Himmel im Alltag

Der Predigttext für den zweiten Pfingsttag sind Verse aus dem 2. Kapitel der Apostelgeschichte. Er beginnt mit Sätzen aus einer Predigt des Petrus ab Vers 22, ich lese die Lutherübersetzung:

22 Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst –
23 diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht.

32 Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen.
33 Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört.

36 So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat.

Eine Predigt in vier Sätzen. Das ist nicht als Vorbild für künftige Prediger gedacht, schon weil die Sätze viel zu lang sind. Aber Lukas selbst schrieb ja ein halbes Jahrhundert nach dem legendären Pfingsttag seine Apostelgeschichte, war also selbst nicht dabei. Und dass diese Predigt irgendwer wortwörtlich mitgeschrieben hätte, ist sehr unwahrscheinlich.

Lukas will vielmehr festhalten, dass gepredigt wurde – und worüber.  So legt er der Predigt ein gebräuchliches Schema in zwei Punkten zugrunde:

1.: Gott hat Jesus durch seine Zeichen beglaubigt. Die Israeliten aber haben Jesus den Glauben verweigert und ihn umgebracht.

2. Dem Handeln der Menschen stellt Gottes sein Handeln entgegen: Er lässt es Ostern werden und feiert Christi Himmelfahrt. So ist Jesus der Christus – erhöht zur Rechten Gottes.

Eigentlich ist diese Predigt eher eine Zusammenfassung, so etwas wie ein Glaubensbekenntnis, ein Grundgerüst zum weiteren Nachdenken. Zumal die Textauswahl einige Verse in der Mitte der Übersichtlichkeit wegen auslässt. Petrus wird sicher weiter ausgeführt haben, woran er glaubt:

Als Glieder des Gottesvolkes haben die Israeliten eine lange Geschichte mit Gott. Darum hätten sie erkennen können und müssen, dass Gott selbst in Jesus wirkt, seinem Volk entgegenkommen will. Jesu Wort, Jesu Tun hat ihn als Gottgesandten ausgewiesen.

Aber Israel verweigerte den Glauben. Der Verweigerung folgte offene Ablehnung und Aggression. Es kam zur Hinrichtung. Petrus sagt sogar: den habt IHR kreuzigen und töten lassen.

Petrus nimmt diesem offenen Vorwurf aber gleich die Schärfe, indem er auf zwei Dinge hinweist: Erstens erfolgte die Hinrichtung durch die „Heiden“, konkret also durch die römische Besatzungsmacht.

Und zweitens geschah auch das nicht ohne „Gottes Ratschluss und Vorsehung“, Gott selbst hat es also so kommen lassen. Es bleibt aber: Die Israeliten haben es betrieben, zumindest geschehen lassen.

Im Gegensatz zu dem unheilvollen Tun der Menschen bringt Gott durch die Auferweckung Jesu seine heilvolle Geschichte zum Ziel. Die Israeliten sollen so Fehlverhalten und Heil sehen lernen. Sehen, dass nicht das Kreuz, sondern Ostern das entscheidende Gotteswort ist.

Hier geht es nicht etwa um eine antijüdische Haltung der Jünger, wie mancher beim ersten Hören vielleicht gedacht haben könnte. Es geht hier um eine innerjüdische Auseinandersetzung, ein Gespräch auf Augenhöhe, was der Text im Weiteren belegt.

Da wird Petrus nämlich unterbrochen:

37 Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?

38 Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.
39 Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.

Es ging ihnen durchs Herz: Petrus trifft mit seinen Worten mitten ins Schwarze. Die Rede hat sie überführt und im Innersten getroffen.

Aber ihre Frage: „Was sollen wir tun?“ zeigt, dass sie auch die EINLADUNG nicht überhört haben. Sie haben nicht nur drohendes Urteil Gottes vernommen, weil sie seinen Messias getötet haben. Sondern begreifen, dass Gott sie in Anspruch nehmen, ihr Leben ändern will, indem ihnen der Heilige Geist verheißen wird.

Hier macht Lukas das Neue am Pfingstgeist deutlich. Als Johannes dem Täufer ebenfalls betroffen diese Frage gestellt wurde,  antwortete dieser im Geiste seiner Ethik mit sittlichen Forderungen (Luk 3):

11 Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.
12 Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun?
13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!
14 Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

Hier dagegen zielt die Antwort darauf, dass die Menschen annehmen sollen, was in Christus geschieht:  Lasst Euch taufen!

Wie bei der Johannestaufe ist auch die christliche Taufe Ausdruck der Umkehr, auch der ethischen Umkehr. Aber Taufe auf Christus wirkt IN SICH schon Vergebung, weil sie uns mit Christus verbindet. Sie setzt uns dem Wirken des Heiligen Geistes aus.

