Demut (Hiob 23)

Wer bin ich?
Der, der ich gerne wäre?
Der, den andere zu Recht erwarten dürfen?
Halte ich mehr von mir, als ich bin?
Traue ich mir weniger zu, als ich könnte?
Bin ich hochmütig?
Bin ich kleinmütig?
Oder beides?

Wer nicht scheitern will
braucht Mut
zum Gehen
zum Fallen
zum Aufstehen
zum Glauben, der die Welt überwindet
Mut zum Dienen
Demut.

Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
1 Petrus 5,5b
***
2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf;
SEINE HAND DRÜCKT SCHWER, DASS ICH SEUFZEN MUSS.
3 Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden
UND ZU SEINER STÄTTE KOMMEN KÖNNTE!
4 So würde ich ihm das Recht darlegen
UND MEINEN MUND MIT BEWEISEN FÜLLEN
5 und erfahren die Reden, die er mir antworten,
UND VERNEHMEN, WAS ER MIR SAGEN WÜRDE.
6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten?
NEIN, ER SELBST WÜRDE ACHTHABEN AUF MICH.
7 Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten,
UND FÜR IMMER WÜRDE ICH ENTRINNEN MEINEM RICHTER!
8 Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da;
GEHE ICH NACH WESTEN, SO SPÜRE ICH IHN NICHT.
9 Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht;
VERBIRGT ER SICH IM SÜDEN, SO SEHE ICH IHN NICHT.
10 Er aber kennt meinen Weg gut.
ER PRÜFE MICH, SO WILL ICH BEFUNDEN WERDEN WIE DAS GOLD.
11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn
UND BEWAHRTE SEINEN WEG UND WICH NICHT AB
12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen
UND BEWAHRTE DIE REDEN SEINES MUNDES BEI MIR.
13 Doch er hat’s beschlossen, wer will ihm wehren?
UND ER MACHT’S, WIE ER WILL.
14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist,
UND HAT NOCH MEHR DERART IM SINN.
15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht,
UND WENN ICH DARÜBER NACHDENKE, SO FÜRCHTE ICH MICH VOR IHM.
16 Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht,
UND DER ALLMÄCHTIGE, DER MICH ERSCHRECKT HAT;
17 denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen,
UND NICHT, WEIL DUNKEL MEIN ANGESICHT DECKT.

Das Buch Hiob – Weltliteratur besonderer Qualität.
Das habt ihr sicher gemerkt, als wir den Predigttext (Hiob 23) vorhin mit verteilten Rollen gelesen haben. Satz für Satz kunstvoll gesetzt, ähnlich wie die meisten Psalmen in Parallelismen gearbeitet. Ein besonderes Versmaß, in dem der erste Vers-Teil das Thema vorgibt und der zweite es mit ganz neuen Worten nachdrücklich neu spricht.

Es kann sein, dass der Schriftsteller, den wir nicht mehr kennen, dieses Buch nach einer biographischen Vorlage geschrieben hat. Dass es Hiob, den Gerechten, der nach und nach alles verliert, wirklich gegeben hat. Hiob, der allem Elend zum Trotz seinen Glauben nicht verliert. Hiob, dessen Schicksal ein Happy-End erfährt.

Wer das Buch liest, wird aber schnell merken, dass es gar nicht darauf ankommt, ob es Hiob wirklich gab oder nicht. Denn Themen des Buches sind das große Leid, das Menschen in ihrem Leben treffen kann, die Frage nach dem Warum und die Frage nach dem Glauben an Gott, der das alles ganz offenbar zulässt.

Damit greift das Buch, dass sicher zweieinhalb Jahrtausende alt ist, Themen auf, die schon lange zuvor die Menschen beschäftigt haben, heute immer noch beschäftigen und beschäftigen werden, so lange die Welt sich dreht.

So ist das Buch Hiob weit über die Grenzen des Juden- oder Christentums bekannt, immer wieder zitiert oder auf andere Weise genutzt. „Adams Äpfel“ zum Beispiel, ein dänischer Film, der auf teils drastische Weise ein modernes Märchen mit bizarrem Happy End erzählt, ist durchzogen von immer neuen Verweisen auf das Buch Hiob.

Das Buch Hiob – Weltliteratur besonderer, sich nie aufbrauchender Aktualität. Es wird niemanden unter uns geben, der Leid nicht selbst kennt. Entweder aus eigener trauriger Erfahrung oder weil es Freunde oder Bekannte direkt neben einem getroffen hat.

