Dennoch! (Mt 15, 21-28)

Dennoch! Ein Wort des Trotzes. So oder ähnlich immer wieder zu lesen, wenn man in die Bibel schaut. Immer wieder, weit vorn, weit hinten.

Dennoch bleibe ich stets an Dir! spricht zum Beispiel der Beter des 73. Psalms. Dennoch! Jeder kann dort lesen: Der Psalmbeter spricht von und mit Gott. Er meint: Dennoch, Gott, bleibe ich an dir.

Eigentlich ist das verkehrte Welt. Denn wenn einer „dennoch“ sagen dürfte, dann doch sicher Gott: Wir, die Menschen kündigen ihm die Freundschaft, nicht er uns. An jedem Tag, in jeder Stunde neu: Menschen sind es, die nicht nach ihm fragen, ihm den Rücken zukehren, von ihm das Herz abwenden: Sie verlieren ihn aus den Augen. Nicht er sie.

Dennoch! bleibt der Ruf des Psalmbeters in den Ohren. Er hat offenbar Grund für dieses Dennoch. Und um diesen Grund geht es heute: Jede und jeder hat ihn, diesen Grund. Wer es ernst meint mit Gott, erlebt sie, die Enttäuschungen des Glaubens: Dass Gott so anders ist als erwartet. So unbelehrbar. So hart. So schwerhörig.

Die Gründe, dennoch zu glauben, müssen sehr schwerwiegend sein, damit man und frau es mitsprechen kann: Dennoch! Die Enttäuschungen mit Gott – damals wie heute keineswegs von der Hand zu weisen, keineswegs unbegründet, keineswegs zu verschweigen.

Denn wer immer nur schluckt, nie herauskommt mit der Sprache, dem läuft irgendwann die Galle über, dem wird irgendwann die Seele finster, dem geht irgendwann die Glaubensfreude abhanden.

Dennoch! Wolfgang Borchert schreibt sich in »Draußen vor der Tür« dieses Dennoch eines Soldaten des zweiten Weltkrieges von der Seele. »Ach, du bist alt, Gott, du bist unmodern, /du kommst mit unseren langen Listen von Toten /und Ängsten nicht mehr mit. Wir kennen dich nicht mehr so recht, /du bist ein Märchenbuchliebergott. /Heute brauchen wir einen neuen.

Oh, wir HABEN dich gesucht, Gott, /in jeder Ruine, in jedem Granattrichter, in jeder Nacht. / Wir haben dich gerufen. Gott! / Wir haben nach dir gebrüllt, geweint, geflucht! /Wo warst du da, lieber Gott? Wo bist du heute abend? / Hast du dich von uns gewandt? Hast du dich ganz in deine schönen alten Kirchen eingemauert, Gott? / Hörst du unser Geschrei nicht durch die zerklirrten Fenster, Gott? Wo bist du?«

Die Gottesenttäuschung dieses Mannes von gestern erleben auch die Menschen von heute. Seit Jahren verschollene Studenten in Mexiko, so viele Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut. Immer mehr Menschen ohne Lebensperspektive verlieren ihre Lebensfreude. Immer mehr Kinder, denen die Schule nichts mehr geben kann. Immer größere Teile des Sozialstaates, die nur noch als Geschichte leben, weil sie den Forderungen des Heute nicht gewachsen sind: Fragen über Fragen an die Schöpfungsallmacht Gottes.

Unser Glaube–der Sieg, er die Welt überwunden hat? Kann man sich den unüberhörbaren Johannäischen Optimismus im Wochenspruch angesichts der vielen  Fragen und der wenigen Antworten bewahren oder neu bekommen?

Unser Predigttext führt uns auf einen Weg zum „Dennoch“.
Mt 15, 21-28
21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.
22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
23 Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.
24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde

Jesus, zu dir kann ich kommen wie ich will – so haben wir Sarah Kaiser im Eingangsstück gehört. So wünschen wir uns Gott, so glauben ihn viele. Aber wie ist es in dieser Geschichte?

Eine Geschichte, die uns eine Welt voller Gegensätze sehen lässt:
Hier eine Heidin, dort ein Jude; / hier eine Frau, dort ein Mann, auch noch inmitten einer Männergruppe; /hier eine Mutter, dort sehr wahrscheinlich ein Kinderloser/ hier eine Schreiende, dort ein Schweigender; / hier eine Bittende, dort ein Abweisender.
Für Frauen ist diese Geschichte zunächst mehr als ärgerlich, für Männer mehr als peinlich: Eine gedemütigte Frau und ein herrischer, kalter Jesus!

