Beten für Könige!? (1. Tim 2, 1-6a)

Kurt Marti:
Auch ich kann nicht beten.
Ich glaube,
man sieht uns allen an,
dass wir nicht beten können.
Man sieht es auch denen an,
die weiterhin beten
oder zu beten meinen.
Dennoch kann ich mir
die Sprache einer besseren Zukunft
nicht vorstellen
ohne etwas
wie Gebete.

Rogate – Betet!

Unsere Beziehung zu Gott ginge in die Brüche,
wenn wir sie nicht pflegen würden.
Wir aber sollen wir sie pflegen,
wenn wir nicht beten?

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft
noch seine Güte von mir wendet!
Ps 66,20
***
Das Tagesthema „Gebet“ ist steht auch im Episteltext für den Sonntag Rogate, der heute Predigttext ist, im Vordergrund.
Ich lese aus dem ersten Brief des Paulus an Timotheus Kapitel 2, 1-6.

1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue
Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen,
2 für die Könige und für alle Obrigkeit,
damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können
in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
4 welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus,
6 der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.

Es ist ja nicht das erste Mal in meinem Pfarrerdasein, dass ich diesen Text zu predigen habe.  Als ich ihn aber diesmal wieder gelesen habe, bin ich an einem Vers mitten im Text hängengeblieben, den ich sonst immer zur Seite geschoben habe. Weil ich irgendwie das Gefühl hatte, dass diese Zeiten ein für allemal vorbei sind. Jedenfalls für mich, jedenfalls in Deutschland.

Betet „…für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“

Sowas können doch nur Königstreue schreiben. Beten für Könige! Mitten in Europa!  Rio Reiser ist tot, der König von Deutschland werden wollte. Und die europäischen Könige von heute sollte man getrost den Spaniern, Briten, Niederländern, Dänen, Schweden und Norwegern überlassen. Die Finnen brauchen ja auch keinen König und leben nicht schlecht.

Aber beim Verschieben der Könige in meine persönliche Mottenkiste habe ich gleich noch etwas anderes mit verschoben: Betet „für alle Obrigkeit“. Selbst wenn Kaiser, Könige, Fürsten und Diktatoren der Geschichte angehören: Eine Obrigkeit bleibt. Jeder und jedem von uns.

Denn die hat jede –  und wird jeder haben. Selbst wenn man sie selbst ist, Obrigkeit. Irgend ein Oben gibt es für jeden. Heute und immer. Und dann BLEIBT diese Frage, die auch schon in der Mottenkiste verschwunden war:

Beten für die Mächtigen, Machthungrigen, Machtversessenen, Machtmissbrauchenden? Kann man da irgend etwas Anderes beten als: Macht es doch endlich besser, endlich mal gerecht für alle? Was also soll man da sagen?

Aber noch eine andere Frage in diesem Zusammenhang ist des Nachdenkens wert. In kaum einem anderen Text taucht so oft das Wort „alle“ auf:

Vor allen Dingen, für alle Menschen, will dass allen Menschen geholfen werde, für alle zur Erlösung.
ALLE: Wir alle sollen für alle beten, weil alle Menschen Gottes Menschen sind und Christus darum für alle Menschen gestorben ist.

Warum also ist dann das Gebet für eine so kleine Gruppe von Menschen so wichtig, dass sie besonders genannt wird?

Wir sollen doch – VOR aller Tun und Lassen, VOR allem Machen! – „Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für ALLE Menschen“ tun: Sind Könige und Obrigkeit denn keine Menschen? Die Zeiten, dass Pharaonen, Kaiser oder Könige göttergleich verehrt wurden, sind doch nun wirklich vorbei!

Dieser Vers hat nur einen Sinn, wenn das für den Freund und Mitarbeiter des Paulus, Timotheus, selbst schwer war mit der Obrigkeit. Und er hatte es ganz offenbar schwer, mit der Obrigkeit seiner Zeit zufrieden zu sein.

An den Stammtischen aller Zeiten hatte man es immer leicht, den Regierenden vorzutragen, wie sie es endlich besser und richtig machen können. Aber auf die Stammtischweisheit haben die Mächtigen ja noch nie gehört. Was soll man also beten?

Nicht nur die regelmäßigen Umfragen heutzutage belegen alle Wochen wieder neu die Unzufriedenheit der Regierten mit den Regierenden. Dass auch wir Protestanten unsere Schwierigkeiten mit der Obrigkeit haben, belegt schon ein Blick in unsere jüngste Gesangbuchgeschichte:

„Verleih uns Frieden gnädiglich/ Herr Gott zu unsern Zeiten / Es ist ja doch kein andrer nicht/ der für uns könnte streiten/ denn du unser Gott alleine!“ Aus tiefstem Herzen singen diese Strophe Millionen Menschen am Ende ihrer Gottesdienste überall in Deutschland. Dass allein von Gott Frieden und wirkliche Hilfe zu erwarten sind, ist als Wahrheit unter uns unstrittig.

