Das Ende der Versuchung (Joh 13 21-30)

Die Werke des Teufels
sie zerstören das gottgewollte Leben
Die Werke des Teufels bringen
Tod mitten in das Leben

Gott sieht dem nicht zu
Christus tritt in die Wüste des Lebens
und widersteht dem Teufel
durchschreitet die größten Abgründe
voller Leidenschaft für die Menschen
um am Ende
dem Tod den Platz zuzuweisen
der ihm zusteht
Die Werke des Teufels enden da
wo das Leben mit Gott beginnt

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes,
dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1 Johannes 3,8b
***

Für mich sind es besonders geheimnisvolle Bibelabschnitte, die zu diesem ersten Sonntag in der Passionszeit gehören.

Den ersten habt ihr vorhin als Lesung gehört (1. Mose 3).
Er berichtet in fesselnden Bildern, dass die menschlichen Bewohner des Garten Eden nicht in der Lage waren, der ersten handfesten Versuchung zu widerstehen und deshalb für alle Zeit diesen wundervollsten aller Gärten verlassen mussten.

Was aber war an den Worten der Schlange wirklich verlockend? Warum sollen die Menschen ihre freie, unbelastete Beziehung zu Gott deshalb aufs Spiel gesetzt haben?
Warum sind sie nicht lieber weiter mit ihm abends durch den Garten spaziert?
Haben genossen, dass ihnen alles, was sie zum Leben brauchten, geschenkt war?

Und welche Bedeutung hat es eigentlich, dass der Baum mit den verbotenen Früchten „mitten im Garten“ stand?
Als sie dann von den Früchten gegessen hatten, war das erste, was sie begriffen, dass sie seit Geburt nackt waren:
Sollte das tatsächlich die Entdeckung des Bösen gewesen sein?

Dann das Tagesevangelium, das man in Matthäus 4 nachlesen (Mt 4 1-11) kann und das ihr alle kennt.
Gleich der erste Vers ist voller Geheimnisse: „Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.“
Generationen von Menschen denken seither darüber nach: Wessen Geist war es, der Jesus da antrieb? Der Geist Gottes? Der des Teufels? Oder vielleicht beschreibt „Geist“ hier nur die Gedanken, die Jesus hatte?

Das wohl größte Geheimnis dieses Textes nimmt dann das Unservater auf: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen…“ – für viele eine der schwersten Bitten in diesem Gebet.
Führt tatsächlich Gott selbst Menschen in Versuchung?
In die Versuchung, der Mensch möge sich von Gott trennen, also ohne oder gar gegen ihn leben?
Obwohl Gott doch ganz offensichtlich das Gegenteil will?

Oder redet diese Bitte von der Allmacht Gottes, ohne die nichts geschieht was geschieht? Also auch die kleinen oder großen Versuchungen des Lebens? Von der 200 Gramm – Tafel Schokolade abends vor dem Fernseher bis hin zum Hochverrat?

Verrat:
Da sind wir bei einem der Geheimnisse des Predigttextes von heute. Ich lese aus dem Evangelium nach Johannes Kapitel 13 ab Vers 21:

21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.
22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.
23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.
24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.
25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s?
26 Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.
27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!
28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte.
29 Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.
30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Und es war Nacht. Tiefste Dunkelheit.
Das Gegenteil von dem strahlenden Licht, das in Christus diese Welt betreten hat. Und es war Nacht: In diese Nacht geht er hinaus, Judas Iskarioth.

Einer der zwölf Jünger, der einzige von ihnen, der wohl nicht aus Galiläa kam. Der Name „Judas“ wird als Hinweis darauf verstanden, dass er aus Judäa kam, bevor er zum Jüngerkreis stieß.

Was mag ihn dazu gebracht haben, sich als Fremder den anderen Jüngern aus Galiläa anzuschließen? Galiläa und Judäa teilen damals das gleiche Schicksal. Sie stehen unter der Herrschaft einer fremden Macht. Die Römer sind die eigentlichen Herren im Land. Und diese Herren wollen viele lieber heute als morgen loswerden. Widerstand formiert sich, agiert im Untergrund. Die sogenannten Zeloten. Und einer von ihnen könnte Judas Iskarioth gewesen sein. Könnte. Nachweisen ließe sich das nicht.

