Die Falle mit Sahnehaube (Luk 18 9-14)

Wer bin ich wirklich?
Der, der ich gerne wäre?
Der, den andere sehen?
Halte ich mehr von mir, als ich bin?
Traue ich mir weniger zu, als ich kann?
Bin ich hochmütig?
Bin ich kleinmütig?
Demütig?

Die Begegnung mit GOTT
zeigt wer ich bin
aus ihr wächst Mut
zum Gehen
zum Fallen
zum Aufstehen
zum Glauben der die Welt überwindet
Mut zum Dienen
Demut.

Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
1 Petrus 5,5b
***
Du bist der Mann! (2. Sam 12)
So hatte sich König David das ganz sicher nicht vorgestellt. Da kommt Nathan zu ihm, erweist ihm alle Ehre und bittet den König um eine höchstrichterliche Entscheidung. Dem ist David gern nachgekommen. Zumal Nathan ja nicht irgendwer ist. Er hat einen Namen als Prophet im Lande, hochgeachtet von vielen.

Doch ohne es zu ahnen spricht David diesen Urteilsspruch über sich selbst. Der Spieß ist hinterrücks umgedreht worden und richtet sich nun gegen ihn selbst. Im Moment des Urteils wird aus dem Richter der Gerichtete. Aus dem auf dem Thron einer, der auf die Knie gehen muss.

Wer bin ich selbst? Ich frage mich das öfter. Nicht nur in Momenten, an denen ich mich über mich selbst ärgere, weil ich anders war, als ich eigentlich wollte. Auch an Tagen, wo mir alles zu viel wird und ich mich frage, was ich ändern sollte.
Muss ich selbst auch so schnell herunter von meinem Lebensstuhl und auf die Büßer-Knie?

Wer bin ich selbst, das frage ich auch jetzt, wenn ich das Tagesevangelium vom Pharisäer und dem Zöllner nach Lukas 18 lese, das heute Predigttext ist. Ab Vers 9 steht das Gleichnis (Luther 2017):

9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Wer bin ich selbst?
Mach ich es doch an dieser Geschichte fest.
Bin ich Pharisäer, bin ich Zöllner? Seit ich die Geschichte als Kind zum ersten Mal gelesen habe, habe ich den Zöllner geliebt. Pharisäer werden wollte ich nie. Habe ich das geschafft, heute mit achtundfünfzig Jahren?

Ein mich im wahrsten Sinne TREFFENDES Gedicht von Eugen Roth:
Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!

Ich habe mal irgendwo im Netz einen Bericht gelesen, dass einer seinen Steuerberater verklagt hat. Der hatte nämlich versäumt, seinen Mandanten, der Alleingesellschafter einer GmbH war, auf die für eine Gewinnausschüttung fällige Kirchensteuer hinzuweisen.

Nun sollte der Unternehmer 9000 € für das Jahr zusätzliche Kirchensteuer zahlen. Hätte er das aber vorher gewusst, wäre er aus der Kirche ausgetreten. So solle doch nun der Steuerberater die 9000 € aus eigener Tasche zahlen.

Der Richter sah das auch so. Begründung: Ein Steuerberater hat die Pflicht, seinen Mandanten vor möglichem Schaden zu bewahren. Aktenzeichen, Ende des Berichts.

Ich bin nicht sonderlich gut im Rechnen. Aber wenn ich bedenke, dass die Kirchensteuer ca. 9% der Lohn- oder Einkommenssteuer ausmacht, ahne ich, welcher Gewinn da zu versteuern war:

Das müssten wohl 200.000 € sein, zusätzlich zum bereits versteuerten Gewinn. Das sind aufs Jahr verteilt fast 17.000 € Bonus je Monat. Und der so Belohnte geht dann auch noch hin und zieht seinen Steuerberater vor den Kadi, um den seine Kirchensteuer zahlen zu lassen. Die ist zwar nicht unbedingt ein Schaden für die Allgemeinheit, aber doch für den Unternehmer so kurz vor dem Ruin.

Da lobe ich mir doch den Pharisäer. Denn die Pharisäer waren mitnichten die Erfinder des gleichnamigen Getränkes, in dem sich hochprozentiger Alkohol scheinheilig unter einem Sahnehäubchen und Kaffee versteckt. Der Pharisäer gehört vielmehr zu denen, die sich ihren Glauben mühen.

Pharisäer machten Ernst mit ihrem Glauben. Sie überließen das Bibellesen nicht allein den theologisch belesenen Schriftgelehrten, sondern lasen selber. Sie drängten das Beten nicht in den wöchentlichen Gottesdienst ab, sondern kamen auch außer der Reihe in den Tempel, um mit Gott zu reden.