Aber wer kennt schon die zweite Strophe der alten Fassung dieses Liedes? Sie stand noch im EKG, dem Evangelischen Kirchengesangbuch, dem direkten Vorgänger von dem, das wir jetzt nutzen. Und wenigstens ich habe sie bis in die 90er Jahre nie gesungen, in keinem Gottesdienst und auch sonst nicht, die Strophe 2. Und ich rate mal, dass auch die Älteren unter uns sie kaum kennen:

„Gib unserm Volke und aller Obrigkeit/ Fried und gut Regiment/ dass wir unter ihnen ein geruhig und stilles Leben führen mögen/ in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit/ Amen“

Und weil die wenigsten von uns diese Strophe kennen oder gesungen haben werden, war es wohl konsequent, dass sie aus unserem jetzigen Evangelischen Gesangbuch verschwunden ist.

Aber warum ist das so? Warum verspüren viele das Bedürfnis, diese Liedstrophe einerseits und den fast gleich lautenden Vers des Predigttextes andererseits einfach beiseitezulassen?

Vielleicht deshalb, weil es meisten Betern leichter fällt, ein Gebet für diejenigen zu sprechen, die schwächer und ärmer sind als man selbst.
Da fällt es leichter, zu formulieren, worum man Gott bitten möchte.

Denn für die Reichen, Mächtigen, Starken HAT Gott doch schon gut gesorgt. Vielleicht schon zu gut. Wenigstens im Gebet sind die Schwachen dran! Und kommt nicht der größte Ärger im Leben von den anderen, den Starken?

Tragen wir nicht dieser Tage wieder neu die Euro nach Athen, weil die Starken dort sich bedienen und bedienen lassen? Müssen nicht immer die kleinen Leute die Defizitsuppe auslöffeln, die die großen starken Regierenden eingerührt haben? Sind nicht die Regierenden Auslöser für Not, Elend und die folgenden Flüchtlingsströme?

Und: Haben die Gebete der Kirchen für die Obrigkeit in der Geschichte nicht immer nur Ärger gebracht? Waren derlei Gebete nicht Teil der Kriegsführung des letzten Jahrhunderts, in denen man seine Soldaten auch religiös fit machen wollte für das nächste Gefecht? „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern? Fromme Sprüche, aufgemalt auf Raketen und Bomben?

Und lohnt es 71 Jahre nach der Kapitulation, nach den Grauen von Wannseekonferenz, Stalingrad und Dresden, mit Gott über irgendeine weltliche Obrigkeit zu reden? Hat das je etwas genützt?

Unser Briefabschnitt stellt Obrigkeit als wichtiges Anliegen des Gesprächs mit Gott namentlich fest – alle anderen fasst er einfach unter „alle Menschen“ zusammen.

Der Briefschreiber geht ganz offenbar davon aus: Obrigkeit, wann immer sie regiert und wie immer sie strukturiert ist, ist unerlässlich, wenn Menschen miteinander Gewalt eindämmen, Recht einklagen, Frieden wagen.

Menschen müssen politische Verantwortung übernehmen, sich um das Wohl anderer mühen, ihrer Zeit ein möglichst passendes Ordnungsgefüge und dem Leben Ruhe und weitmöglichen Schutz geben.

Nicht nur vor der eigenen Haustür fegen, sondern auch die Straße pflastern und vom Schnee räumen. Unternehmen gründen und Arbeit organisieren. Grenzen setzen und Grenzüberschreitungen verhindern. Sich einmischen in die inneren Angelegenheiten Anderer.

Insofern IST Obrigkeit heilsnotwendig: Je näher sie ihrer Bestimmung kommt, den Menschen „ein ruhiges und stilles Leben… in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit“ zu ermöglichen, desto mehr Menschen werden „zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ können, weil ihnen dazu die nötige Freiheit und Ruhe gelassen wird.

„Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung“ – eine schöne Wahrheit, die man lebenslang buchstabieren muss, um ihre Tiefe auszuloten und ihre Bedeutung zu fassen.

Wie aber ginge das, wenn nicht irgendwelche Menschen Maßstäbe in Recht, Ordnung und Frieden setzten, also Macht ausüben und gebrauchen – was immer sie darunter auch verstehen mögen?

Und wie viele Menschen gibt es unter uns, die sich überhaupt trauen, sich auf dieses Himmelfahrtskommando in die Minenfelder der alles vernichtenden Urteile von Stammtischen, Bildzeitung und Talkshows einzulassen?

