Gottes Vision der neuen Welt (Mi 5, 1-4)

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht,
was sich außen abgespielt hat, sondern/
Verborgenes und Unsichtbares/
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Was Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1,14a

***
Wir ziehen um! Nach Brandenburg! Als ich das in der 8. Klasse meinen Mitschülern in Zehdenick kundtat, stieß ich vor allem auf GEOGRAFISCHES Unverständnis. Neubrandenburg, das liegt doch irgendwie im Norden, oder?

Nein, nicht die Bezirksstadt Neubrandenburg. Die Kreisstadt Brandenburg. Ach, die gibt es auch? Wo liegt die denn? Na, auch wie Zehdenick an der Havel, flussabwärts, westlich von Berlin. Oh. Noch nie gehört davon.

Brandenburg. In der DDR eine Stadt, die man nur zur Kenntnis nehmen musste, wenn man etwas mit dem größten Stahlwerk, dem größten Knast oder der größten Nervenklinik des Landes irgendetwas zu tun hatte. Oder mit den Kasernen in und bei der Stadt. Oder wenn mit der Bahn zwischen Berlin und Magdeburg unterwegs war. Aber welcher Zehdenicker war das schon?

Brandenburg. Die tausendjährige Stadt, von der aus dem Fischerdorf Berlin das Stadtrecht verliehen wurde. Die Stadt,
die der Mark Brandenburg ihren Namen gab und unserem Land heute noch gibt.

Irgendwann aber ist das alles unwichtig und vergessen. Die meisten Hohenbrucher wissen auch nur deshalb besser Bescheid, weil es da eine reformierte Gemeinde gibt, die inzwischen sogar mit Hohenbruch in einen Pfarrsprengel gehört.

BETHLEHEM: Wo liegt das denn? Hieß früher mal Efrata. Achso. Und das bitte lag wo? Ohne die Weihnachtsgeschichte würde das in unseren Breiten kaum jemand wissen. Bethlehem wäre irgendeine Kleinstadt im zerrissenen Israel- Palästina.

Wegbereiter dafür war der Prophet Micha. Seine messianische Weissagung, die in fast jeder Christvesper gelesen wurde, ist heute Predigttext; ich lese aus Kapitel 5 die Verse 1-4:

1 Und du, Bethlehem Efrata,
die du klein bist unter den Städten in Juda,
aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei,
dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.
2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit,
dass die, welche gebären soll, geboren hat.
Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel.
3 Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN
und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes.
Und sie werden sicher wohnen;
denn er wird zur selben Zeit herrlich werden,
so weit die Welt ist.
4 Und er wird der Friede sein.

Ob es ohne Micha jemals den Stall in Bethlehem gegeben hätte?
Den Stall, in dem die Schwangere aus Nazareth Mutter wurde?
Die Krippe, um die wir uns heute nach 2016 Jahren noch immer versammeln? Hätte Gottes Sohn aus Nazareth den Umweg über die Volkszählung und Bethlehem genommen? Hätten die Weisen aus dem Morgenland ohne Micha den Weg zu diesem König gefunden?

Als Micha diese Verse schrieb, war an Weihnachten überhaupt noch nicht zu denken, es ließ noch Jahrhunderte auf sich warten. Die Israeliten hatten keine relativ entspannte Festmeile, sondern gespannte politische Zeiten vor sich.

Unrecht, Gewalt, Korruption herrschte im Land. Der eigene König gefangen und misshandelt. Die Hauptstadt Jerusalem zerstört. Keine staatliche Gewalt, auch keine Hoffnung darauf, die all dem hätte etwas entgegensetzen können.

Die Bilder, die Micha hier benutzt, hatten für seine Hörer so zuerst eine politische Dimension. Die Hoffnung auf politische Verhältnisse, die das Volk Gottes aus seiner Bedrängnis
in eine gute Zukunft führen mögen. Darum der Blick nicht auf die Residenzstadt der Davididen, sondern auf die Heimatstadt Davids. Die Hoffnung nicht auf irgendeinen Führer, sondern auf einen noch nicht einmal Geborenen.

Und doch gehen diese Bilder Michas weit über einfache politische Versprechungen hinaus: Ein Herr, „dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“ – so redete man auch damals nicht über irgend einen irdischen Führer, nicht einmal über den großen König David selbst. Es war kein König zu erwarten, der „herrlich sein“ würde, „soweit die Erde ist“. Keiner, der der Friede in Person sein würde.

