Wer wird gewinnen? (1. Tim 1, 12-17)

Wie weit entfernt der Mensch auch ist
einen Augenaufschlag weit
oder am Ende der Welt
Gott ist nahe
denn Christus geht ihnen nach

Sein Ruf ist hörbar
der Blick auf seine Gerechtigkeit
am letzten Tag der Welt liegt frei
sucht die Verlorenen
bittet um Rückkehr
heute
Der Menschensohn ist gekommen,
zu suchen und selig zu machen,
was verloren ist. Lukas 19,10
***
Wer wird gewinnen? Wer steht oben auf der Liste? Fast überall geht es um diese Frage, manchmal heimlich und verschämt, zumeist aber ganz offen. Da heißt es nicht „Dabeisein ist alles“ sondern: Wer ist der Erste?

Um das rauszubekommen, braucht man derzeit in Frankreich vor allem Zeit: Von vorgestern bis zum 10. Juli. Dann soll feststehen, welche von 24 angereisten Mannschaften die Nummer 1 unter Europas Fußballmannschaften ist. 30 Mannschaften waren erst gar nicht gut genug, es ausprobieren zu dürfen – sie scheiterten in der Qualifikation.  Bis zum Juli wird unendlich viel Schweiß fließen, werden hoffentlich viele sehenswerte Tore fallen und sehr wahrscheinlich kostenlos Karten verteilt werden: Gelbe, Gelb-Rote und Rote. Für diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten und dabei erwischt werden – oder fälschlich erwischt werden. Nun muss man oder frau insgesamt 51 Spiele abwarten, um das Ergebnis zu kennen. Wer sind die Größten?

In der Mitte unseres Predigttextes ist zu lesen: ICH bin der Größte! Paulus ist es, der das schreibt, ich lese aus dem 1. Brief an Timotheus, Kapitel 1, ab Vers 12:

12 Ich danke dem, der mir ´für meinen Auftrag` Kraft gegeben hat, Jesus Christus, unserem Herrn; denn er hat mich als vertrauenswürdig angesehen und in seinen Dienst genommen –
13 ausgerechnet mich, der ich ihn früher verhöhnt und seine Gemeinde mit äußerster Härte verfolgt hatte. Aber er hat sich über mich erbarmt, weil ich in meinem Unglauben nicht wusste, was ich tat.
14 Geradezu überwältigend war die Gnade, die unser Herr mir erwiesen hat, und sie hat in mir einen Glauben und eine Liebe entstehen lassen, wie sie nur durch Jesus Christus möglich sind.
15 Ja, Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um Sünder zu retten. Auf dieses Wort ist Verlass; es ist eine Botschaft, die vollstes Vertrauen verdient. Und einen größeren Sünder als MICH gibt es nicht!
16 Doch gerade deshalb hat sich Jesus Christus über mich erbarmt: An MIR als dem größten aller Sünder wollte er zeigen, wie unbegreiflich groß seine Geduld ist; ICH sollte ein ermutigendes Beispiel für alle sein, die sich ihm künftig im Glauben zuwenden, um das ewige Leben zu erhalten.
17 Dem König, der in alle Ewigkeit regiert, dem unvergänglichen, unsichtbaren, alleinigen Gott, gebühren Ehre und Ruhm für immer und ewig. Amen.

Paulus ist der größte – unter denen, die gerettet wurden. Und er ist ja nicht der erste, von dessen Rettung wir heute hörten.

Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat: Der Beter in Psalm 103.
Die Familie im Stich gelassen, das ganze Erbe verprasst, aber dennoch vom Vater mit offenen Armen aufgenommen: Der verlorene Sohn.
Vom fanatischen Fundamentalisten zum Missionar der Liebe Gottes: Aus Saulus wird Paulus.

Und alle drei machen aus ihrer Freude kein Geheimnis: Der erste schreibt den Psalm, der zweite feiert ein großes Fest, und der dritte schreibt einen Brief und jubelt:
17 Dem König, der in alle Ewigkeit regiert, dem unvergänglichen, unsichtbaren, alleinigen Gott, gebühren Ehre und Ruhm für immer und ewig.

Weil wir heute zum Feiern zusammengekommen sind, lasst uns
in ihre Freude einstimmen: Mir ist Erbarmung widerfahren (EG 355) 1+2

1. Mir ist Erbarmung widerfahren,/Erbarmung, deren ich nicht wert;/ das zähl ich zu dem Wunderbaren,/ mein stolzes Herz hat’s nie begehrt. / Nun weiß ich das und bin erfreut/ und rühme die Barmherzigkeit.

2. Ich hatte nichts als Zorn verdienet/und soll bei Gott in Gnaden sein; Gott hat mich mit sich selbst versühnet/ und macht durchs Blut des Sohns mich rein./ Wo kam dies her, warum geschieht’s?/
Erbarmung ist’s und weiter nichts.

