Der Traum vom göttlichen Frieden (Jes 2, 1-5)

Die Vision vom Frieden Gottes
der Traum vom Zion
von dem das Licht der Welt ausgeht
Aus Jerusalem kommt, wonach wir uns sehnen.
Gottes Licht strahlt vom Berge Zion.

Lebt als Kinder des Lichts;
die Frucht des Lichts
ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5,8b.9

***

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. So wird Altkanzler Helmut Schmidt zitiert. Und da meinte er nicht die Visionen von den sprichwörtlichen tanzenden weißen Männchen auf der Gardinenstange.

Sondern es war auch ein kleiner Seitenhieb gegen Willy Brandt, der für sich in Anspruch nahm, visionäre Politik zu machen. Schmidt dagegen war eher für das handfeste, real Machbare zu haben. Also gehörten für ihn Menschen mit Visionen nicht in die Politik, sondern eher zum Arzt oder Apotheker ihres Vertrauens…

Vielleicht ist das in der Politik auch ein probates Mittel, sich nicht zu verzetteln und eine Klarheit zu verbreiten, für die Helmut Schmidt ja bei vielen sehr beliebt war- und ist, bis zum heutigen Tage. Andererseits vermissen heutzutage viele Menschen genau das: Visionen.

Sicher ist das eher eine Angelegenheit für den Glauben eines Menschen, traditionell also für die Kirchen. Aber da viele den Bezug zu irgendeinem Glauben verloren haben, werden es immer mehr, die das gern hätten: eine Vision für das Leben. Auch in der Politik, gerade im Wahlkampf.

Von de Saint-Exupery stammt der Satz: Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer: Eine schöne Vision. Wer Seefahrer erzählen hört, wie unterschiedlich sie sind, die Meere dieser Welt, beruhigend oder bedrohlich, verbergend oder kristallklar, Weite bis zum Horizont oder behütete Buchten unter Palmen- der kann sie schon vor seinem inneren Auge sehen und wird sie vielleicht teilen, diese Sehnsucht.

Und der wird dann all seine Gaben einbringen in das Projekt Schiffbau und seine Sache so gut machen wie irgend möglich: Mit eigener Phantasie und Ideen, mit volle Energie, mit allem, was er vermag. Denn das neue Schiff soll ohne Fehl und Tadel sein.

Ohne diese Vision aber fällt zum Feierabend der Hammer: Vertrag ist Vertrag. Dann verkommt der Schiffbau zum Job, eigenes Engagement und andere Zusatzleistung nur nach Absprache. Das kann auch klappen, wird aber nur sehr selten wirklich gut.

Darum ist es eigentlich eher umgekehrt, als Herr Schmidt sagte: Wer keine Visionen hat, wird irgendwann zum Arzt gehen müssen, weil das nicht gesund sein kann.

Kürzlich las ich ein Gedicht:
»Ich gestehe es: ich/
Habe keine Hoffnung./
Die Blinden reden von einem Ausweg. Ich/
Sehe. Wenn die Irrtümer verbraucht sind/
Sitzt als letzter Gesellschafter/
Uns das Nichts gegenüber«

Ohne Ausweg, mit ausschließlichem Blick auf das Sichtbare ins Nichts – die meisten Menschen, die ich kenne, würden mit dieser Lebenssicht ohne Hoffnung krank. Ob Bertolt Brecht, von dem diese Zeilen stammen, diese Sicht selbst ertragen konnte, ohne schwermütig zu werden?

Für mich sind Visionen der Nordpol des Lebens. Wie die Kompassnadel überall auf der Welt sich auf den magnetischen Norden ausrichtet, richten Visionen zu jeder Zeit des Lebens die Lebensrichtung neu aus. Sagen an einer Weggabelung: Dieser Weg könnte eher die rechte Richtung haben, jener aber eher nicht. Bestimmen Lebens- Richtung, lassen erkennen, ob man Erfolg hatte oder Misserfolg, lassen Misserfolge leichter ertragen und Erfolge schöner werden.

Eine dieser Visionen, die Menschen seit tausenden Jahren fasziniert, ist heute Predigttext, ich lese Jes 2, 1-4:

2 1 Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem.
2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen,
3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
4 Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Selbst die hochgerüstete kommunistische Sowjetunion hatte sich der Kraft dieses Bildes nicht entziehen können und schenkte einen muskulösen Schmied, der ein Schwert zu einer Pflugschar schmiedet, überlebensgroß in Bronze gegossen der UNO in New York.

