Böse oder nackt? (1. Mose 3, 1ff)

Die Werke des Teufels
sie zerstören das Leben
Leben wie Gott es für uns gemacht und gedacht hat
die Werke des Teufels bringen den Tod

Gott sieht dem nicht zu
Christus tritt in die Wüste des Lebens
widersteht dem Teufel
durchschreitet die Niederungen größten Leids
voller Leidenschaft für seine Menschen
um am Ende
dem Tod den Platz zuzuweisen
der ihm im Leben zusteht
die Werke des Teufels enden da
wo das Leben mit Gott beginnt

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes,
dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1 Johannes 3,8b
***
Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten.
Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan?
Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

In den letzten Tage fand ich einen netten Witz zum Text.
Sohn zum Vater: Papa, wie hieß die Schwiegermutter von Adam?
Vater zum Sohn: Der hatte doch gar keine Schwiegermutter. Adam lebte im Paradies!

Wem fiele bei diesem Witz nicht sofort unser Text aus dem ersten Mosebuch ein? Auch wenn da von Adam und Eva gar nicht die Rede war. Die Vertreibung der ersten Menschen aus Gottes Garten: Was für eine Geschichte, was für Bilder!

Nicht nur Witze, Berge von Literatur hat diese Geschichte provoziert. Sie setzt Phantasien und Gedanken frei in Literatur und Theologie. Unzählige Male wurde sie gemalt. Man kennt sie überall auf der Welt. Sie ist mindestens so bekannt wie die Weihnachtsgeschichte.

Ihr Thema meint auch jeder zu kennen: Der Sündenfall. Luther lässt grüßen.

Die Anspielungen auf Verführung und Verführte trifft ins Unbewusste und zeigt, wie tief die Geschichte wirkt. Darum appellieren auch viele Werbetexter von heute mit dem Rückgriff auf „Adam und Eva im Paradies“ an die Tiefen sündiger Verführung. Sie verkaufen damit gut: Autos, Reisen, Parfum…

Immer wieder wurde das Verhältnis von Frau und Mann durch die Brille dieser Erzählung betrachtet. Eva und Adam werden zum Spiegel des Verhältnisses von Frau und Mann in den verschiedenen Zeiten. Besonders das Bild von Eva wird zum Spiegelbild der Frau ihrer Zeit.

Die Nutzung unserer Geschichte wird allerdings in den allermeisten Fällen zum Sündenfall der Männerherrschaft. Denn sie wurde und wird benutzt, um deren Interessen zu legitimieren. Um Frauen als gefährlich, böse und schuldig zu bestrafen, oder sie auch nur gering zu achten oder zu unterdrücken. Einen „Schwindel von kosmischen Ausmaßen“ hat sie so hervorgebracht, die Lüge von der besonderen Sündhaftigkeit der Frau.

Das beginnt schon früh. Jesus Sirach, eine apokryphe Schrift zwischen Altem und Neuem Testament, stellt eine Verbindung zwischen der Vertreibung aus dem Paradies und dem Begriff Sünde her und legt gleichzeitig die Verbindung von Frau und Sünde dar. In einem Wortschwall über die böse Frau heißt es da:  „Die Sünde nahm ihren Anfang bei einer Frau und um ihretwillen müssen wir alle sterben“ (Sir 25,32).

Dieselben Folgerungen finden sich in weiteren apokryphen Schriften, die von Adam und Eva handeln. Immer wieder ist jetzt Eva eine Schuldige, die für Sünde und Tod Verantwortliche, die sich selbst und Adams Schicksal beklagt.

In diese Tradition reihen sich dann auch neutestamentliche Schriften ein. Der 1. Timotheusbrief  beispielsweise begründet mit Rückgriff auf unsere Stelle sowohl schickliche Kleidung für die Frau, ihre Unterordnung unter den Mann als auch das Lehrverbot für Frauen in der Gemeinde. Gefundenes Fressen für die Männer der alten Kirche, die auf diesem Fundament den Frauen das Priesteramt verwehren.

Die Wirkung unserer Geschichte für Frauen ist also eine Katastrophe. Kein Wunder, dass die meisten von der „sündigen Eva“ nichts mehr hören wollen.

Doch worum geht es in dieser Geschichte wirklich?

Zuerst: Sie ist keine Einzelgeschichte.
Sie ist Teil der Schöpfungserzählungen, die vom Anfang allen Lebens handeln, und in diesem Zusammenhang muss sie auch gelesen werden. Diesen Anfang allen Lebens stiftet Gott, und diesem Anfang wohnt kein Makel inne. Alles ist gut, genau so, wie Gott es gedacht und gemacht hat. Sogar SEHR gut.

Eine weitere wichtige Grundlage zum Verstehen dieser Geschichte ist die Tatsache, dass Gott den Menschen für ihr Leben FREIHEIT schenkt. Er lässt sie zwar wissen, was er von ihnen erwartet. Aber er VERbietet nichts, er GEBIETET. Wie in den zehn Geboten. Da steht nirgends: Ihr dürft nicht. Sondern: Ihr SOLLT nicht.

Noch deutlicher würde das, wenn man heute übertragen würde: Ihr SOLLTET nicht. Töten, Stehlen, Falsch Zeugnis reden: All das SOLLTET ihr nicht tun, weil es das Leben vergiftet. Wie der Biss einer Schlange vergiftet.

So mahnt Gott die Menschen im Garten Eden kurz vor unserer Stelle: „…von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen (1. Mose 2, 17). Der würde euch das Leben vergiften. Ein gutgemeinter Rat, aber kein Verbot.

Dann aber kommt sie, die Versuchung in Gestalt einer Schlange. Wie die ausgesehen hat, weiß keiner, aber sie muss wohl noch Beine gehabt haben, denn zur Strafe muss sie schließlich auf dem Bauch kriechen und Staub fressen ihr „Leben lang“.

Die Schlange wendet sich an „die Frau“. Ihren Namen „Eva“ hat sie noch nicht, den bekommt sie erst nach dieser Geschichte, dazu aber später. Die Schlange dreht Gott das Wort im Munde um. Sie spaltet Worte, spricht mit spaltender Zunge: Ihr werdet nicht sterben, sondern „ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“

Das klingt zu verlockend. Von Gott hatten die beiden Menschen schon ihre Vorstellung, der redete ja mit ihnen, wenn er sie im Garten traf. Aber den Tod kannten sie nicht. Weder der Mann noch die Frau wussten, was das überhaupt ist: Sterben. Tod.

Aber Gott gleich sein, sein wie der, der all das gemacht hatte, und dann noch klug werden: Das klingt wunderbar. Auch den Unterschied zwischen klug sein und weise werden haben weder Mann noch Frau kennen können.

Die Frau erliegt der Verlockung. Der Mann schließt sich an. Das gehört sich in einer guten Partnerschaft schließlich so. Sie kauen, schlucken, und: Sie ERKENNEN.

Erkennen, dass sie: Nackt sind. Bis vor einer Sekunde war das völlig normal, völlig in Ordnung, genauso wie alles in der Schöpfung, einfach nur: GUT. Jetzt aber ist der Bissen geschluckt und alles ist anders.

Nackt ist jetzt: Böse. So jedenfalls denken Mann und Frau in überraschender Einigkeit. Und die erste Folge dieser Erkenntnis von etwas, was jetzt als Böse gedacht wird, ist: ANGST. Die kannten sie bisher auch nicht. Darum verbergen sie sich. Nicht voreinander, sondern vor Gott. Sie spielen Verstecken mit dem, der alles sieht, der sogar in die Herzen schaut.

Warum? fragt Gott sie. Beide Teile des Menschen bekommen die Möglichkeit, sich zu rechtfertigen. Beide Teile, Mann und Frau, sagen: Ich war’s nicht aus mir selbst. Ich wurde verführt. Überredet. Wusste nicht, worauf ich mich einließ.

Eine nach dem anderen, der Reihe nach: Frau, Mann, Schlange lernen nun, dass es Konsequenzen hat, gegen besseres Wissen zu handeln. Gegen Gottes guten Rat zu leben.

Die Konsequenz für alle drei ist: Das Ende des Lebens im Garten Eden. Der wird unerreichbar für sie. So wird er zum Sehnsuchtsort der Menschen; aus Gottes Garten wird für viele das Paradies. Und weil die Wächterengel mit flammendem Schwert davorstehen, das verlorene Paradies. Manchmal sogar zum Schlaraffenland.

Dieses Ergebnis des Rauswurfes wird so beschrieben, wie wir das Leben jetzt kennen: Die Schlange und der Mensch sind sich spinnefeind, der Mann muss im Schweiße seines Angesichtes um den Acker kämpfen, die Frau unter Schmerzen ihre Kinder gebären. So ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Und ganz ehrlich: Niemand von uns würde das Leben DESHALB nicht lieben.

Und die Liebe Gottes blieb den Menschen weiterhin treu. Sie bewahrte den Menschen davor, auch noch vom Baum des Lebens zu essen und unsterblich zu werden. Mancher empfindet das als Strafe, weil er lieber ohne den Tod leben würde.

Aber wer will wirklich ewiges Sein, in diesem Leben? Man stelle sich vor: Eine Mathearbeit, in der man nicht mehr weiterweiß – die aber nicht endet, weil es ja kein Ende der Mathestunde gibt. Oder dass man sich nie entscheiden muss, weil es keinen Zeitdruck gibt. Oder dass die Rückenschmerzen zwar anfangen, aber nie aufhören. Das Leben ist nur darum so schön, weil es das Ende kennt.

