Vision und Wirklichkeit (Apg 2, 41-47)

Sehnsucht
nach Leben in Gemeinschaft
ohne Sorge um das Wie
nicht auf der Durchreise
nicht nur geduldet
mit erfüllten Tagen
voller Freude
mit geteiltem Leid
Hunger des Körpers und der Seele
gestillt
eine Gemeinschaft der Heiligen
hier gilt es
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.
Epheser 2,19
***
Wisst ihr etwas mit der literarischen Gattung von SUMMARIEN anzufangen?

Als ich mit dem Theologiestudium begann, kannte ich vielleicht die Unterschiede zwischen Berichten, Anekdoten, Prosa oder Lyrik. Ein „Summarium“ aber gehörte für mich definitiv in den Bereich des Kopfrechnens, also das Ergebnis von 18-1:2 zum Beispiel.

Auf die Idee, dass Summarien etwas mit Literatur zu tun haben könnten, wäre ich nie gekommen. Aber wie nicht anders zu erwarten: Im Studium lernt man viele neue Sachen, dazu ist es doch da, und ein Examen will schließlich verdient sein.

Also habe ich gelernt: Ein „Summarium“ ist ein beliebtes literarisches Gestaltungsmittel der Antike. Es wird sowohl von biblischen wie außerbiblischen Schriftstellern genutzt. Summarien sind Sammelberichte. Sie haben einen idealisierenden Charakter und dienen der Verallgemeinerung und der Typisierung, beschreiben also ideale Eigenarten, den Charakter oder das Aussehen einer Sache. Es kann nicht schaden, dass ihr das (spätestens jetzt!) auch wisst.

Der Evangelist Lukas nämlich nutzt dieses Gestaltungsmittel des Öfteren, zum Beispiel in unserem Predigttext. Ich lese aus der Apostelgeschichte, Kapitel 2, die Verse 41-47:

Viele nahmen die Botschaft an, die Petrus ihnen verkündete, und ließen sich taufen. Durch Gottes Wirken wuchs die Gemeinde an diesem Tag um etwa dreitausend Personen.
42 Was das Leben der Christen prägte, waren die Lehre, in der die Apostel sie unterwiesen, ihr Zusammenhalt in gegenseitiger Liebe und Hilfsbereitschaft, das Mahl des Herrn und das Gebet.
43 Jedermann ´in Jerusalem` war von einer tiefen Ehrfurcht vor Gott ergriffen, und durch die Apostel geschahen zahlreiche Wunder und viele außergewöhnliche Dinge.
44 Alle, die ´an Jesus` glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen.
45 Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren.
46 Einmütig und mit großer Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen. Außerdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen und das Mahl des Herrn zu feiern, und ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt.
47 Sie priesen Gott ´bei allem, was sie taten,` und standen beim ganzen Volk in hohem Ansehen. Und jeden Tag rettete der Herr weitere Menschen, sodass die Gemeinde immer größer wurde.

Wer hat eigentlich an einem Tag dreitausend Taufurkunden geschrieben? Wieso musste Paulus eigentlich eine Kollektensammlung für die Jerusalemer Gemeinde organisieren, wenn doch alles so traumhaft funktionierte?

Diese oder ähnliche Fragen an ein „Summarium“ erübrigen sich. Es geht Lukas hier nicht um einen Nachrichtentext, sondern um die Fortsetzung der Pfingstgeschichte. Damit stellt dieses Summarium ein Bindeglied dar zwischen dem Beginn des Wirkens des Pfingstgeistes zu Beginn der Apostelgeschichte und den Folgekapiteln. Die stellen dar, was das Wirken des Heiligen Geistes in der Gemeinde für die Welt möglich werden lässt.

Lukas stellt hier mit dem Blick auf den Urtyp christlichen Gemeindelebens dar, dass sich viele verschiedene Begebenheiten ganz zwanglos zu einem Wesensbild zusammenfügen. Was wir hier lesen, gehört für Lukas charakteristisch und bedeutsam zum Leben von „Urkirche“.

Ähnlich sind beispielsweise die Schilderungen des idealen Staates, die bei Pythagoras, Platon oder den Neupythagoräern zu finden sind. Lukas nutzt hier beispielsweise auch Schilderungen des hellenistischen Freundschafts- und Gemeinschaftsideals und fügt sie hinzu zu vorgeprägten neutestamentlichen Wendungen wie dem beständigen Beharren im Gebet. Lukas beschreibt also einen Idealtyp. Da wären dreitausend Taufen inklusive Taufurkunden mit Siegel und Unterschrift einfach kein Problem.

