Die Würde des Menschen: Dank (Luk 12, 15-21)

Das ErnteDANKfest ist kein Erntefest. Erntefeste feiern die Ernte, das Erntedankfest feiert den Herrn der Ernte. Ihm gebührt die Ehre, ihm gebührt der Dank. Dass Jahr für Jahr die versammelte Gemeinde Gott ihren Dank darbringt, zeigt zweierlei:

Wer dankt, bekräftigt, dass sein Leben aus Beziehungen reich und schön wird. Einer gibt und sagt: Bitte. Einer nimmt und sagt: Danke. Das geschieht an jedem Tag, mehrfach. Es verbindet uns untereinander, verbindet uns mit Gott.

Wer öffentlich mit einem Fest dankt, sagt damit zweitens, dass sein Leben von Beziehungen sogar abhängt. Dass man sich im Klaren darüber ist, dass ohne Geben und nehmen das Leben undenkbar, ja sogar unmöglich ist.

Das aber macht das Danken für viele Menschen unangenehm. Sie wollen unabhängig sein, ihr Leben selbst in die Hand nehmen, selbstbestimmt sein.

Manchmal denke ich, dass das auch an der Entwicklung unserer Umgangssprache ablesbar ist. Sagt heute einer Danke, bekommt er nur sehr selten ein „Bitte“ als Antwort zu hören. Sondern eher ein „Gerne!“ oder ein „Nicht dafür!“.

Damit soll wohl der Danke-Sager etwas vom Bitt-Steller-Sein verlieren. Er soll sich besser, leichter fühlen. Ja, das war doch nur eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert, dafür brauchst Du doch nicht auch noch Danke zu sagen! Ich befürchte: Denn Nicht-Bitte-Sagern geht auch das Danke nicht leicht über die Lippen.

Heute machen wir aber genau das: Danken. Weil wir wissen, wie abhängig wir von unseren Beziehungen sind. Dass wir uns ohne Bitte und Dank in die Tasche lügen würden. Wir sind abhängig. Unser Dank ist sehr oft alles, was wir geben könnten. Zuerst natürlich der Dank an Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und unser Leben und Sterben in der Hand hält.

Wie soll gerade dieser wichtigste Dank nun aussehen? Mensch und Gott stehen sich ja nicht so gegenüber wie ein Geburtstagskind seinen Gratulanten beim Austausch von Blumenstrauß und Höflichkeiten.

Wie Dank nach Gottes Willen aussehen möge, haben wir aus der alttestamentlichen Lesung hören können (Jes 58, 7-12). Da ging es um die Frage von Dankofpern. Wir lasen: Wir sollen keine Altäre bauen und Opfergaben darbringen. Wir sollen Beziehungen aufbauen zu denen unter uns, die sie am nötigsten haben. Zu den Hungrigen, Obdachlosen, Unterdrückten. Damit auch ihre Beziehungen ihr Leben aufblühen lassen. Damit auch sie ernten können, wie wir geerntet haben.

Von solcher Art des Dankes scheint der Kornbauer allerdings weit entfernt zu sein, von dem Jesus im alten Tagesevangelium erzählt. Er sagt nach Lukas 12 ab Vers 15:

Hütet euch vor aller Habgier! Denn das Leben eines Menschen hängt nicht von seinem Wohlstand ab.
16 Jesus erzählte den Leuten dazu ein Gleichnis: »Die Felder eines reichen Mannes hatten einen guten Ertrag gebracht. 17 Der Mann überlegte hin und her: ›Was soll ich tun? Ich weiß ja gar nicht, wohin mit meiner Ernte.‹ 18 Schließlich sagte er: ›Ich weiß, was ich mache! Ich reiße meine Scheunen ab und baue größere. Dort kann ich mein ganzes Getreide und alle meine Vorräte unterbringen. 19 Und dann werde ich zu mir selbst sagen: Du hast es geschafft! Du hast einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Gönne dir jetzt Ruhe, iss und trink und genieße das Leben!‹ 20 Da sagte Gott zu ihm: ›Du törichter Mensch! Noch in dieser Nacht wird dein Leben von dir zurückgefordert werden. Wem wird dann das gehören, was du dir angehäuft hast?‹« 21 Jesus schloss, indem er sagte: »So geht es dem, der nur auf seinen Gewinn aus ist und der nicht reich ist in Gott.«

Ich musste den Text noch ein zweites und drittes Mal lesen. Zuerst dachte ich: Habgier? Warum ist der Bauer den habgierig? Er fällt doch nur kluge unternehmerische Entscheidungen. Er geht achtsam mit den Gaben der Schöpfung um, lässt nichts verderben, legt etwas zurück für schlechte Zeiten. Hat das nicht auch Joseph in Ägypten gemacht? „Spare in der Zeit, so hast du in der Not“. Der Volksmund irrt nur selten. Was genau macht den Agrarunternehmer denn nun zum Habgierigen, was wirft Jesus ihm vor?

