Gottvertrauen (2 Mose 19 1-6)

Gott erwählt Israel
eine unlösbare Verbindung
für IHN
und doch offen für alle
auf der Suche nach dem Reich Gottes

Wohl dem Volk, dessen Gott
der HERR ist
dem Volk,
das ER zum Erbe erwählt hat!
Ps 33,12
***
Wie ging es los?
Wie wird es enden?

Für uns persönlich scheint die Antwort auf diese Fragen klar: Unser Sein beginnt mit unserer Geburt.
Im kommenden Jahr ist das für mich genau sechzig Jahre her. Zumindest haben meine Eltern mir diesen Tag in den Kalender geschrieben: Am 25. Juni 1962 soll es geschehen sein, dass ich das Licht dieser Welt zum ersten Mal gesehen habe.

Soll. Denn erinnern kann ich mich daran nicht. Kein Mensch kann das. Aber wir wissen sicher: Lustig war dieser Geburts-Tag weder für uns noch für unsere Eltern. Eine Geburt ist eben genau DAS nicht: Ein Kinderspiel.

Auch wenn danach meistens alle Beteiligten froh sind, dass sie das erleben durften. Schon deshalb, weil sie mit dem nackten Leben davongekommen sind. Selbst manch werdender Vater soll dabei schon ohnmächtig geworden sein.

Wie es enden wird, scheint uns auch klar:
Mit dem Tag unseres Todes. Wann und wie der sein wird, liegt für uns aber im Dunkeln. Zum Glück, denn nicht jedem von uns wird das Sterben einfach gemacht werden. Da ist es besser, wenn wir vorher weder Tag noch Stunde wissen.

In einigem sind sich unser Anfang und unser Ende allerdings gleich: Beide liegen für uns im Dunkeln. Eine Erinnerung, ein Wissen um unsere Gefühle dabei haben wir nicht. Und egal, bei wie vielen Geburten wir dabei waren, egal, wie viele Menschen wir haben sterben sehen: Niemand von uns kann sich vorstellen, wie es ist, geboren zu werden oder zu sterben. Es ist so, als ob wir selbst nicht dabei gewesen sind oder sein werden.

Und so bleiben wir bei allem, was davor war oder danach kommt, auf unsere Lebenserfahrung und unser Nach-Denken angewiesen. Die Ergebnisse sind aber bei jedem Menschen anders. Auch wenn Grunderfahrungen sich ähneln mögen: Einer fürchtet den Tod, die andere seht im in Gelassenheit entgegen.

Das mag unser Menschenleben von dem der Tiere oder Pflanzen unterschieden. Wie Tiere oder Pflanzen denken, können wir bestenfalls experimentell ermitteln oder ahnen. Sie reden ja in einer Sprache mit uns, die wir nicht verstehen oder entschlüsseln können. So erscheint es eher unwahrscheinlich, dass sie über ihre Geburt oder ihren Tod nachdenken können.

Wir Menschen aber können das. Und mit diesem Nachdenken stellt sich bei uns die Frage nach dem Sinn unseres Lebens hier auf dieser Erde ein, das je nach Perspektive eine gefühlte Ewigkeit lang oder einen Wimpernschlag kurz ist und doch für irgendetwas gut sein muss.

Da wird die Einsicht lebendig, dass wir nicht einfach das nur sind, was irgendwann einmal geboren worden ist. Ich habe das begriffen, als ich merkte, dass ich gern den Körperbau meiner schlanken Mutter und den Schlaf meines Vaters geerbt hätte. Der hat zeitlebens auf die Frage: Hast du gut geschlafen? mit einem: „Ja, natürlich“ geantwortet.

Aber es ist für mich umgekehrt gekommen: Ich erbte den Körperbau meines Vaters und den superleichten Schlaf meiner Mutter. Ganz offenbar war gegen meine Wünsche anders entschieden worden. Von wem auch immer.

Inzwischen ärgere ich mich schon lange nicht mehr darüber. Denn ich habe auch viele Dinge von ihnen geerbt oder gelernt, über die ich mich heute freue oder die mir für mein Leben unentbehrlich geworden sind.

Ich glaube zum Beispiel, dass ich meine Art zu denken von ihnen geerbt habe: Theologisch von Vater und naturwissenschaftlich von Mutter. Und damit arbeite ich heute an jedem Tag, und das macht mir ausgesprochene Freude.

Was ich sicher auch von ihnen geerbt habe, und zwar von beiden: Mein Gottvertrauen. Für meine Eltern gab es nie einen Zweifel daran, dass sie aus Gottes Hand kamen, in Gottes Hand lebten und dort auch sterben würden.

