Spieglein Spieglein an der Wand (1. Kor 13, 1-13)

Was bleibt?
Ich bleibe etwas schuldig.

Was bleibt?
Leben bleibt Stückwerk.

Was bleibt?
Esto mihi – sei mir
ein starker Fels!
Das Fundament, der Fels,
auf dem die Säule
Liebe stehen kann

Wie groß Gott die Liebe meint,
erahnen wir am Kreuz:

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Lk 18,31

Was ist? fragt er. Wie geht’s heute so?
Hast Du die Haare richtig gekämmt?
Vor dreißig Jahren habe ich noch kein bisschen Grau darin gesehen.
Ja, ich weiß: Die Frauen.
Aber Du hast wenigstens noch welche.
Haare meine ich natürlich.
Gut, sicher waren es einmal mehr.
Aber: Je weniger es werden, desto mehr Pflege brauchen sie.
Denk an meine Worte. Das ist wie mit den Reformierten.

Und was hast Du denn da im Augenwinkel?
Ist das Schlaf?  Oder ein Fältchen mehr als vorgestern?
Vielleicht solltest Du doch noch zwei Hände voll kalten Wassers an Dein Gesicht lassen, damit du richtig wach wirst?
Oder wenigstens so aussiehst?

Und sag mal, was ist DAS denn?
Deine Mundwinkel zeigen deutlich nach unten.
Hast Du da noch Zahnpasta dran?
Oder bist Du etwa wirklich schlecht gelaunt?

Und überhaupt, tritt doch mal einen Schritt zurück und lass dich ansehen. Hast Du das Hemd ordentlich in die Hose gesteckt?
Die Schuhe: Wann hast du die das letzte Mal geputzt?
Und der Hosenschlitz? Denk dran, deine Frau sieht alles!

Die Wohnung ist voller Spiegel.
Sie haben immer etwas zu sagen.
Still und freundlich oder still und vorwurfsvoll.

Der im Bad ist besonders grell und grausam.
Der neben dem grünen Schrank im Flur
hat einen schönen goldenen Rahmen.
Da wird man zu einem Bild in einer Gemäldegalerie.
Aber ob ich das kaufen würde…

Und dann ist da noch der im Schlafzimmer.
Oder besser: DIE im Schlafzimmer.
Viele quadratische Spiegel,
zusammengesetzt zu einem großen Rechteck.
Da passe dann selbst ich im ganzen Stück rein
(anders als in unsere Badewanne, ich erzählte kürzlich davon).

Was ist? fragen sie. Wie geht’s denn heute so?
still und freundlich oder
still und vorwurfsvoll,
aber immer und wieder.

Die Wohnung ist voller Spiegel und manchmal denke ich,
keiner funktioniert.
Keiner sagt mir die Wahrheit.

Auch die Spiegel in der Welt draußen sind nicht besser.
Das hochglanzpolierte blaue Cabrio da vorn,
darin sehe ich aus wie eine Ingwerwurzel.

Und in der Sonnenbrille meines Gegenübers
werde ich dann wirklich zur Witzfigur.
Die Schaufenster mögen ja noch gehen,
aber da liegt zu viel buntes Zeug dahinter, das stört.

Der im Spiegel-Labyrinth auf dem Rummel neulich war nicht schlecht.
Da habe ich mich mal richtig unterernährt gefunden.
Du darfst noch ein Schnittchen, Schneewittchen.

Achja, und dann das Sofa beim Therapeuten.
Das Sofa, das gar kein Sofa ist.
Sondern ein Stuhl.
Von links, von rechts,
von unten, von oben.
Das Spiegeln nimmt kein Ende
lebenslang
und doch kenne sie immer noch nicht,
die Wahrheit über mich.

Woher sollten die Spiegel sie auch kennen?
Sie können ja nicht einmal räumlich sehen.
Und dann sehen sie alle immer durch meine eigenen Augen,
und manchmal ist die Brille fettig.
Anfassen kann mein Spiegelbild mich auch nicht,
und wenn ich die rechte Hand hebe, hebt es die linke.
Und ein Blick HINTER das Glas?

Wir sehen jetzt …(in einem) Spiegel ein dunkles Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Ja, Paulus, Recht hast Du.
Jetzt: Irgendwie bleibt alles unscharf, verschwommen, unvollständig, voller Fragen.

