Herrliche Würde (Kol 1, 27)

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen

Das Gesetz ist durch Mose gegeben;
die Gnade und Wahrheit
ist durch Jesus Christus geworden.
Joh. 1, 17
***
Einzigartig ist sie: Die internationale Allianzgebetswoche, die zu Beginn der Epiphaniszeit, die den Weihnachtsfestkreis beschließt, stattfindet. Auch in Deutschland, auch in unserer Stadt. Eine Gemeinschaft, die sich sehen lassen kann.

Mit wirklich einzigartiger Beteiligung: Acht verschiedene Gemeinden der Stadt waren als Gastgeber oder Gestaltende beteiligt. An fünf Abenden und auch heute, am Sonntag Mittag, ein kunterbuntes Gemisch von Christen dieser Stadt. Wir WAREN und wir SIND mehr, als Statistiken glauben machen wollen oder gar in der Märkischen Allgemeinen Zeitung von gestern zu lesen war.

JEDES JAHR AUFS NEUE ist es wunderbar, das Kalenderjahr mit dieser Erfahrung zu beginnen: Die Gemeinschaft Jesu Christi, gerade unter uns, sie ist größer, bunter und vor allem stärker als mancher unter uns glaubt. Ja: Wir SIND einzigartig.

Schon deshalb, weil alle, der auch nur EINEN dieser Allianzabende erlebt haben, jetzt wissen können: Viele Zungen, ein Geist – das ist nicht nur irgendwann MÖGLICH, sondern heute schon REALITÄT. Der Geist des Pfingstfestes lebt, der JEDEM Menschen, so wie er es verstehen kann, von den großen Taten Gottes erzählt. Dieser Geist des Pfingstfestes weht hier, in der Woche des Gebetes.

Hier kann jede und jeder eine Christen-Gemeinschaft kennen lernen, in der er sich geborgen und wohl fühlen kann. Und wer die kunterbunte Vielfalt in Gottes Haus dann immer noch einen Mangel nennt oder gar auf Sünde zu reduzieren sucht, der hat vom Geist Gottes nicht viel begriffen.

Zum Schluss dieser lebendigen Woche frage ich hier:
WARUM sind WIR das: Einzigartig? Was hebt uns heraus? Niemand von uns ist doch besser als der andere. Gott hat doch JEDEN Menschen gemacht, großartig, nur wenig niedriger als Gott selbst. Warum also sind wir: Einzigartig?

Eine Antwort gibt unser Predigttext. Ich lese aus dem Kolosserbrief, aus Vers 27 des 1. Kapitels in eigener Übertragung:

¶:27 … Gott [wollte] kundtun, welch herrlichen Reichtum sein Geheimnis für die Völker birgt. Nämlich: CHRISTUS in euch, die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit.:¶

Geheimnisse- gibt es sie überhaupt noch? In unserer wissenschaftsgläubigen Welt, in der alles irgendwie erklärt werden kann? In der viele glauben, dass wenigstens irgendwann auch noch die letzte Frage naturwissenschaftlich geklärt werden wird?

Doch es ist wie so oft in unserer Sprache: Der Himmel Gottes ist nicht der Himmel der Flugzeuge, Glauben in Mathe ist nicht gleich dem Glauben an die Liebe, und auch Geheimnisse sind nicht gleich Geheimnisse:

Die einen VERSTECKT man, die anderen ENTDECKT man.

Zuerst die Geheimnisse, die wir Menschen VERSTECKEN.
Realitäten, die man geheim halten will. Die man verbirgt, dass sie nicht jeder sehen kann. Man sagt ja auch: Ein Geheimnis daraus machen.

Menschen MACHEN Geheimnisse. Es gibt Kindergeheimnisse und Familiengeheimnisse, Firmengeheimnisse oder Staatsgeheimnisse.

Wer solche Geheinisse anderen verrät, geht immer ein Risiko ein: Dass plötzlich das Schatzkästchen nicht mehr im Kirschbaum steckt.
Dass ein anderer die besten Plätzchen backt.
Dass Ergebnisse jahrelanger Forschung plötzlich anderswo zu Geld gemacht oder gar missbraucht werden.
Dass die Falschen wissen, wie der Zugangscode zur Atombombe heißt.
Das kann teuer werden und sehr weh tun. Geheimnisverrat – nicht zufällig ein Straftatbestand, und das nicht nur im Kino.

Über die ANDERE Sorte Geheimnis hat Mark Twain einmal gewitzelt: Das schönste aller Geheimnisse ist, ein Genie zu sein/ und es als einziger zu wissen.

