Weil ich Jesu Schäflein bin

(Joh 10, 11-30)

Bei einer Rentnerin hing es. Über dem Sofa im Wohnzimmer, ein großes Bild in Öl. Alpenidylle: Schneebedeckte Gipfel im Hintergrund, davor ein klarer, tiefblauer Bergsee, und auf einer grünen Wiese eine Schafherde. Im Vordergrund ein Hirten- Junge, sitzend auf einem großen Stein, der vom Schnitzen aufsieht und mit leuchtenden Augen dem entgegenblickt, der von der Seite das Bild betritt:
Dem großen Hirten, den Stab in der linken und mit der rechten Hand das Schaf haltend, das über seiner Schulter liegt.

Passend zur Alpenidylle ein Lied aus dem bayerischen Gesangbuchanhang:

1. Weil ich Jesu Schäflein bin,/ freu ich mich nur immerhin
über meinen guten Hirten,/der mich wohl weiß zu bewirten,
der mich liebet, der mich kennt/ und bei meinem Namen nennt.
2. Unter seinem sanften Stab/geh ich ein und aus und hab/ unaussprechlich süße Weide,/dass ich keinen Mangel leide,/ und so oft ich durstig bin,/ führt er mich zum Brunnquell hin.
3. Sollt ich denn nicht fröhlich sein,/ ich beglücktes Schäfelein?/ Denn nach diesen schönen Tagen/ werd ich endlich heimgetragen/ in des Hirten Arm und Schoß./Amen, ja, mein Glück ist groß.

Das Öl-Bild hing nicht in einem Kinderzimmer. Die Rentnerin ist inzwischen gestorben, Ihre Kinder haben das Bild auf den Müll geworfen. Und den Liedtext dichtete eine sehr erwachsene Frau. Luise von Hayn schenkte ihn ihrer Freundin zu deren 36. Geburtstag.

Von den ursprünglich sieben Strophen kamen diese drei in den Abendmahlsteil (!) des Gesangbuches der Herrnhuter Brüdergemeine, auf deren Gottesacker Luise von Hayn 1782 beerdigt wurde.

Mancher mag jetzt denken: Zum Glück nehmen wir Reformierten das Bilderverbot des zweiten Gebotes ernster als die lutherischen Bayern! Bei uns hängt weder ein Hirte in Öl an der Wand noch steht Jesu Schäflein im reformierten Gesangbuchanhang.

Aber das hilft uns heute nicht wirklich weiter. Denn schlagen wir die Bibel auf und lesen den Predigttext für heute, begegnet uns ein sehr ähnliches Bild im Johannesevangelium. Ich lese aus Kapitel 10 ab Vers 11:
„Ich bin der gute Hirte. Ein guter Hirte ist bereit, sein Leben für die Schafe herzugeben. 12 Einer, der gar kein Hirte ist, sondern die Schafe nur gegen Bezahlung hütet, läuft davon, wenn er den Wolf kommen sieht, und lässt die Schafe im Stich, und der Wolf fällt über die Schafe her und jagt die Herde auseinander. 13 Einem solchen Mann, dem die Schafe nicht selbst gehören, geht es eben nur um seinen Lohn; die Schafe sind ihm gleichgültig. /Ich bin der gute Hirte. Ich kenne meine Schafe, und meine Schafe kennen mich, 15 genauso, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne. Und ich gebe mein Leben für die Schafe her./ 16 Ich habe auch noch Schafe, die nicht aus diesem Stall sind. Auch sie muss ich herführen; sie werden auf meine Stimme hören, und alle werden eine Herde unter einem Hirten sein./ 17 Der Vater liebt mich, weil ich mein Leben hergebe. Ich gebe es her, um es wieder zu empfangen. 18 Niemand nimmt es mir; ich gebe es freiwillig her. Ich habe die Macht, es herzugeben, und ich habe die Macht, es wieder zu empfangen. Das ist der Auftrag, den ich von meinem Vater bekommen habe./ ….Meine Schafe hören auf meine Stimme. Ich kenne sie, und sie folgen mir, 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben. Sie werden niemals verloren gehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 29 Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles; niemand kann sie aus der Hand des Vaters reißen. 30 Ich und der Vater sind eins.“

Alles religiöser Kitsch? Oder christliche Lebenskunst? Alles Kinderkram? Oder ernstzunehmende christliche Weltsicht?

