Erfahrungswissenschaft (1.Pet 5c-11)

Das Leben
es wächst hinaus
über die Köpfe der Lebendigen
Tage um Nächte
rauben Gelassenheit
innere Ruhe
oft auch Gesundheit und Schlaf
sie werden immer neu
die Stunden
in Sorge / in Angst
doch es ist uns gesagt

Alle eure Sorgen werft auf ihn;
denn er sorgt für euch.
1 Petrus 5,7
***
„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht/ und hernach lange sitzet/ und esset euer Brot mit Sorgen; /denn seinen Freunden gibt’s der Herr im Schlafe.“

Niemand von uns würde der Weisheit, die aus Psalm 127 spricht, ernstlich widersprechen. Denn wenn wir in unserer Lebensgeschichte nachkramen, werden wir die Momente und Geschichten finden, die sagen:

Ja, genau so ist es gewesen: Den Seinen lässt Gott es zufallen. Und auch wenn dieser Psalmvers vielleicht dreitausend Jahre alt sein mag: Wir haben keinen guten Grund zur Annahme, dass er jemals nicht mehr stimmen könnte.

Weisheiten sind nicht einfach kluge Sprüche, die die Eltern ihren Kindern sagen. Sie sind mehr. Weisheit ist eine kollektive Wissenschaft, genauer: Sie ist Erfahrungswissenschaft. Sie sammelt formulierte Erfahrung AUS dem Leben von Generationen FÜR das Leben der nächsten Generationen.

Sie geht davon aus, dass hinter den Abläufen  des Lebens Gesetzmäßigkeiten stecken. Und dass es töricht ist, solche Gesetze, wenn man sie denn entdeckt hat, für sich zu behalten.

„Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt genau wie Du den Schmerz.“ Das ist die vielleicht erste Weisheitsformel, an die ich mich erinnern kann. Sie kam von einem älteren Herrn, mit dem wir in einem Haus wohnten, und der seine ganze Freizeit in Hof und Garten verbrachte. Ich war fünf und sicher, dass er Recht hatte- er musste das schließlich wissen, wenn er den ganzen Tag draußen war bei den Hühnern und Kaninchen, den Kröten und Schnecken. Dass ich seine Spruchweisheit nicht vergessen habe, liegt sicher daran, dass sie knackig formuliert und dazu noch gereimt ist.

Auch die Bibel gibt uns Spruchweisheiten weiter, von denen viele auf Dauer im Ohr und im Kopf bleiben. Man findet sie überall, nicht nur in den Psalmen. Es gibt sogar ein ganzes Buch, dass solche Weisheiten gesammelt hat: Das Buch der Sprüche.

Weisheit von Generationen für Generationen:
„1,8 Mein Kind, gehorche der Zucht deines Vaters/ und verlass nicht das Gebot deiner Mutter;/ denn das ist ein schöner Schmuck für dein Haupt/ und eine Kette an deinem Halse.“
Und kurz danach: „10 Mein Sohn, wenn dich die bösen Buben locken, so folge nicht.“

Weisheit ist so kostbarer als Gold:
„3,13 Wohl dem Menschen, der Weisheit erlangt,/ und dem Menschen, der Einsicht gewinnt!/ 14 Denn es ist besser, SIE zu erwerben, als Silber,/ und IHR Ertrag ist besser als Gold.“

Das Hören auf die Weisen ist ein großer Schatz des Lebens:
„25,12 Ein Weiser, der mahnt,/ und ein Ohr, das auf ihn hört, /
das ist wie ein goldener Ring/ und ein goldenes Halsband.
Und es ist nicht alles Gold, was glänzt:
„11,22 Eine schöne Frau ohne Zucht/ ist wie eine Sau mit einem goldenen Ring durch die Nase.“

Für die Bibel ist Weisheit sogar noch wichtiger. Sie sagt:
Wer Weisheit entdeckt und bewahrt,
der bewahrt ein Stück vom Denken Gottes.
Weisheit ist der Grund Gottes, aus dem alles ist, was ist:
„3 19 Der HERR hat die Erde durch Weisheit gegründet/ und nach seiner Einsicht die Himmel bereitet.“

In dieser Tradition der Weitergabe von Weisheit steht auch der erste Brief des Petrus. In seinen Mahnungen an die Gemeinde am Schluss dieses Briefes zitiert er eine ganze Reihe von Weisheitssprüchen, ich lese aus Kapitel 5 ab Vers 5:

Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes,
damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
8 Seid nüchtern und wacht;
denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher
wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst,
dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

Vielleicht hat jemand eben seinen Konfirmationsspruch wieder gehört.   Oder ihr habt an einen Schicksalsschlag in eurem Leben denken müssen, als es eben um die „gewaltige Hand Gottes“ ging. Oder den Wochenspruch für diesen 15. Sonntag nach dem Trinitatisfest wiederentdeckt.