Kein Mensch hat jemals solche göttlichen Qualitäten von den politischen Größen seiner Zeit erwartet. Auch heute kann das kein Deutscher von der Bundeskanzlerin, kein Russe von Putin und kein Amerikaner von Trump erwarten. Zu erwarten
sind Leistungen und Fehlleistungen von Menschen.

Bethlehem ist also auch bei Micha keine schlichte Ortsangabe. Es ist theologisches Programm. Aus einer bedeutungslosen Kleinstadt wird die Rettung eines Volkes kommen, ja: Er wird herrlich werden, „so weit die Erde ist“. Und er wird nicht seinen, sondern GOTTES Namen groß machen.

So ist es wenig überraschend, dass christliche Ohren seit Weihnachten diese messianische Weissagung des Micha auf die Geburt Jesu Christi bezogen und beziehen.

Schon der Evangelist Matthäus sieht es so. Als die Weisen zu Herodes kommen, um den Geburtsort des neuen Königs zu erfragen, lässt er die Ratgeber des Palastes eben auf Micha 5 verweisen, verändert aber schon mal den Text ein wenig: Da ist Bethlehem „NICHT die kleinste“ unter den Städten in Juda. Seine Bedeutung wächst!

Im Evangelium nach Lukas wird Micha zwar nicht genannt, aber die Bilder des Micha werden zu Bildern der Weihnachtsgeschichte:
Die Krippe steht in einem Stall in Bethlehem. Maria ist die, die gebären soll. Der große Hirte Jesus bekommt Besuch von den vielen kleinen Hirten, die genauso unscheinbar am Rande der Gesellschaft leben wie Bethlehem im Schatten der Heiligen Stadt Jerusalem liegt.

Ist das nicht eigentlich Anmaßung? Darf man so mit den Worten des Micha umgehen? Mit seinem – und dem der anderen Propheten, deren messianische Weissagungen wir in unserer Weihnachtszeit lesen, um sie dann auf Jesus zu beziehen?

Doch schon Micha dürfte diese Bilder nicht selbst erfunden haben. Er war ein frommer Mann, lebte in den Traditionen seines Volkes. Er kannte also sicher auch die Predigten Jesajas.

Micha nimmt also Gedanken auf, die schon Jesaja hatte: Der Baum Israel ist gefällt, aber aus dem Wurzelstumpf Isai, das war Davids Vater, sprießt ein neuer Trieb. BEIDE Propheten lebten aus ihren Wurzeln.

Und Weihnachten lebt aus IHREN Wurzeln. „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart.“ „In Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein“. Jüdische Visionen in unseren Weihnachtsliedern.

Aber wir in dieser Kirche sind doch keine Juden. Ist das dann  nicht doch Anmaßung, dass wir das Erbe einer anderen Religion nutzen, um unser Christsein zu leben? Ist es nicht Missbrauch dessen, was die jüdische Gemeinde neben uns glaubt, bekennt und lebt?

Ich meine: Hier muss man ein zweifaches Nein sprechen.

Das erste Nein: Jesus war Jude. Sein zwölf Jünger waren Juden. Auch die 72 Jünger nach Matthäus oder Lukas waren Juden. Wir Christen erfanden uns nicht selbst. Unsere religiösen Wurzeln und die des Volkes Israel sind die SELBEN.

Rein religionsgeschichtlich ist das Christum Kirche demzufolge eine Abspaltung des Judentums. Man trennte sich, weil es gemeinsam zu schwierig war. So wie sich katholische West- Kirche von der orthodoxen Ost- Kirche trennte. Oder später die Kirchen der Reformation von der katholischen Kirche. Jede Rosenblüte aber hat dasselbe Recht auf ihre Wurzeln wie die Blüte neben ihr am selben Stock.

Das erste Nein ist also: Es ist keine Anmaßung. Micha ist ebenso messianische Vision Israels wie er Vision der Christenheit bleibt.

Das zweite Nein: Die Vision der gerechten Herrschaft teilen wir mit vielen Menschen auf der Welt, sehr wahrscheinlich gar mit allen. Nicht nur mit Israel. Auch mit den meisten Menschen unserer Tage. Nicht nur die Anhänger großer Religionen, auch religiös Ungebundene hoffen darauf.

Dass die Unfähigkeit vieler Menschen, sich LIEBEVOLL in Augen zu blicken anstatt herrschsüchtig, rechthaberisch oder arrogant:  Dass die sich wandeln ließe in ECHTEN Frieden – diese Hoffnung eint Reiche und Arme, Schwarze und Weiße, Junge und Alte.