Ich rede jetzt nicht von meinem Motorradunfall samt Beinbruch aus dem letzten Jahr. Ich kann heute wieder ordentlich gehen, irgendwann werde ich die Titanplatten wieder aus meinem Bein entfernen lassen. Und nach einiger Zeit erinnert mich sehr wahrscheinlich nur noch die Narbe, was mir in der Rollsplitt- Kurve passiert ist. Oder gelegentliche Beschwerden bei Wetterwechseln.

Nein, ich rede eher von Müttern und Vätern, die miterleben müssen, dass eines ihrer Kinder vor ihnen stirbt. Oder gar mehrere. Ich rede von jungen Menschen, denen schwere Krankheiten ihre Berufsunfähigkeit bringen und ihre Lebenspläne auf immer verändern. Von Menschen, die ihren Ehepartner erst nach Jahrzehnten von seiner schlimmsten Seite kennen lernen und sich von diesem Schock für viele Jahre nicht mehr lösen können.

Oder gar von Opfern menschlicher Gewalt durch Kriminalität oder Bürgerkriege, Konzentrationslager oder staatlich organisierte Übergriffe. Gerade heute wird Erinnerung leicht: Vor genau 80 Jahren begann durch Hitlers Überfall auf Polen schlimmstes Leid über Menschen zu kommen, das für viele heute noch anhält.

Es wird also niemanden unter uns geben, der großes Leid nicht selbst kennt. Und genau dann ist der uralte Hiob unsere Gegenwart.

Hiob war „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse“ (Hiob 1,1). Mit dieser Feststellung beginnt das Buch. Er war reich, gesund und ein beliebter Mitbürger. Eine große Familie gab ihm Halt, er war sozial eingestellt und weder überheblich noch machtbesessen.

Doch dann muss er einen Schlag nach dem anderen erleiden. Er verliert seinen gesamten Besitz, seine Familie stirbt, und auch er selbst wird schließlich krank. So krank, dass selbst die meisten Freunde ihn meiden.

Drei seiner Freunde aber halten zu ihm, besuchen ihn, fragen mit ihm nach dem Warum. Denn wenn Menschen etwas erklären können, gibt vielen das einen gewissen Halt; sie können es besser einordnen und oft auch besser damit leben.

Ist es nicht doch irgendwie Hiobs Schuld, dass er das alles erleben muss? Die Freunde reden, versuchen zu erklären, verlangen Einsicht und Umkehr von Hiob. Schließlich kann kein Mensch auf dieser Welt leben, ohne dass er sich schuldig macht.

„Ist deine Bosheit nicht zu groß, und sind deine Missetaten nicht ohne Ende? Du hast deinem Bruder ein Pfand abgenommen ohne Grund, du hast den Nackten die Kleider entrissen; du hast die Durstigen nicht getränkt mit Wasser und hast dem Hungrigen dein Brot versagt; die Witwen hast du leer weggehen lassen und die Arme der Waisen zerbrochen…“ mutmaßt sein Freund Elifas (22, 5-9).

Menschen wollen zu viel und lieben zu wenig. Machen sich schuldig an Fernen, die sie übersehen, und an Nahen, die sie gut zu kennen glauben. Man kann nicht alles richtig machen, kann nicht allen gerecht werden. Schuld gehört zum Leben.

Aber das Buch Hiob lässt keinen Zweifel: Hiob hat nichts getan, was Ursache dieses Leids gewesen wäre. Alle Antwortversuche auf das „Warum“ laufen ins Leere. Es fällt schwer, im Leiden überhaupt irgend einen Sinn zu finden. Vor allem dann, wenn man selbst leidet.

Mancher hat im Rückblick erkennen können, „wozu das alles gut gewesen“ sei. Für ihn persönlich.
Oder dass das Leid ihm eindringlich predigen würde, wie schön das Leben sein kann. Ihm persönlich.
Aber kann man das jemandem sagen, der leidet? „Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“?

Hiob lässt sich von Elifas seinen Lebenswandel nicht madig machen. Nein, er hat getan, was er konnte (V 11+12):
Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn /und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab
und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen /und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.

Auch Gott selbst würde nichts finden, was er ihm vorwerfen könnte. Vor dem himmlischen Gericht „würde ein Redlicher mit ihm rechten, /und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!“ (V7). Selbstbewusst hält Hiob sich aufrecht: Nein, Gott würde nichts wirklich Wesentliches finden, was er ihm vorwerfen könnte.

Mancher würde ihm widersprechen wollen. Jeder Mensch lebt in Sünde, das ist der Urzustand des Menschen, so wie das Wasser flüssig ist. Genau das hatte vorher Elifas in seiner Rede ja gemeint.

Aber für Hiob ist das kein Argument. Das KANN nicht Ursache seines Leids sein, denn dann müsste doch jeder Mensch im Leid leben. Und Konkretes vorzuwerfen hat Hiob sich eben- NICHTS.

