Ohne Gängelband (Rut 1, 1-16)

Die Losung von gestern
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,
und was der Herr von dir fordert,
nämlich
Gottes Wort halten und Liebe üben
und demütig sein vor deinem Gott

aber das Leben von heute
seine Folgen
Terror Hunger Verfolgung
Unterdrückung Mangel
was bedeutet die Losung von gestern
wenn diese Welt von heute
einem zur Fremde wird

Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist,
dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.
Psalm 33,12
***
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist. Dir, mir, allen. Da beißt die Maus keinen Faden ab: Es IST uns gesagt.

Da bringt Moses die zehn Gebote in Stein gehauen vom Gottesberg herunter, auf dass sie in Ewigkeit nicht verloren gehen. Da haben wir das dicke Buch in seinen zwei Teilen, das wir Bibel nennen und uns heilig ist, voller geschriebenem Wort Gottes. Da werden Propheten und Priester, Jesus und in seiner Nachfolge sogar normale Christen oder gar Pfarrer nicht müde, das Wort Gottes laut oder leise, einfühlsam oder aufdringlich, in würziger Kürze oder lähmender Länge, in jedem Fall aber gut hörbar weiterzusagen. Es IST uns gesagt.

Und doch: Man hat es nicht immer leicht mit dem, „was gut“ ist. Das Leben kommt einem dazwischen. Dann weiß man zwar immer noch, was einem gesagt ist. Aber es taucht immer öfter eine Stimme auf und sagt laut und vernehmlich: „Aber“! und meint: So einfach sei das ganze nun wirklich nicht. Man könne das auch ganz anders sehen.

Es sei eben nicht einfach, zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Was Bestand hätte. Was genau man machen sollte im Leben, wenn man sich von ihm ungeliebt fühlt. Wenn man fremd im eigenen Leben würde, umgeben von fremden Menschen, fremden Ideen, fremden Ideologien, fremden Religionen. Da kann einem selbst der eigene Glaube fremd werden. Da weiß man genau, was fremd ist – und gar nicht mehr so genau, „was gut“ ist.

Was sagte Jesus vorhin auf die Frage des Schriftgelehrten? Das wichtigste Gesetz sei die Liebe zu Gott und die zum Nächsten wie zu sich selbst. Wer unter uns würde das bestreiten?

Was aber, wenn die Liebe zum Nächsten schwer und schwerer wird? Wenn die Flüchtenden an unserer Tür Schlange stehen? Wenn die Fernsehbilder über Hunger, Not und Elend uns überfordern? Wenn wöchentliche Terroranschläge alle Sehnsucht nach Sicherheit sterben lassen? Wenn Kirchen immer leerer und Moscheen immer voller werden? Wie ist es dann mit der Liebe: Zu Gott, seinen Geboten, dem Nächsten, sich selbst? Wie soll alles funktionieren?

Das Leben kommt dazwischen. Auch davon weiß die Bibel. Das Buch Rut, aus dem ich den Predigttext ausgesucht habe, ist eine Illustration dazu. Ich lese den Anfang, Kapitel 1, die Verse 1-16:

1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort.
Und Elimelech, Noomis Mann, starb und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen.
Die nahmen moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon, sodass die Frau beide Söhne und ihren Mann überlebte.
Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte.
Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.
Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einen Mann zu nehmen. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einen Mann nehmen und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch so lange einschließen und keinen Mann nehmen? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand ist gegen mich gewesen.
14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber blieb bei ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.
16 Rut antwortete: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Soweit der Predigttext. Es lohnt sich übrigens, das Buch Rut zu Ende zu lesen. Schon Johann Wolfgang von Goethe liebte dieses kleine biblische Buch, es sei „das lieblichste, kleine Ganze, das uns überliefert worden ist“ – und er bezog das offenbar nicht nur auf die Bibel, sondern alle Literatur, die er kannte.  Also lest es zuhause ruhig zu Ende, vor allem wenn Ihr zuletzt schon in der Christenlehre davon gehört haben solltet.

Denn nicht selten machen Menschen sich aus biblischen Geschichten eine Idylle zurecht. Denkt an die Weihnachtsgeschichte mit den Hirten auf dem Felde. Von Idylle aber gibt es im Buch Rut bestenfalls Spuren, weil es eine Art Happyend gibt. In den nur 85 Versen geht es vielmehr vor allem um das Leben in den Spannungsfeldern zwischen Arm und Reich, Frau und Mann, Jung und Alt, Leben und Tod. Auch zwischen der eigenen und der fremden Religion. Um ein Leben vor vielleicht dreitausend Jahren.

Schon bei den ersten Versen habt ihr aber sicher gespürt: Auch wenn das Buch alt ist, auch wenn Sprache und auch viele Bräuche nicht mehr unsere sind: Die Probleme der Zeit Ruts kennen wir gut, sehr gut.

