Die „rote Linie“ (Mk 3 31-35)

Weil Menschen denken, wie sie denken
reden, wie sie reden
handeln, wie sie handeln
ächzt die Schöpfung
leiden Menschen Qualen
sterben vor der Zeit

Die Liebe aber sagt in Christus:

Was ihr getan habt
einem
von diesen meinen geringsten Brüdern,
das habt ihr mir getan.
Matthäus 25,40
***
Familienbande. Ein schön doppeldeutiges Wort, das geradezu danach schreit, dass man mit ihm spielt. Wortspiele eben. Da sind die Beziehungen, die Bande, die die Menschen in einer Familie zueinander bringen und zusammenhalten. Da sind Familienbanden, die nicht nur Sizilien in Atem halten oder gar in Angst und Schrecken versetzen. Und ganz viele Bande und Banden dazwischen.

Am vergangenen Wochenende waren wir zum Familientreffen in Buckow (Märkische Schweiz). Da habe ich vor 43 Jahren meine Frau auf einer Rüstzeit des Pfarrkonventes Brandenburg kennengelernt. Es war schön, diesen Ort nach so langer Zeit einmal wiederzusehen. Und noch schöner, die Familie zu treffen. Über zwanzig Leute. Und von ihnen zu sehen und zu hören, was sich im letzten Jahr für sie verändert hat.

Dass wir uns inzwischen in jedem Jahr über ein Wochenende treffen, liegt sicher auch daran, dass die Chemie zwischen uns stimmt. Darum sind Anfahrtswege von teilweise über 600 km für fast niemanden ein Hindernisgrund. Für FAST niemanden.

Denn ALLE, die dazugehören würden, sind nie dabei. Die einen, weil sie es beruflich oder gesundheitlich nicht schaffen. Andere, weil die Chemie eben NICHT stimmt. Wie ein Cousin, der mit seiner Mutter und darum auch mit ihrer Familie über Kreuz liegt, wie man so sagt. Mutter und Kind haben es einfach schwer miteinander, und das soll nicht nur in unserer Familie vorkommen.

So kann man in den Buddenbrooks bei Thomas Mann lesen: „Senator Buddenbrook … sah, dass die Entwicklung seines Sohnes von Natur und infolge äußerer Einflüsse vorläufig keineswegs die Richtung einschlug, die er ihr zu geben wünschte. … Ein Bild schwebte ihm vor, nach dem er seinen Sohn zu modeln sich sehnte: das Bild von Hanno’s Urgroßvater, wie er selbst ihn als Knabe gekannt – ein heller Kopf, jovial, einfach, humoristisch und stark …“

Ja: Leicht hatte es der alte Buddenbrook mit seinem Sohn nicht. Der Sohn wollte und wollte dem Bild, das der Vater von ihm hatte, einfach nicht ähnlicher werden. Nur: Umgekehrt war es auch nicht besser. Nie konnte der Sohn den Erwartungen seiner Eltern gerecht werden. Nie.

Wie war das eigentlich mit Jesus und seinen Eltern? In der Kirchenzeitung war vor Jahren einmal eine Karikatur zu finden. An einer Hobelbank steht ein junger Mann, der mit viel zu großen Nägeln und viel zu wenig Glück versucht, einen windschiefen Stuhl zusammenzuflicken.

In der Tür der Werkstatt stehen seine Eltern. Ihrer Kleidung nach gehören sie deutlich längst vergangenen Zeiten an. Und der Mann sagt mit sorgenvollem Blick auf den werkelnden Sohn zu seiner Frau: „Lass uns dem ins Auge sehen, Maria: Ein richtiger Zimmermann wird aus ihm nie.“

Ob Jesus wirklich handwerklich unbegabt war, wissen wir nicht. Aber wir wissen, wozu er begabt war. Ganz offensichtlich war sein theologisches Wissen schon früh überdurchschnittlich. Er konnte schon als Kind Menschen in seinen Bann ziehen, wie uns die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel vor Augen führt. Jesus wurde ein begnadeter Prediger, ein hochsensibler Seelsorger und Krankenheiler. Schon bald begannen die etablierten Theologen, ein wachsames Auge auf ihn zu werfen: Er würde ihnen doch nicht etwa Unruhe stiften?

Im Markusevangelium kann man lesen, wie gefragt er war. Als er mit seinen Jüngern in ein Haus ging, strömten so viele Menschen dazu, dass Jesus und die Seinen nicht einmal dazu kamen, etwas zu essen (3,20).

Das konnte seiner Familie nicht gleichgültig sein. Wenn sie nicht Angst um ihn hatten, weil er hätte Hunger leiden müssen, dann doch darum, dass er Unruhe schürte und die Oberen gegen sich aufbrachte. Und das würde auch auf die Familie zurückfallen.

