Unser Gottesdienst vom Sonntag Reminiscere zum Nachhören
ist für vier Wochen hier zu finden.
Glauben
den klugen Menschen unklug geworden
weggeschoben aus dem selbstbestimmten Leben
hingeschoben in die Welt der Klöster und Kirchen
ewig gestrig
Wer aber GOTT glaubt,
findet sie:
Heimat in seiner ewigen Stadt
Gerechtigkeit für alle Menschen
in seiner Liebe für seine Welt.
Gott erweist seine Liebe zu uns darin,
dass Christus für uns gestorben ist,
als wir noch Sünder waren.
Römer 5,8
***
GNADE SEI MIT EUCH
und Friede von dem,
der da ist,
der da war
und der da kommt. AMEN!
KRIEG UND FRIEDEN.
Nein, wir lesen heute nicht in Leo Tolstois großem Roman. Elf Verse aus dem Römerbrief sind als Bibeltext für die Predigt vorgeschlagen. Das bedeutet erst einmal keinen Frieden.
Als wir im Bibelgespräch vor ein paar Jahren den Römerbrief als Ganzes gelesen haben, haben wir ihn fürchten und lieben gelernt.
Lieben, weil er uns so wichtige Glaubenssätze in unser Christsein-Stammbuch geschrieben hat. Fürchten, weil fast überall so bedeutungsschwer ist, dass wir manchmal nicht nur eine, sondern sogar zwei Bibel-„Stunden“-Gespräch brauchten, bis wir mit einem einzigen Vers „fertig“ waren. Und wer weiß schon, ob wir ihn damit verstanden hatten…
Elf Verse Römerbrief für zwanzig Minuten Predigt bedeutet also erst einmal eher Krieg. Wie soll das gehen? Da hilft es wenig, wenn die Verse 6-11 in Klammern stehen, man sie also „weglassen“ könne, denn genau das bedeutet wieder Krieg: liefern diese Klammerverse doch Antworten auf Fragen, die die Verse ohne Klammern aufwerfen.
Um wenigstens MEINEN Frieden damit zu machen, bin ich auf die Idee gekommen, es einfach ähnlich zu machen wie Karl Barth, der „Reformierte Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“. Sein Römerbriefkommentar hat damals auch unsere Bibelgespräche begleitet. Und da haben wir festgestellt, dass Karl Barth allein zum ersten Vers unseres Textes vier Seiten Kommentar zu schreiben hatte. Das ist immer noch viel, aber übersichtlicher: Also beschränke ich mich auch auf diesen ersten Vers. Der steht in Kapitel 5 und lautet:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
KRIEG UND FRIEDEN,
gerecht und Glauben, Gott durch Christus… Das gibt Stoff genug.
Gut, Krieg steht nicht im Text.
Doch wer sich nach Frieden mit Gott sehnt, muss vorher doch im Krieg mit ihm gelebt haben, zumindest aber im Unfrieden. Im Verhältnis der Menschen untereinander erleben wir das doch Tag für Tag.
Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine jährte sich gerade zum vierten Mal, der neue Krieg im Iran ist gerade einen Tag alt. Und die Menschen, die unter diesen oder den vielen anderen Kriegen und Konflikten auf unserer Welt leiden, sehnen sich nach Frieden.
Anderen hingegen scheint das egal zu sein. Weil sie vom Krieg profitieren, weil ihnen Verhandlungen zu anstrengend sind, weil die der Krieg nicht betrifft. All die sehnen sich nicht nach Frieden.
Wohl aber die, die im Krieg leben müssen, die Kriege grundsätzlich ablehnen, die lieber mit ihrem Gegenüber verhandeln. Sie leben im Unfrieden oder im Krieg und sehnen sich nach Frieden.
Warum sollte das im Gegenüber zu Gott anders sein? Man muss im Unfrieden oder im Krieg mit Gott stehen, will man Frieden mit ihm.
Dazu aber muss man Gott als Gegenüber überhaupt erst einmal sehen, erkennen können. Die, die Gott nicht als Gegenüber sehen, die ihn ablehnen, denen er egal ist, suchen nicht nach Frieden mit Gott.
Und da ging es den Christen in Rom kaum anders als uns heute. Sie waren eine kleine Minderheit. Die Römer hatten Götter genug, die Griechen auch, und der Gott Israels war niemand, mit dem die Mehrheit der Römer Frieden suchte.
Und genau da geht es uns nicht anders, auch wenn die Götter der Griechen oder Römer für uns keine Rolle mehr spielen. Die Menschen heute suchen sich eben andere, und auch sie finden mehr als genug davon. Wer sucht da schon Frieden mit Gott?
KRIEG UND FRIEDEN.
