Die Erscheinung (Jes 60 1-6)

Jesus ist kommen
Kind aus der Krippe
Gott selbst herrscht
Grund ewiger Freude
Anfang und Ende, A und O
Himmel und Erde
rühmen seine Gewalt

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Die Finsternis vergeht
und das wahre Licht scheint jetzt.
1 Johannes 2,8b
***
Seit ich 2014 die Pfarrerstelle im reformierten Pfarrsprengel Hohenbruch-Brandenburg übernommen habe, habe ich elf Predigten an Sonntagen nach Epiphanias gehalten, aber noch nicht eine zum Epiphaniastag selbst.

Denn in unserem Bundesland Brandenburg ist Epiphanias kein Feiertag, man muss also darauf warten, dass der 6. Januar einmal auf einen Sonntag fällt. Und als das 2019 endlich einmal hätte klappen können, hatten wir Urlaub – also wieder nichts.

Darum will ich das heute nachholen, denn irgendwann sollten wir ja auch einmal über Epiphanias selbst nachdenken, bevor wir wieder viele Sonntage NACH Epiphanias feiern.

Sieht man allerdings in die meisten Kalender, war am vergangenen Mittwoch wohl eher der Dreikönigstag. Mein Kalender verriet auch dazu, dass der nicht in allen Bundesländern Feiertag sei.

Ich erinnere mich an meine Zeit als Pfarrer des Bundeswehrstandortes Holzdorf. Ein Militärflugplatz, der auf den Territorien gleich dreier Bundesländer liegt: Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.

Zum Bedauern aller Nichtbrandenburger lagen die Dienstgebäude alle auf Brandenburger Territorium, weswegen am 6. Januar nach Brandenburger Regel verfahren und also gearbeitet werden musste, während die meisten anderen aus der Familie einen Feiertag hatten.

Zum Ausgleich gab es dann Sternensänger, die durch die Kaserne zogen und bei Bedarf ihr C-M-B mit Jahreszahl und Sternchen über den Türen verteilten, praktisch vorgedruckt weiß auf schwarzem Klebestreifen, und für einen guten Zweck sammelten.

C-M-B: „Christus mansionem benedicat“ – Christus, segne dieses Haus. C-M-B bedeutet aber auch: Caspar, Melchior und Balthasar. So sollen die drei Könige der Legende nach geheißen haben, die darum auch auf unsere Weihnachtspyramide gekommen sind. Einer gelb, einer schwarz und einer weiß, für die drei damals bekannten Teile der Welt: Asien, Afrika und Europa.

Wenn ihr aber an das Tagesevangelium denkt, waren da gar keine Könige, sondern Weise (wörtlich steht im Griechischen Magier); es waren auch nicht drei, sondern einfach nur mehrere; und Namen hatten sie auch keine. Und die Krippe des Lukasevangeliums haben die Weisen des Matthäusevangeliums auch nie zu Gesicht bekommen.

Und weil es in der ganzen Bibel auch keine Stelle gibt, wo die drei Könige C-M-B auftauchen, wird eines schnell klar: Zu Epiphanias haben wir es mit einer Mischung aus verschiedenen biblischen und außerbiblischen Traditionen zu tun. Worum geht es nun?

Bei der Feier dieses Tages kann man neben dem Evangelium von heute (Mt 2,1-12) auch eine Lesung aus dem ersten Teil der Bibel in der Kirchengeschichte weit zurückverfolgen. Sie ist in diesem Jahr auch Predigttext; ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja Kapitel 60 die Verse 1-6:

1Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!
2Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker;
aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
3Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.
4Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. 5Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. 6Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.

Dieser Text stammt aus dem dritten Teil des Jesajabuches, dem sogenannten Tritojesaja. Das Edikt des Kyros hat das Exil der Israeliten beendet, sie dürfen wieder nach Haus zurück. Aber viele sind es nicht, die sich auf den Weg in ein Land machen, das sie seit Generationen nicht mehr gesehen haben.

