Schwerelos

(Jes 40, 26-31)

Erwachsene stehen oft voller Neid daneben, wenn sie kleine Kinder dabei beobachten, wie die ihre Welt entdecken. Wenn sie das erste Mal einen Schmetterling wahrnehmen. Den Duft einer Blume. Ein Musikstück von Mozart.

Das lässt für einen Moment das Erinnern aufblitzen an das Staunen, die Freude und die Neugier, die das Leben so überwältigend groß machen.

Man ist dabei: Hier macht ein kleiner Mensch gerade DIE Entdeckung seines Lebens. Und er ahnt nicht, dass noch viele weitere Entdeckungen auf ihn warten.

So viele, dass er irgendwann erwachsen ist und Staunen, Freude und Neugier immer seltener werden. Und wenn man dann so richtig erwachsen ist, werden die Tage immer häufiger, wo man sich wünscht, wiedergeboren zu werden, damit man das noch einmal erleben kann: Sehen, riechen und hören, als wäre es das erste Mal.

Ja- das wäre schon eine Sache, wenn es wahr würde, was uns der erste Sonntag nach Ostern jedes Jahr von neuem verspricht. Wiedergeboren zu werden. Neu anfangen zu können. Quasimodogeniti.

Aber nimmt man das Leben für sich allein, die eigenen Erfahrungen, dann stellen sich eher große Fragezeichen ein. Es sind die kleinen Erschütterungen des Alltages, die plötzlich große Fragen stellen. Fragen ohne befriedigende Antworten.

Ich sehe in den Spiegel. Die Falten im Gesicht sind unübersehbar. Sicher habe ich mich an die gewöhnt, vielleicht mag ich sie sogar. Aber sie lassen mich die Zeit sehen, die ihre Spuren an mir hinterlässt. Ein Augenblick des Schmerzes.

Und ich glaube, den kennt jeder. Dass man im Moment eines Erfolges plötzlich die Ahnung hat, dass sich solche Erlebnisse nicht mehr oft einstellen werden./ Oder dass man einem Menschen wahrhaft zu spät begegnet, weil einem klar wird: Hätte ich ihn früher getroffen, hätte das mein ganzes Leben verändert./ Oder wenn das Kind tatsächlich von zuhause auszieht und sein Platz nicht nur am Frühstückstisch leer bleibt.

Da stellt sie sich, die Lebensfrage, die Todesfrage, die Gottesfrage. Vielleicht zunächst nur als kleine Irritation empfunden, als flüchtige Unruhe. Und doch ahnt man: Das trifft alles, was ich bin.

Man fragt sich: Wohin führt er mich, mein Lebensweg? Wird mir sein Ende gefallen? Lebenswege, die mir nicht gefallen, kenne ich inzwischen zur Genüge. Und an jedem Tag kommen solche neu dazu – ich muss nur die Nachrichten anschalten oder Zeitung lesen.

Und dann gibt es wirklich MÜDE Menschen unter uns. Menschen, die an jedem Tag müde werden durch Monotonie. Menschen, die den Sinn ihrer Arbeit nicht mehr sehen können. Menschen, die es müde geworden sind, weiter nach Arbeit zu suchen. Die die Ablehnungen nicht mehr ertragen.

Junge Menschen, die an den Ermahnungen ihrer Eltern müde geworden sind. Eltern, die ihrer Ehe müde geworden sind. Junge und Alte, die Krankheiten ihres Körpers oder ihrer Seele zu Menschen machen, die am Leben müder und müder werden.

Und was uns hier, in diesem Gottesdienstraum noch vier härter trifft: Zu aller Müdigkeit des Alltages kann auch die Müdigkeit des Glaubens kommen. Diesen Müden ist ihr Glaube selbstverständlich geworden.

Nichts reißt sie mehr vom Hocker. Das Kind in der Krippe, Jesus am Kreuz, die Auferstehung zu Ostern, die wunderbare Geistbegabung der Gemeinde am Pfingsttag: Ja, klar, weiß ich, kenn ich schon.

Es gibt Menschen, die reißt hier wirklich nichts mehr vom Hocker. Sie bleiben hocken. Werden zu einer verhockten Gemeinde, zu einer Gemeinde, die sitzt. Eine Kirche, die vor lauter Sitzungen blass und blässer wird. Quasimodogeniti? Wiedergeburt, wie neu geboren? Hier? Heute?

Müde werden Menschen aber nicht erst seit heute oder gestern. Müdigkeit ist im Leben wie Geburt oder Tod. Beim Propheten Jesaja steht, ich lese den Predigttext aus Jesaja 40 ab Vers 26 in der Lutherübersetzung:

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. / 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich./ 29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden./ 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; / 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Die Fragen, die Jesaja stellt, sind keine Vorwürfe. Sie sind Ausdruck der Sorge. Die Fragen eines Menschen, der zuhört, was die Menschen so reden. Der sich Zeit nimmt, wenn sie das Schweigen brechen. Fragen eines Seelsorgers.

Er hört: „Nach mir schaut eh keiner.“  „Wer interessiert sich schon für mich?“  „Wer fragt nach meiner Meinung?“  „Recht bekommt, wer die Macht hat- ich habe keine.“  „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Müde Menschen.

