Freiheit – seine größte Gabe

Wanda Jost, die später Wilhelm Koopmann heiratete, meine Großmutter also, die viele Jahre in Hohenbruch lebte, hat immer gesagt: Bis zum Reformationstag muss alles geerntet und aus dem Boden sein.

Und sie war darum auch der Meinung, dass am Reformationstag möglichst viele in den Gottesdienst gehen sollten. An den normalen Sonntagen gingen ja immer nur ein oder zwei „Delegierte“ von den einzelnen Höfen in die Kirche. Ab Reformationstag gab es dann weniger Arbeit – und außerdem noch mehr Grund für den Kirchgang. Großmutter Koopmann war dieser Tag besonders wichtig. Und mir ist er das auch. Warum?

Es gibt Momente im Leben, an denen es einfach nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. An denen etwas geschehen muss, damit wieder etwas geschieht. An denen etwas bewegt werden muss, damit wieder Bewegung ist.

An einem dieser Punkte sah Martin Luther sich angekommen.
Auf die Frage, wie der Mensch mit der Gefangenschaft seiner Schuld umgehen kann, ohne Gott zu verlieren, gab ihm seine Kirche keine Antwort mehr, die zu tragen vermochte.

Luther wollte sein, was jeder Mensch sein will: Eins mit Gott, eins mit den Menschen, eins mit der Welt. Er wollte sein, was die Taufe jedem verspricht: Er wollte selig sein. Aber seine Kirche behauptete, er müsse sich die Seligkeit durch gute Taten oder gar Geld erkaufen. Jeden Tag, jede Stunde neu.

Selig sein ist eins sein mit Gott. Darauf kommt es doch an. Denn ohne Gott wäre der Mensch dem schutzlos ausgeliefert, was mitmenschliche Grausamkeit, zwischenmenschliche Unachtsamkeit oder leibliche Versehrtheit aus einem Leben machen können. Sie machen es einsam, lieblos und sinnlos.

Luther erlebt eine Kirche, die es mit der Theologie nicht sonderlich ernst nimmt. Er erlebt lateinische Messen, die die meisten Menschen religiös unmündig halten. Er erlebt klösterliche Abgrenzung, die weltliches Leben draußen schlecht macht oder gar ausschließt.

Er erlebt befohlene Ehelosigkeit, ohne dass sie in Gottes Willen begründet wäre. Und noch schlimmer: Er erlebt regen Handel mit Ablassbriefen, die Gottes Vergebung zu menschlicher Handelsware macht.

Das nahm dem Evangelium die Kraft, dem Leben die Luft. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen… Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen…“ Was blieb von den Seligpreisungen Jesu denn noch übrig?

Der Weg zu Gott, zu einem Gott, der Menschen als größte Lebensgabe Freiheit ohne Grenzen schenkt: Er war durch die Kirche verschüttet, die Unfreiheit lehrte und lebte. Der Weg zu Gott, der die Menschen liebt und die Liebe der Menschen sucht, musste wieder sichtbar werden.

Darum veröffentlichte Luther am 31. Oktober 1517 seine Thesen gegen den Ablasshandel. Darum schlug er sie an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Um den Weg zu Gott in der Kirche wieder frei zu legen, nicht um neue Evangelischen Kirchen zu gründen.

Zum Glück feiern wir darum am 31. Oktober keinen Geburtstag, sondern begehen den Gedenktag der Reform in der Kirche.

Zum Glück deshalb, weil bei einer Geburtstagsfeier für ein Datum, dem die große Kirchenspaltung der Neuzeit folgte, kaum richtige Feierstimmung aufkommen kann.

Denn die Spaltung der Christenheit in nun drei große Kirchen- Orthodoxe, Katholische und Evangelische, hat nicht nur Vorteile, weil sie jedem Christen eine Kirche lässt, in der er heimisch sein kann.

So eine Spaltung schadet auch, weil sie auf Kosten der Glaubwürdigkeit des Evangeliums geht: Ein Glaube, ein Herr, eine Kirche- das ist nur schwer verständlich zu machen bei inzwischen weit über 300 christlichen Kirchen, die auf dieser Welt zu finden sind.

Einen GEDENKTAG können wir darum aufrichtiger begehen als einen Geburtstag. Und wir heute sollten das auch tun. Denn jeder von uns, so wie wir hier sitzen, weiß: Reformation der Kirche ist nicht unsere Geschichte, sondern unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist daher Nachdenklichkeit, nicht ausgelassene Feierlichkeit.