Sie fasteten regelmäßig, um sich nicht in Gedankenlosigkeit zu verlieren. Und sie gaben ein Zehntel ihres Einkommens an Kirche und Arme, weil sie wussten: Gelegentliche Kollekten reichen hier nicht aus.

Merke: Ein Zehntel des Einkommens, nicht 9% der Lohnsteuer. Die Gruppe der Pharisäer lebte dafür, dass der Glaube auch im Alltag Früchte trägt. Dafür lebten sie. Wohl der Gemeinde, die solche Glieder hat. Damals, heute.

Der Zöllner dagegen gehört zu denen, die alle Spartipps ihrer Zeit in- und auswendig kannten: Zöllner damals waren nicht wie heute Staatsbeamte, sondern freie Unternehmer. Sie hatten den römischen Staat mit Geld zu versorgen. Darum zahlten sie einen festen Betrag an die Staatsmacht – und machten ihren Schnitt mit dem, was sie den Leuten abknöpften.

Ihrer Phantasie blieb es in gewissem Rahmen überlassen, wie viel sie verdienten. Und nicht wenige hatten es dabei zu erheblichem Reichtum gebracht. Da waren viele von ganz ähnlichem Schlag wie der Kirchensteuervermeider von eben.

Aber der Zöllner hier drückt sich nicht vor der Kirchensteuer, sondern geht beten. Sogar bis in den Tempel, der allen als Ort besonderer Gottesnähe gilt. Noch heute beten viele an den Überresten der Tempelmauer in Jerusalem aus gleichem Grund.

Und hier betet der Zöllner nicht in der ersten Reihe, sondern bleibt abseits stehen, wo ihn nicht gleich jeder sieht. Und er betet nicht irgendwas, sondern leiht sich Worte des Königs David. Der nach dem Besuch Nathans erkannt hatte, dass er Gott außer einem riesigen Berg Scherben überhaupt nichts vorweisen konnte.

David soll, als er seine radikale Gottesferne endlich begriffen hatte, Psalm 51 gedichtet haben, wo in Vers 3 zu lesen ist:
„Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.“ Oder eben in Kurzform: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ (Lk 18,13)

Jesus stellt in seiner Erzählung die Maßstäbe derer, die ihm zuhören, auf den Kopf. Er übt keine Kritik an der betrügerischen Lebenshaltung des Zöllners. Er stellt den Pharisäer nicht als leuchtendes Beispiel für frommes, am Wohl der Gesellschaft orientiertes Handeln dar. Das überlässt er einfach meinem Hinterkopf, meiner Phantasie. Und dann lässt er den Zöllner gestärkt nach Hause und den Pharisäer leer ausgehen.

Natürlich möchte ich auch gestärkt nach Haus gehen.
Nur WENN ich mich jetzt schon auf die Seite des Zöllners im Gleichnis schlage, dann sollte ich das auch einmal GANZ zu tun versuchen. Dann sollte ich auch seine Worte in meinen Mund nehmen:
Gott, sei mir Sünder gnädig.

Indem der Zöllner im Gegenüber zu GOTT so spricht, ist ihm klar:
Es liegen WELTEN zwischen ihm und Gott, dem Schöpfer. Da ist er mit seinem kleinen Leben, den gelingenden Anteilen und dem vielen, was misslingt. Weit entfernt von den Idealen seiner Gesellschaft, oft genug sogar weit entfernt von den eigenen Idealen. Weit entfernt davon, Gott Respekt zu zollen, indem er sich der Welt und ihren Menschen gegenüber so verhält, wie es einem Ebenbild Gottes ziemen würde.

Der Zöllner hat in dem Augenblick seines Gebets begriffen, dass Gott so heilig ist, dass man ihm nicht ins Angesicht sehen kann, ohne zu vergehen. Da ist eben kein Kuschel-Gott, kein gemütlicher Kumpel, der schon mal fünfe gerade sein lässt. Da ist viel eher eine einschüchternde, ehrfurchtgebietende Erscheinung. Ein Gott mit Anspruch an ihn selbst, streng und ernst.

Gott fordert ihn nämlich nicht nur ein bisschen zum Guten auf und gibt sich dann mit Halbherzigkeit und Bequemlichkeit zufrieden. Nein, Gott fordert ihn mit seinem GANZEN Leben, um damit auf Gott ausgerichtet, also „gerecht“ zu sein.
Gott fordert von ihm, ihn ernst zu nehmen in der Wahrheit, in der Treue, in der Nächstenliebe, in der Gottesliebe. Die Sache mit Gott ist keine halbe Sache. Es geht dabei um ALLES, um das ganze Leben.