„Mein stolzes Herz hat’s nie begehrt“…
„Ich hatte nichts als Zorn verdienet“:

Da reitet einer im gestreckten Galopp auf der staubigen Straße von Jerusalem nach Damaskus. Heiliger Zorn steht ihm ins Gesicht geschrieben. Saulus heißt er, und er ist ist hinter ganz bestimmten Leuten her: Messianische Juden, die einem Jesus anhängen, der gekreuzigt wurde.

Saulus, ein Sohn reicher Kaufleute, ist Schüler des berühmten Gesetzeslehrers Gamaliel. Der ganze Stolz der theologischen Schule Jerusalems mit der Aussicht auf eine glänzende Karriere.
Heiliger Eifer treibt ihn an. Er hat es eilig. Er wird sie festsetzen
und ihrer gerechten Strafe zuführen. Er wird die Leiter seiner Karriere nach oben steigen, Sprosse für Sprosse.

Saul, warum verfolgst Du mich?
Diese Frage nach einem Warum trifft ihn wie ein Schlag. Der Weg, den er eben noch genau vor sich sah, verschwindet in der Dunkelheit. Er sieht NICHTS mehr. Keine Antwort, keinen Weg, keine Zukunft.

Vor Damaskus ereilt Saulus sein Schicksal: Er wird vom Brandstifter zum Feuerwehrmann, vom gesetzestreuen Eiferer um eifrigsten Missionar, vom blinden Saulus zum sehenden Paulus. Gott öffnet ihm die Augen und lässt ich sehen: Die Antwort, den Weg, seine Zukunft.

Eine Geschichte, die noch heute begeistert: Das Wort „Damaskuserlebnis“ wird zum Synonym für die großen Lebens – Wendungen. Ungeahnt, überraschend, radikal alles auf den Kopf stellend.

Saulus wendet sich vom Fundamentalismus ab, weil er in der Begegnung mit Jesus etwas erlebt, was er selbst nicht nötig zu haben meinte: Erbarmung, aus der Gottes Liebe fließt – hin zu dem, der diese Liebe eben noch bekämpfte.

STROPHE 3:
3. Das muss ich dir, mein Gott, bekennen,/ das rühm ich, wenn ein Mensch mich fragt;/ ich kann es nur Erbarmung nennen,/ so ist mein ganzes Herz gesagt./ Ich beuge mich und bin erfreut/und rühme die Barmherzigkeit.

Erbarmen, Herr! Gnade, Gnade! Ich beuge mich!

Hier winselt einer um sein Leben. Hier geht es um die Gnade, die vor Recht ergeht. Diese Gnade transportiert das ungute Gefühl der Abhängigkeit. Man ist dabei klein, ausgeliefert, vielleicht sogar ein Brecher geltenden Rechts, dem staatliche Strafe winkt. Darum stehen diese Worte nicht gerade hoch im Kurs unter unseren Zeitgenossen: Gnade, Erbarmen.

Aber Gnade steht auch für all das, was es umsonst gibt, was einem geschenkt ist. Die Charismen, die einem zufallen, ohne dass man dafür etwas hätte leisten müssen.

Manch einer hat den grünen Daumen und ist so der geborene Gärtner, einer anderen fällt ihr Abitur ohne Mühe zu, der Dritte kann Geschichten erfinden, die andere total spannend finden, die Nächste so predigen, dass die Menschen „unter ihrer Kanzel“ Gott begegnen.

Um diese Bedeutung von Gnade geht es hier zuerst. Diese Gnade macht Menschen groß. Denn sie schafft nicht nur begnaDIGTE, sondern begnaDETE Menschen. Menschen, die begabt sind, des Erbarmens würdig: Es ist ihre Würde und ihre Größe, sich beschenken lassen zu können.

Und Saulus erlebt vor Damaskus Gott, der ihn begnadet:
Mit offenen Armen aufgenommen, die Augen geöffnet bekommen, einen neuen Sinn in das Leben gegeben. Paulus ist ein Vorzeige-Beispiel für Gottes Erbarmen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder:

„ Sünder selig zu machen“, Sünder retten, Sündern zu helfen: Das klingt nach gescheiterten und gestörten Menschen, nach Versagen und Sich-Versündigen, nach falschen Entscheidungen.

Es klingt nach unruhigen, schlaflosen Nächten mit Selbstvorwürfen und der Frage „Wie kann ich das wieder in Ordnung bringen?“. Dieser großen Frage, auf die es keine Antwort gibt, weil ICH genau das nicht kann: Sünde „in Ordnung bringen“. Wer will schon solche Nächte?

Viele Menschen hören darum lieber andere Sätze. Glückwünsche unter dem Motto: Alles Gute zum Geburtstag, bleibe so, wie Du bist! Sicher: Dieser Geburtstagsglückwunsch ist eigentlich als Kompliment gedacht. Du bist schon ganz in Ordnung, brauchst nichts zu ändern.