Die Verse unseres Predigttextes lassen uns einen Menschen sehen, der verzweifelt ist. Der aber in keinem Augenblick auf die Idee kommt, sich von Gott abzuwenden. Im Gegenteil.

Worunter Hiob hier am meisten leidet ist, dass Gott ihm im Augenblick so verborgen ist (V8+9):
Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht.

Doch auch wenn sich Gott im Augenblick nicht finden lässt, hat Hiob keinen Zweifel:
Gott ist es, der hier handelt.
Auch wenn Hiob nicht den Schimmer einer Ahnung hat, warum (V13+14): Doch er hat’s beschlossen, wer will ihm wehren? /Und er macht’s, wie er will. Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, /und hat noch mehr derart im Sinn.

Wonach sich Hiob darum am meisten sehnt ist nicht, seine Familie wiederzubekommen; ist nicht, wieder reich und stark zu sein; ist nicht, wieder gesund und gesellschaftlich akzeptiert zu sein.
Wonach sich Hiob am meisten sehnt, ist Gott wieder zu finden (V3): Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden /und zu seiner Stätte kommen könnte!

Und das Schlimmste, das ihm passieren könnte, wäre nicht, zu sterben oder bis ans Ende seiner Tage krank sein zu müssen. Die Dunkelheit des Lebens um sich herum kann er ertragen (V 16+17):
Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, / und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, /und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

NICHT ertragen kann Hiob, sich für immer vor der Allmacht Gottes fürchten zu müssen. Das Schlimmste wäre für ihn, schlussendlich seinen Glauben an die GNADE seines Gottes zu verlieren. An den Gott, der in jedem Menschen die guten Seiten zu finden und zu fördern vermag.

Mir fällt der Wochenspruch ein: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (1 Petrus 5,5b).
Und gerade in den Versen unseres Predigttextes finde ich auf einmalige Weise erläutert, was Demut heißt, ohne dass das Wort ein einziges Mal fallen würde.

Hier treffe ich einen Menschen, der den Mut findet, gegen alle Mächte der Welt an Gott festzuhalten. Und Mut braucht man, wenn man gegen alle Argumente und allen Schein an Gott festhalten will.

Der Verfasser des Hiobbuches ist sich ja sicher, dass der Teufel selbst es ist, der all das in Gang gesetzt hat, nur um Hiob zum Abfall zu bringen. Wenn das so ist: Hiob ist stärker als der Teufel. Weil er demütig ist. Er HAT den Mut, Gott weiter zu dienen – TROTZ allem, was ihm geschehen ist und geschieht.

Meine Schwestern, meine Brüder,

wer das Buch als Ganzes liest, wird mehrere Möglichkeiten entdecken, wie ein Mensch mit dem Leid umgehen kann. Keine dieser Möglichkeiten wird im Buch als Patentlösung beschrieben; alle stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Die erste Möglichkeit ist das große theologische Gegenwort (1,21). „Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ Oder später: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (2,10)

Die zweite Möglichkeit ist das große Schweigen.
Als die Freunde zu Hiob kommen, schweigt Hiob. Unglaubliche sieben Tage lang. Was gäbe es zu sagen, was die Situation verbessern könnte? Jedes Wort kann falsch sein oder die Situation sogar noch verschlimmern. Er schweigt, seine Freunde ertragen es und schweigen mit ihm.

Die dritte Möglichkeit ist Hiobs leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Gott. Er kämpft mit Gott, er klagt ihn an, aber er gibt ihn nie auf. So in unserem Text heute.

Am Ende des Buches stehen dann zwei Reden Gottes, die Gott als den zeigen, der er ist: Als den dynamischen Gott, der mit jeder Faser seiner Existenz um den Erhalt seines Universums und das Weitergehen des Lebens kämpft. Der Hiob zum Rededuell fordert: „Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich!“ (zB 40,7)

Und Hiob, der sich seine Haltung auch hier bewahrt und antwortet (Kap. 42, 1-6): Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer…. Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.

Das bedeutet für uns:
Welche der Möglichkeiten wir auch wählen, um mit dem Leid umzugehen, auch wenn wir alle wählen oder noch weitere finden würden:
Wenn wir wie Hiob uns Demut bewahren, wird das Ende wirklich gut. Demut nicht irgendwem, sondern unserem Gott gegenüber.

Wer den Mut hat, gegen alles Leid der Welt Gott die Treue zu halten und ihm zu dienen, wird erfahren:

Die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

haben uns getragen, tragen uns und werden uns tragen.
Besser kann es gar nicht werden.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.