Gnade, Liebe, Gemeinschaft: Heil (2. Kor 13, 11-13)

Das Geheimnis Gottes feiern
ohne es zu zerreden
das Geheimnis seiner Macht
das Geheimnis seiner Nähe
das Geheimnis seines Lebens

Geheimnis des Glaubens:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
2. Kor 13, 13
***

Ausnahmslos nette Menschen hier bei uns in der Gemeinde. Wir feiern Gottesdienst in dieser Kirche, in der schon unsere Mütter und Väter ihre Gottesdienste feierten. Wir haben unsere Bibel dabei. Aufgeschlagen liegt sie auf dem Abendmahlstisch als stete Erinnerung für jeden Tag der Woche: Hier, in diesem Buch, kannst Du Gottes Wort finden. Das Wort, dass dich selig macht.

Wir haben alles, was wir zu unserem Glück brauchen – das Leben in unserer Kirche könnte so schön sein.
Aber das wäre wohl zu schön, um wahr zu sein.
Darum geht es vielen von uns anders.

Sie erinnern sich an Zeiten, wo diese Gemeinde noch zu den großen Gemeinden gehörte. Bevor nach dem letzten Krieg die meisten Reformierten aus unserer Stadt Brandenburg in den Westen Deutschlands gingen.

Sie hören Nachrichten und wissen: Dieser Trend hält immer noch an. Nach einer gerade veröffentlichen Studie haben im Westen Deutschlands noch nie so viele Menschen gelebt wie heute, und bei uns im Osten sind wir auf der niedrigsten Einwohnerzahl seit 1905 angekommen, Tendenz weiter fallend.

Oder sie erinnern sich an die großen Konfirmandengruppen, zu denen sie selbst einmal gehörten, und erleben verstört die vergangenen Jahre, in denen wir hier in der Gemeinde überhaupt keine Konfirmation mehr hatten.

Sie sehen die Gesichter in unserer Gemeinde älter und alt werden und fragen sich, was denn werden wird, wenn die Alten uns voran in Gottes Reich gegangen sein werden.
Ja, wir werden ihnen folgen, aber was wird dann aus dieser Gemeinde, die uns unser Leben lang begleitet hat, die uns so wichtig ist?

Das ist nicht nur irgend ein flaues Gefühl. Da gibt es ZAHLEN, die unseren Gemeindeverwaltern Kopfzerbrechen bereiten. Das kann man auch nachlesen in der EKD-Studie „Kirche im Umbruch – Projektion 2060“. Sie rechnet aus: Bis 2060 wird sich die Gliederzahl der evangelischen Kirche halbieren.

Dann führt die „Projektion 2060“ aus, dass dieser Rückgang zur Hälfte an Zahlen liegt, auf die die Gemeinden selbst Einfluss nehmen könnten:
Mit mehr Taufen und Aufnahmen sowie weniger Austritten könne man durchaus etwas dagegen unternehmen.

Darum fragen sich viele:
Was also machen wir gerade falsch?
Was muss anders werden?
Woran müssen wir festhalten?
Was müssen wir neu anpacken?
Dabei gibt es keinen Mangel an Ideen und Konzepten.

Darum geraten viele Menschen in unseren Gemeinden derzeit unter großen Druck. Ihre Presbyterien sowie haupt- und nebenamtlich Mitarbeitenden erfahren den Bedeutungsverlust der Kirche oft auch als Entzug von Wertschätzung ihrer eigenen Arbeit. Was, du arbeitest noch in der Kirche mit? Hast du nichts Besseres?

Darum resignieren sie oder lassen sich anstecken von Aktionismus, der nach immer neuen Gemeindekonzepten, Gottesdienstformen oder Kirchenreformen sucht. Man hört gegenseitige Schuldzuweisungen, z. B. von Presbyterien und Synoden gegenüber der Pfarrerschaft oder der Pfarrerschaft gegenüber Dienstvorgesetzten und Kirchenleitungen.

Bis hin zu Zuständen wie in unserem reformierten Kirchenkreis, in dem sich seit über einem Jahrzehnt die Synoden darin gefallen, Arbeitsaufträge an den Kreiskirchenrat oder Arbeitsgruppen zu delegieren, nur um deren Ergebnisse dann in Grund und Boden zu kritisieren und sie dann im Papierkorb verschwinden zu lassen.

