Warum, nicht wie: Advent 1 (Jer 23, 5-8)

Komm,
o mein Heiland Jesus Christ,
meins Herzens Tür
dir offen ist!

gedacht
ist noch nicht getan
besungen
ist noch nicht geschehen
aber
die Hoffnung lebt

Alle Jahre WIEDER
WIEDER im Advent
ist sie zugeschüttet
die Tür des Herzens
davor auch noch
viele kleine Türen
sie müssen geöffnet werden
nicht nur am Adventskalender
auch in mir

Alle Jahre NEU
GEHE ich ihn neu
den Weg zur Tür meines Ich
ich brauche den Advent
sie wiederzufinden
sie freizuräumen
den Schlüssel zu finden
und zu öffnen –
für wen?

Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer.
Sacharja 9,9
***
„Ein Mensch kann viel ertragen, wenn er an den Sinn seiner Existenz glaubt. Wenn er ein Ziel, eine Hoffnung vor Augen hat…:
Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
Das sagt Viktor Frankl. Ein Mann, der durch die Hölle von Auschwitz gegangen ist. In der er Eltern, Bruder und Frau verlor.
Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

Einen Vorgeschmack auf die Hölle wird wohl jeder von uns schon einmal erlebt haben. Denn die Hölle ist etwas ganz persönliches. Das, was mich aus der Bahn wirft, treibt einen anderen vielleicht zu Höchstleistungen. Das, was ich ertrage, ist für einen anderen unerträglich.

Da gibt es die Hölle, die Teil dieser Welt ist: Wenn eine Krankheit einen aus dem gedachten Leben reißt oder gar an den Rand dieses Lebens führt. Wenn der Tod einem den Lebenspartner, die Eltern, ein Kind nimmt. Wenn ein Unfall alle Lebensplanung zu Altpapier werden lässt.

Noch schlimmer meist die Hölle, die menschengemacht ist. Natürlich ist Auschwitz eine der großen unter ihnen. Aber auch andere, kleinere Höllen sind heiß und zerstörerisch. Wenn einen der Lebenspartner verlässt. Man in Arbeit oder gar in der Gemeinde gemobbt wird. Wenn man im Schlaf Opfer eines Einbruchs wird.

Jeder unter uns wird ihn haben, zumindest einen Vorgeschmack auf seine ganz persönliche Hölle. Und selbst, wenn es  gut für einen läuft: Es wäre bestenfalls halb so gut, wenn man nicht wüsste, wie es heißt, dieses Warum. Dieses Warum muss doch TRAGEN, egal wie es ist, das Wie. Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

Die Adventszeit fragt nach diesem Warum. Solche Frage stellt man sich nicht auf der Party oder auf der Hochzeit. Darum fragt sie das ernst, sie fragt es jede und jeden. Sie lässt das Kirchenjahr als Fastenzeit in der Farbe der Buße beginnen: Violett.

Sie ist eine stille, nachdenkliche Zeit- anders als die Welt da draußen. Denn wer nach seinem eigenen, seinem persönlichen Warum fragt, braucht eben das: Eine stille und nachdenkliche Zeit.

Und besonders gut wäre dabei: Die Nähe zu Gott. Denn wer auf der Suche nach dem Warum ist, das nicht nur EIN Leben, sondern auch das eigene Leben tragen kann, der muss hier richtig sein: Bei Gott, „der Himmel und Erde gemacht hat, der Bund und Treue hält ewiglich und der nicht preisgibt das Werk seiner Hände“.  Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes wie.

Jeremia, der Gott nahe Prophet, gibt seiner Gemeinde Antwort. Antwort auf die Frage, warum sie es aushalten sollen im Exil, weit weg: Von Zuhause, den Wurzeln, der eigenen Geschichte, eines erfüllten Lebens. Israel scheint die Antwort auf das Warum abhanden zu kommen. Darum lässt Jeremia sein „DARUM“ hören, ich lese aus Kapitel 23 die Verse 5-8:

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.
7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
8 sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in IHREM Lande wohnen.

Die Gemeinde Jeremias muss dieses „Darum“ überrascht haben. Hatte Jeremia doch vorher ein vernichtendes Urteil über die Könige Judas gefällt, die allesamt Nachkommen Davids waren. Aber sie alle hatten den Untergang, diese Hölle ja befördert.

Sie traten das Recht der Armen und Elenden mit Füßen. Sie betrogen die Arbeiter um ihren Lohn. Sie waren nur auf Gewinn aus, schwelten im Luxus. Sie bedrängten Witwen, Waisen und Fremde, taten ihnen Gewalt an, vergossenen unschuldiges Blut. So die Diagnose aus Kapitel 21 und 22.