Egal, wie Mark Twain das wirklich gemeint hat: Genies gibt es, und niemand kann schlüssig sagen, warum es nur so wenige Menschen gibt, die als Genies in die Geschichte eingehen. Und das, obgleich wir doch alle irgendwie aus den gleichen Bausteinen bestehen.

Hier sind wir an den großen Geheimnissen des Lebens. Den Geheimnissen, von denen Carl Friedrich von Weizsäcker meint, dass alle Physik diese Geheimnisse nie ERKLÄREN, sondern immer nur auf jeweils tiefer gelegene Geheimnisse ZURÜCKFÜHREN könne.

Geheimnisse, die man entdecken, aber nie auflösen können wird: Viele gibt es davon auf in unserem Leben. Einige davon lassen einen nie wieder los, andere hingegen interessieren einen nicht einmal.

Es gibt zum Beispiel Menschen, auf die Schrödingers Katze oder die Quantenphysik einen Bann ausüben, denen sie sich zeitlebens nicht mehr entziehen können. Schrödinger bekam für „seine Katze“ immerhin den Nobelpreis für Physik. Andere bekommen schon bei dem Wort Physik glasige Augen oder gar Alpträume.

Ähnlich ist es mit der Tiefe im Auge einer Katze oder einer Eule, dem Zauber einer Fjordlandschaft, einem Gemälde von Picasso oder einer Mjusik von Edward Grieg. Auch diese Geheimnisse werden nicht jedem offenbar, andere aber ziehen sie dauerhaft in ihren Bann.

Die Weihnachtszeit hat es nun mit einem eben solchen Geheimnis zu tun: Ein Geheimnis, das viele Menschen noch nicht einmal entdeckt haben, andere aber nie wieder loslässt.
Und das nicht erst seit gestern, sondern seit 2017 Jahren.
Es geht um das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.

Die Weihnachtstage feiern dieses Geheimnis in Stall und Krippe, Hirten und Engel, es begab sich aber zu der Zeit und Ehre sei Gott in der Höhe. Wer aber nicht GENAU hinsieht, nicht GERNE hinhört, der ist froh, wenn Weihnachten am 27.12. endlich zu Ende ist und der Weihnachtsbaum wieder aus dem Wohnzimmer kann und draußen weiter nadelt.

Die Epiphaniaszeit enthüllt das Weihnachts- Geheimnis.
Zieht das Tuch herunter, so dass man mehr sehen kann.
Aufzulösen ist dieses Geheimnis ja nicht.

Epihaniaszeit schenkt Weihnachten Zeit, es anzusehen, zu betrachten, sich fesseln, in seinen Bann ziehen lassen. Sich zu sammeln und besser zu begreifen. Anzusehen, was da geschehen ist mit der Geburt des Menschen Jesus, von dem es heißt, dass er Gott selbst sei.

Und da ist es gut, dass unsere Altvorderen im Glauben der Epihaniaszeit mehr zeitlichen Raum gaben als dem Weihnachtsfest selbst. Sonst würde sich Weihnachten in Sightseeing zu Krippenfiguren und Essen und Trinken erschöpfen.

Es ist gut, dass wir diese Zeit haben. Denn nach der Überraschung, das der unendliche Gott zur Weihnacht in einem Futtertrog liegt, braucht man eben Zeit. Man muss man Großes verarbeiten. Menschen ringen um Fassung und Einsicht.

So ziehen auch uns die Weisen, führende Wissenschaftler der alten Zeit, magisch in ihren Bann. Bis heute lassen sie uns Anteil haben an dem magischen Moment auf ihrem Weg, als der König der Juden nicht im Palast des Herodes, sondern in einem einfachen, armseligen Haus zu finden war. Könige menschlichen Geistes, die sich aufmachten, das Geheimnis der Weihnacht in einem Säugling zu betrachten.

DIESES Geheimnis ist es, das Saulus zu Paulus machte. Und das ihn nie wieder los ließ. Er und viele nach ihm setzten ihre Zeit, ihre Kraft und manchmal sogar ihr Leben daran, anderen Menschen dieses Geheimnis zu zeigen und sie dadurch zu be-geistern.

 … Gott [wollte] kundtun, welch herrlichen Reichtum sein Geheimnis für die Völker birgt. Nämlich: CHRISTUS in euch, die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit.

Gott ist Mensch geworden. Ein Geheimnis ist geboren. Verborgenes und Unsichtbares liegt ausgebreitet vor unser aller Augen. Ein Stern leuchtet über diesem Geheimnis. Alle können ihn sehen.

