Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut (1 Tim 4 4+5)

Unser Leben
wir können es nicht
kaufen oder schaffen
lebensWERT ist es nicht,
weil wir es LEISTEN würden
Leben ist Geschenk
wer denken kann
muss danken
GOTT SCHENKT ES
EINmal ganz am Anfang
und NEU an jedem Tag

Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen ihre Speise
zur rechten Zeit.
Psalm 145,15
***
Meine Frau und ich fahren möglichst in jeder Woche mehrmals um den ersten Teil des Beetzsees. Das kann man, weil ungefähr nach dem ersten Drittel eine Brücke über seine engste Stelle führt. Natürlich fahren wir mit dem Fahrrad, weil wir uns in unserem Pfarrdienst viel zu wenig bewegen.

Und weil die Strecke besonders schön ist: Zumeist auf Radwegen ohne Autoverkehr, vorbei an Gärten, Feldern, Gräben und Teichen, und immer wieder mit einem Blick auf den See oder den Silokanal. 22 km, knappe anderthalb Stunden. Mit Päuschen natürlich.

Ungefähr auf halber Strecke, in Radewege, stehen einige Bänke mit Blick über den See, am Horizont liegt dann Brandenburg mit seinen großen alten Kirchen und den ersten Windrädern, die sich in die Silhouette der über tausend Jahre alten Stadt hineinmogeln. Da sitzen wir einen Moment und freuen uns an dem, was wir da sehen können.

Und in den letzten Tagen gibt es kurz danach das nächste Päuschen. An einem der Birnbäume, die zwischen Radewege und dem Domstiftsgut Mötzow an der Straße stehen. Da sammeln wir dann ein paar von den heruntergefallenen Birnen auf, natürlich vorsichtig, denn die Wespen sind in diesem Jahr besonders bissig. Dann das Klappmesser raus, die schlechten Stellen wegschneiden – die Birnen scheinen in diesem Jahr so süß zu sein wie noch nie. Dann mit etwas Wasser Hände und Messer säubern – und weiter geht’s nach Hause.

Wie, und VORHER wäscht Du die Birnen nicht, die du direkt aus den Autoabgasen heraussammelst? schimpft mein Vater. Nö, wer Dreck frisst wird groß.
Na, bei uns hast Du das nicht gelernt! Groß genug bist Du ja jetzt schon (hoch wie breit)…

Gut, ich esse wirklich gerne. Ich brauche wie alle anderen modernen Weltenbürger keine besondere Aufforderung, vieles zu probieren, was mir appetitlich vor die Augen kommt. Es kommt doch immer nur auf den Mut des Einzelnen an, ob er sich an Miesmuscheln, Straußenfleisch oder gar geröstete Käfer heranwagt. (Der erste Teil der Bibel kennt ja noch ausführliche Speisevorschriften – zum Glück für mich ist diese Zeit vorbei.)

Und doch gibt es Menschen, die z.B. aus religiösen Gründen auf Schweinefleisch oder andere Nahrungs- und Genussmittel verzichten. Die werden zumeist mit einer Mischung aus Hochachtung und Mitleid betrachtet, und bei Vegetariern oder gar Veganern ist es da ganz ähnlich.

Speisevorschriften gibt es also doch, und nicht nur für Muslime oder Juden, Vegetarier oder Veganer. Auch unsere moderne Welt ist doch voller Menschen, die Warnlampen anschalten oder Nahrungsgesetze schreiben.

Cola als das Grundnahrungsmittel aller Jugendlichen ist voller Zucker und sei schon darum pures Gift. Der Rinderwahnsinn, der uns vor Jahren noch in Atem hielt, ist zwar aus den Schlagzeilen verschwunden. Aber nach dem Urteil vieler zeigen sich seine konkreten Folgen überall auf der Welt: Wie ist der Irrsinn an den Kriegs-Fronten in Syrien oder anderswo auch anders zu erklären?

Bei jeder gut geratenen Tomate kann man gentechnische Manipulation hinter ihrem verlockenden Aussehen vermuten, Soja-Saucen sind eh nicht koscher, und was von Erdbeeren vom anderen Ende der Welt zu erwarten ist, kann man sich ja leicht selbst denken.

Und nicht nur beim Essen muss der moderne Mensch aufpassen. Was früher mal gut war, ist es heute noch lange nicht: Glaube geht auch ohne Kirche, die will eh nur an Dein Geld. Partnerschaft auf Lebenszeit – warum soll man sich den Spaß im Leben nehmen lassen? Sonnenschutzcremes – vielleicht doch gar nicht gesund, sondern karzinogene Langzeitbomben?