Denn KEINER kann aus seiner Haut. Niemand KANN über seinen Schatten springen. Ich kann kein Anderer werden. Ich MUSS der bleiben der ich bin, von Brauchen oder Dürfen kann keine Rede sein.

Und doch: Was Sünde mit dem Leben anrichtet, spüren viel auch dann, wenn sie das Wort nicht benutzen wollen. Auch in ihnen bleibt eine Sehnsucht nach Änderung.

Ich traf sie wieder, in der vergangenen Woche, Herrn Planer, Frau Fürsorglich und Herrn Artig.

Herr Planer ist ein Macher: Er ergreift die Initiative, hat einen straffen Termin-Kalender, arbeitet zielorientiert und strukturiert, dirigiert Menschen mit seinem imaginären Taktstock. Viele folgen ihm, weil seine Pläne ja wirklich nicht schlecht sind. Aber ihn plagt ständig die Frage, ob die, die ihm folgen, das aus Überzeugung oder Trägheit tun und wie er dastehen wird, wenn er einmal einen Weg einschlagen würde, der in ernste Schwierigkeiten führt.

Frau Fürsorglich ist immer hilfsbereit: Voller Hingabe beschenkt sie andere, wo sie nur kann. Hilfsbedürftige zieht sie geradezu an. Für sich selbst aber will sie nichts erbitten, Hilfe braucht sie nicht. Bekommt sie Geschenke, ist ihr das von Herzen peinlich. Was sie am wenigsten ertragen kann ist der Gedanke, selbst einmal von Menschen abhängig zu sein, die hilfsbereit sind.

Herr Artig ist stets friedlich und friedfertig. Er agiert angepasst und überaus anpassungsfähig. Er lässt lieber andere entscheiden, lässt sie „die Bösen“ werden, erscheint in allen Konflikten als das bedauernswerte Opfer. Und träumt davon, irgendwann einmal ein Held zu sein.

Herr Planer, Frau Fürsorglich und Herr Artig oder eine Mischung aus den dreien stecken in jedem Menschen. Und in allen lebt die Sehnsucht nach Veränderung, nach Verbesserung, nach Korrektur des Lebens.

Aber ist diese Korrektur, diese große Wendung, möglich? In UNSERER Haut, mit UNSEREM Schatten? Eine neue Orientierung- mitten in UNSERER Realität unserer Tage?

Wir sind hier in der Gemeinde zusammen, um Gott zu begegnen. Jesus Christus zu treffen, der uns mit offenen Armen so annimmt, wie sie sind. Der aber gerade so niemanden lässt, wie er vorher war. Weil wir unser Damaskuserleben hatten.

Gottes Erbarmung überlässt uns gerade nicht uns selbst, in unserer Haut, hinter unserem Schatten. Seine Gnade wendet unser Leben, denn Gott will eine Liebes-Beziehung zu seinen Menschen, so wie er sie mit dem Eiferer Saulus wollte.

GOTT liebt uns. Er verteilt keine gelben oder roten Karten. Darum können wir Fehler zuzugeben, uns beschenken lassen, zu Menschen zu werden, die hören, die sich das Evangelium sagen lassen. Gottes Liebe schafft seine Kirche, in der Herr Planer, Frau Fürsorglich und Herr Artig und all die anderen zusammengehören in die große Familie Gottes.

Hier kann jede und jeder zur Ruhe kommen. Hier muss sich niemand mehr mit zermürbenden Vorwürfen plagen. Paulus hat uns mit seinem Lied den Schlüssel weitergegeben, wie man fröhlich, entlastet, erneuert seinen Weg weiter gehen kann. Seine Begegnung mit Gott soll unsere Begegnung mit Jesus, unser Damaskuserlebnis werden.

STROPHEN 4 und 5:
4. Dies lass ich kein Geschöpf mir rauben,/ dies soll mein einzig Rühmen sein;/ auf dies Erbarmen will ich glauben,/ auf dieses bet ich auch allein,/ auf dieses duld ich in der Not,/auf dieses hoff ich noch im Tod.

5. Gott, der du reich bist an Erbarmen,/ reiß dein Erbarmen nicht von mir/ und führe durch den Tod mich Armen/ durch meines Heilands Tod zu dir;/ da bin ich ewig recht erfreut/und rühme die Barmherzigkeit.

Die große Lebenswende IST möglich, denn Gott hat Erbarmen mit uns. Er lässt uns Jesus begegnen.
Das fügt uns zusammen zu seiner Gemeinde,
das macht diesen Tag zu einem Fest,
das macht unser Leben zu einer Botschaft:
Auf das Wort Jesu Christi ist Verlass.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sind unser Leben.

Das ist wirklich Grund zum Feiern. AMEN

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2 Kommentare zu Wer wird gewinnen? (1. Tim 1, 12-17)

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