Na, Herr Pastooor? Alles in Ordnung bei Ihren Schäfchen? Der Fragende ist ein Oberst aus dem Rheinland. Einer, der sehr wohl weiß, dass Pastor Hirte heißt. Wir beide kamen sehr gut miteinander zurecht.

Er hat mir mal erzählt, warum er aus der Kirche ausgetreten ist. Als er an einer Podiumsdiskussion seiner (!) Kirchengemeinde in Uniform Anfang der 80ger teilnahm, war er mit Eiern beworfen worden.

Da platzte ihm der Kragen. Er sei ein durchaus selbständig denkender Mensch. Eben kein Schaf, das auf Gedeih und Verderb willenlos dem Leithammel hinterherlaufen müsse. Das könnten ja die anderen machen.

Und diesen -„Schäfchen“(!) –  galt nun seine Nachfrage. „Ist denn bei IHNEN alles in Ordnung?“ frage ich zurück. Er bejaht, wenn ich auch merke, dass er meine Spitze nicht verstanden hat – im Moment wenigstens nicht.

Die Sache, dass dem biblischen Bild des Hirten das Bild der Schafe gegenübersteht, ist für viele heute ein wirklich ernstes Problem.  Von der Schriftstellerin Ulrike Kolb, (sie hat „Frühstück mit Max“ geschrieben), ist zu unserem Text zu lesen:

„Das Gleichnis widerstrebt mir in solchem Maß, dass ich keinerlei Phantasie zu seiner Rechtfertigung aufbringen mag. Gesetzt den Fall, ich erwarte meinen Seelenfrieden aus den Potentialen…(des Christentums), so wird erwartet, mich mit einem Schaf zu identifizieren …  Ich war …bei einer schafezüchtenden Freundin, wo ich die Gelegenheit hatte, mit der hier zum Vergleich menschlich-göttlicher Beziehung herangezogenen Tierart nähere Bekanntschaft zu machen. (Schafe sind)…in besonders erschreckendem Maß dem Drang ausgesetzt…,  hinterherzulaufen. Immer hinter dem Leithammel her…“

Schafe haben es unter uns Menschen wirklich nicht leicht. Obwohl es auch nette Schafe gibt. Shaun, das Zeichentrick-Schaf zum Beispiel oder auch Socke Mäh, der vor einigen Jahren in unserer Kirchenzeitung  schafsinniges für Schafe in Karikaturen fasste. Die sind mir doch sehr sympathisch.

Und doch möchte auch ich nicht gern als Schaf bezeichnet werden, weil ich das nicht wirklich als Kompliment verstehen kann. Doch bedeutet das wirklich das Aus für das Johannes – Bild vom guten Hirten?

Lasst uns genauer hinsehen. Johannes, der Evangelist der Ich- Worte und der Meditationen ist bekannt dafür, dass er durch den Perspektivwechsel Erkenntnis voranbringen will.

Jesus war Jude, er lebte aus dem ersten Teil der Bibel. Eine Perspektive, die vielen heute fremd ist.  Jesu Zuhörer haben das Wort „Hirte“ wahrgenommen in der langen Linie über die Hirtenschelte bei Ezechiel, aus der wir eingangs gehört haben (Kapitel 34), bis hin zur Glaubensgeborgenheit ausstrahlenden 23. Psalm.

Sie werden verstanden haben: Es geht bei der Rede vom guten Hirten nicht um einen einfachen Vergleich, sondern um einen in biblischer Tradition stehenden Titel. Es gibt viele Hirten auf der Welt, und nicht wenige schlechte. Aber nur den einen mit dem Titel  „Guter Hirte“.

Darum sagt Jesus nach Johannes hier eben nicht, wie Ulrike Kolb gemutmaßt hat:  Ich bin der kluge Hirte – ihr seid die dummen Schafe.

Johannes  spricht im Folgenden vielmehr in Bildern, die etwas Einmaliges, etwas Besonderes zu beschreiben versuchen. Etwas, was nicht mit einfachen logischen Begriffen leicht ausgedrückt werden kann.

Das Motiv des Herrschens spielt hier nämlich gar keine ROLLE. Ebensowenig wie Überlegenheit. Jesus stellt sich nicht dar als den, der als Führer vorangeht, sondern als den, der dem Verlorenen hinterher geht.