Und weil es das Ende kennt, kennt das Erdenleben auch Neuanfänge.

So auch die Bibel: Die Menschen fangen neu an. Von den beiden Erdlingen verzweifelt niemand. Das wird aus ihren Namen deutlich.

Erdling heißt hebräisch Adam und kommt vom hebräischen Adama, dem Erdboden, aus dessen Staub Afar der Mensch von Gott gebildet wurde und zu dem der Mensch schließlich wieder wird. Den schönsten Namen bekommt die Frau: Eva, vom hebräischen Chawwah, „die Leben Schenkende“ oder „Mutter der Lebendigen“.

Nirgends im Alten Testament werden Adam und Eva als Unglücksvögel beschrieben, nirgends wird ihnen ein Vorwurf gemacht, nirgends sind sie als schlechtes Beispiel genannt. Diese Sicht kennen erst die Apokryphen, ihr erinnert euch.

Und immer begleitet Eva und Adam und ihre Nachfahren die Liebe Gottes durch ihr Leben. Gott selbst stellt ihnen hier Kleidung für ihre peinigende Nacktheit her, Gott selbst bleibt ihr Gesprächspartner durch alle Zeit. „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ So Psalm 91, oder wie wir vorhin gesungen haben: „Der HERR wird seiner Engel Wacht auf deine Wege senden, die tragen dich in Gottes Macht auf ihren treuen Händen.“ (Reimpsalm 91)

Meine Schwestern, meine Brüder:

Durch alle Zeiten der Welt zieht sich die Frage nach der Herkunft des Bösen. Unsere Geschichte gibt ihre Antwort: Alles, was Gott auf dieser Welt geschaffen hat, ist gut. Das Böse schafft der Mensch selbst. In dem Wahn, Gott gleich sein zu wollen. In dem Leichtsinn, Gottes Ratschläge zu ignorieren. In seiner Behauptung, das Böse zu kennen und doch weiter nichts zu sehen als: ICH bin nackt. Bloß. Schutzlos. Friere. Habe Angst.

Der Mensch aller Zeiten schätzt die Freiheit, die Gott seinem Leben gegeben hat, über alles. Sie aber nicht zum Schaden zu nutzen ist die Geißel seines Lebens. Immer wieder versucht er, Wissen ohne Weisheit zu nutzen. Er trifft Entscheidungen, von denen er nicht weiß, wie ihre Folgen aussehen.

Neben das Atomkraftwerk tritt die Atombombe. Neben den gentechnischen Schutz von Pflanzen gegen Schädlinge tritt die gentechnische Änderung ihres Erbgutes mit Folgen, die für niemanden absehbar sind. Neben den medizinischen Erfolg bei der Behandlung lebensbedrohlicher Krankheiten tritt Medikamentenmissbrauch oder beispielsweise die Möglichkeit des Klonens von Leben.

Luther überschreibt unseren Abschnitt mit „Der Sündenfall“. Obwohl das Wort Sünde nicht ein einziges Mal vorkommt, trifft er doch den Kern. Denn Sünde bedeutet doch wörtlich besehen „Abstand zwischen Gott und Mensch“. Und genau dieser Abstand wird größer mit jedem ignorierten Gottesratschlag. Dieser Abstand führt dazu, dass Menschen Dinge tun, die wir als BÖSE empfinden. Dass das Böse durch den Menschen kommt und darum Person ist und zum Teufel wird, ist folgerichtig, aber ein neues Thema.

Kein neues Thema ist, dass Gott uns treu bleibt und liebt.
Und dass Gott für uns handelt.

Heute feiern wir den ersten Sonntag der Passionszeit. Christi Passion, Gottes Leidenschaft für uns Menschen holt das verlorene „Paradies“ in unser Leben zurück.  Das Evangelium dieses Sonntages Invokavit lässt uns dem Sohn Gottes begegnen, der den Versuchungen des Teufels in der Wüste widersteht, egal wie verlockend sie waren.

Wir hören den Ruf Gottes vom Kreuz: Er ist bereit, uns die Lebenslast abzunehmen und so die Lebenslust wieder Oberhand gewinnen zu lassen. Das Kreuz durchkreuzt die Macht des Bösen durch Liebe und wird zum Eintrittstor in den Garten Gottes, in dem kein Blatt Papier zwischen Gott und Menschen passt und „Sünde“ am Ende ist.

Wer die Liebe Gottes am Kreuz erkennt, erkennt die Macht der Buße, die Macht des Umkehr, die Gott den Menschen schenkt. Der Mensch kann zwar nichts beginnen. Diese Macht liegt allein bei Gott.  Aber er kann neu anfangen, seit er den Garten Eden verlassen musste.

In diesem Neuanfang liegt der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Klugheit, und der unsere Leiber und Seelen bewahrt in Christus Jesus. Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.