Rein geschichtlich könnte es dann so gewesen sein: Judas sieht, wie Jesus sich um Bettler, Lahme, Blinde und Kinder kümmert. Er hört mit an, wie Jesus sich immer wieder mit Schriftgelehrten oder Pharisäern streitet.

Für ihn ging es dabei leider fast nur um Theologie. Wenn es dann doch einmal um Politik ging, reagierte Jesus eher ausweichend (gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist…). Vielleicht hat Judas das ganze Wirken Jesu lediglich als Bemühen gewertet, eine möglichst breite Anhängerschaft zu gewinnen.

Als sie dann später in Jerusalem einziehen, scheint für Judas dieser Plan aufzugehen: Eine große Menge jubelt Jesus zu. Werden sie jetzt endlich anfangen, Männer gegen die Römer zu sammeln, um loszuschlagen?

Aber das geschieht nicht. Und Judas, der gerade durch die Heilkraft Jesu davon überzeugt war, dass Jesus übernatürliche Kräfte von Gott geschenkt bekommen hatte, hoffte dann vielleicht: Wenn Jesus jetzt gefangengenommen würde, dann MÜSSTE er sich endlich mit Macht und Gewalt zur Wehr setzen, und dann endlich würde die Wende kommen. Und diese Gefangennahme könnte er ja veranlassen, zumindest beschleunigen…

Was er wohl dachte, als Jesus dann am Kreuz hing?
Vielleicht hat er das aber auch gar nicht mehr erlebt, weil ihn Gewissensbisse packten und er sich umbrachte. Davon aber berichtet uns nur Matthäus (27,5).

Historisch ist die Person des Judas sehr umstritten. Origenes zum Beispiel sieht in ihm einen Heiligen, der das Handeln Jesu zu seinem vorgesehenen Ende gebracht habe. Unsere Evangelien aber sehen in ihm einen Verräter.

Wie ist nun die spezielle Sicht des Johannes?
Judas war wie den anderen Jüngern gerade von Jesus die Füße gewaschen worden. Vor dem letzten Abendessen, dem Abendmahl, das im Johannesevangelium keine eigene Erzählung bekommt. Johannes scheint Judas allerdings nicht sonderlich zu mögen. Immer wieder setzt er in seinem Evangelium kleine Nadelstiche gegen ihn. Zum Beispiel, als eine Frau kommt und Jesus mit sündhaft teurem Öl salbt: Da nennt ihn Johannes ohne Anlass und Beleg einen Dieb (12,4).

Johannes scheint eigentlich überhaupt kein tieferes Interesse an der Person des Judas zu haben. In der eigentlichen Verratsszene später steht er nur dabei, es ist nicht einmal der Judaskuss nötig: Jesus stellt sich nämlich selbst.

Überhaupt BLEIBT eines der Geheimnisse um diese Geschichte, womit und wozu der Verrat überhaupt vollzogen wurde. Denn der Garten, in dem Jesus dann festgenommen wurde, war ein Ort, an dem sich Jesus und die Jünger oft aufhielten. Das wusste eigentlich jeder. Judas hätte also niemandem etwas Neues erzählen können, indem er diesen Ort verriet.

Außerdem lässt Johannes keinen Zweifel daran, dass Jesus sein Todes-Schicksal kannte und es bejahte. Gleich zu Beginn lässt er den Täufer die erste Andeutung dazu machen: Jesus sei „Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (1,29), also jemand, der geopfert werden würde. All das macht diesen „Verrat“ vor allem zu einer inneren Angelegenheit des Judas. Judas sagt sich von Jesus los. Das kann man Verrat nennen, aber auch eine Lebensentscheidung. Eine Scheidung eben.

Auch dass Judas hier und öfter bei Johannes mit dem Satan in Verbindung gebracht wird (6,70; 13,2), macht ihn nicht zu einem Bösewicht. Denn spricht nicht ähnlich Jesus von Petrus, als der nichts davon hören will, dass Jesus leiden und sterben wird (Mk 8,33, Mt 16,23): Weg von mir, Satan?