Außerdem war Jesu Familie ganz sicher fromm. Sie kannte die Stelle Sacharja 13,2: „Zu der Zeit, spricht der HERR Zebaoth, will ich … auch die (falschen) Propheten und den Geist der Unreinheit aus dem Lande treiben…“

War gar ihr Sohn, ihr Bruder so einer, der vom Geist der Unreinheit besessen war? Wurde Jesus vielleicht verrückt?
Also machen sie sich auf, um ihn nach Hause zu holen und das zu klären. So kommt es zur Begebenheit unseres Predigttextes Mk 3, 31-35 (Zürcher Bibel):

31 Da kommen seine Mutter und seine Geschwister, und sie blieben draußen stehen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.
32 Und das Volk saß um ihn herum, und sie sagen zu ihm: Schau, deine Mutter und deine Brüder und Schwestern sind draußen und suchen dich.
33 Und er entgegnet ihnen:
Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister?
34 Und er schaut, die im Kreis um ihn sitzen,
einen nach dem andern an und spricht:
Das hier ist meine Mutter, und das sind meine Brüder und Schwestern! 35 Denn wer den Willen Gottes tut, der
ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

Wer von uns könnte die Familie Jesu nicht verstehen? Dass sie Jesus nachgeht, ihn nach Hause holen will? Dass sie mit ihrem Vorhaben nicht in das fremde Haus hineingeht? Keine öffentliche Auseinandersetzung mit Jesus sucht, sondern das im Familienkreis klären will? Es wäre doch eher unverständlich gewesen, wenn sie keine Angst um ihn gehabt hätten, ihn einfach nur hätten das Seine machen lassen, sich NICHT um ihn gekümmert hätten.

Aber auch anders herum: Wer von uns könnte Jesus nicht verstehen? „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Geschwister?“ Viele sagen oder schreiben, das wäre barsch, brüsk oder ablehnend gewesen. Ich kann aber nicht finden, dass das zynisch oder „cool“ gemeint war. Denn die leiblichen Verwandten verweigern Jesus, was er im Moment braucht. Und er braucht wie jeder Mensch Unterstützung, Anerkennung, Begleitung.

Schließlich ist er kein Kind mehr, sondern inzwischen ein Mann von vielleicht dreißig Jahren. Er folgt keiner Laune. Er handelt nicht unüberlegt. Er macht vielmehr das, wozu er sich berufen fühlt. Er redet mit Menschen über Gott. Versucht, ihnen Gott nahe zu bringen. Ihnen nahe zu sein, ihnen zu helfen. Das ist sein Lebensinhalt. Seine Verwandten aber wollen ihn da wegholen, ja sagen wir ruhig: Ihn von seiner Arbeit abhalten.

So erkenne ich hier keine brüske Ablehnung, sondern innere Not, vielleicht auch Enttäuschung. Er spürt, dass er sich – im Moment -auf seine Familie nicht verlassen kann. Vielleicht muss er sich sogar von ihr fernhalten. Er lehnt sie nicht ab, aber er zieht eine rote Linie: Unter diesen Bedingungen wird er nicht mitgehen.

Darum sucht er andere, die ihm nahe sein können. Die ihm die Unterstützung, Anerkennung, Begleitung bieten können, die ihm seine leibliche Familie im Augenblick versagt.

Und indem er fragt: „WER ist meine Mutter, und WER sind meine Geschwister?“ gehen ihm die Augen auf. Ich habe gefunden, was sich suche. Das hier ist es, die Gemeinschaft der Familia Dei, der Familie Gottes. Und hier sind sie auch: Mutter, Schwestern, Brüder. Menschen, die den Willen Gottes tun.

Jesus richtet damit keine zusätzlichen moralische Forderung an die, die da sitzen. Er beschreibt einfach das Jetzt: Hier treffen sich Menschen, die einander brauchen, um gemeinsam nach Gott zu fragen. Damit tun sie genau das, was die Thora von ihnen erwartet. Den Willen Gottes. Hier gehört Jesus hin.

Wir haben gehört, wie Jesus auf das Ansinnen seiner Familie reagiert hat. Er ist nicht aufgestanden, er ist nicht mitgegangen und hatte dafür sehr gute Gründe.

Was wir nicht wissen: Hat seine Familie von draußen hören können, was Jesus drinnen im Haus zu den vielen sagte? Was haben sie getan, als Jesus nicht zu ihnen nach draußen kam?

Was wir dann aber doch wissen: Jesu Mutter und zumindest einige Geschwister begreifen später, wer Jesus war, was er konnte, was er für die vielen Menschen bedeutete. Maria folgt ihrem Sohn bis unter das Kreuz (zB Joh 19,25ff). Seine Geschwister, zumindest einige, gehören zur frühen Jerusalemer Gemeinde (zB 1Kor 9,5).