Jetzt aber redet Jeremia von einem „gerechten Spross“, den Gott dem David „erwecken“ will. Es wird also einen König geben, einen aus der alten Dynastie, der die Hölle der Gemeinde beenden kann und beenden wird.

„Ein König…, der wohl regieren“ wird. Im Hebräischen steht an dieser Stelle wörtlich: „der gut hinsehen wird“. Ein Regent also, der mit Augenmaß regiert. Der niemanden übersieht und nichts unter den Teppich kehrt. Einer, der wirklich weiß, was das ist: Recht und Gerechtigkeit.

Recht und Gerechtigkeit: Beide werden in einem Atemzug genannt. Und das, obwohl sie nicht dasselbe bedeuten. Recht ist eine menschliche, zutiefst irdische Angelegenheit. Menschen geben sich ihre Regeln des Zusammenlebens, schreiben ihre Gesetze. VERSUCHEN, das Leben von unterschiedlichsten Menschen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen gerecht zu machen.

Doch ihre aufgeschriebenen Regeln haben nur geringe Halbwertzeiten. So wie sich das Leben, die Menschen und die Probleme ändern, ändern sich die Gesetze. Also schreibt man neue, wirft alte in den Papierkorb. Und damit man den Überblick behält, muss man Menschen haben, die sich damit beschäftigen. Gesetzesgelehrte, die einem sagen können, welche Novelle welchen Gesetzes gerade heute in Geltung ist. Und auch die können den Überblick verlieren.

Darum treffen sich diese Gesetzesgelehrten, um miteinander zu streiten, wer denn nun wirklich das geltende Recht auf seiner Seite habe. Das passiert immer dann, wenn einer behauptet, Recht zu haben, und damit meint, der andere habe Unrecht. Also trifft man sich vor Gericht, lässt einen Richter entscheiden, wer von beiden Recht bekommt oder ob gar das Recht ganz woanders liegt. Auch das soll es geben.

Sicher: Besser ein geordneter Streit nach Regeln des Rechts, als dass sich die Rechthaber die Köpfe einschlagen. Aber der Mensch KANN nur RECHT sprechen – also feststellen, was Gesetzeslage ist. Denn wenn die Gesetze „gerecht“ wären, würden sich die Menschen dann überhaupt streiten? Sie müssten sich doch nur an das Recht halten, und schon gäbe es den großen Frieden.

Gerechtigkeit ist doch zuerst ein PERSÖNLICHES Empfinden. Das GEFÜHL, gerecht behandelt zu werden. Darum wird es nur selten oder nie geschehen, dass zwei Streitende einen Gerichtsaal verlassen und JEDER von beiden sagt: Ich fühle mich gerecht behandelt. Aber genau so müsste es sein, wenn Menschen Gerechtigkeit durch Rechtsprechung erzielen könnten.

Indem Jeremia Recht und Gerechtigkeit in einem Atemzug nennt, verspricht er etwas Großes, noch nie Dagewesenes. Nicht einmal David selbst, nicht einmal in der größten Blüte seines Reiches hatte es so etwas gegeben: Recht UND Gerechtigkeit für alle.

Man denke nur an die Geschichte von David, Usiah und Bathseba. Der große König schickt seinen treuen Soldaten auf ein Himmelfahrtskommando, um ihm seine schöne Frau auszuspannen. Und das, obwohl David zum dem Zeitpunkt nicht nur eine, sondern mehr als genug Frauen hatte…

Recht UND Gerechtigkeit: Ein geradezu übermenschliches Projekt. Und gerade weil das so ist, bekommt dieser König der Hoffnung auch so einen besonderen Namen. Er wird heißen: JHWH, also der Herr, der Gott ist, er ist unsere Gerechtigkeit. Das ist, glaube ich, der Dreh- und Angelpunkt dieser Vision des Jeremia. Es wird eine Zeit kommen, in der die Gemeinde erleben wird, dass die Gerechtigkeit kein frommer Wusch ist, sondern lebendig ist: So wahr Gott lebt.

Wo diese Königsherrschaft Gottes anbricht, kommt alles wieder in Ordnung. Da wird nicht nur das Südreich Juda, sondern auch das schon vorher untergegangene Nordreich Israel wieder zu Ehren kommen. Da wird nicht nur die Befreiung aus Ägypten, sondern auch die Befreiung aus der jetzt noch andauernden Gefangenschaft gefeiert werden können. Da wird es nicht nur Befreiung, sondern Sicherheit geben: „Und sie sollen in IHREM Lande wohnen.“

Hat Jeremia mit seiner Vision Recht behalten? Zweieinhalb tausend Jahre danach würden wir sagen: Nein. In Haifa brennen die Häuser, in Palästina fliegen Raketen, Jerusalem lebt ohne Frieden.

Sie treten das Recht der Armen und Elenden mit Füßen. Sie betrügen die Arbeiter um ihren Lohn. