Unterwegssein und Angekommensein zugleich (Eph 2, 17-22)

Unterwegs sein
ein ganzes Leben
Neugier
man will sehen
man will gesehen werden
man sehnt sich
nach leichtem Gepäck

Aber wohin wenn man müde wird
wo Station machen
Ankommen
wohlfühlen
zuhause sein
man sehnt sich
nach Heimat

Und Christus spricht:
Kommt her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Matthäus 11,28
***
Unterwegs sein, angekommen sein:
Zwischen diesen beiden Polen spielt sich das Leben ab. Eines geht nicht ohne das andere, und eines allein wäre ohne das andere nichts. Wer nicht unterwegs ist, verpasst das Leben. Wer keine Heimat hat, hat keine Wurzeln.

Unterwegs sein, angekommen sein:
Zwischen diesen Polen spielt sich das Leben ab. Mancher hat es schwer damit, wünscht sich immer das, was er gerade nicht hat oder ist. Mancher will beides im selben Augenblick. Das kann einen zerreißen.

Unterwegs sein:
Schon das allein keine leichte Übung. Dazu muss man aufbrechen wie einst Abraham. Was aber wird aus Haus und Garten, der Karriere und dem Boot?
Silbermond singt:

„…Du siehst dich um in deiner Wohnung,
Siehst ein Kabinett aus Sinnlosigkeiten.
Siehst das Ergebnis von kaufen und kaufen
von Dingen, von denen man denkt
man würde sie irgendwann brauchen.
Siehst die Klamotten, die du
nie getragen hast und die du nie tragen wirst
und trotzdem bleiben sie bei dir.

Und eines Tages fällt dir auf
dass du 99% davon nicht brauchst
Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck…“

Das klingt fast wie aus der Bibel abgeschrieben. Ganz in Jesu Sinne: Sorgt euch nicht. Seht euch die Lilien auf dem Felde oder die Vögel unter dem Himmel an: Wenn Gott sie versorgt, sollte er euch dann nicht erst recht versorgen?

Wohl dem, der das kann: Unterscheiden zwischen Ballast und Notwendigkeit. Der hätte es in doppeltem Sinne leicht, unterwegs zu sein. Neues zu entdecken. Menschen kennenzulernen. Zu leben. Unterwegs sein: Schon das allein keine leichte Übung.

Dazu kommt: Wo wäre man dann zuhause? Wie könnte man ankommen? Wo könnten die Wurzeln Halt und Nahrung finden? Auch das keine leichte Sache. Hierüber singt Heinz Rudolf Kunze:

„Ich bin nicht aus Bochum und nicht aus Berlin,
nicht aus Frankfurt und erst recht nicht aus Köln.
Ich bin nicht aus Hamburg (wie viele Leute glauben),
nicht aus München und auch nicht aus Mölln.
Ich wurde geboren in einer Baracke
im Flüchtlingslager Espelkamp.
Ich wurde gezeugt an der Oder-Neiße-Grenze,
ich hab nie kapiert, woher ich stamm.
Ich bin auch ein Vertriebener.
Ich will keine Revanche, nur Glück.

Alle gießen ihre Wurzeln, alle reden Dialekt.
Niemals Zeit gehabt, einen zu lernen.
Ich war immer unterwegs, ohne Grund und ohne Boden
mein Geschäft ist Überleben und Entfernen.
Ich bin auch ein Vertriebener.
Schlesien war nie mein.
Ich bin auch ein Vertriebener.
Ich werd überall begraben sein…“

Ohne festen Ort, ohne Heimat, überall begraben sein: Eine ziemlich schaurige Vorstellung. Wie findet man Frieden zwischen Sehnsucht und Sicherheit? Vor allem: Wo findet man den? Ankommen: In der Ruhelosigkeit des Menschseins auch das wahrlich keine einfache Sache.

Unterwegs sein, angekommen sein: Unser Leben braucht beides.
Aber die rechte Balance zwischen diesen beiden Polen, zwischen denen sich das Leben abspielt, kann nur der finden, der weiß, wo er hin gehört.