Im Nachgang erweist sich also, dass es nicht zum Bruch zwischen Jesus und seiner Familie kam. Es zeigt sich, dass Jesus in dieser Beziehung Recht daran tat, eine rote Linie zwischen ihm und seiner Familie zu ziehen und diese auch nicht zu übertreten.

Diese Begebenheit hat für uns,
liebe Schwestern und Brüder,
eine doppelte Dimension:
Eine psychologische, ermahnende,
und eine theologische, befreiende.

Zur Psychologischen: Die Beziehungen auch in den Familien sind zerbrechlich. Wenn in den Familien nicht mit Achtung und Respekt das Beste des jeweils anderen Menschen gesucht wird, können sie scheitern, ja sogar krank machen. Phantasien und Erwartungen, die zu BILDERN führen, denen ein anderer Mensch gleich werden soll, führen zu schweren Konflikten.

Horst Eberhard Richter schreibt dazu: „Mal soll das Kind Rang, Titel, Besitz stellvertretend für die Eltern erobern oder wiedergewinnen, mal soll es durch Bildung, ‚feine Lebensart’ oder als filmendes, schlittschuhlaufendes, musizierendes Star-Kind elterliche Ambitionen nacherfüllen…“ (Eltern, Kind und Neurose).

Ich habe auch schon familiäre Konflikte erlebt, wo die Kinder zum Ersatz dessen herangezogen werden sollten, was den Eltern in ihrer Partnerschaft fehlte oder versagt geblieben war. Und bei Eugen Drewermann (Das Markusevangelium) kann man lesen, dass man am Verhalten Jesu sehen könne, wie „unerhört schwierig, aber auch wie unbedingt notwendig es ist, Vater und Mutter, die gesamte eigene Herkunft, in psychischem Sinn zu verlassen“.

DAZU dient die rote Linie, die Jesus zieht. Vater und Mutter zu ehren ist eben keine einseitige Angelegenheit. Nichts, was nur durch die Kinder den Eltern gegenüber zu erbringen wäre. Denn wie KANN man Vater und Mutter ehren, also ihnen zur Freude und zur Stützung leben, wenn man deren Erwartungshaltung nie gerecht werden kann?

Als Hanno Buddenbrook mit sechzehn Jahren an Typhus stirbt, stirbt er zu jung, um diese rote Linie insbesondere seinem Vater gegenüber zu ziehen und durchzusetzen. Er wird nie die Gelegenheit bekommen haben, „Vater und Mutter zu ehren“. Weil Vater und Mutter sich nie über ihn freuen konnten.

Jesus und seine Familie erkennen die rote Linie: Jeder Mensch muss die Freiheit haben, das zu sein und zu werden, was er kann und will. Das gilt oder jede Altersbeschränkung. Das gilt im Verhältnis der Jungen zu den Alten und umgekehrt. Das gilt für Kleinkinder und Greise. Jeder Mensch muss der sein können, der er sein KANN UND WILL.

Und: Jesus und seine Familie lernen schlussendlich, MIT dieser roten Linie zu leben. Gerade so wird Jesus schließlich das Gebot erfüllen können, Vater und Mutter zu ehren. Diese rote Linie zu erkennen und nicht zu überschreiten – das ist die Mahnung unseres Textes, die wir lebenslang zu beachten haben.

Die theologische Dimension: Jesus lässt uns erkennen, dass die Frage nach Gott und seinem Willen uns Menschen die Familie Gottes finden lässt. Den einen Ort, wo der Geist Gottes GLAUBEN wachsen lässt, der uns stärkt und trägt.

In dieser Familie Gottes werden wir an die rote Linie erinnert. Denn hier erfahren wir, dass Gott sich in Jesus zu uns stellt und uns allen so mit Achtung und Respekt begegnet. Dass JEDER Mensch ein Ebenbild Gottes ist und gar nicht anders behandelt werden KANN als in Achtung in Respekt.

In dieser Familia Dei werden wir dadurch frei, die Schönheit UNSERES Lebens zu ERKENNEN, das Gott, der Allmächtige, uns geschenkt hat und erhält. Und es dann mit denen zu TEILEN, die es so nötig haben wie wir selbst. Ihnen die Unterstützung, Anerkennung und Begleitung zu gewähren, die uns durch Gott gewährt ist und gewährt wird.
Durch das liebevolle Wort, die helfende Tat, das stete Gebet.

In der Familia Dei tragen uns
die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Ein Ort der Freiheit lebenslang
und ewig.
AMEN

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