Keine Rechnung (2. Kor 9, 6-15)

Leben
wir können es nicht
kaufen oder schaffen
lebensWERT ist es nicht,
weil wir es LEISTEN
GOTT SCHENKT ES
wer denken kann
muss ihm danken
Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen ihre Speise
zur rechten Zeit. Psalm 145,15
***
Bruno will Bello ein großes Stück von seinem Kotelett abgeben. VOR dem Braten natürlich, denn er weiß, was seinem Hund gut tut und was nicht. Bruno hat schon bei seinem Freund Rainer üppig zu Abend gegessen und ist darum satt; er will jetzt nur etwas mitessen, weil Kotelett sein Leibgericht ist.

Weil Bello auch Kotelett zu seinen Lieblingsgerichten zählt (besonders den Teil mit dem Knochen, Hunde- Augen lügen nie), soll er nun die Hälfte abbekommen, den ganzen Knochen mit reichlich Fleisch. Nichts da, sagt die Mutter. Gibt dem Hund was von seinem Hundefutter. Das hier ist für uns. „Ach ja“, seufzt Bruno laut hörbar: „da hat es eine Spende werden sollen, ist aber wieder nur eine Kollekte geworden.“

Paulus hat es auch nicht leicht mit der Kollekte. Er muss und will eine Kollekte für die Jerusalemer Christengemeinde sammeln und dazu einen Werbebrief schreiben. Wer schon einmal etwas Ähnliches machen musste, weiß, wovon ich rede: Man fühlt sich irgendwie wie ein Bettler. Man will ja irgendwie an das Geld kommen, dass andere Leute in ihrer Brieftasche haben.

Dabei muss man jeden Eindruck vermeiden, als sei man selbst der Bedürftige. Die richtigen Worte finden, damit die Sammlung auch erfolgreich ist. Argumente liefern, nicht nur eine Kollekte, sondern eine Spende zu geben, um bei den Maßstäben von Bruno und seinem Kotelett zu bleiben.

Und nicht zu unterschätzen: Ein Gefühl muss man auch liefern. Das Gefühl, genau das Richtige gemacht zu haben, indem man jetzt etwas verschenkt. Eine ordentliche Kollektenempfehlung muss es also werden. Besser als so manche, die in unseren amtlichen Kollektenempfehlungen abgedruckt ist und bei denen es manchmal kaum möglich ist, sie vorzulesen, geschweige denn sie beim Hören auch zu verstehen.
Ob es Paulus besser gelingt?

Keine Bange, ich lese jetzt nicht den ganzen Kollektenbrief, sondern nur den Predigttext für heute. Aus dem 2. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 9, die Verse 6-15 in der Übersetzung der Zürcher Bibel.

6 Dies aber bedenkt: Wer spärlich sät, wird auch spärlich ernten, und wer im Zeichen des Segens sät, wird auch im Zeichen des Segens ernten.
7 Jeder aber gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, ohne Bedauern und ohne Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.
8 Gott aber lässt EUCH all seine Gnade REICHLICH zukommen, damit ihr allezeit mit allem reich versorgt seid und darüber hinaus noch Mittel habt zu jedem guten Werk,
9 wie geschrieben steht:
Er hat ausgestreut und hat den Armen gegeben,
seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.
10 Der aber dem Säenden Samen gibt und Brot zur Speise, der wird auch euch das Saatgut geben in reichem Maße und die Frucht eurer Gerechtigkeit wachsen lassen.
DER SINN DER KOLLEKTE
11 In allem seid ihr reich, und in allem zeigt sich ganz selbstverständlich eure Güte, die bewirkt, dass, durch unsere Vermittlung, Gott gedankt wird.
12 Denn die Ausübung dieses Dienstes gleicht nicht nur den Mangel der Heiligen aus, sie bewirkt auch, dass Gott über die Maßen gedankt wird.
13 Weil ihr euch in diesem Dienst bewährt, preisen sie Gott für den Gehorsam, mit dem ihr euch zum Evangelium von Christus bekennt, und für die Selbstlosigkeit, mit der ihr an ihnen und an allen Anteil nehmt.
14 In ihrem Gebet für euch bezeugen sie ihre Sehnsucht nach euch angesichts der überfließenden Gnade, die Gott euch zukommen ließ.
15 Dank sei Gott für seine unbeschreiblich große Gabe.