Beim dritten Lesen habe ich dann gefunden, was ich vorher zwei Mal überlesen hatte. „Die Felder eines reichen Mannes hatten guten Ertrag gebracht.“, begann Jesus das Gleichnis. Die Ernte machte ihn nicht reich. Er war schon vorher reich. Oder um an der Volksweisheit zu bleiben: Er hatte schon gespart, mehr als genug.

Und nun hat er auch noch eine überdurchschnittliche Ernte eingefahren. Freilich: Nicht er allein. Er hatte Hilfe und Helfer. Aber von den Frauen und Männern, die ihm bei der Ernte halfen, ist keine Rede- sie kommen nicht in seinen Blick. Er hat ihnen nicht danke gesagt, sondern die bezahlt – damit hatte er seine Schuldigkeit getan.

Jetzt bestimmt ihn der Wunsch, über viele Jahre einen guten Vorrat zu haben. Er will sich ein Auskommen in Ruhe sichern. Es ist aber nicht die Ruhe, auf die sich eine nach der Ernte erschöpfte Bauernfamilie zu Recht freuen kann. Die Ruhe, die er vor Augen hat, ist die Ruhe vor seinem eigenen rastlosen Streben nach immer mehr Besitz. Deswegen kommen die anderen ihm gar nicht in den Sinn.

„Der Mann überlegte hin und her: Was soll ICH tun? ICH weiß ja gar nicht, wohin mit MEINER Ernte!“ Er führt ein Selbstgespräch, das eine dreifache Unfähigkeit beschreibt:

Er ist unfähig, seine eigene Abhängigkeit zu begreifen und Gott für diesen Segen zu danken. Es kommt ihm nicht in den Sinn, über die Frage nachzudenken, ob nicht der größte Teil seines Erfolges Geschenk gewesen sein könnte.

Dann: Er ist unfähig, andere einzuladen und an seiner Freude über den Erfolg Anteil haben zu lassen. Das, was man seinen Gästen an der gedeckten Festtafel zuspricht, spricht er sich selbst zu: Iss und trink und genieße das Leben!

Schließlich wird er unfähig, den empfangenen Reichtum mit anderen zu teilen. Stattdessen schränkt er – wie wahrscheinlich schon wieder und wieder – durch sein Handeln die Lebensmöglichkeiten seiner Mitmenschen ein. Er bringt seine Ernte nicht auf den Markt: Die anderen hatten auch gute Ernten, das Wetter war ja bestens. Wenn er jetzt verkauft, verschenkt er bares Geld.

Er hält seine Ernte zurück, bringt sie in die Lager, in SEINE Scheunen. Bremst den Preisverfall auf dem Markt, wartet auf bessere Zeiten. Bessere Zeiten für SICH.

Hungrige, Obdachlose, Unterdrückte: Sie sind ihm herzlich egal. Er ist ein „Narr“, wie Luther übersetzt, weil ihm eine Grund-Einsicht des Lebens fehlt, wie sie zum Beispiel Psalm 49 beschreibt:

„Ein Mensch in seiner Herrlichkeit kann nicht bleiben, sondern er muss davon wie das Vieh.“ Gut, vielleicht nicht ganz wie das Vieh durch die Schlachtbank. Aber doch: Von Jetzt auf Gleich. „Noch in dieser Nacht wird dein Leben von dir zurückgefordert werden, und wem wird dann gehören, was/ DU/ DIR /angehäuft hast?“

Es geht hier nicht um Reichenschelte. Die würde niemandem wirklich helfen. Neulich habe ich eine Rechnung gelesen: Wenn aller Reichtum dieser Welt nach Abzug des Lebensnotwendigen unter alle Menschen aufgeteilt würde, blieben für jeden eine Summe zwischen 5 und 8 Euro. Die würden niemandem weiterhelfen, Entwicklungen, Investitionen wären unmöglich.

Das hat auch Lukas nicht viel anderes gesehen, auch wenn man ihm immer nachsagt, er sei Feind der Reichen. Jesus lässt sich  von der wohlhabenden Frau eines Verwaltungsbeamten des Herodes unterstützen. Eine reiche Sünderin darf ihn salben. Bei Oberzöllner Zachäus sitzt Jesus zu Tisch. Die Devise des Lukas heißt nicht: Nieder mit den Reichen! Sondern: Macht euch Freunde mit dem Mammon! Damit zieht Lukas seine Konsequenz aus der alten Wahrheit: »Wer Geld liebt, wird vom Geld niemals satt, und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben« (Prediger 5,9)

Fazit: Der Kornbauer ist nicht einfach nur reich, er ist habgierig. Gierig nach Hab und Gut. Das macht ihn krank. Denn damit verfehlt er wahren Reichtum, der Reichtum bei Gott wäre. Seine Art zu Leben wird keinen Nutzen für ihn haben. Für IHN. Er kann nicht danken. Er kann sich nicht mit anderen freuen. Er kann nicht mit anderen teilen. Er kann die Gaben Gottes, die er doch in Händen hält, nicht für sich nutzen. Das lässt ihn sterben, ohne dass er vorher gelernt hätte, wie das Leben von Gott gedacht war.

