Wer hat, lebt gefährlich (Mk 10, 17-27)

Gott über alles lieben
und den Nächsten wie sich selbst
ein Lebenswerk
klare Aufgabe mit Hindernissen
Zweifel an Gott
Zweifel am Wohlwollen des Nächsten
Selbstzweifel
hindern lebenslang
doch gibt es eine Alternative
in Sachen Liebe

Dies Gebot haben wir von ihm,
dass, wer Gott liebt,
dass der auch seinen Bruder liebe.
1 Johannes 4,21

***

Eine Rüstzeit mit Soldaten. Man kennt den Pfarrer jetzt schon ein paar Jahre, es ist ein Vertrauensverhältnis gewachsen. So kann man sich trauen, auch über Dinge zu sprechen, die der andere vielleicht belächeln oder gar übel nehmen würde, würde man einander nicht sicher sein.

Einer der älteren Soldaten, der es zu DDR- Zeiten schon bis zum Oberst gebracht hatte, kommt abends beim Bier damit über den Tisch: Ob der Herr Militärpfarrer denn wirklich glauben würde, dass es einen Gott gäbe. Er selbst hielte sich lieber an die wirklichen Dinge. Und vermissen würde er einen Gott in seinem Leben auch nicht.

Der Pfarrer beißt sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge, um nicht einfach nur zu antworten: Natürlich glaube ich an Gott, sonst wäre ich ja nicht hier! Er denkt lieber einen Moment nach. Dann beginnt er ein Gespräch über den Ausspruch Martin Luthers: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“. Man wird sich bald einig, dass dieser Satz wahr ist.

Eigentlich habe darum jeder spätestens dann seinen Gott, wenn er das erste Mal nach dem Sinn seines Lebens fragte. Denn an der Antwort hängt der Sinn des eigenen Lebens, und daran hängt dann auch das eigene Herz. So gesehen gäbe es gar keinen Atheismus, so gesehen habe auch jeder Mensch seine eigne Religion. Die Weise nämlich, in der er seinem Gott zu Diensten ist. Die Frage sei also nicht, ob es einen Gott gibt, sondern wie denn der Gott heißt, an den man gerade sein Herz gehängt hat. Und die Antwort auf diese Frage sei gar nicht immer so einfach zu beantworten.

Davon handelt auch der Predigttext für heute, ich lese aus Markus 10 ab Vers 17:

17 Als Jesus sich wieder auf den Weg machte, kam ein Mann angelaufen, warf sich vor ihm auf die Knie und fragte: »Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 18 »Warum nennst du mich gut?«, entgegnete Jesus. »Gut ist nur Gott, sonst niemand.
19 Du kennst doch die Gebote: ›Du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst keine falschen Aussagen machen, du sollst niemand um das Seine bringen, ehre deinen Vater und deine Mutter!‹« –
20 »Meister«, erwiderte der Mann, »alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.«
21 Jesus sah ihn voller Liebe an. Er sagte zu ihm: »Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe alles, was du hast, und gib den Erlös den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Und dann komm und folge mir nach!«
22 Der Mann war tief betroffen, als er das hörte, und ging traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen.
23 Jesus sah seine Jünger der Reihe nach an und sagte: »Wie schwer ist es doch für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!«
24 Die Jünger waren über seine Worte bestürzt; aber Jesus sagte noch einmal: »Kinder, wie schwer ist es, ins Reich Gottes zu kommen!
25 Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.«
26 Sie erschraken noch mehr. »Wer kann dann überhaupt gerettet werden?«, fragten sie einander.
27 Jesus sah sie an und sagte: »Bei den Menschen ist das unmöglich, aber nicht bei Gott; für Gott ist alles möglich.«

Der Mann, der in dieser Szene zu Jesus kommt, versucht, ihm möglichst große Ehren entgegenzubringen. Sein Kniefall lässt daran keinen Zweifel. Denn er hat eine Frage, die ihm auf der Seele brennt, und hofft auf eine Antwort von Jesus, die ihn weiterbringt. Darum redet er ihn mit „Guter Meister“ an.

Jesus lässt ihn nicht auf den Knien, er richtet ihn auf. Das wird zwar nicht direkt erzählt, aber man spürt es an Jesu Antwort:
Was nennst du mich gut?

Jesus lehnt diese Ehrenbezeugung für sich ab, stellt sich damit mit dem Fragenden auf eine Stufe, denn es geht um die Ehre GOTTES. Jesus und der Mann kommen dann auf Augenhöhe zur Sache.

Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? So würden Menschen heute kaum fragen. Eher: Wie kriege ich Leben ins Leben? Wie kann mein Leben gelingen? Was gibt meinem Leben einen guten Sinn?