Paulus liegt sehr daran, dass diese Geldsammlung für die Gemeinde Jerusalem nicht nur in Korinth stattfindet und dass sie etwas einbringt.  Er erbittet nicht nur eine einmalige Kollekte. Er hat in 1.Kor Einzelheiten geordnet. Jeder soll so lange am Wochenanfang zurücklegen (1.Kor 16,1ff) was er kann, bis es dann später abgeholt werden wird. Woche für Woche.

Paulus versucht, die Motivation der Korinther zu wecken, indem er grundsätzlich über das Warum, das Wie und das Wozu nachdenkt.

Dazu nutzt er gleich zu Beginn ein Bild aus der Landwirtschaft: „Wer spärlich sät, wird auch spärlich ernten, und wer im Zeichen des Segens sät, wird auch im Zeichen des Segens ernten.“
Paulus greift hier auf Sprüche 11,24 zurück: „Einer teilt reichlich aus und hat immer mehr; ein andrer kargt, wo er nicht soll, und wird doch ärmer.“ Übertriebene Sparsamkeit bedeutet magerer Ertrag.

Gleich der nächste Vers ist ebenfalls Rückverweis durch ein Zitat aus der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes, der sogenannten Septuaginta. Abweichend vom hebräischen Original heißt es da (Sprüche 22,8):  „Einen fröhlichen Mann, der freigebig ist, segnet Gott.“ Für die griechisch sprechenden Korinther, die ihre Septuaginta kennen, also nicht so missverständlich, wie mancher heut es hört: Den fröhlichen Geber hat Gott lieb, den unfröhlichen nicht. Sie verstehen: Fröhliches Geben bedeutet Segen.

Paulus will erinnern: Ein Christ kann fröhlich weggeben, weil er glaubt, dass Gott ihm alles zukommen lassen wird, was er zum Leben nötig hat. Und vieles darüberhinaus. Dazu noch ein Bild aus der Landwirtschaft: „Der aber dem Säenden Samen gibt und Brot zur Speise, der wird auch euch das Saatgut geben in reichem Maße und die Frucht eurer Gerechtigkeit wachsen lassen.“

Paulus sagt also: Christen geben froh weiter, was sie froh empfangen haben. Es fällt auf, dass er nicht beschreibt, wie genau der „Mangel der Heiligen“ (Vers 12) denn nun aussieht. Er sagt nicht: Seht Euch doch an, wie schlimm das Scheunendach in Hohenbruch aussieht! Daran muss man doch etwas ändern! Er sagt auch nicht: Die armen Brandenburger haben nicht einmal eine eigene Kirche! Legt also zusammen, dass sie sich wenigstens eine mieten können!

Ganz offenbar ist ihm das auch nicht wichtig. Denn die Kollektenzwecke sind beliebig austauschbar. Das kann jeder in seinem Briefkasten sehen: Keine Woche vergeht, wo nicht mindestens zwei oder drei Briefe auftauchen, in denen einer um Geld bittet: Die Blindenmission, das Gustaf Adolf Werk, das Johannistift in Berlin, die Anstalten in Bethel.

Wir haben auch nicht genug Sonn- und Feiertage im Kirchenjahr, dass wir hier im Gottesdienst für alle Kollekten sammeln könnten, die es nötig haben, so wie heute für das Programm „Kirchen helfen Kirchen“.

Der Kollektenzweck ist also austauschbar. Wichtig ist für Paulus, WARUM man gibt und WIE. Geben ist für ihn zuerst und vor allem ein Erkennen Gottes. Wer ängstlich, zurückhaltend, kummervoll oder erzwungener Maßen gibt, kennt Gott nicht. Denn Gottes Wesen ist die FÜLLE in wirklich jeder Beziehung.

Christen sind Empfänger von Gaben aus der Fülle Gottes. Damit sie sind Verwalter von Besitz, nicht die Eigentümer. Darum ist Kollekte für Paulus Gottesdienst: Die verantwortliche Weitergabe der Gaben Gottes an die, die sie gerade nötig haben. Keine Verpflichtung, sondern Bedürfnis.

Daraus wächst nämlich etwas ganz besonderes: SEGEN. Segen für die, die empfangen. Christen SIND gesegnet und WIRKEN Segen, indem sie weitergeben, was Gott ihnen schenkt. Darum gibt ein Christ. Zweimal wird Geld mit Saatgut verglichen, von Gott dargereicht. Es ist wie das Säen einer Saat. Christen sind wie ein Speicher: Sie lagern ein und geben weiter, damit Segen wächst.

