(K)Eine Predigt. Gerechtigkeit ist Nächstenliebe.

Nehmt Euch bitte bald Zeit, das zu lesen. Auch wenn es Euch Mühe macht.
Aber Eure Mühe ist nötig, denn Nachdenken ist nötig.

In den letzten Monaten wird für mich immer klarer, dass in der Gesellschaft meines Landes Haltungen um sich greifen, denen Christen viel lauter und wesentlich deutlicher als bisher entgegentreten müssen. Insbesondere deshalb, weil diese Handlungen von den Rändern des Rechtsstaates herkommen und dazu führen, dass Menschen gegeneinander aufgewiegelt werden. Die Folgen sind absehbar: Neid, Hass und Lieblosigkeit. Verbunden mit der Aufforderung, „die Kirche“ solle sich doch endlich den Realitäten gegenüber öffnen und „verstaubtes Gutmenschentum“ nicht weiter von den Kanzeln predigen.

Ich beziehe mich jetzt konkret auf einen „Zeitungsartikel“ , der mir ohne Angabe der Quelle zugeschickt worden ist (leider ist dieser Artikel nur ein Anlass unter zu vielen, mich jetzt hier zu Wort zu melden).

(1) Zuerst das, was ich dazu als Textwissenschaftler, was ein Theologe als Handwerker ist, zu sagen habe. Einige prägnante Stellen will ich hier kommentieren:

  • Die Überschrift zeigt, wo es hingehen soll: Viel Geld. Das hätte jeder gern. Eine Großfamilie auch?
  • Ein 49-jähriger Syrer flüchtet vor dem Krieg in Rheinland Pfalz. Vielleicht hätte der Verfasser wenigstens einmal Korrektur lesen sollen.
  • Als „Quellenangabe“ für das, was folgt, nennt er „Rhein-Zeitung“ und „Bild-Zeitung“. „Die“- keine Ausgabennummer, kein Jahr, kein Tag. Das macht eine Prüfung und einen Vergleich der Aussagen unmöglich. Für „Die Welt“, die hier weiter angeführt wird, muss man „nur“ die Zeitungen eines Monats, vielleicht des Jahrgangs 2016, durchblättern- das lohnt sich aber kaum, geht es dabei doch nur um eine Zahl, die auch anderenorts öffentlich zugänglich ist.
  • Familienzusammenführung in Anführungsstrichen. Das zeigt, dass der Verfasser (oder die Verfasserin, diesen Hinweis auf das andere Geschlecht spare ich mir im weiteren) die behördliche Entscheidung auf Genehmigung einer solchen Zusammenführung ablehnt. Konkrete Fehler der Genehmigung weist der Verfasser nicht nach. Dafür zeigt der Folgetext, welche Vorurteile dabei Pate standen.
  • Ein Mann, vier Frauen, 23 Kinder? Das wird hier nicht etwa als eine in anderen Teilen der Welt legale Familienform beschrieben, sondern rundheraus abgelehnt, was in dem Satz gipfelt: „Damit dürfte die Wochen zeitlich gesehen für Herrn A. gut ausgelastet sein“ – Herr A. muss also jetzt viel reisen, denn der muss es seinen Frauen besorgen. Seiner Religion gemäß, die nicht „unsere“ ist.
  • „Zeit für die klassische Arbeit, also eine Berufsaufnahme, fehlt natürlich“ ist dann die logische Folge einer Familienform, die der Verfasser einfach nur als Unmöglichkeit ablehnt – ohne einen einzigen sachlichen oder ethischen Grund zu nennen, warum er sie ablehnt. Dem gegenüber steht der „Handwerker“, … der „bei Wind und Wetter zur Arbeit gehen und davon den eigenen Lebensunterhalt bestreiten“ muss. Hier „die Guten“, da „die Schlechten“.
  • 30.000 Euro monatlich: Wieviel Netto Bares für das Einzelne der 28 Familienglieder das ist, darüber schweigt der Verfasser. Er deutet bestenfalls an, dass in der Summe auch indirekte staatliche Leistungen stecken, und nennt Wohnung, Krankenversicherung „und anderes mehr“.  Hier „die Reichen“, die noch reicher werden, da „die Armen“, die noch ärmer gemacht werden.
  • Dafür vergleicht er diese Netto-Summe mit einem durchschnittlichen Brutto-Lohnempfänger, der bei Steuerklasse 1 (ein deutsches Familienvorbild, kinderloser Single) „etwa 1600 Euro monatlich ausgezahlt“ bekommt.
  • Die so „belegte“ große Ungerechtigkeit, die zulasten deutscher Krankenschwestern und Handwerker geht, hat ihren Verursacher, „der Bund“, der „gefordert“ ist, „entsprechende gesetzliche Regelungen zu verabschieden“. Konkret welche? Keine Angabe. Was genau sollte der Bund nun ändern, was streichen?