Das Bild des Teufels in Gestalt des brüllenden Löwen, der seine Opfer zu verschlingen sucht, ist da schon etwas Besonderes. Nur wenige werden wissen, dass dieser Vers wörtlich Eingang gefunden hat in das alte Nachtgebet der Kirche, die Komplet, die man auch in unseren Evangelischen Gesangbüchern finden kann (zB EG RWL 837).

Uns mag das Bild vom Teufel mit Pferdefuß, Kuhschwanz und vom Feuerschein rot glänzenden Gesicht unter Hörnern vertrauter sein. Aber auch wenn diese bekanntere Teufelsgestalt alles verbindet, wovor sich vor ein paar Jahrhunderten ein Mensch unserer Breitengrade sich zu Tode fürchten musste: Auch das Teufelsbild des furchtlosen, kampfeslustigen Löwen lässt einem sich die Nackenhaare aufstellen.

Aber warum schreibt Petrus das alles? Und was sollen wir mit diesen Sprüchen anfangen? Sie auswendig lernen?

Der erste Petrusbrief ist ein frühchristliches Rundschreiben und richtet sich an Christen, die mehr und mehr erfahren müssen, dass ihr Glaube belächelt oder gar bekämpft wird.

Christen und Nichtchristen entfremden sich so mehr und mehr. Das wirkt sich zwar (zumindest im Moment) noch nicht in konkreter Verfolgung aus. Wohl aber darin, dass sich der Lebensstil von Christen und Nichtchristen so stark unterscheidet, dass zumindest Teile der Gemeinsamkeit des Alltages aufgekündigt sind. Das führt zur Verunglimpfung bis hin zur offenen Feindschaft gegenüber den Christen.

Petrus geht es um die Verwirklichung des Christseins/ in den Strukturen einer dem Christentum gegenüber zumindest distanzierten, eher ablehnenden Gesellschaft. Er stellt in seinen Ermahnungen die Struktur der Gesellschaft nicht grundsätzlich in Frage, will aber das WIE der Gemeinschaft beschreiben und Mut zum Christsein machen.

„Demut“ ist dabei eines seiner Schlüsselworte. Sie ist für Petrus Grundlage christlichen Seins. An ihr festzuhalten ist gleichbedeutend mit dem Festhalten an Gott. „Haltet fest“ heißt wörtlich übersetzt „macht euch zu eigen“, oder „zieht an“, wie eine zweite Haut. Demut ist die Grundeinstellung zu Gott. Denn sie bedeutet, sich ABHÄNGIG zu wissen von der Barmherzigkeit Gottes.

In Demut zu leben hat eine große Verheißung, denn: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“

Die Schwierigkeiten, die Demütigungen und Denunziation ins Leben bringen, deuten sich in den nächsten Versen an. Sich unter „Gottes gewaltige Hand“ zu beugen bekennt: Unser Gott ist der wahre Herr der Geschichte. Auch wenn tagtäglich geschieht, was wir nicht verstehen: Aus Gottes Hand kommen Gericht und Gnade zugleich, und die sind weder voneinander zu trennen noch immer gleich zu erkennen.

 „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“  ist die Erinnerung des Petrus an die Grundlage unseres Lebens und unseres Glaubens: Die Zugehörigkeit zu Gott durch unsere Taufe, sein Ja zu uns, enthebt uns aller krankmachenden Sorge um unsere Existenz. Gott verlässt die Seinen nicht. Noch nie und niemals.

„Seid nüchtern und wacht“ – Zur Nüchternheit gehört auch, über die gesellschaftliche Entfremdung nicht zu erschrecken. Denn solange Christen Liebe, Fürsorge und Hochachtung von Anderen leben, werden sie in einer Welt, in der das Geld regiert, als Fremdkörper wahrgenommen.

Solange die Gerechtigkeit Gottes für Christen auf einer höheren Stufe steht als die Rechtssysteme der Menschen, sind Christen als Störer empfunden. Jedes Leiden, das hier wurzelt, wird so weisheitlich plausibel. Es muss so sein, wie sollte es sonst sein?

Zur Demut im engen Alltag tritt hier große Perspektive des Welthandelns Gottes. „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes“ -Nüchternheit und Wachheit stammen ebenso wie das Bild vom brüllenden Löwen aus der Begrifflichkeit der Apokalypse. Sie erinnern also an das Ende des Letzten Tages.

In aller Anfechtung des Lebens, auch allen Versuchungen, sich der Welt anzupassen, hilft uns nur eines: Nüchtern auf Gottes Zusage zu bauen, dass ER die Welt in Händen hält. DAS ist die Hoffnung im Leiden. Auch wenn alle äußeren Umstände dem zu widersprechen scheinen.

DAS ist die Verheißung Gottes, die weisheitliche, also die von Gott her tiefer blickende Erfahrung. „Gott sitzt im Regimente/ und führet alles wohl.“  So hat das Paul Gerhardt formuliert, der nach der Weisheit Psalm 37 Vers 5 das Lied „Befiehl du eine Wege“ dichtete. Wir hören einige Strophen in der Fassung Sarah Kaisers.