Und ich denke und fühle das auch so. Und ich weiß, dass das ein Geschenk ist, weil nicht jeder so denkt und fühlt. Ein Geschenk, dass mein Leben bisher auch an solchen Tagen mindestens ein wenig schön gemacht hat, an denen es rein sachlich kaum einen Grund zur Freude gab.

Gottvertrauen: MEIN Vertrauen auf Gott.
Mein Vertrauen auf jemanden, den ich nicht sehe, aber dessen Existenz für mich unzweifelhaft fest steht. Weil ich eine Beziehung zu Gott habe. Und die eben nicht erst seit gestern, irgendwie schon immer.

Ja, ich weiß: Man kann auch zu einem Auto eine Beziehung haben. Oder zu irgendwelchen anderen Hobbys. Sogar zu seinem Spiegelbild.

Aber meine Beziehung zu Gott ist für mich etwas ganz anderes. Im Nachdenken, im täglichen Gespräch mit ihm lerne ich von ihm an jedem einzelnen Tag. Ich lerne, Dinge und Geschehnisse in meinem Leben neu oder anders anzusehen. Indem ich versuche, sie auch durch seine Augen und nicht nur durch meine anzusehen.

Das ist eine sehr lebendige Beziehung für mich, oft sogar lebendiger als zu Menschen, die mir am Tag begegnen.
Wo aber kommt diese Beziehung her?
Woher hatten meine Eltern die?

Mein Vater vielleicht von seiner Mutter – Wanda Jost, die Familie kennt in Hohenbruch fast jeder, wenn auch nicht unbedingt als regelmäßige Kirchgänger. Da war Wanda also eher eine Ausnahme (wenn Kirchgang und Gottvertrauen etwas miteinander zu tun haben, versteht sich).

Aber meine Mutter?
Ihre Mutter hat über so etwas wie Gottvertrauen eigentlich nie geredet, jedenfalls nicht mit mir. Und Mutters Vater, der strammer Nazi war, vertraute vor allem seinem Führer. Er war Atheist, wie man heute fälschlich sagen würde (in Wirklichkeit hatte er nicht KEINEN, sondern vor allem einen ANDEREN Gott als meinen).

Leider habe ich meine Mutter zu Lebzeiten nicht danach gefragt, ob sie ihr Gottvertrauen von irgendwem Anderen aus der Familie „geerbt“ oder ganz anderswo her hatte. Aber selbst wenn ich es wüsste oder ahnen würde wie bei meinem Vater: Irgendwann muss die Beziehung zwischen Gott und Mensch ja einmal ihren Anfang gehabt haben. Also schon lange bevor es meine Familie überhaupt gab.

Aus der Sicht der Bibel ist zunächst eines klar:
GOTT ist es, der den ersten Schritt dazu macht, nicht der Mensch. Die ersten Menschen mussten Gott nicht suchen: Er war einfach da, war für sie wie Vater und Mutter, schenkte ihnen Leben und Überleben.

Gott war es, der sich an Noah wandte, der baute die Arche. Gott wandte sich an Abram, der zog gehorsam in ein ihm fremdes Land. Gott wandte sich an Mose, der nahm gehorsam die Aufgaben auf sich, die Gott ihm zugedacht hatte.

Mose wird zum Führer der Stämme Israels, die inzwischen in der Sklaverei in Ägypten leben müssen, weil die Ägypter vergessen haben, was sie dem Israeliten Joseph verdankten. Mose führt die Israeliten von dort weg, leitet sie trocken durch das rote Meer und in Sicherheit vor der Streitmacht der Ägypter.

Und im zweiten Mosebuch Kapitel 19 ist dann der Predigttext für heute zu lesen:
1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai.
2 Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.

3 Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen:
4 Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.
5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.
6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Bevor es irgendeine heilige Schrift gibt,
bevor es die zehn Gebote gibt,
bevor es irgendeine Art von Kirche gibt,
ist es Gott, der handelt. Er sucht sich ein Volk aus. Irgend ein ganz kleines, unbedeutendes. Nicht die reichen Ägypter, nicht das große Indien, auch nicht die Indianer oder Eskimos.

Warum gerade Israel, ein Sklavenvolk am Rande des Untergangs? Gott allein weiß es. Vielleicht, damit wir Menschen keine falschen Schlüsse ziehen. Die erste Kirche wird eben nicht, weil irgendein mächtiger Mensch das will: Sie ist Gottes Werk.
Israel ist Gottes Werk.

Mose weiß das. Mose weiß auch, dass er ohne Gott nicht weiterkommen kann und will. So lesen wir hier wie öfter in der Bibel von einem Gipfelerlebnis:
Mose steigt auf einen Berg.
Hinauf, denn Gott ist oben, Mose unten.