Nach den Weisen haben auch wir uns auf den Weg dahin aufgemacht. Haben Jesus kennengelernt. Waren dabei, wie dieses Kind aufwächst und zu einem besonders göttlichen Menschen wurde. Hörten seine Predigten, die uns zu den Menschen machten, die wir sind: Zu den Seligen, die nach Gerechtigkeit dürsten.

Wir haben den hilfreichen Samariter kennengelernt. Das Reich Gottes in ihm aufblitzen sehen, in dem Menschen DAS finden, wonach sie am meisten suchen: Den Anfang der großen Liebe Gottes.

All das durch das Kind in der Krippe. Dem Kind, das so vieles mehr wird als ein Wanderprediger und begnadeter Heiler. Jesus, der zum Christus wird. Der durch Kreuz und Auferstehung aufscheinen lässt, was Gott mit seiner Welt vorhat und was so schwer in Worte zu fassen ist:

DAS HEIL FÜR JEDEN MENSCHEN.

DAS ENDE von Leid und Tod, die unser Leben durch Terror und Gewalt einengen, schlecht machen und bedrohen.
DIE ÜBERWINDUNG von Hass und Herablassung, von denen Zeitungen, soziale Medien und viele Herzen überquellen.
DER ANFANG eines Lebens mit Gott, grenzenlos, frei, voller Liebe.
Gottes Herrlichkeit, herrlicher Reichtum in dem Land unserer Sehnsucht.

Das Geheimnis Gottes heißt Jesus Christus. In ihm liegen „verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“, schreibt Paulus kurz später (Kap. 2, 3). Dieses Geheimnis lässt Weihnachten die Welt sehen.

Und dieses Geheimnis wohnt in uns, weil Christus in uns wohnt. Und genau DAS ist es, was uns einzigartig macht.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Der Reformator Johannes Calvin hat auf die Frage, weshalb der Apostel zur Bezeichnung des Evangeliums ausgerechnet den Begriff des „Geheimnisses“ nutzt, mit einem WEITEREN Bild geantwortet:
Dem Apostel ginge es hier um die „herrliche Würde des Evangeliums“.

„Herrliche Würde des Evangeliums“:
INSEL DES FRIEDENS inmitten einer Welt, in der Millionen von Menschen erleben müssen, wie sich ihre Heimat in Chaos und Anarchie verwandelt, die alles, was ihnen lieb und teuer war, zerstört.
INSEL DER LIEBE in einer Welt, die Millionen von Menschen auf der Flucht sieht auf der Suche nach Menschen, die ihnen einen Ort überlassen, wo ihr Leben wieder Wurzeln bekommen kann.
INSEL DER FREIHEIT in einer Welt, in der Menschen hungern und verhungern, gefoltert und umgebracht werden.

„Herrliche Würde des Evangeliums“:
Das ist die Hoffnung, nach der sich diese ganze Welt sehnt.
Die Erkenntnis, dass Gott es gut meint mit dieser Welt und unserem Leben.
Die Sicherheit, dass Gott es ist, der das Leben schafft, der es trägt und der es vollendet.

„Herrliche Würde des Evangeliums“ – das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in der Krippe. Und Gott sorgt dafür, dass sein Geheimnis lebt und lebendig bleibt.

Maria hätte nie erfahren, was es mit ihrem Kind auf sich hat, wenn da nicht der Engel gewesen wäre. Die Weisen hatten die Prophezeiungen Jesajas, die wir vorhin gehört haben (42, 1-7), und das Leuchten eines neuen Sterns. Die Hirten bekamen sogar ganze himmlische Heerscharen. Und wir bekommen all das zusammen in jedem Jahr zu Weihnachten.
Damit das Geheimnis Gottes, damit CHRISTUS in uns lebendig wird und bleibt.

Mit diesem Geheimnis in uns werden die Menschen UM uns dem Geheimnis Gottes auf die Spur kommen. Weil jede Gemeinde davon redet. Weil jeder Christ das lebt. Auf seine Weise, einzigartig und unverwechselbar. Das Evangelium lebt in unseren Herzen und unseren Leben. Die „herrliche Würde des Evangeliums“ ist lebendig in der Kirche Jesu Christi überall auf dieser Welt.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Der herrliche Reichtum Gottes für alle Völker.
Das lasst uns in unsere Stadt oder unseren Ort tragen, wo immer wir auch wohnen.
Amen.

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