Weil das Warum so beantwortet ist, kann Geben nie eine traurige Pflicht sein. Gebenkönnen ist Gnade. Der Beitrag der Christen zum Gottes-Segen in der Welt. Nicht die Pflicht zur Diakonie, sondern das Bedürfnis, dass die Welt den Segen Gottes wahrnehme und damit Gott selbst erkennen möge.

Das entbindet den Menschen natürlich nicht von dem persönlichen und vernünftigen Umgang mit Besitz. Es macht keinen Sinn, einen Brunnen, der ausgetrocknet ist, mit einem Tanklaster voller Wasser wieder auffüllen zu wollen.

Also schreibt Paulus: Gebt mit Bedacht. „Jeder aber gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, ohne Bedauern und ohne Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“

Nach dem Warum und dem Wie geht es schließlich um das WOZU: Wer aus fröhlichem Herzen gibt, dankt Gott selbst.

Es ist, als wenn hier ein Gottesdienst gefeiert wird. Dass dem Mangel in Jerusalem abgeholfen wird, ist nur eines der Ziele der Kollekte. Das wichtigste Ziel ist, dass aus der Kollekte ein Dank vieler gegen Gott wird.

Paulus schreibt nicht, dass die Korinther Geld geben sollen, weil die Jerusalemer ihnen das einmal besonders danken werden. Paulus bedankt sich auch nicht selbst bei den Korinthern. Weil es die völlig falsche Richtung wäre.

Es geht um das Erkennen ALLER Lebens-Mittel als Gnade Gottes. Ihm gilt ALLER Dank, und im Weiter-Geben wird er auch sichtbar, und selbst dafür gebührt Gott Dank: „In allem seid ihr reich, und in allem zeigt sich ganz selbstverständlich eure Güte, die bewirkt, dass, durch unsere Vermittlung, Gott gedankt wird.“

Darum schließt Paulus diesen Gedanken nicht mit einer Mahnung, auch keiner scherzhaften, etwa: „Ich möchte keine Klimper-, sondern eine Raschelkollekte“.

Paulus schließt mit einem Dank: „Dank sei Gott für seine unbeschreiblich große Gabe.“ In Christus hat Gott uns alles gegeben, was wir haben. Sollten wir das diese Welt nicht spüren, also sehen, zählen lassen? Dank ist Gottesdienst.

Meine Schwestern, meine Brüder:

GERADE am Erntededanktag über christliches Geben nachzudenken ist die wunderbare Einladung an jeden von uns, von allem ängstlichen Besitzdenken Abschied zu nehmen, fröhlich weiterzugeben und so DEM Dank zu sagen, dem Dank gebührt.

GERADE, wenn wir nicht nur in der Kirche, sondern überall in den Gärten oder auf den Märkten sehen, wie unsere Tische sich biegen. GERADE, wenn wir von hier nach Aleppo sehen oder anderenorts der Segen Gottes unter den Grausamkeiten oder Gedankenlosigkeiten der Menschen verschüttet wird.

Zu den Lebens-Mitteln, die wir täglich neu empfangen, gehört für uns auch unser Leben, unsere Zeit, Gott selbst, der sich in Christus seinen Menschen gab. Dass wir NICHTS ängstlich für uns behalten müssen, ja können, weil wir es jedes Jahr und jeden Monat und jeden Tag von Gott bekommen: DAS ist der Alltag eines Christen.

Gott gibt – wir geben weiter. Die Gaben unserer Gemeinde sind Saat, die Gott uns gibt. Diese Saat auszubringen liegt jetzt in unserer Macht.

Diese Ernte ist ein Segen. Für uns, weil wir in ihr das Wirken Gottes erkennen. Für andere, weil wir ihnen zeigen: Unser Gott gibt Leben, er gibt es Tag für Tag aus seiner Fülle, und wir geben sie weiter. Heute werden wir Gott die Ehre unseres Dankes zukommen lassen.

Und wir werden auch die Rechnung nicht vergessen, die Gott uns dafür aufmachen wird.

Die kann jeder am Ausgang bekommen und mit nach Hause nehmen – die Rechnung Gottes durch ein Gedicht von Lothar Zenetti:

„Einmal wird uns gewiss
die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein
und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen
und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras
und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir geatmet haben,
und den Blick auf die Sterne
und für alle Tage,
die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit, dass wir aufbrechen und bezahlen.
Bitte die Rechnung.
Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen, sagt der
und lacht, soweit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!“

Unser Leben- Gottes Vergnügen. Das reicht für alle und für immer.
Sein Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.