Frieden suchen Menschen, die Gott als Gegenüber erleben. Sie wissen sich als Geschöpfe Gottes und richten ihr Leben auf Gott aus. DAS macht sie „gerecht“. Das macht sie zu Menschen, die „glauben“. Sie wissen, was sie Gott verdanken: Alles.
Diese Ausrichtung, dieses Gerechtsein, HAT man nicht. Denn wer lebt, bewegt sich. Tag für Tag. Und damit bewegt er sich meist Gott weg, manchmal auf ihn zu. Ausgerichtet sein, gerecht sein, Glauben ist also kein Standpunkt, keine Haltung. Glauben kann man nicht einfach einnehmen und behalten. Glaube ist Vollzug, Handeln, Veränderung. Glauben hat man nicht, man lebt ihn. Er ist Leben.
Wer glaubt, ist ständig in Bewegung. Karl Barth hat das mit der Unruhe in einer Uhr verglichen: Sie bewegt sich ständig hin und her und bringt damit die Zeiger der Uhr in richtige Bewegung. Dass die Unruhe selbst sich ruhelos bewegt, liegt an der Feder in der Uhr. Die Glaubens-Unruhe bewegt sich, weil Gott die Feder in Spannung hält.
Jedes Bild hinkt irgendwo. Richtig daran aber bleibt:
Wir können nur glauben, weil Gott uns glauben LÄSST. Weil er nicht nur alle und alles schafft, sondern unser Glaubens-Leben in Bewegung hält.
Die Unruhe in der Uhr: Würde die Federspannung aufhören, bliebe die Unruhe völlig ruhig stehen. Die Zeiger dann auch.
KRIEG UND FRIEDEN.
Paulus sagt, wir HABEN Frieden.
Weil Gott uns glauben lässt. Tag für Tag.
Uns ausrichtet, gerecht macht. Tag für Tag.
Frieden haben lässt. Tag für Tag.
Durch Jesus Christus. Tag für Tag.
Frieden. Schalom. Wenn Frieden herrscht zwischen zweien, dann ist alles gut und richtig. Die Beziehung stimmt. Das Leben ist nicht perfekt, aber vollkommen. Frieden: Mehr braucht es nicht.
HABE ich diesen Frieden?
Gottes Leitlinien zu meiner Ausrichtung, seine Gebote, höre ich immer wieder neu. Wir hören sie immer wieder neu, in jedem Gottesdienst. Mancher hört sie nicht gern. Ich aber habe sie nötig, um nicht abzukommen vom Weg. Mein Glaube hat sie nötig.
Und ich fühle mich oft auf falschem Weg. Natürlich ist mein Weg mir unbekannt, mein eigener Weg entsteht ja erst beim Gehen. Aber oft, allzu oft, fühle ich mich falsch, eben nicht auf „rechter Straße“.
Dazu ist diese Welt, dazu sind viele Menschen einfach zu ungerecht für mich. Krieg in der Ukraine, Drohnen über deutschen Flughäfen, wieder Minen in Polen oder den baltischen Ländern. Raketen und Bomben überall im Nahen Osten, tote Geiseln, körperlich und seelisch geschundene Menschen, Gaza total zerstört.
Zugbegleiter werden erschlagen, weil sie ihren Dienst tun, Rettungskräfte angewiesen, immer mehr Regierende treten demokratische Grundsätze mit Füßen, und immer mehr Regierte tun es ihnen nach. Krieg in der Welt, in Gesellschaften, in Betrieben, in Familien.
Ich fühle nicht, dass ich diesen Frieden HABE. Ich fühle, dass ich ihn mir WÜNSCHE. Dass meine Beziehungen stimmen. Zu mir selbst, zu den Menschen neben mir, zu Gott. Frieden – die Fülle des Lebens.
Schalom, Salaam, Frieden: Friede sei mit dir.
Krieg sei dir fern.
Doch er ist nah, zu nah. Nicht nur in Nahost.
Und er ist lang, zu lang. Nicht nur in der Ukraine.
Wie kann ich dann Frieden HABEN?
KRIEG UND FRIEDEN.
Gerade in der Passionszeit finde ich es schwierig, Frieden zu fühlen. Denn sie erzählt uns doch von den Gefahren, in denen sich der Friede befindet, damals schon, bis heute. Gott selbst kommt unter die Räder menschlicher Selbstgerechtigkeit.
Doch auch das ist für Paulus eher Grund zum Glauben als zum Zweifel, erinnert mich der Wochenspruch, auch aus Römer 5, es ist einer der Klammerverse:
„Gott … erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (V8).
Aber was bedeutet das für mich, für mein Leben, das Leben der Menschen um mich?
Jahr für Jahr frage ich mich darum neu, ob Passion weniger Leidenschaft und mehr Leiden bedeutet. Ob die Leidenschaft Gottes für seine Menschen das Leiden Jesu Christi erzwungen hat. Wie ich damit leben können soll, dass mein Frieden Jesus das Leben kostete. Den Tod nicht nur eines Gerechten, sondern des einzig Sündlosen.
