Worauf Verlass ist (Rut 1 1-19)

Nicht nur wenige, sondern alle.
Nicht nur hier, sondern überall.
Nicht nur etwas, sondern alles.
Gottes Liebe – Heil für alle.

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Und es werden kommen
von Osten und von Westen,
von Norden und von Süden,
die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lk 13,29
***
Am letzten Sonntag ging es um die Hochzeit in Kana, wo Jesus aus Händewaschwasser allerbesten Wein werden ließ: Umgerechnet weit über eine halbe Million Flaschen. Wenn wir DIE heute hätten: Dann wäre uns ein gutes Stück geholfen.

Denn dem Reformierten Kirchenkreis geht das Geld aus. Das hat eine ganze Reihe von Ursachen. Da sind die niedrigen Zinsen der vergangenen Jahre ebenso zu nennen wie sinkende Gemeindegliederzahlen oder geringere Zuweisungen der Landeskirche. Das Loch im Etat ist groß und wuchs viel schneller, als man das noch vor sechs Jahren hatte erwarten können.

Im Moment haben wir noch Dreieinhalb besetzte Pfarrstellen, die für die zumeist sehr kleinen reformierten Gemeinden zwischen Brandenburg über Potsdam und Berlin, von Hohenbruch über Großziethen und Schwedt bis nach Bergholz vor den Toren Stettins arbeiten. Ab Februar nur noch Zweieinhalb, wenn Frau Rugenstein ihre neue Stelle auf einer Nordseeinsel antritt.

Unser Geld reicht im Moment aber nur noch für Eineinhalb Stellen. Da kann man sagen was man will: Die Lage ist durchaus ernst. Eine halbe Million Flaschen besten Weins wären da eine wirklich gute Sache. Natürlich nicht, um sich damit die Welt schön zu trinken. Aber man könnte sie zu einem guten Preis verkaufen und hätte dann sicher ein paar Millionen, um die nächsten Jahre zu überstehen.

Auch wenn ich ein grundsätzlich optimistischer Mensch bin, rechne ich nicht mit einem so großen Wunder. Schon deshalb, weil Gott ganz sicher wichtigere Sachen auf seiner Agenda hat als die Rettung unseres Reformierten Kirchenkreises.

Sicher besteht die Gefahr der Auflösung unseres Kirchenkreises. Es gäbe aber Schlimmeres. Schlimmer wäre, wenn wir Menschen Gott nicht mehr finden, bei ihm keine Heimat mehr haben könnten. Aber Gott lässt sich finden und spüren. Und wo Menschen Gott finden und spüren, da ist Gottes Gemeinde, Gemeinschaft der Heiligen, Kirche eben.

Diese Erfahrung machen Menschen seit Tausenden von Jahren. Daran lässt der heutige Predigttext aus dem Buch Rut keinen Zweifel, ich lese die ersten 19 Verse:

1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. 2 Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi, und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda.
Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. 3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4 Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.
6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. 7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9 Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie.
Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.
11 Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, 13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand hat mich getroffen.
14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr.
Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter,
Rut aber ließ nicht von ihr.
15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.
16 Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.
18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. 19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

Schon in diesen ersten Versen habt ihr sicher gespürt: Auch wenn das Buch alt ist – was Noomi und ihren Schwiegertöchtern geschieht, ist nicht wirklich Vergangenheit. In den nur 85 Versen des Buches geht es um das Leben in den Spannungsfeldern zwischen Arm und Reich, Frau und Mann, Jung und Alt, Leben und Tod. Auch zwischen eigener und fremder Religion. Und das ist bis heute nicht anders.

Ausländer wurde und wird man noch nie leichtfertig. Hier muss eine Familie wegen einer Hungersnot das Land verlassen und in der Fremde das Nötige zum Überleben suchen. Das hat nichts mit Urlaubmachen zu tun, so als wenn wir nach Schweden, Italien oder auch nur Bayern verreisen.