Hier kann ich schon aufhören. Der Verfasser will dem Leser keine Informationen vermitteln, sondern klare Bilder im Kopf festsetzen:

  • Flüchtlingsfamilie- Treiben wie im Kaninchenbau
  • Flüchtling- Urlauber in Deutschland auf Steuerzahlerkosten
  • 360.000 Euro Jahresgehalt: Deutsche Familienzusammenführung lässt Flüchtlinge in Deutschland in dauerhaft gesichertem Urlaubsstatus leben, zu Schmarotzern in der sozialen Hängematte werden.
  • „Der Bund“ und „die Behörden“ sind die, die Urheber dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit sind.

Wer schrieb diesen „Artikel“? „(red)“. Kein Name.

Welche Zeitung druckt so etwas? Das teilt der, der dieses Papierstück über WhatsApp erstmals weiter verteilt hat, nicht mit. Es geht ihm offenbar um „Fakten“, die man sowieso nicht widerlegen kann; das macht Namensnennung überflüssig. Damit reiht er sich ein in die Kette derer, die „Fakten“ gleicher Qualität verteilen: http://www.gleichberechtigt.eu/warum-bekommen-asylanten-kinder-das-5-fache-des-deutschen-kindergeldes/. Da könnt Ihr selber nachsehen. Verlinken werde ich das nicht.

Fazit:

Regeln des Journalismus sollte der Verfasser während seines Studiums gelernt haben. Er wendet aber NICHT EINE an. Vielleicht ist das am Ende gar kein Journalist, der da schreibt? Dann ist die „(red).“ schlecht beraten, den Verfasser in der Anonymität abtauchen zu lassen. Und jeder Leser ist schlecht beraten, so etwas für sich als „Zeitungs-„Meldung, also als journalistisch ordentlich erarbeitet, zu verbuchen.

(2) Jetzt zu einigen Punkten, die ich als Pfarrer, Christ und Seelsorger zu diesem Thema sagen will.

  • Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes, nur wenig niedriger geschaffen als Gott selbst. Darum sind alle nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen gleich. Sie zu LIEBEN wie sich selbst ist das, was Gott vom Menschen erwartet, denn diese Welt soll seines Menschen würdig sein. Liebe meint ALLE Menschen. Sozial schwache „Lands-“ Leute und „Leistungsträger“, Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge, AfD- Wähler und die Linksaußen, Stammtischredner und Weise – und ALLE dazwischen. Dazu gehören ohne jeden Zweifel auch Mitarbeiter in jeglichen Behörden, Politiker oder Beamte.
  • Wer nicht in Liebe für Ausgleich zwischen allen sorgen will, sorgt für Gedankenlosigkeit oder gar das Gegenteil der Liebe. Wer darüber hinaus pauschal einfach ganze Menschengruppen wie „Flüchtlinge“, „Krankenschwestern und Handwerker“ , „Behörden“ oder „den Bund“ mit zweifelhaften oder herausgehobenen allgemeinen Merkmalen besetzt, betreibt das Gegenteil von Liebe. Und genau das ist für mich eine moderne Form des Rassismus und für einen Christen durch nichts zu rechtfertigen, weil es zu dumpfem Hass und letztlich zu Gewalt führt.
  • Alle Gesetze und Regeln, die in unserem Land gelten, sind öffentlich für jeden zugänglich und unterliegen in der Entstehung und der Durchsetzung unserer grundgesetzlich verbrieften Gewaltenteilung: Die legislative (gesetzgebende), die exekutive (vollziehende) und die judikative (Recht sprechende) Gewalt sollen sich gegenseitig kontrollieren und staatliche Macht auf das Notwendige begrenzen. Das ist das Prinzip eines Rechtsstaates; für mich die beste Form des Miteinanders, die Menschen je entwickelt haben. Solange ich nichts Besseres kennengelernt, aber durchaus Schlechteres erlebt habe, wie in der roten Diktatur vor 1989 in der DDR oder in der Anarchie Afghanistans bei meinem Einsatz dort 2005, werde ich unsere Form des Rechts-Staates ALS CHRIST verteidigen, weil jeder Mensch daran Teil haben sollte, wie Recht miteinander geschrieben und für Recht miteinander gesorgt wird.
  • Für jedes Gesetz gewordene Recht gilt: JEDES hatte seinen Grund, aus dem es entstanden ist. Das gilt entsprechend auch für jede zwischenmenschliche Regel. Jede Änderung aber hat wiederum auch ihre Regel, in unserem Fall die Regeln des Rechtsstaates. Darum: Wer Kritik an Gesetzen üben will, ist gefordert, das Gesetz konkret beim Namen zu nennen und darzulegen, warum es zu ändern und wie es zu ändern sei. Dann wird der Kritiker sich in eine Diskussion einlassen müssen mit denen, die das betreffende Gesetz befürworten. Am Ende wird bestenfalls die Abschaffung stehen, wenn man sich denn einigt. Meist aber gibt es einen Kompromiss der Meinungen, die zur Änderung des entsprechenden Gesetzes führen kann. Das ist Politik, und daran ist nichts verwerflich, sondern diese Kompromissfindung versucht den Ausgleich und entspricht somit am besten der Aufgabe, die „Obrigkeit“ zu erfüllen hat.
  • „Gerechtigkeit“ aber ist etwas, das kein Gesetz der Welt herstellen kann. „Die Gesetze gleichen den Spinnweben, denn fällt etwas Leichts und Schwaches hinein, so wird es festgehalten, wenn aber etwas Größeres, dann schlägt es durch und kommt heil davon.“ Dieses Zitat kommt vom athenischen Staatsmann Solon, und der lebte wohl zwischen 640 und 560 vor Christi Geburt. „Gerechtigkeit“ kann nur der üben, der Liebe übt.

