Der Weg nach Jerusalem

Ach mein Gott, wie wunderbar/ stellst du dich der Seele dar! Drücke stets in meinen Sinn,/ was DU bist und was ICH bin. (EG 504,6)

Wer ist Gott? Was ist er für uns? Wer bin ich selbst? Was wäre ich gern? Christ – das will ich sein. Darum bin ich jetzt hier. Darum werden sie alle jetzt hier sein, weil sie gern Christen sein möchten.

Wer ist GOTT? Schöpfer, Vater, Heiliger Geist. Was ist er für uns? Der Gerechte, der Liebende, der Erneuernde. Gott ist uns alles, unser Leben, das bekennen wir. Was aber bin ICH? Ein Christ? Bin ich das? Was ist das eigentlich?

Mancher unter uns würde vielleicht sagen, ein Christ sei, wenn man sich an die zehn Gebote halte. Aber die Botschaft der Bibel macht es uns nicht so einfach. Denn schon wie die Gebote zu befolgen sind, ist keine sichere Sache. Wie einer Vater und Mutter ehren soll, wenn die seit Jahren nicht mehr mit ihm reden, ist schwer zu beantworten. Oder wie soll ein Mensch leben, ohne zu töten? Nicht einmal ein Vegetarier könnte das.

Und dann: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Zwischen der biblischen Witwe, die ihren letzten Groschen spendet, und Herrn Hoeneß, der Millionen spendet und so gleich von der Steuer absetzt, ist wohl ein Unterschied. Die Witwe gab alles, Herr Hoeneß brachte das meiste in Sicherheit. Die Witwe wurde verewigt in der Bibel, Herr Hoeneß musste ins Gefängnis. Doch: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.

„Das entspricht meinem Verständnis von Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung. Steuerhinterziehung war der Fehler meines Lebens. Den Konsequenzen dieses Fehlers stelle ich mich“. Sagt Uli Hoeneß. Ist das nicht auch christlich?

Wieder andere würden sagen: Ein Christ ist, der regelmäßig in die Kirche geht. Aber nicht das Regelmäßig des Alle Jahre wieder. Einmal im Monat wenigstens. Aber selbst das ist strittig. Der Pfarrer und Arzt Albert Schweizer hat dazu bemerkt: Man ist noch lange kein Christ, nur weil man sonntags in die Kirche geht. Man wird ja schließlich auch kein Auto, nur weil man in eine Garage geht.

Was also ist ein Christ? Eine Frage, die sich jede Generation neu fragt. Eine Karikatur, die ich in im Netz sah, zeigt eine Gruppe von Menschen auf einem Sektempfang. Ach nein, also Christ sind sie! Ja, was macht man denn da so? Ja: Was macht man denn da so?

Was unterscheidet uns Christen von anderen Menschen, die ihr Leben versuchen, gut zu leben? Die Gemeinde des Hebräerbriefes hat eine große Vergangenheit in Sachen Christsein. Sie hat den „Kampf des Leidens“ (10,32) durchgestanden. Viele haben gar den Verlust ihres Besitzes erleben müssen (10,34). Schlimmeres, etwa das Leid „bis aufs Blut“, ist ihnen zum Glück bisher erspart geblieben.

Das bedeutet aber nicht, dass alles zum Besten steht. Im Gegenteil. Nachdem man sich standhaft gegen die Repressalien zur Wehr gesetzt hatte, steht man jetzt in Gefahr, träge auf dem Weg zu werden.

„Verlasst die Versammlungen nicht!“ Der Schreiber des Hebräerbriefes scheint eine erste Kirchenaustrittswelle zu erleben. Die große Vergangenheit der Gemeinde, alle bisher erbrachten Hoch- Leistungen, nicht einmal die aufrechte Haltung garantierten offenbar die Existenz der Gemeinde. Sollten Sie das schon erlebt haben- kein Zufall, durchaus beabsichtigt.

Was dann also macht Christsein aus? Was also macht man denn nun so als Christ? Der Autor des Hebräerbriefes versteht sich als „Wort der Ermahnung“ (13,22). … liebe Geschwister, nehmt dieses Wort der Ermahnung an; ich habe euch ja nur kurz geschrieben…“. Das ist natürlich relativ, kurze dreizehn Kapitel lang.

Damit will er die Christen beieinander halten. Er versucht das, indem er aufschreibt, was für IHN das Christsein ausmacht: Nämlich an Gott zu glauben.

Glaube meint dabei natürlich nicht das Gegenteil von Wissen. Glaube meint etwas, was einfaches Wissen weit übertrifft. Kurz vor unserem Predigttext kann man dazu lesen: Der Glaube „… ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.“ So in der Neuen Genfer Übersetzung, aus der ich auch weiterlese.

Als Beispiele für Glauben hält der Hebräerbrief seinen Lesern dann Lebenswege der Altvorderen vor Augen. In unserem Predigttext aus dem 11. Kapitel ab Vers 8 ist es die Abrahamgeschichte, an die der Verfasser erinnert:

8 Wie KAM es, dass Abraham dem Ruf Gottes gehorchte, seine Heimat verließ und an einen Ort zog, der nach Gottes Zusage einmal sein Erbbesitz sein würde? Warum machte er sich auf den Weg, obwohl er nicht wusste, wohin er kommen würde? Der Grund dafür war sein GLAUBE. 9 Im Vertrauen auf Gott ließ er sich in dem ihm zugesagten Land nieder, auch wenn er dort zunächst nichts weiter war als ein Gast in einem fremden Land und zusammen mit Isaak und Jakob, denen Gott dasselbe Erbe in Aussicht gestellt hatte, in Zelten wohnte. 10 Er wartete auf die Stadt, die auf festen Fundamenten steht und deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist. … 13 Sie alle… haben Gott bis zu ihrem Tod vertraut…. Sie erblickten (das himmlische Jerusalem) nur aus der Ferne, aber sie sahen der Erfüllung voller Freude entgegen; denn sie waren auf dieser Erde nur Gäste und Fremde und sprachen das auch offen aus. 14 Wenn sich aber jemand als Fremder und als Gast bezeichnet, gibt er damit zu verstehen, dass er nach einer Heimat Ausschau hält. 15 Hätten unsere Vorväter dabei an das Land gedacht, aus dem sie gekommen waren, so hätten sie ja genügend Zeit gehabt, dorthin zurückzukehren. 16 Nein, sie sehnten sich nach etwas Besserem, nach einer Heimat im Himmel. Daher schämt sich Gott auch nicht, ihr Gott genannt zu werden; schließlich hat er im Himmel TATSÄCHLICH eine Stadt für sie erbaut.

Sarah und Abraham – ihnen wurde schon vor Menschengedenken von Gott gesagt: Geht! Macht euch auf! Geht aus dem Vertrauten in ein neues Land. Es wird euch fremd sein. Aber geht, ich habe Großes vor mit euch.

Beide sind gehorsam und gehen. Weil sie dem Wort Gottes glaubten, gingen sie trotz allem, was so ganz offensichtlich dagegensprach. Lebten als Fremde in einem fremden Land.

Und Großes geschah: Beide waren hochbetagt, und doch bekamen sie noch ein Kind. Isaak wurde geboren. Und später die Enkel Esau und Jakob. Und später wurden Jakob und seiner Frau Töchter und Söhne geboren und so wurden es immer mehr. Ein großes Volk entstand. So wie es Gott Abraham und Sarah versprochen hatte.

Das also macht Glauben aus: Das Wort Gottes hören und ihm gehorsam sein. Vertrauen bis zum Tod. Aus der Hoffnung leben, dass alles guten Grund und gutes Ziel hat. Dem Ziel trauen.

Das Ziel von Sarah und Abraham: Das Beste finden. Eine Heimat, die auf Erden ihresgleichen sucht, weil man in ihr nichts, aber auch gar nichts mehr zu fürchten braucht. Beide warten auf die Stadt, die auf festen Fundamenten steht, deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist. Sie sind auf dem Weg in das himmlische Jerusalem.

Sie glauben fest an mehr, als sie sehen und verstehen. Darum können sie sicher sein: Gott hat das himmlische Jerusalem nicht nur versprochen. Er hat es auch gebaut. Es wartet auf sie. Es wird Heimat sein, die nie wieder genommen werden kann.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Nicht die glorreiche Vergangenheit der reformierten Glaubensflüchtlinge in unserem Land hält uns zusammen, gibt uns strahlende Zukunft. Die Vergangenheit erinnert uns freilich daran, wie richtig es war, Gottes Wort zu hören und ihm zu folgen. Immer schon. Zu Zeiten Abrahams, zu Zeiten der Flucht der Reformierten nach Brandenburg.

Aufbrechen, Altes hinter sich lassen, nicht genau wissen, was einen erwartet – schon immer sind es genau diese Aufbrüche im Leben, auf die man angewiesen ist. Sie machen das Leben wirklich aus. Auch und gerade unser Leben.

Wer zu einem Menschen JA sagt, kann das erleben. Es gehört zu den größten Dingen des Lebens. Liebe ist da und der große Wunsch, ein Leben gemeinsam zu leben. Und Zuversicht ist da, weil es sich so anfühlt, als könnte es ewig halten.

Aber sicher sein? Nein, das kann kein Mensch bei diesem JA für einen anderen. Auch wer sich für ein Kind entscheidet, geht los in fremdes Land. Woher sollen Eltern denn wissen können, dass alles gut wird? Niemand kann das wissen.

Aber es gibt viele gute Gründe, darauf zu hoffen, der inneren Stimme zu folgen. Eltern glauben daran, dass es Sinn macht, das neue Leben auf dieser Erde. Das macht sie von Herzen froh und zuversichtlich, einem guten Ziel zu folgen. So ist es mit allen Aufbrüchen ins Ungewisse.

Christsein ist genau so ein Aufbruch, aber ins ungewisse Gewisse. Christen sind nicht die besseren Menschen. Aber sie sind besser dran. Denn bei allen Unwägbarkeiten, bei allen Lasten, trotz Leid, Schmerz und Geschrei bleibt das Beste am Schluss: Die ewige Stadt. Unsere große Gewissheit.

Vieles mag zum Glauben dazugehören. Gottesdienste feiern, Kollekten sammeln, bauen, Strukturen ändern, Leben und Sterben, Frieden und Streit.

Aber in der Kirche bleibt für immer der Glaube an Gottes Liebe lebendig. Ein Glaube, der Berge versetzt, weil er Menschen unter dem Kreuz Christi versammelt. Dem einzigen Ort der Welt, an dem wir endlich nicht mehr uns selbst und unseren Wünschen, Träumen und Sehnsüchten ausgeliefert sind. An dem wir völlig frei davon werden, weil wir ganz bei Gott sein können und erleben, wie sehr er uns liebt.

Der Weg unter das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus führt uns in das himmlische Jerusalem, in dem schon Abraham und Sarah, Isaak und Jakob sind. Der Weg unter das Kreuz ist der Weg unter die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Wohin immer wir ziehen, wo immer wir wohnen: SIE bewahren unsere Herzen und Sinne hin zur ewigen Stadt. AMEN

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