Selbst in unserem kleinen Kirchenkreis stünde da so manches an.
Manche Versammlung hier und in seinen reformierten Gemeinden ist sich selbst genug und nicht gerade von Meinungs-Freiheit gekennzeichnet. Sichtbare reformierte Initiativen für diese Gesellschaft und unsere Kirche, in der wir seit fast 200 Jahren in Gemeinschaft mit den Lutheranern leben, sind Mangelware. Und von missionarischem Eifer, der das Evangelium Jesu Christi als unaufgebbare Lebenskraft preist, sind wir weit entfernt. Auch in unserer Gemeinde.

Das Lied, das wir eben gesungen haben (EG 360), hat das auf einen stets wahren, zeitlosen Punkt gebracht:

Freiheit, die das größte Geschenk Gottes für uns ist, überfordert viele Menschen. Darum beantworten sie Liebe mit Widerspruch und Trotz, setzen ihren Willen über die Interessen der Welt, bauen Mauern, ziehen Grenzen. Kurz: Sie gehen Wege von Gott weg. So aber wird aus Freiheit Gefangenschaft. So aber wird aus Seligkeit Lebensangst.

Selbst viele Christen heute haben die Seligkeit ihres Lebens aus den Augen verloren. Den eigentlichen Grund, auf dem sie stehen, aus dem sie glauben.

Das Besinnen auf diesen Grund- das aber braucht Zeit. Glaube wächst nicht einfach so, nicht einfach ganz ohne eigenes Mittun.

Sicher: Glaube lässt sich nicht erzwingen. Er ist Gottes Geschenk.
Aber genau so gilt: Glaube HAT man nicht, wie man ein Buch hat. Das stellt man nämlich ins Regal, manchmal gar ohne es gelesen zu haben. Und ohne es weiterzuempfehlen, zu verleihen. So kann es nur Staub ansetzen. So kann das Buch auch keinen Menschen bewegen. Und so kann auch Gemeinde nicht wachsen.

Glaube ist vielmehr wie eine Tür, die man öffnen kann und hinter der sich ein Weg befindet. Mit Sicherheit zwar einer, der sich lohnt. Nur: GEHEN muss man ihn selbst. Auf ihm in Bewegung bleiben, die rechte Richtung beibehalten, vorwärts kommen, all das muss man selbst. Glauben ist der Lebensweg, den man gehen muss, um bei Gott zu sein.

Liebe Gemeinde:  Wie viele Menschen, welche Mühen, wie viel Geld mag es gekostet haben, unsere Kirche zu bauen? Oder: Was haben Menschen alles erfinden, was alles bewegen müssen, bevor sie den elektrischen Strom fanden und ihn jedem Menschen verfügbar machten? Wie viele Milliarden fließen, um Menschen ans andere Ende der Welt oder zum Mond zu bringen?

Warum meinen dann manche, ihr Weg mit Gott wäre leichter, völlig ohne Aufwand, möglichst billig zu haben? Glaube benötigt: Suche, Zuspruch, Innehalten, Nachdenklichkeit. Eben auch Ge- Denktage, um den Boden unter den Füßen wieder spüren zu können. Luther machte den 31. Oktober 1517 zu einem Tag, an dem er andere an seinem Nachdenken Anteil haben ließ.

Warum ausgerechnet der 31. Oktober?

Es ist der Vorabend vor einem besonderen Feiertag seiner römisch katholischen Kirche. Dadurch konnte er sicher sein, das viele Menschen, die noch Besorgungen für den Feiertag machen mussten, an der Schlosskirche vorbeigehen und seine Gedanken lesen würden. Und am nächsten Tag die besonders vielen, die auf dem Weg in die Kirche waren.

Und:  Es war der Tag vor GERADE DIESEM Feiertag, dem Tag Allerheiligen. Denn das Evangelium, das von alters her am Allerheiligentag gelesen wurde, waren eben die Seligpreisungen aus der Bergpredigt nach Matthäus. Genau die Evangelienlesung also, die wir am Reformationstag hören, die heute Predigttext ist.

Denn in diesen Seligpreisungen spricht Jesus genau die an, die diesen festen Boden unter ihren Füßen suchen – so wie Luther selbst ihn suchte. Die „im Geist Armen“, die sehen können, dass ihr Leben auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen ist.  Die Trauernden, denen kein Chirurg und auch kein Banker dieser Welt mehr Trost geben können.