»Christus ist nirgend so hart gemalet als hie«, sagt Luther in einer Predigt 1534 über diesen Text. Ohne Zweifel, Recht hat er: Dieses Gespräch zwischen der Kanaanäerin und Jesus zählt zu den wirklich harten Brocken im neuen Testament. Man sieht hier einen Gottessohn, von dem wir nicht glauben wollen, dass es ihn so gibt, ebenso wenig wie den Gott der Sintflut, des Isaakopfers oder Hiobversuchers.

Matthäus lässt uns in die abgeschlossen Welt Israels zur Zeit Jesu sehen, das voller Skepsis über seine Grenzen sieht: Aus dem Ausland kommt nichts Gutes. Matthäus lässt Jesus seinen Zeitgenossen aus dem Herzen sprechen: Das Heil des Gottes Israels für Ausländer? Kaum vorstellbar.

Diese Frau aber wird sich nicht abweisen lassen. Sie wird laut, bleibt hartnäckig, wirft sich zu Boden: Sie „hündelt“, steht im Griechischen. Und Jesus nimmt diese Geste gar noch auf, in dem er Frau und Straßenköter auf eine Ebene stellt.

Den Jüngern ist die Situation offenbar megapeinlich. Jesus, tu’ was, diese Frau geht uns auf die Nerven!

Was aber macht es schließlich möglich, dass Jesus seine Haltung ändert? Die Hartnäckigkeit der Frau ist es nur in zweiter Linie. Auch das Betteln der Jünger gibt kaum den Ausschlag. Die Frau vermag es vielmehr, ihren Glauben unüberhörbar klar auszudrücken:

Sie füllt in das alte Psalmwort die Wirklichkeit ihres Lebens: Dennoch bleibe ich stets an Dir! Sie spricht Jesus als den an, der er ist: Sohn Davids – Messias der Juden – Gesalbter Gottes – eben nicht als Wunderdoktor.

Ihr „Kyrie, eleison“ – Herr, erbarme Dich! – ist keine starre liturgische Formel, die allsonntäglich gesprochen oder gesungen wird. Ihr „Kyrie, eleison“ ist existenziell gefüllt und lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich sicher ist: Von Dir, Jesus, kommt meine Hilfe. Muss sie kommen. Dennoch!

Ja, Jesus, du hast recht: Das Heil ist im Volk Gottes. Aber Gottes Macht ist stark genug auch für mich, meine Tochter, mein Leben. Ein Brotkrümel reicht, er ist groß genug für mich, den kannst Du mir doch nicht abschlagen, oder?

Indem die Frau Jesus in seinen eigenen Worten fängt, gelingt es ihr offenbar, etwas bei Jesus zu verändern. Die Veränderung, die Jesus bisher bei den Menschen  bewirkt hat, kehrt zu ihm zurück. Er lässt sich bewegen. Die große Hoffnung eines jeden Gebetes, so lange diese Welt sich dreht: Gott lässt sich bewegen. Von dem Schrei eines Menschen. Laut oder erstickt. Voller Wut oder verzweifelt. Zerschlagen oder froh.

Darum lässt Matthäus Jesus endlich zustimmen: Frau, Dein Glaube ist groß. Ihre Tochter wird gesund. Ihr Dennoch hat erreicht, wozu es gesprochen war.

Wozu Matthäus das seiner Gemeinde aufschreibt? Wozu man heute diese Begegnung besieht? Offenbar deshalb, damit Christen die Seite ihres Glaubens ernst nehmen, die sie viel zu oft zur Seite schieben – und die doch ein so wichtiger Bestandteil des Glaubens ist.

Denn: So menschlich wie Jesus, der Messias Gottes, ist auch Gott selbst. Er schuf uns Menschen zu seinem Bilde! Er pflegt eine Beziehung zu uns Menschen, ja eine Liebesbeziehung. Und wir würden gut daran tun, das zu erkennen und zu erwidern.

Eine Liebesbeziehung rechnet mit einem Gegenüber, das quicklebendig ist. Nicht mit einem schwerhörigen Greis mit ellenlangem Bart, der unbeweglich auf einer Wolke im zwölften Himmel thront. Der sich einmauert in schönen alten Kirchen.