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich die Bibelstelle las, die heute der Predigt zugrunde liegt. Denn im ersten Brief des Paulus an seinen jungen Mitarbeiter Timotheus geht es um Verbote dieser Art, Paulus schreibt im 4. Kapitel:

1…Sie werden sich irreführenden Geistern zuwenden und auf Lehren hören, die von dämonischen Mächten eingegeben sind
2 und von scheinheiligen Lügnern propagiert werden, …
3 Diese Leute verbieten das Heiraten und fordern den Verzicht auf bestimmte Speisen – auf Speisen, die doch von Gott geschaffen wurden.

Und dann geht es mit dem Predigttext weiter, das sind die Verse 4+5:

4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.
Wie sollte es da verkehrt sein, etwas zu essen,
was wir mit einem Dankgebet von ihm entgegennehmen?
5 Die Speisen sind ja durch Gottes Wort für rein erklärt und werden durch das Gebet geheiligt.

Was bringt Paulus dazu, diesen kämpferischen Text zu schreiben?

In der Gemeinde des Timotheus gibt es offenbar Menschen, die Anschauungen vertreten, die die Freiheit des Christseins beschneiden oder gar zerstören wollen. Beispielhaft nennt Paulus hier die, die das Heiraten oder bestimmte Speisen verbieten wollen.

Paulus selbst ist ja auch nicht verheiratet- aber das ist er aus eigenem Entschluss heraus. Er möchte für seine Missionsarbeit ungebunden bleiben, außerdem hat er oft mit seinem schlechten Gesundheitszustand zu kämpfen. Aber daraus eine Christenregel zu schreiben- das würde ihm nicht einfallen.

Juden und Christen haben den gleichen Gott, kommen aus denselben Wurzeln. Aber darum nur denen ein echtes Christsein zuzusprechen, die alle Vorschriften und Regeln jüdischen Lebens einhalten- das hält Paulus für falsch.

Und dafür gibt es einen Grund. Manche Menschen glauben nämlich, dass es solche Vorschriften und Regeln DESHALB geben müsse, weil sie Heil für das Leben garantieren. Und dieser Mechanismus ist auch heute noch derselbe: „Vorschriften“ und Regeln suggerieren „Heil“, nämlich ein möglichst langes Leben auf dieser Erde.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Bewahrung der Schöpfung, Achten auf gesunde Lebensmittel, bewusste Ernährung- all das sind Dinge, die von uns erwartet sind, wenn wir Gottes Erde verantwortungsbewusst „bebauen und bewahren“ wollen.

Aber schon ein Besuch in einem durchschnittlichen Ökoladen oder das Lesen eines der unzähligen Gesundheitsratgeber lässt einen ahnen, dass das Pendel für nicht wenige Menschen in eine andere Richtung schlägt. Tipps über Tipps, Regeln über Regeln, so dass einem irgendwann nichts mehr zum Trinken und Essen zu bleiben scheint als grüner Tee und biologisch-dynamisches Müsli.

Und „Heil“ bedeutet dann, dass ein gutes Leben durchaus MACHBAR sei. Dass man möglichst lange auf dieser Erde leben könne, wenn man Tag für Tag für die Befolgung der vielen Tipps und die Einhaltung der Regeln leben würde.

Und genau das ist für Paulus falsch, Christsein ist für Paulus etwas anderes: ALLES, was Gott geschaffen hat, ist gut, und ALLES nehmen Christen aus der Hand Gottes. Das machen sie deutlich, indem sie mit Gott sprechen und ihm für alles Dank sagen.

DAS macht Leben heil. Denn wer zu Gott das Dankgebet spricht, hat erkannt, dass er trotz aller Arbeit und Mühe nichts schaffen könnte, dass Gott nicht schon geschaffen hat. Dass man diese Welt und das eigene Leben nicht besser machen kann, als Gott sie gemacht hat. Wer zu Gott das Dankgebet spricht, bekennt, dass man nichts im Leben erzwingen kann, was Gott einem nicht zufallen lässt. Und das Heil liegt dann darin, das Leben aus Gottes Hand zu empfangen und es schließlich in seine Hand zurück zu geben.

Gott zu danken bedeutet, seine Größe begriffen zu haben. Nicht, um den Menschen klein zu machen, sondern um den Menschen nicht zu überfordern, einfach nur realistisch zu sein. Nicht der Mensch – GOTT schenkt alles Leben, und wenn Menschen es dankbar aus seiner Hand nehmen, wird Menschen auch das Heil ihres Lebens geschenkt werden.