Dieses Fragen wird vielen von uns sehr nahe sein. Dass man merkt: Man hat vieles, vielleicht gar zu vieles, aber das wirklich Richtige ist nicht dabei. Sie findet nichts zum Anziehen, bekommt aber die Kleiderschranktür kaum noch zu. Er findet, dass das Auto langsam aus dem Haus müsse, schließlich ist es schon fünf Jahre alt, man hat sich schon viel zu sehr daran gewöhnt, und das beim Händler scheint wirklich viel besser.

Aber weder das neue Kleid noch das neue Auto bringen Freude, die andauert. Auf das Hochgefühl nach dem Kauf folgen Gewöhnung und schließlich Langeweile.

Und die Umwelt schürt dieses Gefühl. Die vielen bunten Bilder der Werbung wollen immer neue Bedürfnisse wecken. Selbst Dinge aus der Kategorie „was die Welt nicht braucht“ werden plötzlich interessant. Ein Eiaufklopfer – endlich etwas, was die Nachbarn nicht haben.

Immer neue Stammntisch-Parolen rufen nach dem, was sie Gerechtigkeit nennen: Siehst du denn nicht, wie schlecht du behandelt wirst? Da bekommt ein Flüchtling in Deutschland zur Kommunikation mit seiner Familie und seinen Freunden ein Smartphone GESCHENKT- und du musst deines selbst bezahlen! Stammtischparolen reden einem ein: So kommst DU nie „oben“ an, so kommst du nur eines: Zu kurz.

Das nistet sich oft sogar bei solchen Menschen ein, die ihre Ideale von Menschenwürde und Freiheit für unverrückbar halten. Die meinen, diese Ideale seien für ihr Leben wichtiger als materieller Wohlstand oder Karriere. Die Parolen aber nagen an ihren Idealen, oft vorbewusst: Ist es dir wirklich egal, was mit deinem Eigentum geschieht? Oder mit dem Eigentum der Gesellschaft, in der du lebst: Wenn Neue kommen, die Regeln verschieben, am gesellschaftlichen Eigentum ihren Teil wollen?

Und noch obendrauf kommt das Gefühl, dass die Zeit drängt. Denn auch wenn man hier in einem Winkel der Welt lebt, wo Erdbeben, Tsunamis oder Vulkanausbrüche nur in den Nachrichten stattfinden: Man kann spüren, dass das Leben morgen schon ganz anders sein kann. Oder gar vorbei.

Was gibt Sicherheit? Was gibt Sinn?
Wo gibt es das Leben ohne Barriere,
ohne beschränkte Haftung?

Da wäre sie also: Die Frage nach dem persönlichen Gott. Der Leben ins Leben bringen soll. Sicherheit in die Unsicherheit. Werte in den Werteverfall. Kann Jesus da helfen?

Jesu Antwort ist deutlich und klar: Halte dich an die Gebote Gottes! Und für den Fall, dass die seit dem Konfirmandenunterricht im genauen Wortlaut in Vergessenheit zu geraten drohen, zählt er die wichtigsten auf: Nicht töten, ehebrechen oder stehlen, niemanden übervorteilen, Vater und Mutter ehren.

Mancher wäre schon jetzt traurig davongegangen. Denn wenn schon nicht der Bruch, so doch wenigstens die Beugung der Gebote sind beim ehrlichen Hinsehen für viele kein Problem, sondern bestenfalls ein Kavaliersdelikt. Wer redet nicht schlecht über abwesende Dritte? Wer geht zur Kassiererin zurück, wenn er bemerkt, dass sie sich zu seinen Gunsten verrechnet hat?

Nicht so der Mann ohne Namen in unserer Szene. Seine Antwort fällt überzeugend aus: Das habe ich alles gehalten von Jugend auf. Jesus sieht ihn voller Liebe an. Der meint es wirklich ernst. Jesus spürt, dass dieser Mann ehrlich bemüht ist um sein Leben.
Er hätte ihn gern in seiner Jüngerrunde. Verkaufe alles, was du hast, schenke alles den Armen. Alles!
Und dann:
Komm mit mir.

Da verliert der Mann seinen Mut.
Er dreht sich weg und geht.
Tief betroffen.
Traurig.

Nicht wenige verkaufen einem diese Geschichte als Lob der Armut. Sie sei per se das Ideal. Als Tadel des Reichtums, der erstens nicht glücklich mache und zweitens ohnehin nicht auf ehrliche Weise erworben sein könne.

Aber das greift zu kurz. Denn die Jünger, die dieser Szene selbst (erschüttert!) folgen, haben zwar auch alles aufgegeben, um Jesus zu folgen. Aber sie wissen doch, dass sie darauf angewiesen sind, dass andere ihnen geben, was ihnen fehlt.

