Krippe oder Kreuz?

(1. Joh 5, 11-14)

Zweiter Sonntag nach Weihnachten. Das Fest der Feste ist gefeiert, der Jahreswechsel auch. Dessen Folgen sieht man noch überall auf unseren Straßen. Wer Feuerwerke abbrennen kann, muss noch lange nicht seinen Müll danach einsammeln können. Aber irgendwer wird dafür schon verantwortlich sein und wieder Ordnung schaffen. Irgendwer, irgendwann.

Mit dem Weihnachtsbaum sieht es da schon anders aus. Den räumt einem niemand weg, da wird man schon selbst Hand anlegen müssen.

Wie lange lässt man den denn nun stehen? Das Diktat der Stadtreinigung nennt uns den 17. Januar als Abfuhr –Termin in der Altstadt. Da sollen die Bäume gut sichtbar und abgeschmückt (!) und ohne Verkehrsstörung draußen liegen.

Dabei liegt die Epiphaniaszeit dann noch fast zur Hälfte vor uns, die ja auch in den Weihnachtsfestkreis gehört und der erst mit dem Sonntag Septuagesimae endet. Der ist in diesem Jahr früh, schon am 1. Februar.

Dennoch zuviel des Guten? Für die, die mit dem Weihnachtsfeiern schon Ende November begonnen haben, vielleicht. Aber im Dezember war ja eigentlich Advent, Weihnachten begann wirklich erst mit dem Heiligen Abend.

Und wenn man sich daran gehalten hat, braucht man noch etwas Zeit. Zeit, um Klarheit zu gewinnen über das, was uns zu Weihnachten passiert ist.

Weihnachten wurde ja wieder überall in unserer Gesellschaft gefeiert. Es gibt offenbar einen gesellschaftlichen Krippenkonsens:

In Stall zu Bethlehem kann man sich treffen, ohne Grundsatzdiskussionen lostreten zu müssen. man trifft sich besonders friedfertig und bereit zur Harmonie. Man nimmt sich Zeit für die Geschichte von der Krippe.

Für Engel, für Esel und Ochsen, für Hirten und Könige.

Dieser gesellschaftliche Krippenkonsens tut der sonst so streitbereiten Gesellschaft gut. Der eint nicht nur die sehr aktiven Gemeindeglieder mit denen, die nur am Heiligen Abend kommen, sondern auch Christen und Nichtchristen. Wenigstens am Ende des Kalenderjahres für ein paar Tage. Alle Jahre wieder.

Sollte das die Kirchen nicht nachdenklich machen? Sollte sie
nicht ihr Marken- Logo wechseln? Weg vom Kreuz, hin zu: Naja, vielleicht nicht gleich hin zum Weihnachtsbaum, dann würden uns die meisten uns sicher für eine Vereinigung von Forstwirten halten.

Aber wie wäre es mit dem Tausch gegen die Krippe? Krippen kann man schließlich genauso gut künstlerisch gestalten wie Kreuze. Auch auf Gesangbüchern und Bibeln würden sie sich gut machen: In Goldschnitt, geprägt, gedruckt.

Und schließlich ist auch die Krippe ein Symbol einmaligen Geschehens: Das Symbol der Weihnacht. Und sie wäre ein positives Symbol, anders als das Skandalkreuz. Wir wären dann nicht mehr immerzu gezwungen zu erklären, warum wir uns ein Hinrichtungsinstrument in Kirchen, Gemeindehäuser und Wohnstuben hängen.

Wenn die Weihnachtsbotschaft mit der Weihnachtsgeschichte schon ihr Ende erreicht hätte, wäre dem so. Aber die Weihnachtsbotschaft ist mehr. Und dafür brauchen wir mehr Zeit. Mindestens bis zum Ende der Epiphanias- Wochen. Und ein offenes Ohr, heute für den Schreiber des 1. Johannesbriefes, ich lese aus Kapitel 5 ab Vers 11:

(Gott hat)… uns das ewige Leben gegeben…; (und)… dieses Leben bekommen wir durch seinen Sohn. 12 Wer mit dem Sohn verbunden ist, hat das Leben. Wer nicht mit ihm, dem Sohn Gottes, verbunden ist, hat das Leben nicht.
13 Ich habe euch diese Dinge geschrieben, um euch in der Gewissheit zu bestärken, dass ihr das ewige Leben habt; ihr glaubt ja an Jesus als den Sohn Gottes. 14 Und wer an Jesus glaubt, kann sich voll Zuversicht an Gott wenden…

Wer mit dem Sohn verbunden ist, der hat das Leben; wer nicht, der hat das ewige Leben nicht. So Johannes im Kernsatz unseres Textes.