Darum, meine Schwestern und Brüder,

feiern wir nicht nur ein Erntefest, sondern das ErnteDANKfest. Ernten bedeutet doch: Die Früchte des Lebens einzusammeln. Und Danken das Bekenntnis, dass die Früchte des Lebens Gottes Geschenk sind.

Früchte des Lebens einzusammeln: Gerade am Ende der jährlichen Erntezeit sind sie am deutlichsten zu sehen und zu schmecken. Gerade hier in unserer Kirche, am so schön geschmückten Tisch des Herrn. Auch nach der Dürre dieser Sommerzeit gibt es diese Früchte, nicht so reichlich wie in feuchteren Jahren, aber doch so, dass wir nicht werden hungern müssen. Und die Birnen sind in diesem Jahr besonders süß.

Wir ernten aber auch vieles, was nicht so gut zu sehen ist: Die Arbeitskraft zum Beispiel, die zu geben wir in dem Maße vermögen, wie Körper und Geist beschaffen sind: Stark oder schwach, schnell oder langsam, gesund oder krank. Oder auch die Früchte der Beziehungen zu den Menschen, die uns nahe sind und unser Leben bereichern.

Oder die Früchte des Schauens und Erlebens. Unsere Welt ist ja – Gott sei Dank – nicht nur funktional, sondern auch schön und hell, sie kann verzaubern und betören. Beim Radfahren um den See, beim Sitzen auf der Bank, im Urlaub am Mittelmeer. Unsere Welt ist voller Schönheit, Zauber und Genuss.

Für all das unserem Gott zu danken steht uns gut zu Gesicht. Ich erinnere: Dank bedeutet ja, Gottes Größe zu bekennen und gerade dadurch den Menschen nicht zu überfordern.

Denn gerade in diesem Jahr sind die Stimmen der vielen Sorgen besonders laut. Die unendlich großen Staubwolken einer Ernte bei Dürre verdunkeln nicht nur die Landschaft und die draußen zum Trocknen aufgehängte Wäsche, sondern auch viele Seelen. Und die großen Waldbrände tun das Ihre dazu.

Die Sorgenfalten vertiefen sich: Was wird das werden, wenn solche trockenen Jahre immer häufiger werden? Wenn Getreide und Mais auf dem Halm vertrocknen? Der Spargel bis zum Herbst bewässert werden muss, damit er im nächsten Jahr nicht abgestorben ist? Welche Folgen wird der Klimawandel für unsere Region haben? Was müssen wir morgen tun?

Kein Zweifel: Wir müssen tun, was zu tun in unserer Macht steht. Also möglichst vieles von dem vermeiden, von dem wir erkannt haben, dass es der Welt, aus der wir leben, Schaden zufügt.

Wer aber im Dankgebet das Leben und seine Früchte aus der Hand Gottes nimmt, weiß auch: Es steht allein in Gottes Macht, alles zum Guten zu wenden. Schon deshalb, weil wir Menschen niemals alles richtig machen KÖNNEN, weil es bleibt wie es ist: HINTERHER ist man immer klüger.

Ein Beispiel: Im 18. Jahrhundert war die Fläche des deutschen Waldes auf ein Minimum zurückgegangen. Die Menschen nutzten hauptsächlich Holz als Brennmaterial und als Baustoff, es war damals der bedeutendste Rohstoff. Auch die Bauern trieben ihr Vieh in den Wald, die jungen Triebe von den Laubbäumen dienten als Nahrung für Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen. Diese Nutzung auch als Weideflächen trieb den Rückgang der Wälder nicht nur in Deutschland, sondern europaweit weiter voran.

Als die Menschen ihre Fehler erkannten, wurde hier in Preußen ein großes Aufforstungsprogramm begonnen, was schnellwachsende Kiefern und Fichten bis ins Rheinland brachte, wo Fichten heute noch „Prusseboom“ (Preußenbäume) heißen. Mit hohem Nutzen für Klima und Holzwirtschaft, aber auch mit den bekannten Schäden von Monokulturen. Aus diesen Fehlern lernen die Forstwirte jetzt, 300 Jahre später.

Also: Wer Im Dankgebet sein Leben empfängt, weiß um die Größe Gottes. Der tut, was er vermag, weiß aber um die Grenzen des Menschen. Darum kann er auch beherzt leben und neue Fehler machen, weil er die Welt und sein eigenes Leben in Gottes Hand weiß.

Lasst uns also, Schwestern und Brüder, gerade diesen Tag nutzen, um die Früchte unseres Lebens, süße und saure, aus Gottes Hand zu nehmen und ihm dafür von Herzen zu danken.
Dann werden die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
das Heil unseres Lebens werden. AMEN.

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