Was sollte das bedeuten? Vielleicht: „ER wartet nicht darauf, dass Gott einmal das Reich des Friedens herbeiführt, er schafft es allein“? Oder: „Friedenmachen ist nicht Sache der Schwachen, sondern der STARKEN. Denn Kriege werden immer aus Verzweiflung geboren“?
Vielleicht beides?

„Schwerter zu Pflugscharen“ mit der Abbildung eben dieses Schmiedes vor der UNO wurde das Symbol der ostdeutschen Friedensbewegung. Viele trugen in DDR- Tagen das Symbol als Aufnäher auf der Jacke, kreisrund mit einem Roten Rand wie bei einem Verkehrsschild. Zumindest so lange die Deutsche Volkspolizei nicht zum Abtrennen zwang.

Kam dieser Zwang dann doch, schnitten besonders Standhafte die Figur samt Umschrift aus dem Aufnäher- dann blieb der rote Rand übrig. Und viele, die den Rest sahen, wussten dann Bescheid. Auch daran wird erinnert, wenn unsere Friedensdekade dieses Symbol auch heute noch nutzt.

Aber „Schwerter zu Pflugscharen“ ist nicht die Vision selbst, um die es hier geht, sondern genau besehen ihre FOLGE. Zuerst geht es um etwas anderes: Die Völkerwallfahrt auf den Berg Zion. „Alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!“

Die Völker kommen diesmal nicht in kriegerischer Absicht. Kommen nicht, weil sie Jerusalem erobern, plündern und zerstören wollen. Das taten sie in der Geschichte oft genug.

Sie kommen auch nicht, weil sie dorthin GEZWUNGEN werden, sondern weil sie DURSTIG sind nach dem, was Gott ihrem Leben zu sagen und zu bringen hat, weil alle Suche nach erfülltem Leben bisher erfolglos blieb. Lasst uns wandeln auf seinen Steigen! Von ihm werden Weisung und Recht kommen, sein Gericht wird wunderbar: Sie werden den Sinn des Lebens endlich erkennen, dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen, sie alle werden Frieden leben!

Menschen machen sich auf den Weg zu Gott, von denen man es bisher nie gedacht hatte. Menschen, von denen man bisher eher nicht gedacht hatte, dass sie auf der Seite Gottes stehen. Was für ein Traum.

Dieser Traum ist ein Dauermagnet. Nicht nur für uns Christen, sondern natürlich zuerst für die Juden. Schließlich steht diese Vision ja im ersten Teil der Bibel bei Jesaja. Und auch für Muslime ist Jerusalem ein Ort von zentraler religiöser Bedeutung.

Der Gottesberg Zion ist für die Juden mit der Klagemauer des Tempels der wichtigste Wallfahrtsort überhaupt. Er erinnert an die aus eigener Schuld verpassten Chancen, ist Mahnmal für unsägliches und unermessliches Leid, das den Juden durch die Jahrtausende hinweg von anderen zugefügt wurde.

Und der Jude Jesus KLAGT nicht nur über Jerusalem. Nein, sein Leben, seine Botschaft, sein Tod hängen an dieser Stadt. Ganz sicher teilte er Jesajas Vision der Völkerwallfahrt.

Auch für Muslime ist der Tempelberg mit der El-Aqsa-Moschee ein zentraler Ort der Anbetung Gottes. Ursprünglich beteten die Muslime auch in Richtung Jerusalem, bis das nach einer neueren Offenbarung in Richtung Mekka geändert wurde.

Die drei großen Religionsgemeinschaften geben Jerusalem darum den Beinamen „Heilige Stadt“. An ihr macht sich Sehnsucht fest, hier hat Vision einen Ort. Über Jahrtausende hinweg sind die Menschen auf ihrer Suche nach Gott unterwegs nach Jerusalem. Über Jahrtausende hoffen sie auf ein himmlisches Jerusalem.

Aber diese Bewegung, diese große Wallfahrt ist noch nicht zu Ende gekommen. Das gegenwärtige Bild ist noch nicht rund, nicht harmonisch. Etwas Entscheidendes fehlt noch: Der Friede zwischen Menschen. Auch unter denen, die in Jerusalem Gott suchen. Schwerter zu Pflugscharen: Das wunderbare Ende, das große Finale steht noch aus.

Verzweifelt mühen sich heute viele Nationen, Mali oder Syrien oder Afghanistan wenn schon nicht Frieden, dann wenigstens mehr Sicherheit zu bringen. Ein durchschlagender Erfolg aber lässt auf sich warten. Selbst bei uns in Deutschland oder bei unseren Nachbarn in Frankreich oder England ist der Friede des Zusammenlebens immer wieder gestört, vor allem, wenn Terroristen ihre Visionen in Mordanschlägen umsetzen.