Da muss eine Familie wegen einer Hungersnot das Land verlassen und in der Fremde das Nötige zum Überleben suchen. Das hat nichts mit Urlaubmachen zu tun, so als wenn wir nach Schweden, Italien oder Portugal verreisen.

Die Familie musste sich in einem fremden Land NIEDERLASSEN. Hier gab es nicht nur eine andere Sprache, sondern auch eine andere Religion. Und ob die dortigen Bewohner über die Zuwanderer erfreuter gewesen sind als viele Menschen heute? Ganz sicher wird es den Moabitern schwerer gefallen sein, die Fremden aufzunehmen als uns heute, hier in Deutschland, die wir zu den zehn reichsten Ländern der Welt gehören. Ob diese Familie da überhaupt ein Auskommen findet, ist zunächst völlig offen. Und trotzdem gingen sie in die Fremde. Offenbar sahen sie keinen anderen Weg. Wie so viele vor und nach ihnen.

Zu den wirtschaftlichen Problemen kommen zwischenmenschliche. Die beiden Söhne heiraten im Ausland. Das spricht ja zunächst für eine gut funktionierende Integration von Noomi und ihrer Familie in die neue Gesellschaft. Aber diese „Mischehen“, die man heute lieber als binationale oder interreligiöse Ehen bezeichnet, sie bringen zahlreiche Spannungen in die Familien – zu den normalen Sorgen des Alltags hinzu. Darum sehen das auch heute noch viele Menschen mit großer Skepsis, und zur Zeit Noomis dürfte das kaum anders gewesen sein.

Die größten Probleme aber, weit größere als heute, kommen mit dem Tod. Zuerst stirbt der Ehemann und Vater, dann sterben beide Söhne. Noomi bleibt ganz ohne Verwandte allein zurück, und das in der Fremde. Das ist für eine Frau im alten Orient das wohl schlimmste, das passieren kann. Ohne Rente, ohne jegliches soziale Netz: Sie bleibt zurück ohne rechtlichen Schutz, ohne Altersversorgung, ohne Zukunft- lebendig am Ort ihres Todes.

Das macht zunächst den Rahmen aus, in dem sich praktische Nächstenliebe biblisch bewähren muss. Außerdem aber wird sich auch zeigen, ob der Noomis Glaube an Gott eine Hilfe sein wird oder nicht.

Dass Gott ihr tatsächlich weiterhilft, überliest man vielleicht zunächst. Aber es ist GOTT, der Veränderung in ihr Leben bringt: Noomi hat „erfahren“,  „dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte“.

Noomi hört und hält es für wahr: GOTT hat das Schicksal Israels gewendet. Diesen Worten schenkt sie Glauben. DARUM macht sie sich auf. Sie verlässt ihren Ort des Todes, weil sie von Gott weiß, der seinem Volk neue Lebenschancen nach der Hungersnot eröffnet. Sie glaubt, dass er auch ihr eine neue Chance bietet.

Noomi macht sich auf wie auch schon die Erzväter Abraham oder Jakob sich aufgemacht haben. Sie, die Witwe, die keine neue Familie mehr gründen kann, keine eigene Nachkommen mehr haben wird, vertraut auf Gottes Wirken für ihr Leben. So nah ist sie ihm.

Nun zeigt uns das Buch Rut, dass Schwiegermütter nicht automatisch Schwierigmütter und darum als Stoff für Witze oder manch tiefen Seufzer der Schwiegerkinder gut sind. Es kann nämlich auch wirklich gut gehen.

Zwischen Noomi und ihren beiden Schwiegertöchtern jedenfalls geht es gut; schließlich begleiten BEIDE sie zunächst auf ihrem Weg zurück. Das liegt sicher nicht nur an der Not, die die drei Frauen enger zusammengebracht hat. Auch wenn Noomi eine Ausländerin ist, auch wenn sie einen anderen Gott hat, auch wenn es keine Enkel gibt, die sie familiär enger aneinander binden würden: Schwiegermutter Noomi ist es beiden wert, bei ihr zu bleiben.

Und sie bleibt es wert. Sie müht sich ab, beide jungen Witwen davon zu überzeugen, zu ihren Verwandten zurückzukehren. Sie sollten doch einen neuen Versuch zur Familiengründung unternehmen. Von ihr hätten sie doch nichts mehr zu erwarten.

Viel sagend ist Noomis Wunsch, Gott möge beiden Schwiegertöchtern die CHÄSÄD vergelten, die sie gezeigt haben. CHÄSÄD ist hebräisch und heißt übersetzt Güte, Gnade, Wohlwollen, Barmherzigkeit oder eben Liebe.

LIEBE – die soll sein, was bleibt zwischen ihnen. So trennen sie sich unter Tränen und gehen verschiedene Wege – Orpa zu ihrer Familie, Rut bleibt bei ihrer Schwiegermutter.

Beide Schwiegertöchter entscheiden sich unterschiedlich. Aber beide, Rut und Orpa, gehen ihren Weg heraus aus der CHÄSÄD – Liebe ist es, was sie verbunden hat und worum es weiter gehen wird.

