Ich habe einen Traum (Jes 25 6-9)

In der Nacht, da er verraten ward
setzte sich Jesus an einen Tisch
mit dem Verräter
mit dem Verleugner
mit den Ängstlichen
alle würden ihn verlassen

In der Nacht, da er verraten ward
feiern sie das Passamahl
Hier wird Brot und Wein
durch ihn zu Leib und Blut
für die am Tisch
die ihn so nötig hatten
und ihn doch verließen

Am dritten Tage aber
am Ostertag
gibt sich der
Auferstandene

wird wieder Brot und Wein
verwandelt für uns das Leben
weil wir es so nötig haben
auf IHN alle Hoffnung zu setzen,
und ER spricht:

Ich war tot,
und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit
und habe die Schlüssel
des Todes und der Hölle.
Offenbarung 1,18

Halleluja! Der Herr ist auferstanden, Halleluja;
er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja.
***

Im Sommer 1963 war es. Da hat der amerikanische Pfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King seine wohl berühmteste Rede gehalten. 250.000 Menschen hatten sich in Washington versammelt, um ihren Forderungen für die Durchsetzung der Bürgerrechte DER Amerikaner Nachdruck zu verleihen, die keine weiße Hautfarbe hatten.

Sicher, die Sklaverei in Amerika war offiziell schon längst abgeschafft, aber die Diskriminierung von Farbigen zog sich durch alle Bereiche der Gesellschaft von den Schulen bis in den öffentlichen Nahverkehr. Und Martin Luther King brachte die Sorgen und Hoffnungen der Menschen auf den Punkt: I have a dream – ich habe einen Traum.

Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt…
Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird…
Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.
Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück…

I have a dream. Ich kenne diese Rede Kings, obwohl ich erst ein Jahr alt war, als sie gehalten wurde. Ähnlich beeindruckend ist auch die Rede Jesajas, die heute unser Predigttext ist. Auch wenn sie heute weit über zweitausend Jahre alt ist. Ich lese aus Kap. 25 die Verse 6-9:

6 Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. 7 Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. 8 Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt.
9 Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

Auch hier wird ein Traum in Worte gefasst. Die Völker der Erde werden sich zu einem großen Freudenmahl versammeln. Auf dem heiligen Berg, auf dem der Tempel in Jerusalem steht. Alle haben mehr als genug zu essen. Man schenkt sich nur noch reinen Wein ein. Keiner lügt mehr. Keiner übervorteilt den anderen mehr. Krieg gibt es nicht mehr. Mord und Totschlag ebenso nicht. An die Stelle des Todes ist das Trösten getreten.

Israelis und Palästinenser feiern ebenso miteinander wie Iraner und Amerikaner, Chinesen, Japaner und Russen, Juden, Muslime und Christen. Sie alle tun das, weil das weggezogen wurde, worin sie sich eingehüllt hatten: Zwietracht und Feindschaft. Gott hat das getan. Darum feiern alle. Sie haben auch allen Grund dazu.

Ich habe einen Traum. Der Herr wird den Tod verschlingen auf ewig. Jeden Tod.

Den Tod, der unsere Existenz auf dieser Erde ein für alle Mal beendet, uns in die Erde legt und dort verwesen lässt. Den Tod, den sich niemand von uns vorstellen kann.

Ich habe einen Traum. Der Herr wird den Tod verschlingen auf ewig. Jeden Tod.

Auch den Tod mitten im Leben. Immer da wird er gestorben, wo Menschen versinken in Schmerz, Einsamkeit oder Verzweiflung. Wo sie vergehen in Hass, Zorn und Sinnlosigkeit. Wo von Glaube, Hoffnung und Liebe nur noch die Hülsen des Wortes übrig sind. Den Tod, den viele unter uns erleben.

Ich habe einen Traum. Was aber sind Träume wert? Ändern sie das Leben oder sind sie nur billige Vertröstung?

Nina Ruge hatte es als Moderatorin der ZDF-Sendung „Leute Heute“ zur Kultblondine im Deutschen Fernsehen gebracht. Da geht es einfach nur um Stars und Sternchen, ihre Geschichten und Geschichtchen, Klatsch und Tratsch aus der Welt des Glitzerns und Glänzens. Risikoschwangerschaften von echten Prinzessinnen, Drogendelikte unter Popgrößen, Ehekrisen und Scheidungen von Hollywood – Größen.