Selbst in Kirchengemeinden, bis hinein in Familien, leben wir weit entfernt von „Schwertern zu Pflugscharen“. Gedanken der Selbstgerechtigkeit, Worte wie Schwerter, Taten ohne Liebe. Wege zum Zion sehen wahrlich anders aus.

Was also soll uns die Vision von der Völkerwallfahrt auf den Zion, vom Zug der Heiden nach Jerusalem? Sind wir die Blinden aus dem Gedicht, die von einem Ausweg reden, den es gar nicht gibt?
Behält Bert Brecht doch Recht, werden wir als letzten Gesellschafter das Nichts zu sehen bekommen? Haben wir unser Leben vertan, wenn unsere Visionen scheitern?

Meine Schwestern, meine Brüder:

Jesajas Vision hat noch einen Schlusssatz:
5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Oder anders: Wenn ihr diesen Traum habt, lasst uns aus ihm leben! Ähnlich Jesus in der Bergpredigt: Ihr seid das Salz der Erde, also salzt! Ihr seid das Licht der Welt, also leuchtet! Damit die anderen es sehen und sich daran freuen! Wenn wir davon träumen, dass selbst Menschen zu Gott kommen wollen, von denen wir es nicht einmal ahnen, sollten wir diesen Traum auch leben.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass mancher in unserer kleinen reformierten Personalgemeinde das „Bilderverbot“ schon so verinnerlicht hat, dass er als Ersatz dafür ein „Zahlenverbot“ brauchen könnte. Dass Zahlen inzwischen die neuen Bilder sind.

Denn Zahlen sind oft grausam, ohne Seele. Nämlich immer dann, wenn sie den Blick auf die Bilder verstellen. Denn wenige Teilnehmer oder geringer Kassenstand sind es eben nicht, die der Vision von der Völkerwallfahrt zum Zion die Kraft nehmen. Sondern eher die Tatsache, dass man den wenigen ihre Vision nicht abspüren kann, weil sie ihr Licht nicht auf den Berg, sondern unter den Scheffel stellen. Dass es wichtiger wird, auf Zahlen zu schauen wie auf ein Barometer, dessen Nadel Sturm anzeigt.

Oder dass die vielen Probleme, die man im Alltag hat, sich VOR die Hoffnung stellen, die man eben auch noch hatte. Dass daraus Sorgen wachsen und Macht gewinnen – obwohl doch Hoffnung wachsen und Macht gewinnen könnte.

Probleme kann man lösen, und wenn das nicht so ist, kann man ihnen verwehren, Macht zu entwickeln. Mit Zahlen kann man rechnen, aber sie sind kein Lebenselixier und auch kein Grund zur Furcht.

Denn wir haben Träume, die das Leben lohnen. Vielleicht gerade deshalb flüchten so viele in unser Land: Dann lasst sie an unseren Träumen teilhaben. „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!“

Wenn wir das heute lesen, erinnert uns das: Wir können uns getrost darauf verlassen, dass Gottes Weg ein gutes Ende nimmt. Das Ende auf seinem Berg Zion, in seinem Licht, im himmlischen Jerusalem. Getrost, denn dieser Traum trägt Menschen seit tausenden Jahren zu Gott.

Dann wird auch die Zeit kommen, in der sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen und er endlich da ist: Der Friede, der diesen Namen wirklich verdient.

Der Friede Gottes, der größer ist, als all unser Denken zu fassen vermag, und der unsere Seelen und Leiber bewahrt durch Christus Jesus. AMEN

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Der Traum vom göttlichen Frieden (Jes 2, 1-5)

  1. Sabine sagt:

    Lieber Malte, wie gut, dass Du uns mit Jesaja wieder einmal daran erinnerst, wofür wir leben:
    Aufstehen, wenn uns alles nieder zu drücken scheint. Leben, wenn um uns herum alles scheinbar erstarrt. Freude über Gottes Schöpfung empfinden, auch wenn wir sie über Gebühr beanspruchen statt sie zu bewahren. Aufeinander zugehen statt unsere Schwerter zu schärfen. Im (ganz) Kleinen wie im Großen. Auch, wenn es uns manchmal schwer fällt.
    Eben weil wir diesen einen Traum, diese Vision von Gottes Frieden haben. Ich zumindest habe es immer mal wieder nötig, mitten in meinem Hamsterrad „geerdet“ zu werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.