Ewiges Leben: Wollt Ihr das? (Joh 5, 39-47)

Sehen, Zuhören, Verstehen, Helfen, Lieben:
LEBEN

Gesehen sein, erhört werden, sich verstanden wissen,
Hilfe erfahren, geliebt sein auf ewig:
LEBEN MIT GOTT

Christus spricht:
Wer euch hört, der hört mich;
und wer euch verachtet, der verachtet mich.
Lukas 10,16

***

Jesus sagt nach Johannes 5:39 Ihr forscht in der Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu finden. Aber gerade die Schrift weist auf mich hin.
40 Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, obwohl ihr bei mir das Leben finden würdet.
41 Ich bin nicht darauf aus, von Menschen Anerkennung zu bekommen.
42 Aber ´bei euch ist es anders`. Ich kenne euch und weiß, dass ihr der Liebe zu Gott keinen Raum in eurem Leben gebt.
43 Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr lehnt mich ab. Doch wenn jemand anders in seinem eigenen Namen kommt, werdet ihr ihn mit offenen Armen aufnehmen.
44 Wie solltet ihr auch glauben können? Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen; nur die Anerkennung bei dem einen, wahren Gott sucht ihr nicht.
45 Denkt nicht, dass ich euch beim Vater anklagen werde. Mose wird euch anklagen – er, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt.
46 Denn wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, würdet ihr auch mir glauben; er hat ja über mich geschrieben.
47 Wenn ihr aber dem nicht glaubt, was Mose geschrieben hat, wie wollt ihr dann dem glauben, was ich euch sage?

Es gibt ja wirklich schöne Momente im Leben. Heute ist so einer. Wo wir froh zusammen sind und beim Feiern Gemeinsamkeit genießen. Freundliche Menschen neben uns mit einem Lächeln im Gesicht, niemand leidet Hunger oder Durst, Stress und Sorgen stehen hinten an. Wenigstens bis heute Abend.

Aber die anderen Momente gibt es eben auch. Tage, an denen gar nichts so läuft, wie wir es gern hätten. Wenn einem die Steine so in den Weg geworfen werden, dass frau oder man sich die Beine bricht.
Einer die letzte Kraft aus dem Körper rinnt.
Einem die Freude am Leben vollständig ausgetrieben wird.

Und jetzt diese Frage: Wollt ihr ewig leben?
Oder doch wenigstens 120 Jahre alt werden?

Je jünger die Befragten, desto unbekümmerter kommt ein: Na klar, das wäre doch Spitze. Ich könnte noch so vieles sehen, erleben, mitnehmen.

Und je älter die Befragten, desto vorsichtiger werden die Antworten: Na ja, wenn ich 90 werde und es mir dabei gut geht, meine Knochen ordentlich ihren Dienst tun, mein Gedächtnis mich nicht im Stich lässt, es meinem Partner gut geht, genug Geld da ist… Schließlich läuft alles irgendwie auf die Weisheit zu: Alt werden will jeder, alt sein keiner.

Und da haben wir heute wieder mal einen Predigttext aus dem Evangelium nach Johannes. Wieder mal einen Johannes, der wie ein Klaviervirtuose über die Text-Tasten jagt und so viele Wort-Töne zum Klingen bringt, dass alle am Ende des Stückes da sitzen und ihnen die Ohren nachklingen. Für jeden war etwas dabei: Für die Freunde harmonischer Klänge wie für die schräger Disharmonie.

Schon am ersten Satz unseres Textes bleibe ich hängen. Johannes schreibt: „Ihr forscht in der Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu finden.“

An diesem Satz fesselt mich gleich zweierlei.

Das erste: Bibellesen ist nicht gleich Bibellesen. Denn obwohl die so Angesprochenen offenbar die Bibel lesen, bleibt ihnen der Zugang zum Wesen Gottes ebenso offenbar versperrt. Sie forschen, aber sie entdecken nicht. Ihnen bleibt verborgen, dass Jesus in Gottes Namen vor ihnen steht.

Es kommt also darauf an, mit welchen Augen man die Bibel liest. Und weil man bekanntlich nur ein paar Augen hat, würden die Theologen lieber sagen: Welchen hermeneutischen Schlüssel man zum Lesen nutzt. Das hört sich kompliziert an, ist aber eigentlich einfach.

Liest man Bibel mit dem Schlüssel „Wie war es wirklich?“, vor allem also mit historischen Interesse, hilft sie einem nur an wenigen Stellen wirklich weiter. Liest man sie mit dem Schlüssel „Was kann ich über Gott lernen?“, dann ist sie das Buch der Bücher. Ein Buch, das sich nie ausliest und das einen nie wieder los lässt, sooft man es auch in die Hand nimmt.