Die Familie wird zu Fremdlingen, musste sich in einem fremden Land NIEDERLASSEN. Hier gab es nicht nur eine fremde Sprache, sondern auch eine fremde Religion. Und ob die dortigen Bewohner über die Zuwanderer erfreuter gewesen sind als das viele Menschen heute sind?

Ganz sicher wird es den Moabitern schwerer gefallen sein, die Fremden aufzunehmen als uns heute, hier in Deutschland, die wir zu den zehn reichsten Ländern der Welt gehören. Ob diese Familie ein Auskommen findet, ist zunächst völlig offen.

Und trotzdem gingen sie in die Fremde. Offenbar sahen sie keinen anderen Weg. Wie so viele vor und nach ihnen.

Zu den wirtschaftlichen Problemen kommen zwischenmenschliche. Die beiden Söhne heiraten im Ausland. Das spricht ja zunächst für eine gut funktionierende Integration von Noomi und ihrer Familie in die neue Gesellschaft.

Aber diese „Mischehen“, die man heute lieber als binationale oder interreligiöse Ehen bezeichnet, sie bringen zahlreiche Spannungen in die Familien – zu den normalen Sorgen des Alltags hinzu. Darum sehen das auch heute noch viele Menschen mit großer Skepsis, und zur Zeit Noomis dürfte das kaum anders gewesen sein.

Die größten Probleme aber, weit größere als heute, kommen mit dem Tod. Zuerst stirbt der Ehemann und Vater, dann sterben beide Söhne. Noomi bleibt ganz ohne Verwandte allein zurück, und das in der Fremde. Das ist für eine Frau im alten Orient das wohl schlimmste, das passieren kann. Ohne Rente, ohne jegliches soziale Netz: Sie bleibt zurück ohne rechtlichen Schutz, ohne Altersversorgung, ohne Zukunft – lebendig am Ort ihres Todes.

Das macht zunächst den Rahmen aus, in dem sich praktische Nächstenliebe biblisch bewähren muss. Außerdem aber wird sich auch zeigen, ob der Noomis Glaube an Gott eine Hilfe sein wird oder nicht.

Dass Gott ihr tatsächlich weiterhilft, überliest man vielleicht zunächst. Aber es ist GOTT, der Veränderung in ihr Leben bringt: Noomi hat „erfahren“, „dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte“.

Noomi hört und hält es für wahr: GOTT hat das Schicksal Israels gewendet. Diesen Worten schenkt sie Glauben. DARUM macht sie sich auf. Sie verlässt ihren Ort des Todes, weil sie von Gott weiß, der seinem Volk neue Lebenschancen nach der Hungersnot eröffnet. Sie glaubt daran, dass er auch ihr eine neue Chance bietet.

Noomi macht sich auf wie auch schon die Erzväter Abraham oder Jakob sich aufgemacht haben. Sie, die Witwe, die keine neue Familie mehr gründen kann, keine eigene Nachkommen mehr haben wird, die sogar ihre Kinder überleben musste: Sie vertraut auf Gottes Wirken für ihr Leben. So nah ist sie ihm.

Nun zeigt uns das Buch Rut, dass Schwiegermütter nicht automatisch Stoff für Witze oder manch tiefen Seufzer der Schwiegerkinder gut sind. Es kann nämlich auch wirklich gut gehen.

Zwischen Noomi und ihren beiden Schwiegertöchtern jedenfalls geht es gut; schließlich begleiten BEIDE sie zunächst auf ihrem Weg zurück. Das liegt sicher NICHT nur an der Not, die die drei Frauen enger zusammengebracht hat.

Auch wenn Noomi eine Ausländerin ist, auch wenn sie einen anderen Gott hat, auch wenn es keine Enkel gibt, die sie familiär enger aneinander binden würden: Schwiegermutter Noomi ist es offenbar beiden wert, die Beziehung zu ihr nicht abreißen zu lassen.