Wie hätte der Reiche diesen kranken Stress der Sucht nach dem Haben hinter sich lassen können?

Der Reformator Johannes Calvin schreibt in seiner Institutio, die ein Katechismus, ein  „Unterricht in der christlichen Religion“ ist:

„Der Gebrauch der Gaben Gottes ist dann nicht unrechtmäßig, wenn er auf den Zweck ausgerichtet ist, zu dem Gott diese Gaben erschaffen und bestimmt hat, nämlich zu unserm Wohl…

… Wenn wir bedenken, wozu Gott Leben geschaffen hat, so werden wir finden, dass er damit nicht nur für unser Notwendigstes sorgen wollte, sondern auch für unsre Freude und unser Vergnügen … Kräuter, Bäume und Früchte sollten nicht nur mancherlei Nutzen bringen, sondern Gott wollte auch unsre Augen durch ihre Schönheit erfreuen und uns durch ihren Duft einen Genuss bereiten … Hat er uns schließlich nicht noch viele Dinge gegeben, die wir achten sollen, auch wenn wir sie nicht unbedingt brauchen?“ (Zitat geglättet)

Meine Schwestern, meine Brüder:

Spätestens jetzt trifft uns die Warnung vor der Habgier auch wirklich persönlich, und zwar in allen Formen und Variationen. Egal, ob es um das volle Bankkonto, den vollen Terminkalender oder die volle Berufliche Anerkennung geht. Fülle des Lebens, Reichtum bei Gott werden wir so nicht finden.

Martin Luther King sagte einmal: An Gütern und materiellen Erfolgen sind wir reich. Die Mittel, durch die wir leben, sind in der Tat wunderbar. Und doch fehlt etwas. Wir haben gelernt, wie die Vögel zu fliegen und wie die Fische zu schwimmen. Aber wir haben die einfache Kunst nicht gelernt, als Brüder zu leben. Unser Überfluss hat uns weder Frieden noch Zufriedenheit gebracht.

Damit bringt er auf den Punkt, welche Folgen die Sucht nach dem Haben hat: Frieden und Zufriedenheit werden mehr und mehr Mangelware menschlichen Lebens. Sie liegen irgendwo versteckt in den Speichern und werden von Jahr zu Jahr teurer und teurer, bis sie unbezahlbar sind.

Der Ausweg aus der Gier nach Habe ist der Dank. Der Dank, der teilt mit Hungrigen, Obdachlosen, Unterdrückten. Unsere Kanzlerin hat kürzlich sinngemäß gesagt: Ein Land, das nicht offen ist für Notleidende, ist nicht mehr mein Land.

Dankbarkeit aber wird schärfer formulieren: Ein Land, das nicht aus Dankbarkeit offen ist für Notleidende, ist unmenschlich. Verpasst den Sinn des Seins, den Gott bestimmt hat.

Es geht nicht darum, vom Überfluss zu geben, was man meint, erübrigen zu können. Es geht darum, unserem Leben DEN Raum zu LASSEN, den Gott ihm gegeben hat.

Wer im Besitz den Lebenssinn sucht, sucht auch seine Sicherheit dort. Damit versucht er, die Macht der Sorge zu brechen. Aber genau das Gegenteil erreicht er damit. Die ständige Sorge um das eigene Leben steigt dann proportional zum Bankguthaben. Damit wird die Sorge um das eigene Leben schließlich noch größer als die Sorge um das eigene Überleben. Aus Habgier wächst pure Lebensangst.

Wer aber offen ist für seine Abhängigkeit vom Gott des Lebens, wird offen für die Beziehungen zu den Nächsten. Weiß, wie sehr er andere Menschen braucht. Weiß, wie sehr ihn andere Menschen brauchen. Dankt Gott für diese Beziehung, die allein Leben reich macht. Dank wird dann zum Segen für Hungrige, Obdachlose und Unterdrückte.

Dank ist die Würde des Menschen. Er lebt daraus, dass Gott uns nahe ist. Dank öffnet das Herz der Menschen dafür, dass die Zeit, jeder Augenblick des Lebens Zeit der Gnade Gottes ist. Gott meint jeden von uns, Gott liebt jeden von uns. Er will und erhält unser Leben, kann uns frei machen vom Sorgen um den Lebenserhalt. Ohne Vorbehalt.

Selig, glücklich und weise ist der Mensch, der diese Erfahrung des Glaubens macht. Denn er findet den Frieden Gottes, der größer ist, als all unser Denken je fassen kann. Er bewahrt unsere Leiber und Seelen im Dank gegen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Amen.

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