Und zwischen diesen beiden gibt es noch viele andere denkbare Schlüssel, zum Beispiel: „Ist irgendwo im ersten Teil der Bibel die Rede vom Sohn Gottes Jesus von Nazareth?“ Mit diesem Schlüssel scheinen die Jesus- Skeptiker die Bibel zu lesen. Und die schließlich nicht fündig werden, und sie haben das auch gar nicht anders erwartet. Mose konnte ja nicht die leiseste Ahnung davon haben, was viele Jahrhunderte später durch Jesus geschehen sollte.

Und Johannes denkt dazu: Würdet ihr dagegen mit dem Schlüssel „Liebe zu Gott“ die Bibel lesen, würdet ihr sehr wohl finden: Jesus spricht im Namen Gottes.

Er handelt in seinem Auftrag. Ihr könntet entdecken, dass Jesus mindestens so groß ist wie der Prophet, von dem 5. Mose 18,18 geschrieben ist: „Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.“ Johannes dazu wörtlich: „Denn wenn ihr Mose WIRKLICH glauben würdet, würdet ihr auch mir glauben; er hat ja über mich geschrieben.“

Also: Auf den Schlüssel kommt es an. Ob man in seiner Tradition gefangen bleibt oder ob man sich bei Bedarf von ihr lösen kann. Befreien von dem seit Jahrhunderten fertigen Bild von Gott, seine angeblich immer gleichen Erwartungen an die Menschen und die Reaktionen, die von Gott zu erwarten sind.

Von all dem, von dem die Alten sagen, so sei es nun einmal. Es mag sein, dass sie Recht haben. Aber Gott IST nicht so, er LEBT. Nichts im Leben bleibt, wie es IST. Auch wenn es sich selbst treu bleibt: Leben ist neu. An jedem Tag, zu jeder Stunde.

Das hat Johannes mich hier neu entdecken lassen: Auch wenn meine Tradition vorgibt, dass sie nach der Wahrheit sucht, kann gerade das den Blick auf die Wahrheit verstellen. Wenn nämlich aus lebendigem Glauben starre Ideologie wird. Aus Liebe Dogma.

Aus dem lebendigen Gott ein Gott, den ich längst kenne, über den ich alles weiß, der mich nicht mehr überraschen kann. Das passiert, wenn ich nicht wachsam bleibe. Nicht regelmäßig nachsehe, ob meine Schlüssel noch zum Schließen taugen. Die Liebe zu Gott zum Glaubensbekenntnis erstarrt.

„Ihr forscht in der Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu finden.“

Da wären wir beim zweiten: Nämlich bei der Suche nach dem Ewigen Leben. Eines der Hauptthemen des Johannes. Es gehört für ihn zu den wichtigsten Fragen des Glaubens. Aber er hat dieses Thema nicht als Erster entdeckt. Es ist auch nicht dem Neuen Testament vorbehaltsen. Es spielt schon im ersten Teil der Bibel eine zentrale Rolle.

Schon in der Urgeschichte geht es darum. Die ersten Menschen leben im Garten Eden und werden versucht, so zu sein wie Gott. Sie essen gegen göttliche Empfehlung vom Baum der Erkenntnis. Dann meinen sie Bescheid zu wissen. Zu wissen, was gut und was böse ist. Dabei erkennen sie nur, dass es schlecht ist, nackt zu sein, obwohl das bis gerade eben nicht nur normal, sondern wie alles in Gottes Schöpfung „sehr gut“ war.

Darum müssen die Menschen den Garten Eden verlassen. So kann man am Ende des 3. Kapitels im 1. Buch Mose lesen: „Und er (Gott) trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“…“ dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!“

Also aus die Maus? Zu Ende, bevor es angefangen hat? Unerreichbar der Baum des Lebens, von dessen Früchten der essen müsste, der ewig leben wöllte?

So könnte man es lesen, wenn – ja wenn man den entsprechenden Schlüssel verwendet. Den Schlüssel des „Was geschrieben steht, das steht geschrieben“ zum Beispiel. Dann ist der Garten Eden mit all seinen verlockenden Bäumen tabu. So gut bewacht, dass jeder Einbruchs- Versuch nicht nur sinnlos, sondern tödlich ist.

Die Cherubim mit dem flammenden, blitzen Schwert sind nämlich niemals abgezogen worden. Sie stehen dort noch heute, jetzt. Alles Bibellesen wird nichts anderes ergeben: So steht es geschrieben. Sicher wie das Amen in der Kirche. Am Ende des Lebens stehen sie noch immer da. Tod- sicher.

Falsch. Das ist nur die halbe Wahrheit. Und weil das so ist, schreibt Johannes sein Evangelium. Wird nicht müde, sich und damit uns in den anderen Teil der Wahrheit zu vertiefen: Gott LEBT. Er HANDELT. Handelt in und durch Jesus.