Und sie bleibt es wert. Sie müht sich ab, beide jungen Witwen davon zu überzeugen, zu ihren Verwandten zurückzukehren. Sie sollten doch einen neuen Versuch zur Familiengründung unternehmen. Von ihr hätten sie doch nichts mehr zu erwarten.

Viel sagend ist Noomis Wunsch, Gott möge beiden Schwiegertöchtern die CHÄSÄD vergelten, die sie gezeigt haben. CHÄSÄD ist hebräisch und heißt übersetzt Güte, Gnade, Wohlwollen, Barmherzigkeit oder eben Liebe.

LIEBE – die soll sein, was bleibt zwischen ihnen. So trennen sie sich schließlich unter Tränen und gehen verschiedene Wege – Orpa zu ihrer Familie, Rut bleibt bei ihrer Schwiegermutter.

Beide Schwiegertöchter entscheiden sich unterschiedlich. Aber beide, Rut und Orpa, gehen ihren Weg heraus aus der CHÄSÄD – Liebe ist es, was sie verbunden hat und worum es weiter gehen wird.

Orpa geht den Weg, den man als den normalen Weg bezeichnen könnte: Zurück zu ihren Wurzeln. Rut geht einen anderen, den überraschenden Weg. Ihr Name wird zum Namen des Buches und zum Programm. Rut bedeutet übersetzt: Die Gefährtin, die Nächste.

Und ihr Programm der CHÄSÄD bringt sie Noomi gegenüber auf den Punkt: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.

Meine Schwestern, meine Brüder, zurück zum Anfang:

Uns geht der Wein zum Feiern aus. Eine Hungersnot aber ist das noch lange nicht. Wohl aber breitet sich das Gefühl des Fremdseins weiter aus, wenn die Strukturen, in denen man sich behütet und zuhause fühlt, zerbrechen. Oder zu zerbrechen drohen.

Viele Facetten des Fremdseins sind uns im Buch Rut begegnet. Die Hungerflucht ins Ausland, zu einem fremden Volk mit einer fremden Religion, mit fremden Töchtern in der eigenen Familie. Der Tod als der größte Fremde im Leben ist dazugekommen. Fremd ist alles, was wir nicht kennen. Und vielen Menschen macht das Fremde daher Angst.

Uns ist aber auch der Ausweg aus dieser Angst gezeigt. Der Ausweg, den Gott für uns bereit hält: Die CHÄSÄD. Die Güte und Gnade, das Wohlwollen oder die Barmherzigkeit, die es bedeuten, wenn man liebt. Und im Buch Rut kann man auf besonders schöne Weise sehen, wie Liebe tragen kann. Die Liebe zu Gott, die Liebe zu Menschen.

Aus ihr wächst hier eine wirklich starke Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die von Gott das größte Wunder erwartet: Die Bewahrung des Lebens. Noomi und Rut werden dieses Wunder erleben, in das sie gemeinsam gehen.

Sie vertrauen der Macht Gottes und werden nicht enttäuscht. Sie erleben Gottes Führung. In Bethlehem – ausgerechnet – wendet sich ihr Lebensblatt. Drei Generationen später schon weiß man: Die Ausländerin Rut wurde die Urgroßmutter des großen Königs David.

Gottes CHÄSED BLEIBT seinen Menschen nah.
Sie erleben sie in Jesus hautnah.
Sie können sich Gottes so sicher sein wie der Hauptmann aus dem Tagesevangelium, der sich der Macht Gottes sicher ist und dessen Liebe er an seinem Knecht erlebt.

Es ist mir ein bleibender Trost, dass Kirche überraschend anderswo auf der Welt wächst, während sie hier bei uns in der Krise steckt. Es ist mir ein bleibender Trost, dass in Jesus die Herrlichkeit Gottes neu über der ganzen Welt erschien:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes decken uns den Tisch, und an diesem Tisch
feiert Gott sein Fest der Freude – MIT uns.
AMEN

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