Und Gott spricht mit Mose. Eine lebendige Begegnung mit einem lebendigen Gott. Der Mose etwas zu sagen hat. In einem konkreten geschichtlichen Augenblick. Und Mose begreift, wie er mit dem Volk über Gott reden will, und geht wieder herunter und sagt es weiter:

Nicht ich: Gottes Hilfe hat euch vor den Ägyptern gerettet und euch hierher gebracht. Wie auf Adlerflügeln hat ER euch getragen. Hoch über der Welt, höher als alle Speere und Pfeile der Ägypter reichen. Weiter, als sie jemals mit Ross und Reiter kommen werden.

Hier, an dieser Stelle finde ich den Grundstein des Gottvertrauens: Gottes Stimme ist es, die Menschen und Völker in Bewegung setzt. Sein Wort ist es, welches Leben schafft und erhält. Was er zu sagen hat, schafft Bund, Freiheit und Beziehung.

Aber sein Wort ist Versprechen, ist Zukunft, ist Bund: Bund zwischen dem Ewigen Unendlichen und seiner Kirche. Sein Wille zwingt die Menschen zu nichts.

Auch wenn das Wort nicht fällt: Ein „Königreich von Priestern“ und ein „Heiliges Volk“ und Gottes „Eigentum… vor allen Völkern“ – nichts anderes ist Kirche. Egal zu welcher Zeit, egal in welcher Organisationsform, egal in welchem Teil der Erde.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Gott hätte sich auch die Ägypter, Inder, Indianer oder Eskimos erwählen können. Hat er aber nicht. Und die ganze Welt kann inzwischen wissen, dass Gottes Beziehung zu Israel seit tausenden Jahren lebt und lebendig ist. Jede Seite der Bibel erzählt davon. Ohne Israel würden wir also hier nicht im Gottesdienst sitzen.

Gottes Heiliges Volk ist dabei immer wieder seine eigenen Wege gegangen. Es hat Grauenvolles erleben müssen, gerade in Deutschland.

Doch durch die Jahrtausende hindurch hat Gottes Wort es immer wieder neu in den Bann gezogen. Gott wurde sogar Teil seines Volkes. Hat in Jesus Christus gezeigt, was Liebe, Freiheit und Macht Gottes für das Menschsein bedeuten.

So haben die Beziehungen des Menschen zu Gott längst die Grenzen des politischen Israel verlassen. Aber ohne den Juden Jesus aus Nazareth säßen wir auch nicht hier. Er lässt uns erfahren, dass die Liebe, Freiheit und Macht Gottes auch UNS gilt, dass wir Teil Israels geworden sind.

An Israel ist zu sehen, dass Gott seine Bundeszusage hält. Dass darauf Verlass ist, dass er mit den Menschen lebt, mit ihnen spricht und sie immer neu in seinen Bann zieht.
Gott ist es also, der Gottvertrauen wirkt und erhält.

Das bezeugt seit Jesus von Nazareth auch die weltweite Christenheit. Dabei geht auch diese Kirche immer wieder eigene Wege ohne Gott. Kümmert sich um Dinge, für die sie besser keinen Finger rühren sollte. Tut Dinge, ohne mit Gott darüber im Gespräch zu sein. Meint immer wieder, Gott genau zu kennen, ohne ihm die Ehre zu geben als dem, der größer ist als alles, was wir je verstehen könnten. Kirche kann es nicht besser, denn jede Kirche besteht aus Menschen. Und Menschen wissen selten genau, was sie tun.

Und doch ist es in den Kirchen der Welt zu finden: Gottvertrauen. Das Gott selbst wirkt und will. Hier zieht er Menschen in seinen Bann. Nicht mit Gewalt, sondern mit der Freiheit seines Wortes, das Menschen überzeugt, weil es Wahrheit ist.

Und da sind wir bei der Antwort auf der Frage nach dem Sinn unseres Lebens. Gott hat uns als freie Lebewesen geschaffen. So, wie er Israel aus der Sklaverei befreit hat, befreit er auch jeden einzelnen von uns von den Knechtschaften, die Menschen auf dieser Welt erfahren müssen.

Aber Gottvertrauen, das Vertrauen darauf, dass der lebendige Gott an jedem Tag mit uns lebt, er uns auf Adlerflügeln hoch über den Gefahren dieser Welt trägt, dass wir stets seine Stimme hören und ihr folgen können, bis wir in seinem Reich ewig geborgen sind: Das ist ein Sinn, den zu leben sich lohnt.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
machen uns zu einem Königreich von Priestern,
zu einem heiligen Volk, zu Gottes Eigentum.
AMEN

 

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