Ich kann mich noch gut an eine Umfrage der Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ des DDR- Fernsehens erinnern, die auf dem Alexanderplatz in der Mitte der 80er Jahre von den Passanten wissen will: Was erwarten Sie vom neuen Jahr?

Neun von Zehn antworteten: Das Frieden wird. Und einer hängte hinten an: Auch in Vietnam. Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört. Vietnam? Weiß der nicht, dass die Amerikaner da abgezogen sind, dass der Krieg schon Jahre vorbei ist?

Aber dann merkte ich: Der weiß genau, was er sagt: Der meint mehr! Der versteht unter „Frieden“ sehr wahrscheinlich mehr als das bloße Schweigen von Waffen, mehr als nur die Zeit zwischen den Kriegen, mehr als die einfache Abwesenheit von Gewalt. Und so gesehen gab es keinen Frieden: In Vietnam nicht, aber auch in der DDR nicht.

„Vietnam“ war plötzlich gleichbedeutend mit „DDR“. Ein Wunder, dass die Nachrichtenmacher das nicht weggeschnitten haben. Vielleicht, weil sie das gemerkt hatten? Weil man die Sehnsucht nach echtem, umfassenden Frieden eben nicht wegschneiden kann?

Mein zweites Nein ist also: Nicht nur Juden und Christen, ALLE Menschen hoffen auf diesen Gott, der aus der Vision Michas spricht.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Natürlich kann man die Vision des Micha einfach nur politisch hören. Als Kritik an den damals Herrschenden. Aber das wäre genauso, als würde man heute Politiker GRUNDSÄTZLICH nur wörtlich, also grundsätzlich MISSVERSTEHEN wollen.

Natürlich kann man dem Wendekanzler Kohl Lüge vorwerfen: „Blühende Landschaften“ wird mancher Bürger in Neufünfland noch heute, 27 Jahre nach der „Wende“, nicht entdecken können oder wollen.
Oder man kann heute Frau Merkel unbekümmerte Blauäugigkeit vorwerfen, weil man ihr „Wir schaffen das.“ ihr lieber um die Ohren schlagen würde als persönlich daran mitzuarbeiten.

Wer aber mehr vom Leben erwartet als Stammtischparolen, wird  FAIR bleiben. Der wird politische Versprechen von politischen Visionen zu unterscheiden wissen. UND wissen, dass man Visionen nötiger hat als Versprechen. Denn Visionen sind mehr als Versprechen. Sie geben dem menschlichen Tun und Lassen, sie geben dem Leben eine RICHTUNG.

Michas Vision ist nun nicht nur eine politische, sondern eine theologische Vision. Sie öffnet den Blick in eine Welt, die unserer Welt, in der wir leben, entwachsen ist. Hoffnungen werden ausgesprochen, die jedem Menschen aus dem Herzen sprechen. Damals wie heute.

Luther hat solche Hoffnungen in seinem Weihnachtslied „Gelobet seist du, Jesu Christ“ in ebenfalls visionäre Bilder gefasst:

„Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß.“ Weihnachten bringt die Unendlichkeit Gottes in die Endlichkeit menschlichen Lebens.

„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein.“ Das Leben des Kindes in der Krippe leuchtet heller als jede Sonne, die wir kennen oder kennen werden.

Die Vision des gerechten Juden-Königs ENTWÄCHST dieser Welt: Die Rose der Weihnacht wächst aus den uralten Wurzeln des Stocks Israel. Jesus Christus wird zum Licht nicht nur für Israel, sondern für alle Menschen zu allen Zeiten.

Weihnachten ist eine der großen Visionen für die Menschheit. Sie erwächst aus der Treue Gottes zu seinem Volk und seiner Welt. Diese Gottestreue wird sichtbar an dem Kind in der Krippe. Gott macht Ernst:

Es gibt ihn jetzt, den Herrscher der Menschen, der Unrecht, Gewalt und Korruption beendet. Es gibt ihn jetzt, den Herrscher der Menschen, der in seiner Person der Friede selbst ist. Jesus Christus, der die Liebe Gottes versprüht und nicht einmal am Kreuz enden lässt.

Lasst uns Weihnachten feiern: Denn Weihnachten lässt in den Menschen die große Vision Gottes für seine Welt wach werden. Das ändert das Leben überall auf der Welt. Und dann ist Bethlehem ist keine kleine Stadt irgendwo in Palästina, sondern hier.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes verändern die Welt,
weil sie uns verändern. Amen.

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