„Man hat immer die Regierung, die man verdient“, belächelt einer in der Kneipe seinen Nachbarn, der um 8 nach Hause muss, weil er sonst Ärger mit der Ehefrau bekommt.

Und wie verdient man sich eine gute Regierung? Indem man nicht schweigt, sondern redet. Indem man nicht über sie, sondern mit ihr redet. Indem man nicht nur Besserwisser- Ratschläge verteilt, sondern mit anpackt, wenn es angezeigt ist.

Aber was noch viel wichtiger ist: Indem wir Christen für sie beten.
Diejenigen, die Verantwortung tragen, die großen und kleinen Cheffinnen dieser Welt, brauchen unser Gespräch mit Gott – mindestens genauso wie es unsere Familien, Freunde und wir selbst dieses Gespräch mit Gott brauchen.

Das Gebet für die Obrigkeiten ist nicht verzichtbar. Man kann diesen Vers im Predigttext nicht weglassen, die zweite Strophe von „Verleih uns Frieden“ hätte man vielleicht besser auch im Gesangbuch lassen sollen.

Denn zu allen Zeiten der Welt muss es in Gottes Sinne um den Schutz der Schwachen und Benachteiligten gehen. Es muss immer darum gehen, die Schöpfung zu bewahren und weder im Atombrand aus Nordkorea oder dem Iran noch in Umwelt- oder Klimakatastrophen vergehen zu lassen.

Wenn unser Gebet nötig ist: Dann gerade hier – und gerade heute.

WENN unser Gebet nötig ist?  Ist es vielleicht verzichtbare Nebensache?

Meine Schwestern meine Brüder:

Søren Kierkegaard, der große dänische Theologe des 19. Jahrhunderts, schrieb zum Thema:
„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich GANZ still.
Ich wurde,
was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.

Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist,
sondern hören.
SO ist es:
Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.
Beten heißt:     still werden     und still sein      und warten,
bis der Betende Gott hört.“

Gebet, liebe Gemeinde,
vermag viel mehr als die Rede mit jemandem oder gar nur über jemanden. Das Gebet redet und hört nicht nur, sondern es wird stiller und stiller, weil es GOTTES Stimme, SEINE Antwort hören will.

Und es ist eine Ausrede, dass Gebet nicht jedermanns Sache sei, weil man ja nie eine Antwort von Gott bekäme, die man verstehen könne.
Und nur, weil Gottes Stimme sich nicht so anhört wie meine Stimme jetzt, oder weil er nicht deutsch spricht wie ich jetzt, ist er noch lange nicht schlechter zu verstehen als ich.

Es mag sich despektierlich anhören, aber es ist doch so: Gott ist ganz sicher besser zu verstehen als eine Katze beim Schnurren oder der Hund beim Knurren. Jeder, der sein Haustier liebt, erkennt sicher, wenn es beispielsweise krank ist oder sich freut oder Hunger hat. Und weiß auch, was es ihm gerade zu erzählen hat.

Jeder, der einen Menschen liebt, versteht den auch ohne Worte. Hört, was zwischen den Zeilen gemeint ist. Spürt, was zu sagen gerade schwer fällt oder unmöglich ist.

Und Gott sollte man nicht hören können? Nein: Wer in das Gebet Liebe investiert, der wird sie sehr bald sehr deutlich hören:  Die Stimme Gottes. Und die hat unserem Leben mehr zu geben als alles andere. Den Menschen Christus, Erlösung für alle.

Und so tritt das Gebet immer aufs Neue neben Gott und lernt damit teilt seine Perspektive zu teilen. Die Welt mit den Augen zu sehen, mit denen Gott sie sieht. Den Nächsten mit den Händen anzufassen, mit denen Gott ihn anfasst.

Gerade weil Könige Menschen sind, gerade weil Politiker fehlbar sind wie du und ich und es möglichst vielen Recht machen sollen, haben sie unser Gebet nötig, weil gerade so Gottes Stimme für sie hörbar wird.

Dieses Gebet ist mindestens so nötig wie das für Trauernde, Kranke und Enttäuschte, die es dringend brauchen, dass wir bei Gott um einen Ausweg für sie nachfragen – weil wir keinen wissen.

Im Gebet lernen wir, zu erkennen, wie Gottes Perspektive ist.
Gottes Perspektive ist nicht die Perspektive der Skepsis, sondern die der Fürsorge – die Perspektive der Liebe. Sie bedeutet Erlösung für alle, weil Christus für alle gestorben und auferstanden ist.

Im Gebet erfahren wir
die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Sie allein bewahren diese Welt, unsere Obrigkeit und unser Sein
und führen uns zum ewigen Leben.
Amen.

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