Ja, so ist das: Wir haben alles, was wir zu unserem Glück brauchen. Das Leben in unserer Kirche könnte so schön sein. Könnte.

Wenn wir in dieses dicke Buch auf dem Abendmahlstisch sehen, können wir feststellen, dass wir nicht die ersten Menschen sind, die Probleme mit ihrem Glauben haben. Oder mit dem Bodenpersonal Gottes.

So gab es zum Beispiel auch in der gerade erst gegründeten Gemeinde in Korinth ziemlich viele Sorgen. Natürlich waren es ganz andere Sorgen als unsere.

Bis zu dem Punkt allerdings, an dem Gemeindeglieder ihrem Gemeindegründer vorwerfen, nicht charismatisch genug zu sein und daran zweifeln, ob er wirklich ein echter Apostel sei.

Denn genau genommen sind das die Fragen vieler an ihre Gemeindeleitungen heute: Könnt ihr das alles nicht zeitgemäßer machen? Machen die anderen das nicht besser? Glaubt ihr, dass ihr noch auf dem richtigen Weg seid?

Für Paulus hingegen gibt es nur EINE Legitimation als Mitarbeiter Christi: Das ist die Berufung auf den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Sein Amt kann nicht von Christus getrennt werden. Damit steht und fällt alles.

Er fragt: Was hat das, was da teilweise in eurer Gemeinde läuft, eigentlich noch mit der Kirche Christi zu tun? Und er setzt seinen Gegnern seine „Theologie des Kreuzes“ entgegen. Sein Leben wie auch das Leben der Gemeinde mit all den schönen Seiten, gerade aber auch in all seiner Schwäche und Gebrochenheit muss dem Leben und Leiden Christi entsprechen.

Das ist keineswegs ein Zeichen der Schwäche, sondern der Auftrag. Seiner UND der Gemeinde. Mit deutlichen, zum Teil recht harten Worten verwirft Paulus darum die Lehren seiner Gegner. Sogar heftige Vorwürfe bringt er zu Papier. Voller Leidenschaft versucht er, die korinthische Gemeinde zurückzugewinnen.

Doch der Schluss dieses Briefes, seine letzten drei Verse, sind dann versöhnlich. Ich lese sie aus der Zürcher Bibel:

11 Im Übrigen, liebe Brüder und Schwestern, freut euch,
lasst euch zurechtbringen, lasst euch zureden,
seid eines Sinnes, haltet Frieden –
und der Gott der Liebe und des Friedens wird mit euch sein.
12 Grüßt einander mit dem heiligen Kuss.
Es grüßen euch alle Heiligen.
13 Die Gnade des Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des heiligen Geistes
sei mit euch allen.

Vergleicht man diesen Briefschluss mit den anderen des Paulus, sieht man einerseits, wie kurz er ist. Andererseits beschränkt sich Paulus so auf das Wesentliche, gewissermaßen auf das „Unschlagbare“. Alles Persönliche lässt er zurücktreten.

Was auch immer uns gerade umtreibt: Freut euch! Denn dazu habt ihr mehr Grund als zu allem Ärger! Viel mehr als das, was uns gerade trennen mag, ist das, was uns eint. Also: Lebt Frieden, wie Gott Frieden ist!

Grüßt einander mit dem heiligen Kuss!

Naja, seit der Küsserei der großen Staatslenker zu Ostblockzeiten kann man damit heute keinen mehr locken. Die Mund- zu Mundbeatmung zwischen Breschnew und Honecker war auch wirklich nie zur Nachahmung empfohlen, und erotisch war sie auch nicht.

Aber in Korinth ging es damals weder um Beatmung noch um Erotik. Der Heilige Kuss war Ausdruck des tiefen Friedens zwischen den Beteiligten und wahrscheinlich Teil der Abendmahlsfeier. Der Heilige Kuss war Beweis des Friedens in der Gemeinde und zwischen Gemeinde und Christus.

Diesen Frieden herzustellen vermag Gott, Paulus ist sich dessen sicher und nennt daher im letzten Vers drei Dinge: Gnade, Liebe, Gemeinschaft. Und verknüpft die ganz trinitarisch mit Christus, Gott und dem Heiligen Geist.