Wir gehören zu unserem Gott. Dazu schreibt Paulus im Brief an die Epheser, Kapitel 2 ab Vers 17:

17 Er ist ´in diese Welt` gekommen und hat Frieden verkündet – Frieden für euch, die ihr fern von Gott wart, und Frieden für die, die das Vorrecht hatten, in seiner Nähe zu sein.
18 Denn dank Jesus Christus haben wir alle – Juden wie Nichtjuden – durch ein und denselben Geist freien Zutritt zum Vater.
19 Ihr seid jetzt also nicht länger Fremde ohne Bürgerrecht, sondern seid – zusammen mit allen anderen, die zu seinem heiligem Volk gehören – Bürger des Himmels; ihr gehört zu Gottes Haus, zu Gottes Familie.
20 Das Fundament des Hauses, in das ihr eingefügt seid, sind die Apostel und Propheten, und der Eckstein dieses Gebäudes ist Jesus Christus selbst.
21 Er hält den ganzen Bau zusammen; durch ihn wächst er und wird ein heiliger, dem Herrn geweihter Tempel.
22 Durch Christus seid auch ihr in dieses Bauwerk eingefügt, in dem Gott durch seinen Geist wohnt.

Wer dieser Tage durch unsere Stadt geht und dabei die vielen Menschen sieht, die nach ihrer Flucht über tausende Kilometer nun hier bei uns wohnen, spürt sicher noch deutlicher als zuvor, wie wichtig es ist, Heimat zu haben oder zu finden.

Heimat ist nicht einfach der Ort, an dem man geboren worden ist. Für mich war das Zehdenick, eine kleine Stadt an der Havel zwischen Oranienburg und Templin. Dort habe ich so lange gewohnt wie sonst nirgends, nämlich knapp 14 Jahre. Mehr als meine Kinder-Heimat aber ist Zehdenick nicht geworden.

Seither bin ich 9 Mal umgezogen. Nicht jeder meiner Lebens-Orte ist mir zur Heimat geworden. Ich habe zwar überall Menschen gefunden, die mir lieb und teuer geworden sind oder waren. Aber ich kann mich gut daran erinnern, dass es immer einen Moment gab, ab dem mir klar war, dass dieser Ort mir Heimat geworden war.

Es ist wie bei einem Schalter, den man umlegt. Das gute Gefühl, das mich sagen lässt: Hier IST Heimat für mich. Daheim zu sein ist etwas Großartiges. Einen Platz zu haben, wo man hingehört. Zu wissen, hier bin ich geborgen. Hier bin ich mit mir im Reinen. Hier kann ich bleiben.

Und wenn ich von hier weg muss, dann werde ich Sehnsucht nach diesem Ort haben. Es muss nicht nur ein einziger Ort sein, an dem ich das so fühle. Aber wenn, dann ist DAS für mich Heimat.

Dietrich Bonhoeffer schrieb in einer Predigt:
„Es gibt ein Wort, das bei dem Katholiken, der es hört,
Gefühle der Liebe entzündet, das in ihm
ALLE Tiefen des religiösen Empfindens
von Schauer und Schrecken des Gerichts /bis zur Süßigkeit der Gottesnähe fühlt,/
das in ihm gewiss Heimatgefühle wachruft,
Gefühle, die ein Kind der Mutter gegenüber in Dankbarkeit, Ehrfurcht und hingegebener Liebe empfindet,
Gefühle, wie sie einen überkommen, wenn man nach langer Zeit einmal wieder sein Elternhaus, seine Kinderheimat betritt.

Und es gibt ein Wort, das bei den Evangelischen den Klang von etwas unendlich Banalem hat, etwas mehr oder weniger Gleichgültigem und Überflüssigem, das einem das Herz nicht höher schlagen lässt, mit dem sich so oft Gefühle der Langeweile verbinden, das zumindest unserem religiösen Gefühl keine Flügel verleiht –

und doch ist unser Schicksal besiegelt, wenn wir nicht diesem Wort einen neuen – oder vielleicht den uralten Sinn wieder abzugewinnen vermögen. Weh uns, wenn uns das Wort – das Wort von der Kirche – nicht in Bälde wieder wichtig, ja, ein Anliegen unseres Lebens wird.

Ja „Kirche“ heißt das Wort, dessen Sinn wir vergessen haben und von seiner Herrlichkeit und Größe wir heute etwas schauen wollen“.

Diese Predigt Bonhoeffers war zwar keine zu unserer Stelle, aber doch zu unserem Thema – und das ist unschwer zu überlesen, auch ohne dass das Wort genannt ist: KIRCHE ist hier das Thema.

Das wichtigste, dass Paulus hier zur Kirche sagt, ist für mich: „Ihr seid jetzt also nicht länger Fremde ohne Bürgerrecht, sondern seid – zusammen mit allen anderen, die zu seinem heiligem Volk gehören – Bürger des Himmels; ihr gehört zu Gottes Haus, zu Gottes Familie.“

Zu Gottes Haus gehören, in seine Familie: Hier ist nichts, aber auch gar nichts Banales. Denn das hat nichts mit der Anonymität eines Mietshauses zu tun, wo man die Tür hinter sich zuzieht und für den Nachbarn ein Fremder bleiben kann, dem man guten Tag und guten Weg wünscht und von dem man nicht viel mehr weiß als den Namen auf dem Klingelschild.