Fazit:

„Christliche Werte“ sind gelebte Liebe. Neid, Verunglimpfung und Schüren von Hass haben nichts mit Liebe und darum nichts mit dem Sein eines Christen zu tun. Neid, Verunglimpfung und Schüren von Hass sind salonfähig gewordene Formen des Rassismus; darum müssen Christen ihnen entschieden entgegen treten.

(3) Schließlich zu Argumenten, die „Kirche“ in diesem Zusammenhang zu sagen hat:

  • „Kirche“, als Christen jedwelcher Konfession oder Vereinigungsform, hat sich an Gottes Wort zu halten, wie es die Bibel seit tausenden Jahren bezeugt. Das ist ihre Aufgabe.
  • Alles, was ich unter (2) geschrieben habe, halte ich unzweifelhaft für biblische Position. Ich bin gern bereit, das zu vertiefen. Das zählt zu meinen Aufgaben als jemand, der „Kirche“ lebt und für „Kirche“ arbeitet.
  • Jeder, der „Kirche“ auffordert, ihre Fahne in den Wind der politischen Diskussion zu hängen und das Wort der Schrift dem unterzuordnen, sollte die Geschichte der Reformation studieren. Hier kann man nämlich lernen, wohin es die Menschheit führt, wenn Menschenwort höher gewertet wird als Gotteswort. Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Dreißigjähriger Krieg …

Fazit:

Allein die Schrift. Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Christus Jesus. Er ist die Liebe in Person. Das haben wir zu predigen und in diese Welt zu tragen, egal wann, egal wie oft. Gerechtigkeit: Das ist es, wofür Kirche steht und Christen leben.

Darum noch ein Zitat zum Schluss:

„Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, dass ihr das Gesicht nach Osten oder Westen richtet, sondern: Derjenige ist gerecht, der an Gott glaubt und der mit Liebe von seinem Vermögen gibt den Anverwandten, Waisen, Armen und Pilgern, überhaupt jedem, der darum bittet; der ist gerecht, der Gefangene auslöst, das Gebet verrichtet, Almosen spendet, der festhält an eingegangenen Verträgen, der geduldig Not und Unglück und Kriegsgefahr trägt – der ist gerecht, der ist wahrhaftig gottesfürchtig.“

So hätte es auch in der Bibel stehen können. Es steht aber in einer Übersetzung des Koran Sure 2, Vers 177.

Während ich das schreibe (17.1.17, kurz nach 10 Uhr vormittags), geht die Eilmeldung über die Ticker, dass das nächste Flüchtlingsboot im Mittelmeer gesunken ist. Weit über einhundert Menschen werden vermisst. Im Winter. Mir treibt es die Tränen in die Augen, dass wir Europäer nicht endlich gemeinsam gegen die Ursachen dessen vorgehen, das Menschen in den Wahnsinn und schließlich den Tod getrieben werden.

Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass nicht verdunkelt wird, dass das Jahr 2017 ein Jahr des Herrn, unseres Gottes, ist. In Deutschland und Europa, in den USA und der Welt.

Stellt Euch mit mir auf gegen salonfähigen Rassismus, für Gerechtigkeit durch Liebe.

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1 Antwort zu (K)Eine Predigt. Gerechtigkeit ist Nächstenliebe.

  1. Petra Herkner sagt:

    Ja, lieber Malte, ich brauche dringend Argumentationshilfe für meinen täglichen Umgang mit diesen Salonrassisten, der Michael am Imbiss noch viel mehr.
    Ich kann beispielsweise einen solchen Pressetext nicht so analysieren, wie Du.
    Die meisten Gesprächspartner wollen auch gar keine vernünftigen Ansichten hören.
    Sie haben sich eingeschossen auf ihre selbstgerechte Sicht. Was Dietrich Bonhoeffer in „Widerstand und Ergebung“ von der Dummheit schreibt, scheint mir hochaktuell. Aber diese Einsicht hilft mir heute, hier und jetzt nicht in den täglichen Diskussionen.
    Wir Christen müssten uns stärker vernetzen und uns gegenseitig helfen, damit wir nicht müde werden, die richtigen Antworten zu geben. Ich grüße Dich herzlich und
    auch die Elisabeth

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