Auch die Art und Weise, wie der sonst so brillante Johannes hier erzählt, lässt mehr Fragen offen als sie klärt. Der Lieblingsjünger wird von Petrus vorgeschickt um bei Jesus nachzufragen, wer der Verräter denn ist. Jesus sagt ihm das auch: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.

Doch niemand am Tisch scheint das begreifen zu wollen. Schließlich beschreibt Johannes die Szene so, als ob Jesus mit diesem eingetauchten Bissen selbst dafür gesorgt hätte, dass der Satan von Judas Macht ergreift.
Warum macht er das?

Wie auch immer: Auf diese Weise wird diese Geschichte um Judas die dritte Bibelstelle heute, die es auf irgend eine Weise mit einer Versuchung zu tun hat. Mit der Versuchung, sich als Mensch von Gott abzuwenden und ohne oder gegen ihn zu leben. Zuerst der Garten Eden, dann die Wüste, jetzt nach dem letzten Abendmahl. Und Judas scheitert an dieser Versuchung wie schon Adam und Eva scheiterten.

Dieses Scheitern scheint also das Schicksal zu sein, unter dem die Menschen am meisten leiden, in aller Zeit der Welt. Eva und Adam müssen den Garten Eden verlassen, ihrer beider Leben wird hart und schwer. Und Judas verlässt den Tisch des Herrn und geht –
IN DIE NACHT.

Nur in der Zusammenschau dieser drei Ereignisse ist für mich die frohe Botschaft der Judasgeschichte zu entdecken. Jesus, der allen Versuchungen in der Wüste selbst nach vierzig Fastentagen widerstehen konnte – er ist der, der diesen Teufelskreislauf von immer neuen Versuchungen, an denen der Mensch schmerzhaft scheitert, unterbricht.

Denn obwohl der Jesus des Johannesevangeliums weiß, auf welches Schicksal er zugeht; obwohl Jesus von Beginn an weiß, wer ihn einmal „verraten“ sollte, bleibt er diesem Menschen zugewandt, bis zuletzt, wo er auch ihm die Füße wäscht.

Es gibt so bis zuletzt keinen Zweifel daran, dass der Kreuzestod Jesu ALLEN Menschen gilt, die in Versuchungen geraten und an ihnen gescheitert sind. Von Eva und Adam bis zu Judas.
Dass es also auch einen Weg zurück gibt.
Zurück aus dem Garten, heraus aus der Nacht.

Meine Schwestern, meine Brüder,

Johannes lässt auch keinen Zweifel daran, wie dieser Weg aussieht.
Unsere Judasgeschichte führt nämlich auch eine andere Person in den Fokus: Den Jünger, den Jesus „lieb hatte“.

Bisher war von ihm kein einziges Mal im Johannesevangelium die Rede.
Ein zweites Mal spielt dieser Jünger eine Rolle unter dem Kreuz. Jesus weist hier seine Mutter und diesen Jünger aufeinander an.
Schließlich wird es dieser Jünger es sein, der mit Petrus am Ostermorgen zum Grab geht und dort sieht, dass es leer ist.

Viel ist gemutmaßt worden, wer dieser Jünger war. Fand sich der nachgeborene Evangelist Johannes selbst in ihm wieder? War er vielleicht gar kein ER, sondern eine SIE: Maria Magdalena, von der viele nicht ohne gute Gründe behaupten, sie sei die Frau Jesu gewesen?

Doch Johannes wird ihren oder seinen Namen an keiner Stelle nennen. Damit lässt er seinen Leserinnen wie auch seinen Lesern die Möglichkeit, sich selbst in diesem Jünger wiederzufinden.

So kann ich selbst der sein, DEN Jesus liebt und DER Jesus liebt. Ich selbst kann der sein, der von Jesu Worten besonders berührt ist, die er am Ende dieser letzten Nacht sagt:

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (13, 34f).

Diese Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes machen jeder Versuchung ein Ende.
Sie allein können den Kreislauf von Versuchung und Scheitern durchbrechen.
Und sie können es nur, weil Gott selbst durch seinen Sohn ans Kreuz ging: Um aller Versuchung ein Ende setzen zu können.
AMEN

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