GNADE findet das Schöne und das Gute in JEDEM Menschen. Das hat Jesus gelebt. Jeder Mensch, der Jesus suchte, fand ihn zugewandt, einfühlsam und helfend. Egal ob Kind oder Greis, Frau oder Mann, schuldig oder unschuldig. Sie finden zu sich selbst und sich geheilt an Leib und Seele. Angefüllt mit Freude an diesem menschlichen Gott, der ihr Leben heilt.

Ihren Grund, ihr Fundament hat diese Freude in der LIEBE Gottes. Sie ist die Grundeigenschaft Gottes. Gottes Liebe kennt keine Grenzen, schafft die Himmel und alle Erden und alles, was lebt. Sie hält am Leben und trägt durch den Tod.

Gnade und Liebe können wir überhaupt erst wahrnehmen und erleben, weil der Heilige Geist und GEMEINSCHAFT stiftet. Untereinander und mit Gott. Die Gemeinschaft im Heiligen Geist lässt das Leben Freude und Heil finden, an Leiden und Misserfolgen nicht zerbrechen und durch den Tod zum Ewigen Leben kommen.

Die Gnade Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes werden den Konflikt zwischen den Korinthern und Paulus nicht eskalieren lassen. Vielmehr werden sie diesen Konflikt FRUCHTBAR austragen. Am Ende wird Versöhnung stehen können, die Gottes Frieden birgt.

Meine Schwestern, meine Brüder:

„Trinität“ ist hier bei Paulus nicht lediglich eine dogmatische Formel, von Menschen formuliert, um die Erscheinungsweisen Gottes zu beschreiben. Es ist vielmehr so, dass diese Erscheinungsweisen Gottes das Leben ändern: Das Leben in unserer Kirche könnte nicht nur schön sein, es ist wirklich schön.

Die GNADE Christi findet das Schöne und Gute in jedem Menschen. Auch in jedem von uns. Gnade ist die Kraft, die uns eigene Schwächen und innere Not aushalten lässt. Denn die Schwäche und die Not Jesu Christi am Kreuz lässt uns sehen, dass Angst und Not unseres Lebens TEIL dessen sind, was Jesus am Kreuz erlitt.

Das aber kann uns frei machen. Die Angst vor dem Bedeutungsverlust unserer Gemeinden und unserer Kirche in unserer Gesellschaft ist unbegründet. Denn wichtig ist allein, dass unsere Gemeinde für UNSER LEBEN MIT GOTT von Bedeutung ist.

Wir müssen nicht die Sieger sein.
Wir müssen keine idealen Kirchen suchen.
Denn die Gnade Christi sucht keine Superapostel, keine Superchristen, keine Supergemeinden.
Sie sucht einzig Menschen, die nach Jesus Christus fragen, ihr Leben an seinem Wort ausrichten, ihr Leben von ihm heilen lassen.

Die Gnade Christi macht uns stark, uns selbst in Frage zu stellen. Alles krampfhafte Mühen nach immer größeren Kirchentagen, immer charismatischeren Gottesdiensten und immer größerer eigenen Christenvollkommenheit kann weichen:
Weichen der gelösten Freude an Christus, der uns so nahe ist.

Die LIEBE Gottes umfängt und trägt mich, euch und alle, die sich in dieser Gemeinde versammeln.
Diese Liebe ist und bleibt Grundlage unseres Lebens, auch wenn oder gerade wenn wir sie immer wieder einmal nicht spüren können.

Egal, wie leicht oder wie schwer euch das Leben fällt,
egal wie nahe oder wie fern ihr Gott gerade seid:
Ihr seid getauft, Gottes Ja zu euch ist unverbrüchlich.

Schließlich die GEMEINSCHAFT des Heiligen Geistes:
Sie wird euch Gottes Liebe immer neu finden lassen.
Sie wird euch die Freiheit erfahren lassen, die aus der Gnade Christi erwächst.
Das wird euch Kraft geben, immer wieder mit Gott neu anzufangen, Wege zu erkennen, die von Gottes Heil wegführen, Verluste zu tragen, Trauer zu überwinden.

Ihr müsst kein Gemeinde-Ideal erreichen oder aufrecht erhalten. Ihr könnt aber die Wege gehen und die Formen im Gemeindeleben finden,
die gerade EUCH zu Gott führen
und seine Freude in gerade EUREM Leben groß macht.

Was auch kommen mag:
Lasst euch diese Freude an Gott in eurer Gemeinde nicht nehmen!
Die Gnade des Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.
AMEN

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