Die erste Gemeinde in Jerusalem bekommt so das Gesicht des endzeitlichen Gottesvolkes. Die christliche Gemeinde als wahres Volk Israel nimmt den Tempel in Besitz, wie das Gottesvolk in den letzten Tagen den Zion in Besetz nehmen wird. Zum Tempel kommt das Privathaus als Gottesdienst- und Versammlungsort hinzu. Lukas hebt die Fröhlichkeit und ausgesprochene Herzlichkeit der Gemeinschaft hervor. Alttestamentliche Tradition wird bewusst aufgenommen und in die christliche Gegenwart übertragen.

Von den Gliedern der Jerusalemer Urgemeinde werden vier Grundverhaltensweisen berichtet: Hören der Lehre der Apostel, Leben in geschwisterlicher Gemeinschaft, Zusammenhalt im Brotbrechen und Feiern, Beharren im Gebet.

Die „Lehre der Apostel“ ist die Jesusüberlieferung, die von den Aposteln gesammelt und gedeutet wird. Zu ihr gehört zweifelsohne auch die Lektüre der damals bekannten Bibel, also unseres so genannten „Alten Testaments“.

„Unterweisung“ bedeutet demnach das Hören auf die alttestamentlichen Schriften und den reichen Strom der schriftlichen und mündlichen Überlieferungen. Das geschieht (mit durch den Heiligen Geist neu) geöffneten Ohren und Augen. Sie kennen Jesus und be-kennen ihn als den Herrn der Gemeinde und der Welt.

In diesem Gemeindeleben drückt sich ein großer Beziehungsreichtum aus. Der Einzelne lebt einerseits in der Beziehung zu Gott, andererseits zu den Mitmenschen. Die Gottesbeziehung lebt aus dem Gebet, die zu den Mitmenschen aus dem Streben nach Treue und Einmütigkeit und der gelebten Sozialen Verantwortung.

Das gilt auch für die Gesamtgemeinde: In der Feier des Abendmahles lebt sie die Gemeinschaft mit ihrem Herrn, und durch diese Gemeinschaft übt sie einen guten Einfluss auf andere Menschen aus, die noch nicht zu ihr gehören.

Diese Art des Zusammenlebens und die Arbeit der Apostel führen dazu, dass die Gemeinde von der Welt mit Respekt angesehen wird. Das Wirken des liebenden Gottes wird durch Gemeinde und Apostel gelebt und bewirkt „tiefe Ehrfurcht“ in der ganzen Stadt.

Zur Einzigartigkeit dieser Gemeinschaft gehört für Lukas auch der Umgang mit privatem Besitz. Hohe soziale Verantwortung füreinander und Fürsorge für Notleidende sind Maßstäbe für den Umgang mit dem, was Gott den Menschen als Besitz anvertraut hat.

Das Bild, das Lukas von der Jerusalemer Gemeinde zeichnet, stellt eine Vision dar. Sie erhält aufrecht, was alle Christen seither erhoffen und woran sie jetzt schon Anteil haben, egal wie fragmentarisch es auch sein mag. Darum schließt Lukas mit der Hoffnung auf Rettung für viele. Diese Rettung der Vielen hat ihre Wurzel im Handeln Gottes durch seine Gemeinde, seine Kirche.

Meine Schwestern, meine Brüder,

dieses Bild von der Urgemeinde ist nicht schwer zu verstehen. Es wird auch kaum jemanden unter uns geben, der eine solche Gemeinschaft nicht als das erstrebenswerte Ziel für sich und seine Ortsgemeinde bezeichnen würde. Aber genau darin liegt auch das Problem. Denn von diesem Ideal ist unsere Gemeinde ein -nicht gerade kleines- Stück entfernt.

Taufen gehören zu den seltenen Ausnahmen im Jahr. Wirtschaftlich könnte es uns schlechter gehen: Wir können uns sogar eigene Räume leisten, in denen wir uns treffen und Gottesdienste feiern können- ohne dass wir unseren Zehnten dafür zahlen müssten. Dafür trifft sich aber auch nur ein Zehntel. Tägliches gemeinsames Gebet, tägliche Mahlgemeinschaft, Besitz miteinander teilen, Bedürftige unterstützen- das ist nicht die Regel.

Weil das so ist, ist mancher immerzu auf der Suche nach seiner persönlichen Urgemeinde. Seine Erwartungen an die „Gemeinschaft der Heiligen“ sind hoch. So hoch, dass die reale Gemeinde dann durch die Urchristenprüfung fällt. Manchmal geht es sogar so weit, dass der Ortsgemeinde abgesprochen wird, auf dem rechten Weg zu sein.

Ich muss an eine junge Frau aus einer meiner letzten Gemeinden denken. Ich hatte mit ihr viele Gespräche über unseren Glauben und die Kirche. Sie hatte über viele Jahre um die Erweckung ihrer Gemeinde gebetet. Als nicht geschah, worum sie bat, hatte sie sich irgendwann resigniert zurückgezogen.