Orpa geht den Weg, den man als den normalen Weg bezeichnen könnte: Zurück zu ihren Wurzeln. Rut geht einen anderen, den überraschenden Weg. Ihr Name wird zum Namen des Buches und zum Programm, Rut bedeutet übersetzt: Die Gefährtin, die Nächste.

Und ihr Programm der CHÄSÄD bringt sie Noomi gegenüber auf den Punkt: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Meine Schwestern, meine Brüder, zurück zum Anfang:

Wir haben die Gebote Gottes gehört. In meinen reformierten Gemeinden gehören die übrigens in die Gottesdienstliturgie, werden also in fast jedem Gottesdienst gelesen. Auch Jesu Bekräftigung gehört in unsere Liturgie: Das wichtigste Gesetz ist die Liebe zu Gott und die zum Nächsten wie zu sich selbst.

Gebote und Bekräftigung erinnern uns: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist. Und diese Erinnerung ist wichtig. Denn einerseits ist sie die Kompassnadel unserer Tage, zeigt also die RICHTUNG an, in der Gott unser Leben will.

Andererseits macht sie uns deutlich: Das Leben kommt dazwischen. Immer wieder neu werden wir Fremde im Leben mit Gott, wir werden ihm entfremdet. Darum fragen wir Gott jeden Sonntag neu: Wie kommen wir wieder auf Kurs zu ihm?

Dazu hilft uns heute das Buch Rut. Viele Facetten des Fremdseins sind uns begegnet. Die Hungerflucht ins Ausland, zu einem fremden Volk mit einer fremden Religion, mit fremden Töchtern in der eigenen Familie. Der Tod als der größte Fremde im Leben ist dazugekommen. Fremd ist alles, was wir nicht kennen. Und vielen Menschen macht das Fremde daher Angst.

Uns ist aber auch der Ausweg aus dieser Angst gezeigt. Der Ausweg, den Gott für uns  gedacht hat: Die CHÄSÄD. Die Güte und Gnade, das Wohlwollen oder die Barmherzigkeit, die Liebe bedeutet. Und wir haben auf besonders schöne Weise gesehen, dass das funktionieren kann. Denn die Liebe, die Gott wirkt, bedeutet eine große Freiheit.

Noomi bindet das Schicksal ihrer Schwiegertöchter nicht an ihr eigenes, sondern sie gibt sie frei. Beide sollen ihren eigenen Weg gehen können. Sie stellt das nicht klagend oder seufzend fest, sondern sagt aus ganzem Herzen JA dazu. Sie drängt Orpa und Rut geradezu, ihre eigenen Wege zu gehen. Sie gibt sie von Herzen frei.

Solche großartige Freiheit zu gewähren sind viele Menschen nicht in der Lage. Auch unter uns nicht. Viele denken und handeln eher in Kategorien der Scheinfreiheit, mit einem unsichtbaren Gängelband, das man irgendwie versucht, fest in der Hand zu behalten.

Da sind die Lebenspartner, die Kinder, die Kollegen, die Grundsicherungsempfänger, die Nehmerländer im Bund oder in der EU oder die Empfänger von Entwicklungshilfe. Überall gilt, von der Partnerschaft über die Familie bis in die Politik:  Wer etwas empfängt, soll das gefälligst so benutzen, wie es dem Geber genehm ist. Tun sie es nicht, werden Mittel gekürzt oder nichts mehr gegeben.

Gott löst dieses Gängelband. Er zwingt niemanden auf einen Weg. Und weil Naomi Gott so nahe ist, lässt sie ihren Schwiegertöchtern diese Gottes-Freiheit. Rut wird gerade darum zur Gefährtin, entscheidet sich für Noomi UND ihren Gott, weil sie nicht gegängelt wird, sondern sich in Freiheit entscheiden kann. Aus solcher Freiheit wächst eine wirklich starke Gemeinschaft:  Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Noch ein Aspekt großer Freiheit: Als Noomi ihre Schwiegertöchter zurückzuschicken sucht, dankt sie beiden für ihre CHÄSÄD. Zuallererst für die CHÄSÄD, die sie ihren Söhnen erwiesen haben, und dann noch für die, die Noomi selbst von den beiden empfangen hat. Wann habt Ihr zuletzt einen solchen Dank der älteren an die jüngere Generation gehört? Oder selbst ausgesprochen?

Wie auch immer – mir wird hier deutlich: Weil Noomi so nahe bei Gott sein kann, ist sie wirklich frei. Umgekehrt gilt: Je fremder einer Gott ist, desto öfter versucht er, die Dinge selbst zu regeln, zu gängeln, zu erzwingen. Weil das nicht gelingt, wächst die Angst vor dem Leben, das dazwischenkommt. Angst vor dem Fremden.

Wo aber der Allmächtige zuhause ist, wächst aus Freiheit CHÄSÄD:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes bewahren unsere Herzen und Sinne.
Hier hat Angst vor dem Fremden keinen Raum.
Amen.

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