Auferstehung

(Luk 14, 36-48)

Er hatte ihn zu diesem Urlaub geradezu zwingen müssen. Komm, sagte er. Ich muss hier endlich mal raus, und ich will dich in diesem Zustand nicht allein zu Haus lassen.

In diesem Zustand: Hier war er, seit sie tot waren. Über zwei Jahre ist das her. Sie wollte mit dem Auto zu einer Freundin in den Schwarz­wald fahren, und weil er keine Zeit hatte, fuhren sie die weite Strecke allein – sie und die Tochter.

Sie kamen nie an. Was genau das Auto über die Mittel- Leitplanke hatte fahren lassen, konnte nie eindeutig festgestellt werden. Zurück kamen nur Fotos von Blut und Schrott. Und der Leichenwagen.

Fast jede Nacht träumt er. Von der Beerdigung, der langen Reihe erschütterter Freunde. Er hatte einen Stuhl gebraucht, weil ihm die Beine den Dienst versagten. Und immer und immer wünscht er sich, dass er die Arbeit hätte Arbeit sein lassen und selbst gefahren wäre. So wäre das alles vielleicht nicht passiert.

Oder sie wären zusammen gegangen. Dann wäre dieses quälende Leben nicht. Diese unendlichen Nächte, die schweren Gedanken, die Bilder vom letzten gemeinsamen Sommerurlaub.

Immer wenn er das Foto auf seinem Schreibtisch sah, verschwamm ihm die Sicht. Der Kreis seiner Gedanken verliert sich in der Ferne. Im Dunkeln. In der Leere.

Nun saßen sie beide auf ihren Motorrädern in Richtung Südtirol. Sie fuhren in Ruhe, nun schon den dritten Tag. Die Serpentinen der schmalen Straße zogen sich höher und höher, es wurde immer kälter, der Nebel kroch durch den Helm bis in die Schultern und wurde immer dichter. Weiter als 50 Meter konnten sie schon lange nicht mehr sehen.

Ob sie noch richtig waren? Selbst wenn nicht: Es wäre ihm egal gewesen. Hier um ihn herum sah es genau so aus wie in ihm drinnen. Hier hätte seinetwegen auch alles enden können.

Plötzlich sah er die Sonne. Sie hatten den Berggipfel erreicht, und mit einem Schlag wurde es warm und hell. Die Nebelwand lag hinter ihnen. Und was er nun vor sich sah, verschlug ihm den Atem. Tiefblauer Himmel. Dreidimensionale, messerscharfe Sicht bis zum Horizont. Satte Farben von Wasser, Wald, Wiesen und Blumen. Wie im Paradies.

 Völlig benommen tat er es seinem Freund nach, setzte den Helm ab und stieg von der Maschine. Völlig überraschend war alles anders. Sie Schönheit der Welt drang in seine Gedanken. Die Farben gelangten durch seine Augen ganz nach innen, die Wärme der Sonne erreichte sein Herz. Es ist das Paradies.

Gibt es erhabenere Augenblicke als die Momente, in denen man die Schönheit des Lebens spürt? hörte er ihn fragen.  Spürt – mit jeder Faser seines Menschseins? Nein, Du hast recht, sagte er wie von selbst. Und dachte: Es lohnt sich doch noch, zu leben.

Den Jüngern und ihren Freunden gehen die Bilder von Golgatha nicht aus dem Kopf. Sie alle, Judas eingeschlossen, hatten geglaubt, in Jesus ihren Lebenssinn gefunden zu haben. Seine Hinrichtung hatte all das beendet.

Sie fragen sich, wie es weiter gehen soll. Allein weitermachen? Ohne ihn? Aber die da draußen warteten nur darauf,  dass sie den Kopf heraus steckten. Zurück zu den Familien und alten Freunden? Ja, vielleicht die letzte Möglichkeit.

Da geht die Tür auf. Zwei Freunde kommen herein. Sie sehen merkwürdig aus. Stehen sie denn ganz neben sich? Sie erzählen. Hastig, völlig außer sich. Sie haben auf ihrem Weg nach Emmaus jemanden getroffen, mit dem sie lange über alles geredet haben. Sie sagen, dass er ihnen das Brot gebrochen habe – und dass es ihnen in genau diesem Moment wie Schuppen von den Augen gefallen war:

Dieser Fremde sei Jesus selbst gewesen. Sie erzählten atemlos, er sei dann vor ihren Augen einfach verschwunden- aber Einbildung sei es nicht gewesen, denn sie beide fühlten sich befreit und wie neu geboren, als wenn es den weiten Fußmarsch vorher nicht gegeben hätte.

Was soll man davon halten? Geht es Euch wirklich gut? Was habt ihr getrunken, was habt ihr gegessen? Was geraucht?