Wie wird man das Land vorfinden, in dem einst Milch und Honig flossen? Was wird aus Haus und Hof geworden sein? Wird man sie überhaupt noch wiederfinden? Und wenn, wer wird darin wohnen?

Jerusalem ist eine zerstörte Stadt, ohne schützende Mauer und entvölkert. Die Bibel beschreibt sie wie eine von ihrem Mann verlassene Frau, verachtet, zurückgesetzt, gehasst. Der Tempel liegt in Trümmern. Überall herrscht Not und Traurigkeit.

Die Dunkelheit und die Zerstörungen sind so groß, dass es scheint, als lägen sie über der ganzen Welt: „Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker“.

Jetzt der Ruf: Mache dich auf! Werde licht! Zwei Befehle. Sie gelten fraglos dem Berg Zion oder Jerusalem als Ganzer. „Steh auf!“ ruft heraus aus der Depression von Trauer und Hoffnungslosigkeit.

Mit dem gleichen Befehl wird später auch Jesus die Tochter des Jaïrus aus dem Tod herausrufen (Mk 5,41). Hier wie dort ein Machtwort, so kräftig und laut, dass alle aus ihrer Erstarrung erwachen MÜSSEN.

Das Ziel dieses Aufbruchs: „werde licht!“ Werde hell, leuchte! Diesen Imperativ findet man im Alten Testament nur hier, das Bild des Lichtes gibt es aber natürlich öfter. Also ist das der Ruf in ein Heilwerden, in ein Frohsein – einen Zustand also, der mit der gegenwärtigen Erstarrung nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

Der Aufruf an Zion-Jerusalem zum Aufstehen und Lichtwerden appelliert nun aber gerade nicht an die eigenen Möglichkeiten. Es ist kein Aufruf zum Sich-Zusammenreißen, keine Aufforderung zur Selbstverwirklichung. Es ist der Ruf, die Perspektive zu ändern, endlich richtig hinzusehen: „denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!“

Die Epiphanie Gottes wird geschildert wie das Aufgehen eines neuen Sterns am Himmel. Dieser neue Stern erscheint exklusiv über Zion-Jerusalem. Die Herrlichkeit JHWHs entreißt sie der Dunkelheit und erstrahlt so hell, dass es alle Welt mitbekommt.

Und die Völker der Welt machen sich dann auch auf, um das Licht Jerusalems zu sehen, das da aufgestrahlt ist. Jesaja malt in teilweise überschwänglichen Bildern das neue Heil für Jerusalem und seinen Tempel aus. Völker und ihre Könige werden angelockt und ziehen herbei.

Und sie bringen all die mit, die dereinst fliehen mussten. Die einstigen übermächtigen Feinde Israels werden hier dargestellt als gebückte Diener, ja als sorgende Ammen, die „die Töchter auf dem Arm“ dahin zurücktragen, wo sie hingehören.

Und sie bringen dabei nicht nur die Menschen zurück, sondern überhäufen Jerusalem mit den größten Schätzen, die damals vorstellbar waren: Kamele, wohin man schaut, und ihre Jungtiere gleich noch dazu. Gold als Zeichen für unermesslichen Reichtum, Weihrauch für den Gottesdienst, und all das zum Lob JHWHs .

Dass man diesen Jesajatext und den Matthäustext zusammenbrachte, ist nun nicht mehr schwer zu verstehen, denn in beiden geht es um das gleiche Thema.

Da ist die Herrlichkeit Gottes, die so hell aufleuchtet, dass alle Welt es sehen MUSS – wie eine neue Sonne am Himmel, ein neuer Stern. Diese Herrlichkeit erfasst das Dunkel der Menschen, so dass sie aufbrechen. Bei Jesaja erfasst es sogar die Könige der Feindesvölker (seht ihr, da sind sie, die Könige!), und bei Matthäus erfasst es die Weisen, die Magier: Den Inbegriff der Heidenschaft.