Die, die in der Gewalt kein Mittel für eine gute Zukunft sehen. Die Gerechtigkeit schon in dieser Welt suchen. Menschen, die zum Dienen bereit sind, daher „demütig“ in der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes „diene- mutig“. Die Freundlichen, den anderen Menschen von Herzen zugewandten, die im Gegenüber das Ebenbild Gottes erkennen.

Allen ist gemeinsam: Sie haben einen Blick dafür, dass die anderen Wege von Gott wegführen. Dass die Türme der Menschen einsturzgefährdet sind. Das Mauern, Grenzzäune oder Gitter in Internierungslagern Gefangenschaft bedeuten. Nicht nur für die Eingesperrten, sondern auch die draußen. Sie wollen mehr vom Leben.

Jesus sagt: Gott schenkt euch, was ihr sucht. Das Reich der Himmel. Trost in jeder Trauer. Liebe und Barmherzigkeit. Schutz und Geborgenheit. Die Nähe zum wahren Gott der Welt. Das ist die Macht des Evangeliums: Es bietet die unendlich große Freiheit, die Gott für jedes Menschenleben bereit hält.

Doch: „Wer’s glaubt, wird selig.“ So sagt der Volksmund zu einer wenig glaubwürdigen Erzählung. Wer’s glaubt, wird selig: Wer sich darauf verlässt, verlässt sich auf das Jenseits. Hier wird er das nicht erleben.

Und die Kirche? Sie tat alles dafür, dass diese Befürchtung auch wahr wurden. Luther, Melanchton, Karstadt, Zwingli, Calvin, egal, wo die Reformatoren lebten, egal wie sie hießen: Sie erlebten Kirche, die die Macht des Evangeliums zu tauschen versuchte gegen die Macht der Welt.

Das war ein solcher Moment, an denen es einfach nicht mehr so weitergehen konnte wie bisher. An denen etwas geschehen muss, damit wieder etwas geschieht. An denen etwas bewegt werden muss, damit wieder Bewegung ist.

Luther schrieb darum seine 95 Thesen zum Nachdenken über den Glauben und hängte sie an die Kirchentür. In These 62 heißt es da: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ Für mich der vielleicht wichtigste Satz. Die zentrale Wahrheit jeder Reform der Kirche, schon immer und für immer: Auf das Wort Gottes kommt es an, auf sonst nichts. Gottes Wort ist Kirchenauftrag.

Denn hier geht es eben um nichts, was Menschen zu sagen vermögen. Hier geht es um die Begegnung zwischen Mensch und Gott.

Es geht um die Begegnung mit dem lebendigen Christus. Er ist es, der uns die Seligkeit nicht nur verspricht, sondern verbürgt. Er ist es, der uns wieder festen Boden in unser Leben bringt, weil er erleben lässt, dass die Freiheit das Größte ist, was Gott unserem Leben schenkt.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Es gibt Momente im Leben, an denen es einfach nicht mehr weitergeht wie bisher. An denen etwas geschehen muss, damit wieder etwas geschieht. An denen etwas bewegt werden muss, damit wieder Bewegung ist.

Fast 500 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg gibt es unter uns kaum jemanden, der sich allen Ernstes zufrieden zurücklehnen könnte. Kriege, Verfolgung und Hunger treiben Millionen von Menschen vor sich her. Die reichen Nationen auf dieser Welt – sie finden keine Antworten darauf, die befriedigen könnten. Guter Rat ist teuer. Auch die Kirchen haben kein Patentrezept. Es gilt die alte Wahrheit: Wer will, dass all das bleibt, wie es ist, will nicht, dass es bleibt.

Wie gut, dass unsere Kirchen an diesem Gedenktag an den Grund ihrer Existenz erinnert werden.  An Gott, der die Quelle allen Lebens ist, das wir kennen. Wie gut, von Gott zu wissen, der uns in Christus gegenübersteht und sagt: Selig bis Du! Heil wirst Du finden. Leben wirst Du haben. Zukunft wirst Du gewinnen.

Christus ist der Weg, den wir gehen können. Der Brunnen, der Leben spendet, Kraft schenkt, Zukunft sehen lässt.

Reformationstag erinnert, dass Gottvertrauen bedeutet, die Freiheit des Lebens wiederzuentdecken. Den Himmel, den Gott uns aufschließt, und in dem sie zu finden sind:
Die Gnade Gottes, die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Der dreieine Gott selbst ist die Reform unseres Lebens – zu jeder Zeit der Welt. Amen

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