Aller Anfang ist im Wort Gottes. Das war schon, bevor Himmel und Herde geschaffen wurden. Es hat keinen Anfang und auch kein Ende, denn es ist bei Gott, so wie Jesus bei Gott ist. Sein Wort wird Fleisch, Gott wird Mensch. Gott lebt auf dieser Erde. Er liebt auf dieser Erde. Er handelt auf dieser Erde – durch Jesus Christus. Er stirbt, wie alles Leben auf dieser Erde stirbt. Stirbt am Kreuz.

Aber das Ende des irdischen Daseins ist nicht Ende der Lebendigkeit Gottes. Er lässt es Ostern werden und den Propheten Jesaja Recht behalten (25,8): „Er wird den Tod verschlingen auf ewig…“ Und er lässt Nikolaus Hermann Recht behalten, der 1560 in dem Weihnachtslied „Lobt Gott, Ihr Christen alle gleich“ dichtet: Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür: Gott sei Lob, Ehr und Preis!

Meine Schwestern, meine Brüder:

Johannes lässt uns nicht zu Zeugen einer Rede GEGEN die Menschen werden, die Jesus nicht glauben wollen. Es geht nicht um eine Rede „gegen die Juden“. Denn er schreibt sein Evangelium FÜR seine Gemeinde. Er schreibt es für UNS. Für uns, die wir nach dem LEBENDIGEN Gott fragen.

Johannes redet nicht ÜBER andere. Er redet MIT uns. Weil er uns anstecken will. Infizieren mit der Liebe Gottes durch Jesus. Mit der Wahrheit über das Ewige Leben. Darum redet er unermüdlich darüber, dass da doch viel mehr ist als das, was wir sehen, riechen und anfassen. Will, dass wir sehen lernen, was er sehen kann. Jesus und der Vater sind eins. Jesus und wir sind eins. Wir Menschen sind GOTTES LEIDENSCHAFT.

Darum lässt Johannes uns hier die Fallen sehen, die auf dem Weg der Wahrheit liegen. Wir hören Jesus sagen: „Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr lehnt mich ab. Doch wenn jemand anders in seinem eigenen Namen kommt, werdet ihr ihn mit offenen Armen aufnehmen.“

Weil viele Menschen das Leben nur auf DIESER Welt wahrnehmen, werden sie taub für Gott. Tauschen seine Autorität gegen die von Menschen. Menschen, die fordern, was viele insgeheim für sich selbst wünschen: Macht, Reichtum, Sicherheit. Auf DIESER Erde, in DIESEM Leben.

Macht, Reichtum und Sicherheit: Für Menschen, die dies versprechen, waren Menschen immer bereit, zurückzustehen. Egal, wie Kaiser, Könige und Diktatoren hießen oder heißen. Für ihre „Ehre“, also zu ihrer Freude, stellten sie ihre Ehre, ihre Freude hinten an. Suchen den „Messias“ als politischem Herrscher.

Ihnen zur Ehre zogen Kaisertruppen gegen die Germanen, Kreuzritter gegen Andersgläubige, Deutsche in den totalen Krieg. Ihnen zur Freude brechen Fabriken über bettelarmen Arbeitern zusammen, gehen miserabel gebaute Hochhäuser durch einen defekten Kühlschrank in Flammen auf, verbreiten Terroristen Angst und Schrecken.

„Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen; nur die Anerkennung bei dem einen, wahren Gott sucht ihr nicht.“ Wichtig ist vielen, was die großen und kleinen Mächtigen von ihnen denken. Die Regierung von Staat oder Partei, die Regierung von Schule oder Arbeitsplatz, die Regierung der Clique oder der Familie. So wichtig, dass sie seelisch und körperlich Höllenqualen erleiden, wenn ihnen diese Anerkennung versagt bleibt. Die Anerkennung Gottes, seine Ehre, seine Liebe verblasst hinter all dem bis zu Unkenntlichkeit.

Johannes gibt uns den hermeneutischen Schlüssel für die Bibel in die Hand: Die Liebe zu Gott. Wer ihr Raum gibt, der wird erkennen:

Gottes Messias ist er selbst. Der lebendige, liebende Gott tritt in Jesus neben uns. Er lebt und liebt durch Jesus. Wenn wir in ihm bleiben, bleibt Gott in uns. Und dann bleibt auch Gottes Leben in uns, selbst wenn wir sterben müssen.

Gott zur Ehre, zu seiner Freude werden wir auch weiter Bibel lesen, zu Gottesdiensten kommen oder Feste feiern. Denn seine Ehre hat Folgen für uns, die sich lohnen:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes führen uns ins ewige Leben.
Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.