Lukas schreibt weiter: (Lk 24, ab 36, NGÜ)

36 Während sie noch am Erzählen waren, stand mit einem Mal Jesus selbst in ihrer Mitte und grüßte sie mit den Worten: »Friede sei mit euch!« 37 Doch sie waren starr vor Schreck, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. 38 »Warum seid ihr so erschrocken?«, sagte Jesus. »Und wie kommt es, dass solche Zweifel in euren Herzen aufsteigen? 39 Schaut euch meine Hände und meine Füße an: Ich bin es wirklich! Berührt mich und überzeugt euch selbst! Ein Geist hat doch nicht Fleisch und Knochen, wie ihr sie an mir seht.« 40 Und er zeigte ihnen seine Hände und seine Füße. 41 Da sie es vor Freude immer noch nicht glauben konnten und vor Staunen kein Wort herausbrachten, fragte er sie: »Habt ihr etwas zu essen hier?« 42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch, 43 und er nahm es und aß es vor ihren Augen.

44 Dann sagte er zu ihnen: »Nun ist in Erfüllung gegangen, wovon ich sprach, als ich noch bei euch war; …45 Und er öffnete ihnen das Verständnis für die Schrift, sodass sie sie verstehen konnten, 46 und sagte zu ihnen: »So steht es doch in der Schrift: Der Messias muss leiden und sterben, und drei Tage danach wird er von den Toten auferstehen. 47 Und in seinem Namen sollen alle Völker zur Umkehr aufgerufen werden, damit sie Vergebung ihrer Sünden empfangen. In Jerusalem soll damit begonnen werden. 48 Ihr seid Zeugen für das alles.

Jesus lebt und macht seine Jünger lebendig. Holt sie heraus aus der Depression verschlossener Türen und der immer wiederkehrenden Bilder von Folter, Tod und persönlichem Versagen.

Persönliches Versagen- vielleicht das Schlimmste. Dass sie nichts getan hatten, um es zu verhindern. Dass sie ihm nicht einmal treu geblieben waren. Dass sie sich selbst untreu waren.

Judas wollte eine Entscheidung erzwingen und war zur Obrigkeit gelaufen. Seit er gesehen hatte, was dann geschehen war, war er spurlos verschwunden.

Petrus, der Fels, schwor ewige Treue und verleugnete ihn doch drei Mal noch vor dem ersten Hahnenschrei. Tränen des Versagens verschleierten im Sicht und Denken.

In Gethsemane hatten sie alle versagt. Waren eingeschlafen und hätten doch einfach nur bei ihm stehen sollen.

Alle sind sie nun auf sich selbst zurückgeworfen. Voller Angst vor der Obrigkeit, die sicher längst nach ihnen sucht. Voller Misstrauen gegen sich selbst, ihre Kraft, ihren Mut.

Jetzt aber steht der von allen Verlassene vor den Verlassenen. Rechnet nicht mit ihnen ab. Begegnet ihnen ohne Vorwurf, ohne Beschuldigung. Wirbt um sie. Er holt sie heraus aus Einsamkeit und Isolierung. Friede sei mit euch!  Jetzt verlieren sie ihre Macht, die Gedanken an Schuld und Versagen. Friede! sei mit Euch.

Vor ein paar Wochen erst waren sie dabei gewesen, als Jesus die Tochter des Jairus aus dem Totenreich holte. Jetzt sitzt der Totgeglaubte neben ihnen und isst mit ihnen Fisch.

In den verschlossenen Raum ohne Blick in den Himmel kommt plötzlich Bewegung. Trotz des kalten Nebels des Todes steht Gott selbst neben ihnen. Plötzlich sind da Licht, Wärme, Leben. Farben leuchten, völlig überrascht haben sie freie Sicht bis dorthin, wo der Himmel die Erde berührt.

 Ja, es ist schön, das Leben. Ihre Gedanken sammeln sich. Sie beginnen zu verstehen. Zu begreifen, was geschehen ist. Und erkennen ihren Auftrag.

Tragt diese Freiheit hinaus in die Welt! Tragt in die Enge der verschlossenen Lebensräume den weiten Raum Gottes, seine Farben, seine Liebe, seine Wärme. Dann werden auch andere Leben finden gegen den Tod.

Meine Schwestern, meine Brüder:

von Kurt Tucholsky stammt der Satz: Erfahrungen vererben sich nicht; jeder muss sie allein machen. Mit der Ostererfahrung ist das nicht anders: Man muss sie selbst machen, damit sie lebendig werden und bleiben kann.

Als die Jünger nach der Himmelfahrt Christi nicht mehr mit ihm Fisch essen konnten, erinnerten sie sich daran, was die beiden Emmausjünger ihnen erzählt hatten: Jesus saß von dem Moment an neben ihnen, als er ihnen das Brot brach.

Darum redeten sie nicht nur über Ostern, sondern brachen das Brot selbst. Feierten das gleiche Fest wie an ihrem letzten gemeinsamen Abend, als sie nach dem Passahmahl von Jesus selbst Brot und Wein  gereicht bekamen. Jetzt erkannten sie in Brot und Wein Jesus selbst. Jetzt feierten sie das Abendmahl – und sie tun es bis heute.

Denn an diesem Tisch empfängt die Gemeinde/ die Freiheit des Ostertages.

Hier wird aus Einzelnen die Kirche Gottes, die die Welt umspannt und die den Tod nicht mehr fürchtet.

Hier begegnet die Kirche ihrem wahren Herrn: Christus, denn er ist auferstanden- er ist wahrhaftig auferstanden.

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