Und Nina Ruge beendete jede ihrer Sendungen mit immer dem gleichen Spruch: „Alles wird gut“. Ich fand diesen Spruch immer ziemlich banal, aber in einem Interview sagte ein Leute-Heute-Fan in die laufende Kamera: Er fände diesen Spruch so richtig gut. Der strahle einen so positiven Optimismus aus- bei all den Katastrophen, über die immer wieder zu berichten wäre. Und das würde sein Leben einfach schöner sein lassen.
SEIN Leben wenigstens.

Wir feiern heute Ostern. Das Fest der Auferstehung unseres hingerichteten Herrn Jesus Christus. Unsere Zeremonienmeister haben dieses Fest an den Anfang des Frühlings gelegt: Auf den Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling. (Keine Bange- ich werde mich jetzt nicht dazu äußern, ob es in diesem Jahr tatsächlich schon der zweite Vollmond war. Das Internet ist voll davon, viel Spaß beim Lesen.)

Mit diesem Frühlingsfest haben unsere Zeremonienmeister einen klugen Schachzug gemacht: Den Gedanken über die Auferstehung Jesu von den Toten kann man jetzt im Frühling besser nachgehen als beispielsweise im November. An jeder Ecke können wir sehen, wie die wintertote Natur zu neuem Leben erwacht ist.

Forsythien, Magnolien, Obstblüten, so weit das Auge reicht, und das bei frühsommerlichen Temperaturen. Knapp eine Woche nach dem letzten Frost. Die Natur gibt uns ihren Anschauungsunterricht in Sachen „Auferstehung“.

Und den haben wir auch nötig bei diesem schwierigen rationalen Thema. Denn die Botschaft des Osterfestes lebt aus Bildern, die sich nicht gerade aus unserer Alltagserfahrung erschließen lassen.

Auferweckung der Toten.
Dass der schon verwesende Lazarus vier Tage nach seiner Beerdigung von Jesus aus dem Grab geholt wird und weiterlebt, mag mancher ja noch in Rubrik „scheintot“ einordnen.

Aber dass Jesus von Nazareth nach dem Hinrichtungstod unter vielen Zeugen auferweckt wird und nach 40 Tagen in den Himmel fährt und danach überall auf der Welt leibhaftig präsent ist -das passt überhaupt nicht in die allgemeine Lebenserfahrung.

Die sagt ganz anderes: Der Tod wird verschlingen das Leben auf ewig! Jeder muss ihn sterben. Und wahrlich nicht jede und jeder sterben alt und lebenssatt: Kriege, Verbrechen, Unfälle bringen Menschen im besten Lebensalter oder gar Kinder ins Grab, die doch so wenig von dieser Welt gesehen haben.

Dann haben wir Fotos an der Wand, die uns an Lebenszeiten erinnern. Und Grabsteine auf den Friedhöfen, die unmissverständlich sagen: Hier liegen die sterblichen Überreste eines Menschen und werden zu Erde.

Die Osterbilder passen nicht in dieses Erdenschema. Aber auch der Tod passt da nicht hinein. Wo ist es denn hin, das Leben, das einen Körper erfüllte? Kann das Leben, das einen Körper verlässt, wirklich nichts mehr sehen und hören und fühlen? Ist mit dem Tod tatsächlich alles aus und vorbei?

Niemand kam zurück, niemand kann es wirklich erzählen. Auch auf diese Fragen antworten Menschen darum mit ihren Bildern: Menschen leben weiter in den Herzen ihrer Kinder oder Freunde. Die einen malen dann Bilder von hellem Licht und einem Leben im Jenseits, die anderen mit Bildern vom absoluten Ende in Dunkelheit und dem Nichts.

Unser ganzes Leben ist von solchen Bildern geprägt. Unser Leben WIRD durch diese Bilder erst zum Menschen-Leben, dass es von dem der Tiere unterscheidet. Liebe, Geborgenheit, Glück, Freiheit, Menschenwürde: Wer hätte sie denn wirklich je gesehen, diese großen Bilder für ein sinnvolles Leben?