Vermögen, Wohlstand: Auch wenn sie selbst nichts davon ihr Eigen nennen, brauchen sie ihn. Kollekten kann man von Menschen, die nichts besitzen, nicht bekommen. Können also die, die besitzen, nicht zu Jesus gehören? Wenn sie das doch wollen?

Und der reiche Mann ist auch gar nicht traurig, weil er nicht zu Jesus gehören darf. Er ist erschüttert, weil er erkennt, dass er sich selbst verkannt hat. Bis zu diesem Augenblick, an dem ihm deutlich wird: Er hängt an seinem Besitz viel mehr als dass er an Gottes Geboten hängt.

Er begreift, dass er weiter von seinem Ziel ewigen Lebens entfernt ist als er es je für möglich gehalten hätte.

Wir sind also bei der Frage des Eingangs: Woran hängt dein Herz wirklich? Hast du den Gott, dem du mit deinem Leben dienst, erkannt? Gibt er, was du bei ihm suchst: Sinn und Sicherheit des Lebens, DEINES Lebens?

Meine Schwestern, meine Brüder:

„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt“: Oft ist versucht worden, dieses Bild zu entkräften. „Nadelöhr“ sei die Bezeichnung einer Felsspalte oder der Name eines Stadttores, durch die Kamele nur unter großer Anstrengung zu führen seien. Aber mit Mühe kämen sie schon hindurch.

Aber das hilft nicht beim Verstehen dessen, was Jesus meint. Wir müssen vielmehr sehen – und bedenken lernen, welche Gefährlichkeit und welche Vorläufigkeit an all dem hängen, was Menschen besitzen können. Besitz macht Menschen abhängig, und diese Abhängigkeit ist gefährlich, wenn es um das ewige Leben geht.

Geld und Besitz haben die Macht, unsere Daseinsängste scheinbar zu beruhigen. Lilien auf dem Felde oder Vögel unter dem Himmel kennen diese Ängste nicht, aber wir. Und wir kennen sie, weil wir denken können und daher von der Kälte des Todes wissen, der unser Leben auf dieser Welt beenden wird.

Geld und Besitz scheinen uns wichtig dafür zu sein, dass es uns bis dahin gut gehen kann. Sie ermöglichen sorgenfreies Leben, ordentliche Gesundheitsfürsorge, gute Ärzte, teure Medizin. Wenn man all dieses nicht hat, meint man, dem frühen Tod gefährlich schnell gefährlich nahe zu kommen.

Aus der Garage meiner Eltern haben wir mal eine Matratze weggeworfen, die an der Wand stand und die Stoßstange des Autos von der Wand fernhalten sollte. Sie war nach einigen Jahren in der Garage randvoll mit Walnussschalen. Die Eichhörnchen hatten die Matratze als Nahrungsdepot für die Winter gebraucht, in denen im Garten nichts Essbares für sie abgefallen wäre.

Geld und Besitz sind wie diese Matratze für Menschen: Ein Sicherheitsdepot gegen die Kälte des Todes. Jesus will uns erkennen lassen: Dieses Depot wird nichts nützen, diese Kälte zu lindern, also mit der ständigen Bedrohung unseres Daseins umzugehen, unsere Lebensangst zu verlieren.

Wir müssen vielmehr unsere Armut vor Gott erkennen und akzeptieren. Nichts, das wir auf dieser Welt besitzen oder erwerben könnten, nichts was wir schaffen könnten, kann uns Gott näher bringen.

»Bei den Menschen ist das unmöglich, aber nicht bei Gott; für Gott ist alles möglich.« Gott liebt uns und will uns mit Liebe infizieren. Unser Herz weit machen für die Menschen, die uns umgeben. Dass wir uns Leben an die einzige Kraft hängen, die Macht hat über den Tod: An Gott selbst. Er allein kann ein Kamel durch ein Nadelöhr führen. Wenn wir unser Herz an seine Liebe hängen würden, müssten wir am Ende nicht weggehen, tief enttäuscht und traurig.

Der erste Schritt dazu ist:
Die Erkenntnis der Macht und der Vorläufigkeit von Besitz und Wohlstand.
Und der Zweite: Diese Erkenntnis zu bewahren, indem wir sie heute und übermorgen bedenken und dem Besitz die Stelle in unserem Leben zukommen lassen, die ihm gebührt: Nämlich zu besitzen, als besäßen wir nicht.

Wenn wir unser Wollen und Vollbringen endlich Gott überlassen, haben wir alles:

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Sie HABEN die Macht, dieses Leben zu ewigem Leben werden zu lassen. Amen.

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