Wenn ich dann Paulus lese, beneide ich ihn um seine Glaubensgewissheit. Ich möchte ihm glauben.
Manchmal kann ich das auch, oft aber auch nicht.
An Tagen, an denen ich mich von Gott allein gelassen fühle, wenn ich glaube, dass er gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist und keine Zeit für mich hat.
Wenn ich den unendlich-Ewigen nicht zu sehen vermag.
Weil ich mir bewusst werde, wie endlich-zeitlich ich bin,
Dann ist mir das alles einfach zu groß. Dann reicht es für mich nur für ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Liebe, ein bisschen Frieden.
Doch Paulus denkt groß:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
KRIEG UND FRIEDEN.
Meine Schwestern, meine Brüder,
die vier Kommentarseiten Karl Barths für diesen Vers haben die Überschrift „Der neue Mensch“. Dieser neue Mensch ist der, der da gerecht geworden ist durch Glauben.
Er wacht auf aus dem Schlaf des alten Menschen. Er erkennt, wie reich er über Nacht beschenkt worden ist. Beschenkt von Gott, der ihn neu ausrichtet. Beschenkt von Gott, der ihn in die Bewegung der Glaubensunruhe versetzt.
Dieser neue Mensch setzt die Zeiger der Uhr in richtige Bewegung. Er versteht, dass er es dieser Welt im Krieg schuldig ist, von der URSACHE seines Glaubens zu berichten: Von Gott.
Er erkennt, dass er es dieser Welt im Krieg gegenüber schuldig ist, vom großen Frieden zu reden. Denn nur ein Mensch, der den großen Frieden sehen kann vor lauter Krieg, nur DIESER Mensch kann sich nach ihm sehnen und sein Leben
weg vom Krieg
hin zum Frieden neu ausrichten. Gerecht zu werden.
Und daran habe ich nun keinen Zweifel: Neue Menschen, wenn es sie gibt, dann sind wir das. Alt und Jung, krank und gesund, schwach und stark, Volk Gottes. Weil wir glauben, dass wir von Gott geschaffen sind, dass wir von ihm leben und zu ihm gehen.
Darum liegt es an uns, groß zu denken und groß zu hoffen, groß von Gott zu reden. Dass er uns in Freiheit zur Liebe bestimmt hat, vom Anbeginn dieser Welt an. Dass Gott diese Freiheit seines Volkes bewahrt und beschützt. Auf dem langen Weg durch die Wüste. Auf Jesu Weg nach Jerusalem. Sogar am Kreuz. Das ist Liebe, die immer größer ist als unser Glaube.
Es liegt an uns, groß über Gottes Schutz, seine Barmherzigkeit, seine Liebe zu reden. Unsere Heilige Schrift ist voll davon.
Sie ist Gottes Erinnerung für sein Volk daran, dass seine Liebe größer ist als all das, was unser Leben betrübt, bedrängt, bedroht. Auch wenn unser Glaube daran oft kleiner ist.
Gegen den Krieg glauben wir. Dagegen, dass Menschen hassen und gleichgültig sind und anderen Gewalt antun, körperlich und seelisch. Gegen den Krieg glauben wir, dass Christus das Kreuz für uns erlitt. Gegen den Tod glauben wir groß: An die Auferstehung und das Ewige Leben.
KRIEG UND FRIEDEN.
Wir sind es der Welt im Krieg schuldig, groß von Gott zu reden, der uns Frieden HABEN lässt, damit die Welt ihn finden kann, auch wenn unser Glaube oft zu klein dafür scheint.
Denn wir HABEN ihn, den Frieden Gottes,
der höher ist als all unser Denken es je fassen kann,
der unsere Leiber und Seelen bewahrt
durch die Passion Gottes in Jesus Christus.
GOTT ist unsere Rettung.
AMEN
EG 405 1.2.4
1. Halt im Gedächtnis Jesus Christ,
o Mensch, der auf die Erden
vom Thron des Himmels kommen ist,
dein Bruder da zu werden;
vergiss nicht, dass er dir zugut
hat angenommen Fleisch und Blut;
dank ihm für diese Liebe!
2. Halt im Gedächtnis Jesus Christ,
der für dich hat gelitten,
ja gar am Kreuz gestorben ist
und dadurch hat bestritten
Welt, Sünde, Teufel, Höll und Tod
und dich erlöst aus aller Not;
dank ihm für diese Liebe!
4. Halt im Gedächtnis Jesus Christ,
der nach den Leidenszeiten
gen Himmel aufgefahren ist,
die Stätt dir zu bereiten,
da du sollst bleiben allezeit
und sehen seine Herrlichkeit;
dank ihm für diese Liebe!