Wer von uns aber wollte OHNE diese Bilder leben? Wer will sie nicht wie andere Menschen VOR ihm: Erleben, fühlen, begreifen, ja eben: SEHEN? Und wer wollte dann wirklich bestreiten, dass sie da sind: Liebe, Geborgenheit, Glück? Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?

Und genau hier, in diesem Raum der großen, alltagsfernen Bilder lässt Gott sich zu Ostern von Menschen erleben, fühlen, begreifen, ja SEHEN. Die Osterberichte der Bibel sind geschriebenes Zeugnis dafür. Und seither begegnet Gott in Christus den Menschen leibhaftig, seit tausenden Jahren gehen darum Menschen seither den Weg des Glaubens.

Im Sinne Jesajas leben sie aus ihrem Traum. Den Traum vom großen Festmahl aller Völker. Dem Traum von dem Tag, an dem weder der Tod IM Leben noch der Tod DES Lebens mehr eine Bedrohung für uns Menschen ist. Weil sie Gott erlebt, ja gesehen haben, der sie nicht dem Nichts überlassen wird. Dieser Traum ist keine leere Versprechung, denn er ändert das Leben und das Sterben.

Mir hat einmal ein Soldat aus Süddeutschland erzählt, wie er kürzlich das Sterben seines 87jährigen Lieblings-Onkels erlebt hatte. Der Soldat war an dessen Krankenbett ans anderen Ende Deutschlands gefahren, voller Furcht, wusste er doch nicht, was er seinem Onkel eigentlich sagen sollte. Es wurde dann ein unbeholfenes „Ach, das wird schon wieder!“

Aber die Antwort ließ nicht auf sich warten; mit überraschend fester Stimme sagte der Onkel: „Nix da! Gestorben wird jetzt!“ Das ließ die Furcht des Neffen dahinschwinden. Er kann jetzt zuhören, er hört, wie satt sein Onkel das Leiden hat. Dass er sein Leben zwar geliebt habe, jetzt aber zu Gott gehen wollte. Und jetzt fließen dem Neffen plötzlich Wörter aus der Offenbarung des Johannes aus dem Mund, die die Worte des Jesaja aufnehmen:

„Ja! Und dort wird kein Schmerz mehr sein, und der Tod ist besiegt auf ewig.“ Darauf antwortet sein Onkel mit einem klaren, kräftigen „Amen“. Zwei Stunden später war er tot – dieses Amen war das Letzte, was der Onkel in seinem Leben gesagt hatte.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Ich traue Gott zu, dass er seinen Sohn Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Wenn Gott Gott ist, dann kann er auch all das, was ich in meinem Erkenntnis-Horizont für unmöglich halte.

Was mir aber viel wichtiger geworden ist im Laufe meines Lebens: Gott lässt durch die Osterzeugen den großen Traum des Jesaja lebendig bleiben.

Da sind z.B. die Emmausjünger, die in dem Augenblick, als sie mit dem Fremden das Brot brechen, Jesus erkennen. Die Todesstarre fällt von ihnen ab, voller Freude kehren sie heim.

Da ist der jüdische Schriftgelehrte Saul aus Tarsus, der in seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth die griechische Übersetzung dieses Jesajaverses zitiert: Der Tod ist verschlungen in den Sieg!.

Oder auch Johannes, der die Worte Jesajas in der Offenbarung aufnimmt: Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Bis heute sind uns diese Worte lebens-wichtig.

Ostern ist zu meinem Traum nach Jesaja geworden. Den kann mir nun niemand mehr nehmen. Denn Jesus Christus hat mit seiner Auferstehung die Hoffnung auf die ERFÜLUNG dieses Traumes erneuert.

Und diese Hoffnung hat mein Leben geändert. ER wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen.

Ostern lässt uns den Traum Jesajas gemeinsam weiterträumen:
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
stiften Leben gegen jeden Tod.
AMEN.

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1 Antwort zu Ich habe einen Traum (Jes 25 6-9)

  1. Susanne Jeschke sagt:

    Ich stehe voll Bewunderung vor der Kraft die Glaube zur Gewissheit werden lässt.

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