Aus Sicht eines Christen ein ziemlich logischer Satz. Für manche Außenstehende hört er sich fast wie eine Drohung an. So aber kann er nicht gemeint sein. Das hätte ja mit der Liebe Gottes nichts zu tun.

Er ist vielmehr eine Klarstellung. Er ist die Beschreibung einer an sich logischen Folgerung, keine Drohung gegen Andersdenkende, auch wenn viele das Johannes selbst heute noch vorwerfen.

Hier bestätigt sich wieder einmal der alte Spruch: Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durchs Gedränge zu tragen, ohne jemandem dabei den Bart anzusengen. Und die Wahrheit der Weihnacht ist:

Das Kind in der Krippe ist eben nicht auf den in Windeln gewickelten Säugling zu reduzieren. Angewiesen auf menschliche Fürsorge und Nähe. / Es ist eben nicht einfach ein Baby, um das sich damals und alle Zeit der Welt alle scharen, um es sich anzusehen und einfach nur freundlich zu einem neuen Erdenbürger zu sein. / Es kann eben nicht nur darum gehen, sich anzustellen hinter den Hirten, Königen und Engeln, mit ihnen zu feiern und dann wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Josef Reding schrieb: „Wenn wir Mahatma Gandhi sagen, stellen wir uns nicht einen rosigen Säugling auf dem obligatorischen Krabbelfell im Studio des Familienfotografen vor. Wenn wir Martin Luther King sagen, denken wir nicht an ein Negerbaby, sondern an einen Erwachsenen in der Spitzengruppe eines Demonstrationszuges. Aber sagt man Christus, dann schrumpft bei vielen Zeitgenossen das Vorstellungsvermögen auf das Krippenkind zusammen.“

Wäre das tatsächlich alles, wäre Jesus zum hauptberuflichen Christkindel geworden.

Das Krippenkind ist aber nur der Anfang. Dieses Kind wird erwachsen werden. Seine irdischen Eltern müssen schon früh lernen, wie besonders ihr Kind ist – denkt nur an die Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel (Luk 2, 41ff, Evangelium heute).

Als dieses Kind erwachsen geworden war, wurde aus ihm ein begnadeter Prediger, Heiler und Wundertäter, der sich für die Armen einsetzte und den Reichen ins Gewissen redete und Unmögliches möglich machte.

Viele Menschen zog er magisch an. An ihm schieden sich die Geister. Die Einen liebten ihn, weil er ihr Leben reich machte. Die Anderen hassten ihn, weil sie begriffen, wie groß er/ und wie klein sie selbst waren.

Dass ihn Letztere aus der Welt schafften, indem sie ihm einen Prozess an den Hals hingen und ihn kreuzigen ließen, war wohl nicht zu verhindern und irgendwie der Lauf dieser Welt. Märtyrer gab und gibt es immer wieder.

Für viele, auch in den Gemeinden, wird Jesus so zu einem großen Menschen, ein Vorbild, ein Sozialreformer. Oft wird gesagt: Gott – ja! Aber ein Christus, ein Messias? Warum?

Sie feiern Weihnachten als Geburt eines großen Menschen. Aber Menschwerdung Gottes? Jesus als Gott im Futtertrog? Das ist für viele nicht vorstellbar und darum undenkbar.

Aber war Weihnachten wirklich die Geburtstagsfeier für einen großen Menschen? Warum feiern wir andere Geburtstage nicht auch mit einem so großen Fest? Den von Karl Marx zum Beispiel? Oder die von Luther, Calvin oder Zwingli?

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht, was sich außen abgespielt hat, sondern/ Verborgenes und Unsichtbares/ ausgebreitet vor unser aller Augen./ Was macht dieses Geheimnis aus, dass da vor uns ausgebreitet ist?

Sicher: Die Vorbildfunktion darf Jesus nicht abgesprochen werden. „Er hat mit seinem Leben gezeigt das Liebe ist“- Aber das ist immer noch nicht alles. Dann hieße es nach Karfreitag doch nur: „Die Sache Jesu geht weiter“, auch wenn er tot ist.