Sie fand in der Nachbarschaft in einer evangelikale Freikirche und hier ihre neue geistliche Heimat. Endlich hatte sie das Gemeindeleben gefunden, das für sie dem der Jerusalemer Urgemeinde entsprach. Es reichte bis hinein in den gemeinschaftlichen Umgang mit dem Eigentum; man stand füreinander ein mit den Gaben, die jede und jeder einzubringen hatten. Man sorgte sich gemeinsam um die Förderung der Kinder in der Schule, feierte begeistert Lobpreisgottesdienste.

Zwei Jahre später dann die Ernüchterung: Jemand aus der Gemeindeleitung hatte sich bereichert und zurückgezogen, die junge Frau hatte der Gemeinschaft ihr Haus überschrieben und verlor im Streit ihr Wohnrecht. Von neuem begann die Suche nach „ihrer Urgemeinde“. Mein Argument, dass es die ideale Urgemeinde so wohl nie gegeben hätte und in dieser Welt auch nicht geben könne, wollte sie nicht gelten lassen. Den Weg zurück in ihre alte Gemeinde traute sie sich nicht. Zu viele Menschen meinte sie mit ihrem Gemeindewechsel enttäuscht zu haben.

In „Gemeinsames Leben“ schreibt Dietrich Bonhoeffer: „Es ist für jedes christliche Zusammenleben eine Daseinsfrage, dass es gelingt, rechtzeitig das Unterscheidungsvermögen zu Tage zu fördern zwischen menschlichem Ideal /und Gottes Wirklichkeit /und zwischen geistlicher/ und seelischer Gemeinschaft. Es entscheidet über Leben und Tod einer christlichen Gemeinschaft, dass sie in diesen Punkten so bald wie möglich zur Nüchternheit kommt“.

Oder anders: Die Realität unseres Daseins auf dieser Welt ist den Gesetzen der Sünde unterworfen. Sie ist die endlose Geschichte des menschlichen Handelns, das immer wieder damit scheitert, von sich aus Gott erreichen zu können.
Die Realität Gottes aber ist die des stets Liebenden, der seine Menschen zu sich holt. Sein Geist ist es, der uns den Sund zwischen ihm und uns überwinden lässt. Wir müssen den Unterschied begreifen zwischen unseren und Gottes Möglichkeiten.

Wie wollten WIR denn verhindern, dass sich jemand aus der Gemeinde sich bereichert? Wie könnten WIR denn erzwingen, dass immer mehr Menschen in den Gottesdienst kommen? Wie kann es JE eine Gemeinde geben, in der jeder tagtäglich genau das findet, was er braucht?

Und doch wird es wohl niemanden unter uns geben, der nicht schon irgendwann einmal in seinem Leben die Erfahrung echter christlicher Gemeinschaft gemacht hat. Sicher auch öfter als nur ein Mal. Und das ist geschehen, weil GOTT uns diese Erfahrung geschenkt hat – nicht weil WIR sie hätten machen können.

Sicher muss die Grundchemie stimmen. Und wir können und sollen uns auch weiterhin Mühe geben, denn das ist unser Auftrag.

Unsere Gottesdienste müssen ernsthaft versuchen, Menschen Gott erleben zu lassen. Wir sollen uns untereinander besuchen, um unseren Alltag zu teilen oder gemeinsam zu feiern. Gemeindenachmittage und Bibelarbeiten sollen uns weiter über unseren Gott ins Gespräch bringen und zusammenwachsen lassen. Wir sollen auch auf dem Weg bleiben, unser Eigentum als eine Leihgabe Gottes erkennen zu lernen und es auch entsprechend nutzen.

Aber wir müssen begreifen, dass der Blick des Lukas auf die Jerusalemer Urgemeinde uns kein schlechtes Gewissen machen, keinen Leistungsdruck aufbauen will, ja aufbauen darf: GOTT kann niemand zwingen.

Lukas will uns vielmehr die PERSPEKTIVE eröffnen, in der unsere Zeit steht. Die SEHNSUCHT wecken nach dem, was durch Gott sein kann und unter uns schon möglich ist. Und diese Sehnsucht WACH halten.

Lukas schreibt das Evangelium, die großartige Geschichte des Handelns Gottes an seinen Menschen, weiter. Er beschreibt nicht, wie fantastisch die Urgemeinde einmal WAR. Er beschreibt, wie fantastisch die Ausgießung des Pfingstgeistes IST. Was durch ihn für uns überall und jederzeit MÖGLICH wird:

Jeder Mensch wird von Gottes Taten in seiner Muttersprache hören. Selbst der Fischer Petrus kann plötzlich selbst so reden, dass Menschen dadurch Gott entdecken. DURCH GOTTES WIRKEN wuchs an diesem Tag die Gemeinde um dreitausend Personen. DAS ist möglich, für dich, für mich, für jede und jeden.

Denn die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sind überall da, wo Kirche ist. AMEN

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