Das schließt ein, dass Gott sich anrühren und umstimmen lässt – etwa von Abraham, der mit ihm um das Leben der Menschen von Sodom feilscht. Oder von Jakob, der mit Gott um den Segen kämpft, eine ganze Nacht hindurch, und der Gott überwindet. Und von dieser Frau, von der Kanaanäerin, die sich nicht abwimmeln und vom Heil ausschließen lässt, sondern Erbarmen sucht und findet.

Gerade so aber wird deutlich, wer Gott ist: Er lebt, steht den Menschen fragend gegenüber. Es wird deutlich, wie Gott ist: Er hört auf das, was Menschen zu sagen haben.

Genau so klärt sich aber auch die Frage, wer etwas von Gott erwarten darf: Der Gott gegenüber seine Seele öffnet, der ihn hören lässt, was er zu sagen hat, der seinen Glauben nicht nur einen angefochtenen Glauben sein lässt, sondern zu einem streitbaren Glauben macht.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Unser Glaube hat es mit unserem Leben zu tun. Nicht mit irgendeinem Bilderbuchleben. Eingeschlossen hinter Kloster- oder Kirchenmauern. Unser Glaube hat es mit dem Leben zu tun, so wie es ist. Mit einer Welt, die so wunderschön ist, dass es einem der Atem stockt. Aber auch mit Tagen, Wochen oder Jahren, die einem den Schlaf rauben und die letzte Lebenskraft nehmen.

Früher war alles besser. Auch die Vergangenheit. Sagt der Sprücheklopfer, weil er weiß: Die „gute alte Zeit“ gab es nie und wird es nicht geben. Denn wir leben, sind frei, sind sogar für uns selbst unberechenbar. Nichts auf dieser Erde bleibt unveränderlich. Nicht einmal die Steine. Und weil sich immer alles ändert, ändern auch wir uns selbst, auch wenn wir „wir selbst“ bleiben. An jedem Tag unseres Hierseins.

Gott hat jeden einzelnen von uns nach seinem Bilde geschaffen. Jeder von uns ist ein Teil seiner Unendlichkeit und darum selbst unendlich. Gerade deshalb sind wir wenigstens in dieser Sache ihm gleich: Auch Gott ist lebendig, redet und hört, verändert andere und verändert sich, wehrt sich und gibt sich geschlagen, und doch bleibt er „er selbst“. Unveränderlich treu zu seinen Menschen stehend, die er geschaffen hat und liebt.

Jesus, zu dir kann ich kommen wie ich will: Ja, aber auch mit Zorn und Trauer, mit Glaubenszweifeln und Anklagen. Denn so bin nicht nur ich, so ist jeder von uns. Niemand von uns tut sich und seinem Glauben einen Gefallen damit, wenn er das verdrängt, nicht sehen will. Glauben ist nicht einfach »Ja und Amen«, sondern »Ja, aber«. Glauben ist lebendig.

Lebendig ist ein Glaube, der Gott als Lebendigen begreift. Glaube KANN sich deshalb nicht mit den so genannten Realitäten abfinden. Wenn denn Leben Änderung ist, will der Glaube die Änderung zum Besseren.

Dann schreit der Glaube Gott an und konfrontiert ihn mit dem Leben heute und jetzt. Glaube rechnet damit, dass Gott alles kann, und wird darum nie aufhören, Gott an seine Möglichkeiten zu erinnern, auch wenn er diese Erinnerung nicht nötig hat, auch wenn er weiter sieht als ich je sehen kann, auch wenn er anders entscheidet als ich es gerade möchte.

Lebendiger Glaube rechnet mit dem lebendigen Gott. Der, der Gott liebt, rechnet mit Gott, der den Menschen liebt. Lasst diese Seite des Glaubens in Euch nie verkümmern. Denn der Glaube friert sonst ein, wie eine bewegungslose Ehe einfrieren kann.

Wenn das Dennoch, das „Ja, aber“ immer wieder zu hören ist, egal ob geschrien oder nur gedacht, wird auch Gottes „Ja“ unüberhörbar sein. Da ist dann der Sieg, der die Welt überwindet, zu sehen für alle, die Ostern sehen können.

Glaube, der lebt, ist eine große Verheißung sicher. So, wie Menschen Gott ernst nehmen mit der Bitte: „dein Wille geschehe“,  so nimmt Gott auch dich und mich ernst: „Dir geschehe, wie du willst!“

Wer dies zu hören bekommt, erlebt den Frieden Gottes, der größer ist, als aller Verstand fassen kann –
Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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