Jesaja weiß, dass er in Gottes Auftrag steht. Dass Gott wach ist und wach macht.  Seine Fragen: Behutsam aufmunternd.

Warum denkst du, du seist von Gott benachteiligt? Gar vergessen? Du kämst im Leben zu kurz? „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?“ Siehst Du nicht?  „Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht /müde noch matt.“

RIECHST DU NICHT? Es ist Frühling draußen, sein Duft muss dich doch erreichen.

HÖRST DU NICHT: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ Nein, du weißt es nicht. Du kannst es nicht wissen, weil niemand sie zählen kann. „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl“ (Lied 511).

Oder wem das zu sehr nach Kinderlied klingt:
SIEHST DU NICHT?

Nein, du siehst gerade nicht, dein Kopf hängt ja nach unten. Da kann man nur von einem Schritt zum Nächsten sehen, verliert das Große, das Ganze aus dem Blick.

Also Kopf hoch, sieh nach vorn, besser noch nach oben.  Am besten, wenn es dunkel wird, im Urlaub an der See oder im schwedischen Wald.

„Wer hat dies geschaffen?“ Ihr jedenfalls nicht. Auch eure Gegner nicht, die euch das Leben schwer machen. Ja, sie führen sich so auf, als seien sie ein Star, den alle bewundern müssten. Machen DIR zu schaffen. Aber GESCHAFFEN haben sie nichts von allem, was da ist.

Aber wenn du wirklich Großes sehen willst, sieh in das Universum hinein. In die Gesetze der Natur. Auf die weite Welt, in den unendlichen Kosmos.

Dein Gott hat das alles geschaffen. Er ist der Herr des Universums. Gibt die Gesetze, die wirklich gelten – in der Natur, sogar im Weltall.

Das ganze große Heer der Sterne, „er führt es vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen“ Den Planeten Mars und den Fixstern Sirius, das Sternbild Kassiopeia und den Orion und die Plejaden.

Und die Gestirne am Himmel/ FOLGEN den Gesetzen ihres Schöpfers. Die Planeten ziehen ihre Umlaufbahn, die Sterne folgen den Natur- Gesetzen ihres Schöpfers. Das alles ist so unendlich groß, dass kein Mensch es je erfassen kann. Selbst alle Menschen zusammen nicht, die leben oder je gelebt haben werden.

Wir wissen es doch: Acht Lichtminuten braucht ein Sonnenstrahl von der Sonne bis auf unsere Erde. Mit Lichtgeschwindigkeit, der schnellsten, die wir heute kennen.

Wir wissen es doch: Das Universum ist nach den Berechnungen unserer Astronomen mehr als 10 Milliarden Lichtjahre groß. Das heißt: Das Licht von den fernsten Sternen wäre bis zum anderen Ende des Weltalls zehn Milliarden Jahre unterwegs.

Wir wissen es doch: Niemand wird jemals auch nur AHNEN können, was am Ende des Universums gerade geschieht, geschweige denn Gottes Schöpfermacht ermessen können. Gottes Energie ist wirklich gewaltig. Gott hat Kraft – mehr als alle Sonnen zusammen.

Also: Wenn wieder alles um dich herum grau in grau wird, lass dir von ihm helfen. Versuch dann wenigstens, den Kopf hochzunehmen. Wechsle deine Perspektive. Denn was dich klein macht, ist NICHTS/ im Verhältnis zu dem, der dich groß macht. Zu Gott, von dem/ und durch den/ und zu dem DU BIST.

JA DOCH! Rieche ich! Höre ich! Sehe ich! Verstehe ich! UND JETZT? Warum passiert nichts?

Meine Schwestern, meine Brüder:

Weil der Schluss noch kommt. Das Leben noch gelebt wird. Die Entdeckung des größten Wunders noch aussteht. Dieses Wunder beschreibt Jesaja so: Die „auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren wir Adler…“

Was steckt denn in diesem Bild? Die Beobachtung des Segelfluges. Egal ob Adler oder Möwen: Sie flattern nicht herum, machen nicht viel Wind, strengen sich sichtlich NICHT an, um in große Höhen zu steigen.

Sie LASSEN sich in die Höhe tragen, nützen die Naturkraft der Thermik. In aufsteigenden Warmluftströmen steigen diese Vögel in Spiralen kreisend allmählich in die Höhe. Scheinbar schwerelos. Stundenlang. Immer wieder neu.

Wer sich einer Verheißung Gottes anvertraut, wird in die Höhe getragen. Freiheit ohne Grenzen erleben. Überblick bekommen.

Solange er nicht in den Fehler verfällt, sich abzustrampeln und aus eigener Kraft erreichen zu wollen, was doch kein Mensch erreichen kann. Wer nur auf sich selbst vertraut, wird müde. Aber unermüdlich, wer auf den Herrn harrt.

Wer auf den Herrn vertrauen kann, erhebt den Kopf und sieht, dass Ostern für ihn geschehen ist. Wird Gottes Kraft spüren, die ihn höher und höher steigen lässt.  Wird Gottes Liebe erleben, die ihm ein neues Leben schenkt.

Also nehmt, was euch in der Taufe geschenkt ist: Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Sie werden euch neu werden lassen – grenzenlos, Quasimodogeniti. Amen.

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