MUSIK

Ich habe den ersten Petrusbrief schon immer gern gelesen. Er war für mich besonders aktuell, schon als wir als Christen in der sozialistischen Gesellschaft der DDR eigentlich an allen Stellen aneckten.

So wurde mir beispielsweise untersagt, an der Altstoffsammlung meiner Klasse teilzunehmen, nur weil ich nicht Glied der Jungen Pioniere war. Später wurde ich vor der Klasse gefragt, wie es denn sein könne, dass eine intelligente Frau wie meine Mutter, die es immerhin zur Ärztin gebracht habe, einen Pfarrer geheiratet hätte. Ich musste mir anhören, dass das Christentum eine große Vertröstung auf das Jenseits sei, weil wir ja im Diesseits nicht bereit wären, den Klassenkampf zu führen.

Euch wird dazu ganz sicher noch viel mehr einfallen. Wie auch immer: Das Feindbild in der DDR war für uns klar. Darum wussten wir aber auch, was und wer gemeint war, wenn wir gelesen haben: Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. Der Ostblock reichte schließlich über die halbe Erde. Vielen dort geht es noch schlechter. Meinen Glauben aber lass ich mir nicht nehmen, denn Gott selbst wird ihn bewahren.

Und heute? Wie leben wir in dieser freien Gesellschaft? Wie haben wir ihre Umarmung überlebt, als Religionsunterricht plötzlich wieder in der Schule stattfinden kann, Pfarrer nach Militärseelsorgevertrag in den Kasernen arbeiten und die Auslandseinsätze begleiten, Pfarrerstöchter sogar Bundeskanzlerin werden dürfen?

Christen sind in unserem Land in ungezählten Gremien, Vereinen und Institutionen der Gesellschaft auf allen Ebenen vertreten.
Im Unterschied zur Zeit des 1. Petrusbriefes und auch zur DDR- Zeit sind wir  vielfältig in das öffentlich-gesellschaftliche Leben eingebunden.

Wie fremd wir der Gesellschaft DENNOCH geworden sind, ist aber unübersehbar. Der Vorsitzende unseres Presbyteriums erzählt immer gern, wie die Leute überrascht bis entsetzt reagieren, wenn sie hören, dass er als Mitglied von Gewerkschaft und Betriebsrat am Sonntag in den Gottesdienst geht und hier sogar noch Lektorendienst tut. Was- Du??!! Kirchgänger?

Dahinter steht, dass für viele Christsein als etwas Gestriges, Unwissenschaftliches, Fremdbestimmtes ist. Dass christliche Positionen in die Kirche und nicht in die Politik gehören.
Das erfahren wir bis hinein in die Diskussionen im Freundeskreis oder am Stammtisch.
Was? Flüchtlinge sind Ebenbilder Gottes?
Was? Ihr wollt uns unsere Sonntagsarbeit madig machen?
Was? Ihr wollt mit der Bergpredigt Politik machen?

Für Petrus ist klar:
Rückzug aus dem Glauben
ist ebenso wie der aus der Gesellschaft ist keine Option.
Denn Christenglaube und Arbeit für die Gesellschaft schließen sich nicht nur „nicht aus“. Sie gehören untrennbar zusammen. Es geht um die Praxis des Glaubens, dem es um die Gerechtigkeit der Liebe Gottes geht. Es geht um Demut, es geht um Widerstand, es geht um Hoffnung. Es geht um unser Leben.

Was aber, wenn man sich von Tag zu Tag fremder fühlt in dieser Welt? Wenn man immer einsamer zu werden scheint? Die Welt um einen herum scheinbar immer weniger von Gott wissen will?

Luther schreibt an Melanchton während des Augsburger Reichstages, als die Lage der Evangelischen sich zuspitzt:

„Deine elenden Sorgen, von denen du,
wie du schreibst, verzehrt wirst, hasse ich von Herzen.
DASS sie in deinem Herzen regieren, ist nicht der großen Sache,
sondern unseres großen Unglaubens Schuld.
Denn dieselbe Sache ist viel größer gewesen
zur Zeit des Johannes Hus/ und vieler anderer jetzt bei uns.
Und mag sie GLEICH groß sein, GROß ist der,
der sie angefangen hat und führt, denn sie ist nicht unser.
Was marterst du dich selbst denn so ohne Unterlass?
Ist die Sache falsch, so lasst sie uns widerrufen,
ist sie aber wahr,
warum machen wir Gott in so großen Verheißungen zum Lügner, da er uns doch heißt/ Müßigsein und ruhig schlafen?
›Wirf‹ sagt er, ›deine Sorgen auf den Herrn!“

Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.
Auch wenn Du es jetzt noch nicht erkennen kannst.
Ähnlich tröstend schließt Petrus:

10 Der Gott aller Gnade aber,
der euch berufen hat
zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus,
der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet,
aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.
11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Das ist gewisslich wahr: AMEN.

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