Stückwerk ist das Leben
Stückwerk bleibt das Leben.
Sicher nur eines: Es geht zu Ende.
Heinz Rudolf Kunze singt:

„Ob du nun am falschen oder wahren Ende sparst
ob du auch bei jedem hippen Treff zugegen warst
es geht zu Ende mit dir…

Ob du nun Asket warst oder wüster Lebemann
Christ Faschist Opportunist es ändert nichts daran
es geht zu Ende mit dir…
dein erstes Säuglingskrähen
bereits ein letzter Schrei
ein Nachruf auf die Dunkelheit
du lockst sie selbst herbei
der Lauf der Dinge holt uns ein
Mensch Pflanze und Getier
es geht zu Ende mit dir

Ob du nun Paul Hans heißt oder meinetwegen Bernd
ob dus richtig drauf hast oder nie dazugelernt
es geht zu Ende mit dir…
die Frauen immer jünger
wenn du dirs leisten kannst
doch wenn der böse Wolf kommt
bist es du mit dem er tanzt
der Geier kennt das Datum
und er peilt schon dein Revier
es geht zu Ende mit dir…

Ob du nun ein Held bist eine Stütze der Gesellschaft
ob du locker hinkriegst was kein anderer so schnell schafft
es geht zu Ende mit dir
oh ja es geht zu Ende mit dir
kein Adel wird dich retten
kein ethisches Verdienst
zurück ins Glied des Nichtseins
ob du jammerst oder grienst
mag sein du warst die Antwort
doch die Frage endet hier
es geht zu Ende mit dir…
nimm Gift drauf, es geht zu Ende mit dir

Glaubst du dass du einer bist der über allem schwebt
glaubst du alle vor dir hätten ganz umsonst gelebt
es geht zu Ende mit dir…
das Rätsel ist kein Rätsel – da kann man gar nichts machen
am besten dann wenns angebracht ist
weinen oder lachen
es können weder du noch ich noch irgendwer dafür
es geht zu Ende mit dir…“

Es geht zu Ende- mit MIR.
Das ist sicher.
Was bleibt dann?

Es bleibt dann, wer ich bin:
Stückwerk
Splitter
Müll
Sondermüll
alles passt auf ein Blatt Papier, was bleibt
als Insolvenzmasse eines Menschenlebens.

Dann aber, dann:
Dann werde selbst ich erkennen,
wie ich jetzt schon erkannt bin.
Von dem einzigen, der die Herzen schauen kann.
Dann aber, dann – 1. Korinther 13:

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte,
und hätte die Liebe nicht,
so wäre ich nichts.
3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen
und hätte die Liebe nicht,
so wäre mir’s nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
12 Wir sehen jetzt … (in einem) Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Paulus wusste es, ich weiß es, ihr wisst es.
Wer es vergessen sollte:
Bei jeder Beerdigung wird es aufgefrischt.

Es bleiben: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Glaube, der größer ist als alles Wissen, was die Menschheit je in einem Lexikon zusammenstellen könnte.
Das spürt sie, die Menschheit, und weil das Bücherregal zu klein wird,
verschiebt sie ihr Können in die Cloud,
diesen  stetig wachsenden Speicherplatz im Nirwana,
und der Sondermüllberg ihres Wissens wird größer und größer.

Hoffnung, den Überblick zu behalten, ihn irgendwann einmal abtragen zu können, wenn man wegziehen muss, hat niemand mehr.

Mir bleibt aber die Hoffnung, dass ich erkannt werde
von Angesicht zu Angesicht
wie Gott mich gemeint hat
voller Liebe im Blick, die mich schuf
und wieder zurücknimmt
auch wenn die Garantie-Zeit längst abgelaufen ist.

Eugen Roth, „Umwertung aller Werte“:

„Ein Mensch von gründlicher Natur / Macht bei sich selber Inventur …/ Und viele höchste Lebensgüter / Sind nur mehr alte Ladenhüter. / Doch ganz vergessen unterm Staube / ist noch ein Restchen alter Glaube, / Verschollen im Geschäftsgetriebe / Hielt sich auch noch ein Quäntchen Liebe, / Und unter wüstem Kram verschloffen / Entdeckt er noch ein Stückchen Hoffen. / Der Mensch, verschmerzend seine Pleite, / Bringt die drei Dinge still beiseite.“

Und Markus brachte es im Tagesevangelium auf diesen Punkt:
Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?  (Mk 8, 36f)

Wenn der Tod uns trennt, ist das einzige, was die Verwesung und den Sondermüll überstrahlt, die Liebe.
Was bleibt, sind die Momente, in denen diese unsichtbare Kraft zwischen uns hin und her gegangen ist.

Das wird uns die Passionszeit lehren:
Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Das ist, was bleibt.
Die Liebe Gottes
und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
AMEN

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.