Denn die Magier waren zwar hochgeachtet. Sie vertraten die fortschrittlichsten Wissenschaften der alten Welt, besaßen Unmengen an Büchern und versammelten so das Wissen der Menschheit in ihren ehrwürdigen, unendlich kostbaren Bibliotheken.

Aber gerade ihre Beschäftigung mit den Sternen und deren Deutung hatte für Israel etwas Anrüchiges, verehrten viele der Magier die Sterne doch als Götter.

Aber weder die sternegläubigen Magier noch die Könige der politischen Feinde kommen an der Erscheinung Gottes, an der Herrlichkeit des Herrn, an seiner Epiphanie vorbei: Sie alle kommen, IHM die Ehre zu erweisen. Alte Götter und alte Feindschaft spielen keine Rolle mehr.

Was bleibt, ist LICHT.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt.
Schöner kann man diese große Vision der Menschen kaum beschreiben. Diese Vision der Epiphanie Gottes, die alle Dunkelheiten des Lebens beendet. Diese Vision des ewigen Geheimnisses des Gottes Israels.

Das ist eine ganz andere Sorte Geheimnis als das, über das Mark Twain einmal witzelte: „Das schönste aller Geheimnisse – ein Genie zu sein und es als einziger zu wissen.“

Hier geht es um Geheimnis Gottes, das die Menschen seit Jahrtausenden immer neu ergreift und lebenslang ergriffen sein lässt. Und das im Geheimnis der Menschwerdung Gottes alle Jahre wieder von uns gefeiert wird.

Dabei packt das Weihnachtsfest ein und Epiphanias packt aus.

Die Weihnachtstage verhüllen dieses Geheimnis in Stall und Krippe, Hirten und Engel, es begab sich aber zu der Zeit und Ehre sei Gott in der Höhe. Wer nicht genau hinsieht, ist froh, wenn Weihnachten am 27.12. zu Ende ist und am 6. Januar der Weihnachtsbaum endlich wieder aus dem Wohnzimmer kommt.

Epiphanias und die Epiphaniaszeit legen ihren Schwerpunkt auf das Auspacken, also die Enthüllung dieses Geheimnisses.

Aufzulösen ist dieses Geheimnis, anders als das des Genies von Mark Twain, nämlich nicht. Aber man kann es auspacken, in Ruhe ansehen. Von allen Seiten betrachten, sich fesseln, in seinen Bann ziehen lassen. Sich selbst sammeln, mehr und mehr zu begreifen versuchen, was da geschehen ist mit der Geburt des Menschen Jesus, von dem wir irgendwann einmal mit Johannes begriffen haben, dass er das Licht der Welt ist: Dieser und der, die noch kommen wird.

Und da ist es gut, dass die Altvorderen im Glauben bei der Einrichtung des Weihnachtsfestkreises der Epiphaniaszeit mehr zeitlichen Raum gaben als dem Weihnachtsfest selbst. Denn sonst würde sich Weihnachten in Sightseeing zu Krippenfiguren und bunten Lichtern erschöpfen.

Nach der Überraschung, dass Gott in der Krippe liegt, braucht man eben Zeit, muss man Großes verarbeiten, ringen Menschen um Fassung und Einsicht. Von Jesaja über Matthäus bis zu uns heut.

Was in der Krippe liegt, ist so groß, dass die ganze Welt daran zusammenkommt: Der gelbe König mit dem Kamel, der schwarze König mit dem Elefanten, der weiße König mit dem Pferd. Denn das Licht des neu aufgegangenen Sterns führt sie alle nach Bethlehem.

Alle Schätze der Welt treffen sich hier: Der Reichtum des Goldes, Weihrauch für den Gottesdienst, Myrrhe für die Gesundheit des Leibes. Sie alle liegen in keinem Palast, sondern rund um einen Futtertrog.

Es ist wirklich Gott, der allmächtige Herrscher, der sich im Kind in Bethlehem seinen Menschen zuwendet, sichtbar, hörbar und fühlbar.

Epiphanias: Gottes Herrlichkeit erscheint.
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Nichts weniger
liegt in der Krippe.
AMEN

 

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