erfahrungsschatz ist immens, niemand würde auf sie verzichten wollen.

Und dann ist sie irgendwie der Kummerkasten des halben Betriebes geworden. Der Kollege zum Beispiel, der seit kurzem dazugestoßen ist und der den Telefonservice macht, hat sich bei ihr Luft gemacht, weil ihn das total verrückt macht, dass die Telefongespräche „zur Steigerung der Beratungsqualität“ jetzt mitgeschnitten und ausgewertet werden. Sarah hat ihm neulich in meinem Beisein gesagt, dass jeder vor ihm, der diesen Telefonjob gemacht hat, auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut sei und seine Stärken und Schwächen hatte. Er solle nun in Ruhe auf seine Stärken setzen- dann würde der Betrieb diese auch erkennen und schließlich gut einsetzen können.

Da habe ich gesehen, wie sich seine Gesichtszüge entspannten und er lächelte: Sarah war in diesem Moment zu seinem Licht geworden, da bin ich mir sicher.

Meine Schwestern, meine Brüder, was denkt ihr:

Sind Anja, Ralf und Sarah auch Gottesknechte? Kann Jesaja auch sie gemeint haben? Gut, „Licht für die Heiden“ sind sie alle drei wohl nicht, können sie ja auch kaum sein, weil „Heidenmission“ heute nun wirklich kaum noch ein Thema ist.

Aber sind sie nicht im Sinne des Jesaja Knechte Gottes, die ihre Grenzen überschreiten und der Welt Kante zeigen, wo Kante wirklich nötig geworden ist? In der Politik, in der Pflege, in der Sorge nicht für den eigenen Erfolg, sondern um das Wohlergehen des anderen? Sicher, Propheten und große Führerpersönlichkeiten sind sie alle drei nicht. Aber hat Jesaja die hier in seinem zweiten Gottesknechtlied überhaupt gemeint?

Wir wissen doch heute wirklich nicht, wer hier konkret gemeint ist. Wir können Jesaja nicht mehr fragen. Und ich habe auch noch keinen Kommentar gelesen, keine Predigt gehört, indem jemand nicht nur behauptet, sondern auch BEWIESEN hätte, von wem hier im Jesajabuch die Rede sei.

Damit aber lässt uns Jesaja auch Spielraum in unserer Interpretation. Wir können uns Gedanken machen, wer hier gemeint sein könnte – ohne in Gefahr zu laufen, damit etwas Falsches oder Verbotenes zu tun. Knechte Gottes- das sind doch die, die es vermögen, das eigene Ich hintenan zu stellen. Die in dem Willen und Wollen Gottes ihre wirkliche Lebensaufgabe entdecken. Die im Weg Gottes ihren eigenen Weg sehen und ihn auch zu gehen versuchen. Und die so den Sinn und das Heil ihres Lebens finden.

Die Theologie der Lieder vom Gottesknecht ist es, die die kanaanäische Frau aus Mt 25 (Tagesevangelium) nicht aufgeben und Jesus zu dem werden lässt, der er ist: Dem Heiland der Welt.

Und auch Anja, Ralf und Sarah zu dem werden lässt, der sie sind: Zu Menschen, die wissen, wofür Gott sie auf diese Welt geschickt hat.

Gottesknechte können auch wir sein. Menschen, denen die Gnade Gottes, die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes über alles geht. Deren Glauben den Zeitgeist und die Grenzen dieser Welt einfach sprengt.
AMEN.

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