Anders als Mietlinge. Ein Mietling wird heute einem Menschen mit eher befristetem Arbeitsvertrag vergleichbar sein.  Einem fallen da die Bankmanager ein, die selbst in Krisenjahren hohe Bonuszahlungen nicht nur bekommen, sondern gar auch noch nehmen.  Aber auch Mitarbeiter von Leiharbeitsfirmen, die sich mit dem Betrieb, in dem sie gerade arbeiten, gar nicht identifizieren können, weil sie morgen schon ganz woanders am Band stehen.

Überall auf der Welt sind Menschen umgeben von Wölfen, die nehmen, was ihnen nicht gehört, und gehen, wenn es eng wird.

Auf Jesus ist auch im dunkelsten Tal Verlass. Er ist Kreuzes- zertifiziert.  Das „Lamm Gottes“ – diesen Titel trägt er auch -lässt sich schließlich zur Schlachtbank führen. Lässt sein Leben für seine Schafe.

Nun zur Herde – und also letztlich zu uns:  Das VERHÄLTNIS zwischen dem Guten Hirten und der Herde ist ein wirklich wichtiger Aspekt in Jesu Bild. „Ich bin der gute Hirte. Ich kenne meine Schafe, und meine Schafe kennen mich, 15 genauso, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne.“

Dieses KENNEN ist so intensiv wie zwischen Vater und Sohn. Es ist gelebter Vollzug in einer liebenden Beziehung. Ein Kennen, das waltet zwischen Hirt und Herde  und Herde und Hirt. Wer in den Hierarchien dieses Lebens von seinem Chef wirklich sagen könnte, dass er den KENNT – der kann ahnen, welch großer Wert das ist: Wenn Hirt und Herde einander kennen.

Wer Jesus kennt, kennt den GUTEN Hirten: Dem geht es um Liebe,  Liebe aber lebt aus Angenommensein, Geborgenheit und Vertrauen.

Dieses Kennen geschieht durch HÖREN. Für mich eine der stärksten Farben dieses Bildes. Noch bevor Menschen geboren werden, hören sie. Nicht nur die Stimme der Mutter, auch die des Vaters können sie wieder erkennen, wenn sie auf dieser Welt angekommen sind.

Und neue Forschungen scheinen zu belegen: Der letzte Sinn, der uns auf dieser Welt schwinden wird, wird normalerweise der Hörsinn sein. Nicht umsonst reden wir von Auf–HÖREN, wenn etwas endet.

Kennen durch Hören, in der gesamte Spanne menschlichen Lebens: Von unserer Geburt bis zu unserem Tod. Das Bild vom guten Hirten ist eben kein Kitsch, das Lied vom „beglückten Schäfelein“ kein Kinderkram.

Wer die Sprache von Bild und Lied dennoch KINDISCH findet:
Jesus meint es durchaus ernst, seinen Jüngern ein Kind als Vor-BILD hinzustellen. Aber das wäre wirklich ein neues BILD (- Thema).

Liebe Schwestern, liebe Brüder: Johannes öffnet uns im Bild vom Guten Hirten ein Fenster, durch das wir in Gottes Himmel sehen können. In diesem Bild können wir uns in der Herde nicht nur wiederfinden, sondern dauerhaft wohlfühlen.

Denn die Herde ist Gottes Kirche, ist diese Gemeinde. Wer sich auf sie so einlässt, wie sie im Bild des Guten Hirten beschrieben ist, findet sich wieder in einer Gemeinschaft des Angenommenseins, der Geborgenheit, des Vertrauens. Eine Gemeinde, für die es die vornehmste Aufgabe ist, zu hören, um auch dem anderen diesen Himmel aufzuschließen.

Hier findet man Gemeinschaft ohne Grenzen, denn Jesus hat „…auch noch Schafe, die nicht aus diesem Stall sind.“ Das sprengt jede einengende Küngelei. Das überwindet jeden normierenden Stallgeruch. Denn hier gibt es keinen Elektrozaun. Langeweile und Einerlei werden hier nicht einziehen – so lange diese Welt sich dreht. Ein Hirte und eine Herde – Gottes Geborgenheit erstreckt sich in die ökumenischer Weite dieser Welt.

Diese Kirche als Herde des Guten Hirten ist der Ort, an dem sie zu finden sein werden:  Die Gnade Gottes, die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Hier ist der Himmel der Barmherzigkeit des Herrn.

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