Unser Predigttext ist eine Predigt. Wenn ich meine alten Predigten nach sechs Jahren wieder lese, weil ich wieder an demselben Predigttext arbeite, merke ich: So kann ich das heute nicht mehr sagen. Das passt einfach nicht mehr, ist schon eingestaubt.

Für die Predigt des Petrus gilt dasselbe. Mancher wird gedacht haben: Oh, wie dogmatisch. Mir wäre das nicht „durchs Herz gegangen“. Oder anders: Meine Muttersprache spricht er nicht.

Noch einmal: Darum ging es Lukas auch nicht. Aber Lukas zeigt uns, was durch die Verkündigung des Wortes Gottes geschieht:

Die Menschen, zu denen gesprochen wird, erkennen: Das Wort Gottes hat unmittelbar mit meinem Leben, meinem Alltag zu tun. Sie spüren, was in ihrer Vergangenheit und Gegenwart nicht stimmig ist. Was sie davon abhält, genau das Leben zu führen, das Gott für sie gedacht hat.

Sie hören aus den Worten den Ruf Gottes der Veränderung, der Umkehr von ihrem Weg, der mit Mängeln behaftet ist. Sie erkennen einen anderen, den Weg der Gnade Gottes für ihr Leben. Genau das meint das Wort Buße: Umkehr auf den Weg der Gnade.

Der ganze Augenblick stimmt, es ist ein magischer Moment: Es ging ihnen durchs Herz. Sie erkennen die Wegkreuzung, auf der sie sich befinden, und ändern ihre Lebensrichtung. Hier wirkt der Geist Gottes. Das feiert Pfingsten.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Das weckt bei vielen die Sehnsucht nach einer geistvolleren Kirche. Dass auch bei uns Tausende sich taufen ließen so wie zu Zeiten der Apostel. Oder dass es wenigstens wieder so ist wie vor vierzig Jahren, als sicher zehn Mal so viele Jugendliche sich in den verschiedenen Jungen Gemeinden dieser Stadt trafen als heute.

Manche versuchen das durch Änderung der Gottesdienstform zu erreichen. Angesteckt von Gottesdiensten, die sie selbst in Afrika erlebt haben. Wo Menschen manchmal tagelange Fußwege in Kauf nehmen, um stundenlang miteinander zu beten, zu singen, zu reden und zu essen. Oder in Amerika, wo einige Prediger ganze Stadien mit Publikum füllen.

Aber damit hat man das Wirken des Geistes nicht begriffen, der weht, wo er will. Unterschiedliche Mentalität kann man nicht wegreden, Spontanität kann man nicht planen, Begeisterung kann man nicht erzwingen. Oder anders: Muttersprache kann man nicht lernen. Man lebt in ihr.

Dass wir, Schwestern und Brüder, hier und heute Kirche sind, lässt sich nicht erklären mit der außergewöhnlichen Begabung der Jünger, die damals mutig Jesu Sache weitergeführt und die Initiative an sich gerissen hätten.

Das Gegenteil war der Fall: Hinter verschlossenen Türen kam man zusammen. Man wollte nicht auch noch das Geschick Jesu erleiden müssen. Das war noch keine Kirche, bestenfalls ein Jesus- Erinnerungs- Verein, der miteinander Trauerarbeit leistete.

Dann aber treten dieselben Jünger überraschend an die Öffentlichkeit. Sogar Petrus. Man stelle sich vor, die Magd, die das Leugnen des Petrus noch in den Ohren hat, wäre hier bei den Predigthörern dabei gewesen!

Jetzt erst können sie ohne Scheu von Jesus erzählen, können die Menschen mit ihrem Unglauben konfrontieren und werden gehört. „Es“  ist über sie gekommen. Der Geist hat sie ergriffen.

Wir können uns sicher sein: Der Geist, der das vermag, wirkt auch unter uns. Darum sind wir getauft, darum trifft sich diese kleine Gemeinde hier in Treue und Regelmäßigkeit. Der Geist ist es, der unsere Gemeinde lebendig halten wird. Denn:

Der Pfingst – Geist entführt uns nicht in eine andere Welt. Vielmehr kommt mit ihm der Himmel Gottes in unser Leben. Wir sind nicht mehr dem eigenen Klein-Geist überlassen, sondern werden in Christus lieben und leben. Hier unter uns wird er Raum gewinnen:

Der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft.
Er wird unsere Leiber und Seelen bewahren zum ewigen Leben-
durch den Geist des Lebens. Amen.

Nächster Termin: 21. Juni (Sonnabend) St. Nikolai Brandenburg

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