Es ist mehr als die eigenen vier Wände. Es ist noch viel mehr, als dass man als Flüchtender in Deutschland den Asylstatus zugesprochen bekommt, der einem das Recht zum Bleiben einräumt.

Es ist vielmehr so, dass die Grenzen zwischen Menschen nicht verfestigt, sondern gar nicht erst aufgerichtet werden, wenn es um den Umgang miteinander geht.

Bürgerrecht in Gottes Himmel zu haben – das ist das größte, was ich mir unter Heimat vorstellen kann. Dass ich einen Anteil habe an der Grenzenlosigkeit des Lebens, das Gott für uns bereithält. Dass ich Teil einer Gemeinschaft von Menschen werden kann, die das Bürgerrecht im Himmel für das wichtigste hält, was das Leben einem bietet.

Dass ich Teil einer Familie werde, die mich von der Geburt bis zum Tod begleitet. Von der auch gilt, das „Blut dicker als Wasser“ ist. Heimat für die Seele: Das ist Kirche, die „Gemeinschaft der Heiligen“.

Hier ist man auch mit kleinem, sogar sehr kleinem Gepäck herzlich willkommen. Denn der Geist Gottes vereint alle, und er ist allen geschenkt. Er gewährt in der Taufe freien Zutritt – niemand muss sich einkaufen wie in eine Eigentumswohnung oder Miete zahlen, um nicht wieder hinausgeworfen zu werden.

Dass Kirche kein Haus des Chaos ist, dafür steht Gott mit seinem Wort. Im Fundament seines Tempels sind die Worte der Propheten und Apostel verbaut. Und jeder aus der Gemeinschaft der Heiligen gehört IN dieses Bauwerk wie ein Stein, auf dem der nächste liegt.

Dass Gott uns durch Christus seine Nähe erfahren lässt, ist der Schlussstein dieses Hauses, der Eckstein, der alles zusammenhält, was den Tempel Gottes ausmacht. Diese Nähe Gottes ist der Garant dafür, dass Gott nichts fremd ist, was zu unserem Leben gehört.

Woran immer wir auch tragen oder ob es uns bereits gelungen ist, Ballast einfach weg zu werfen: Christus wird uns mit offenen Armen empfangen.

Hier, bei ihm, finden sie Frieden, die Nahen und die Fernen. Und hier bleibt das Leben nicht stehen, denn das ganze Gebäude besteht aus lebendigen Bau-Steinen, also aus Bewegung. Kirche ist der Ort, an dem beides zusammenkommt: Unterwegs sein und angekommen sein.

Meine Schwestern, meine Brüder,

„Mit deinem Lebenswandel ist hier kein Platz für dich – halte dich an die Gemeinde-Ordnung oder geh!“ oder: „Homosexuell sein, schön und gut. Aber wer so lebt, lebt in Sünde, für den kann kein Platz bei Gott sein.“ Mit solchen oder ähnlichen Plakaten in der Hand bauen manche an ihrer Privat-Kirche, an der Tür mit einem Schild: „Hier gilt unsere Hausordnung!“. Auch heute noch.

Aber Gottes Kirche, die „Gemeinschaft der Heiligen“, ist größer als jede Privat-Kirche. Kirche ist Heimat für jeden, der nach Gott sucht. Denn hier gilt das Evangelium.

Hier sagt Gott durch Christus:  Herzlich willkommen in meiner Nähe! „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Offene Arme und ein offenes Herz sind seine Kennzeichen.
Gottes Liebe teilt sich aus auf alle. Sie hält seine Mitbewohner in ständiger Bewegung, schafft täglich Neues. Macht Fremde zu Mitbürgern. Holt immer neue Menschen in Haus Gottes, in die Nähe Gottes.

Wer nicht unterwegs ist, verpasst das Leben, seine Vielfältigkeit, seine Überraschungen, diese bunte Welt und die Menschen, die auf ihr wohnen. Wer keine Heimat hat, hat keine Wurzeln, spricht keinen Dialekt, ist überall begraben.

„Herrlichkeit“ und „Größe“ der Kirche Gottes: Hier ist beides, Unterwegssein in Gottes Welt und Angekommensein in seinem Tempel. Heimat, die überall zu finden ist, denn Gottes Geist wirkt überall.

Hier ist der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahrt unsere Leiber und Seelen in Christus Jesus. Amen.

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