Aber genau das spielt sich bestenfalls AUßEN ab. Das ist nicht das „Verborgene und Unsichtbare“, das diese Geburt vor über 2000 Jahren auf dieser Welt in Gang setzt hat.

Wer nur in die Krippe sieht, steht ständig in Gefahr, das Kreuz und damit den Höhepunkt der Geschichte Gottes mit uns aus dem Blick zu verlieren. Das Kreuz, von dem der wichtige reformierte Theologe Karl Barth sagte, dass in ihm das Heilshandeln Gottes zum Ziel gekommen sei. Das Kreuz, in dem das Geheimnis der Größe der Liebe Gottes verborgen liegt. Das den römischen Hauptmann sagen lässt: Dieser ist Gottes Sohn gewesen.

An dieses Geheimnis erinnert Johannes. Es liegt in der Verbindung von uns Menschen zum Sohn Gottes: Wer mit ihm, den Sohn Gottes, „verbunden“ ist übersetzt die Neue Genfer.

Die Lutherbibel und mit ihr auch die Zürcher Bibel übersetzen: Wer den Sohn Gottes „hat“. Aber das ist problematisch. Denn „haben“ kann man dieses Geheimnis nicht. Man kann mit ihm leben, es umkreisen, betrachten, immer neue Seiten an ihm entdecken. Eben eher mit ihm „verbunden“ sein.

Diese „Verbindung“ hat eine zeitliche Komponente, weil sie eine BEZIEHUNG ist. In einer Ehe zum Beispiel „hat“ man sich ja auch nicht, man verbindet sich mit jemand. Wie eine gute Freundschaft nicht nur auf Zeit, sondern auf Lebenszeit gedacht.

Und dazu braucht man genau das: Zeit. Wir brauchen mehr Weihnachtszeit, um wenigstens zu erahnen, was das bedeutet: „Unsres Herzens Wonne liegt in der Krippe bloß und leucht doch wie die Sonne in seiner Mutter Schoß“.

Wir brauchen Zeit, um zu begreifen, warum die Hirten alles stehen und liegen ließen, um zum Stall zu gehen. Und die Weisen wochenlang dem Stern folgten, um an einem Futtertrog anzukommen und hier irdische Reichtümer zu verteilen.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Lasst uns dem Geheimnis nachspüren, was es bedeutet, mit dem Sohn Gottes „verbunden“ zu sein. Das MACHT man nicht einfach, das HAT man nicht, das kann man nur LEBEN. Und genau dazu kann uns die Weihnachtszeit helfen, die manchem lang erscheint.

Mir hilft dabei auch immer, dass ich unseren Weihnachtsbaum so lange im Wohnzimmer zu halten versuche, bis die Weihnachtszeit vorüber ist, auch wenn ich dann mehr Mühe mit seiner Entsorgung habe. Es hilft mir, den Unterschied zu fassen zwischen dem „Haben“ /und dem „Leben“, wenn ich dieses Symbol der Weihnacht zum Fest „hatte“/ und danach mit ihm „lebe“.

„Leben“ mit dem Sohn Gottes schafft Verbindung. Und diese Verbindung mit dem Sohn Gottes hat eine große Verheißung: Das Ewige Leben. Leben von ungeahnter Qualität. Ohne die Grenzen des irdischen Seins. DAS ist das Verborgene, das Unsichtbare, das doch vor unser aller Augen ausgebreitet da liegt: In der Krippe, am Kreuz, im leeren Grab.

13 Ich habe euch diese Dinge geschrieben, um euch in der Gewissheit zu bestärken, dass ihr das ewige Leben habt; ihr glaubt ja an Jesus als den Sohn Gottes. 14 Und wer an Jesus glaubt, kann sich voll Zuversicht an Gott wenden…

Diese Verbindung zum Gottessohn lässt es uns HABEN, das Leben ohne Grenzen, das „Ewige Leben“, die große Zuversicht zu Gott.

Wer von uns wollte Weihnachten jetzt schon in die Schachteln für Baumschmuck oder Krippen zurückverpacken? Wer wollte diese Zuversicht nicht für sich gewinnen? Wer wollte sie nicht entdecken:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Gemeinschaft des Heiligen Geistes?

Die Leben bedeuten, das ewig ist?
Lasst uns Weihnachtszeit leben! AMEN.

Der Reformierte Kirchenkreis erprobt derzeit die neue Predigtreihe 4. Genaueres gern bei mir.

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