ICH stelle mir oft lieber den tröstenden Gott vor Augen, der ansprechbar ist, wenn ich in Not gerate. Den lieben Gott, der mir nahe sein will. Der Zöllner aber lässt mich begreifen: Gott, der uns in seinem Sohn Jesus Christus so nahe ist, der sich uns zuwendet, uns sieht, hört, und liebt:
Gott ist BEIDES.
Ernst, groß, heilig, fern – und freundlich, nah, tröstend. Er LIEBT mich, ohne darauf zu achten, ob ich das verdiene, einfach aus Gnade, die schön werden lässt, was schön sein kann. Und er FORDERT mich, dieser Liebe und Gnade mit meinem Leben zu entsprechen.

Gott, sei mir Sünder gnädig.
Bei Sünde denken viele an das Stück Torte zu viel. Ab und zu kann man sich das aber leisten. Danach muss halt dann dafür büßen, wenn die Hose ein paar Tage lang schlecht zugeht. Oder man denkt an die Verkehrssünderkartei in Flensburg, das ist es für mich schon etwas ernster.

Aber Sünde ist eigentlich etwas ganz anderes. Kein einzelner Fehler, eine Dummheit, auch nicht eine Bosheit oder Lieblosigkeit, sondern Sünde ist das, was all diesen Dingen ZUGRUNDE liegt:
Ein Leben, das ungerecht ist, also seine Richtung verfehlt, weil es dem ZIEL nicht gerecht wird, was der Erfinder des Lebens, der Schöpfer des Universums vorgesehen hat.

Wenn ich Sünde nun kleiner werden, also den Abstand zwischen Gott und mir schmaler lassen will, hilft nur eines:
Der Mut zum Dienen. Die Demut.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!

Sich mit dem Zolleinnehmer im Tempel zu identifizieren und zu beten wie er – das könnte unglaublich befreiend sein. Verzichten auf jede Selbstbeweihräucherung. Nicht mehr aus sich machen müssen, als man ist. Auf ein Sicherheitsnetz aus Schutzbemühungen und Schutzbehauptungen verzichten und sich einfach Gottes Gnade in die Arme werfen. Und dann erfahren, dass man gehalten und getragen wird, gerechtfertigt aus Glauben durch die Gnade, die Gott verschenkt.

Aber Jede und Jeder, die sich auf die Seite des Zöllners schlagen, kommen automatisch in die Gefahr, als Pharisäer dazustehen. Zöllner und Pharisäer stehen dicht nebeneinander im Tempel. Hochmut und Demut liegen eng beieinander. Beide Wege, die Sackgasse und der Weg bis zum Horizont Gottes, sind an der Weggabelung kaum voneinander zu unterscheiden.

Aber Hochmut ist ein Weg ins Dunkel. Denn der Hochmütige muss jeden Tag, jede Minute vergleichen. Dieses Vergleichen mit dem augenscheinlich Schlechteren kann nie enden. Der Hochmütige muss ihn täglich führen, die inneren Verteidigungslinien und äußeren Panzersperren täglich neu aufbauen. Das kostet Kraft, Lebensglück, Liebe. Denn der Vergleich ist nur nutzloser Augenschein. Der Hochprozentige versteckt sich einfach unter der Sahnehaube.

Demut aber ist ein Weg ins Licht. Der Mut, sich selbst als klein zu begreifen und in den Dienst Gottes zu stellen. Nach GOTTES Weg zu fragen und ihn auch zu gehen. Und wenn man sich dann überhaupt vergleichen muss, dann einzig mit der Liebe, die Gott einem schenkt: Wie weit man dieser Liebe entspricht.

Bei Lukas beendet Jesus sein Gleichnis mit den oft zitierten Worten: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“
Wie aber kann man verhindern, dass diese Worte zum Programm und somit wertlos werden? Denn wer sich selbst erniedrigt, um erhöht zu werden- erhöht der sich nicht selbst, um dann zwangsläufig zu fallen?

David und Bathseba werden erleben, wie ihre Untreue der Treue Gottes begegnet. Man kann nachlesen, wie beide durch ein tiefes Tal der Tränen neues Leben finden, weil sie Gottes Liebe erleben.

Jesu Worte hier im Gleichnis sind frei von jedem persönlichen Angriff. Weder Zöllner noch Pharisäer bekommen das endgültige „Stiftung – Menschentest ‚Sehr gut’ oder ‚Durchgefallen’“. Jesus ist weder leistungsfeindlich noch sind ihm Lüge und das Leben auf Kosten Anderer gleichgültig.

Jesu Worte sind vielmehr WERBUNG für die DEMUT gegenüber Gott, der unserem Leben alles schenkt, was es braucht: Sonne und Wolken; Körper und Geist; Freunde und Gemeinde.

Demut zeigt uns:
Die Liebe Gottes ist es, die uns liebenswert macht.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus ist es, die uns frei macht von allem Vergleichen.
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist es, in der wir all das erleben und neu leben können.
AMEN

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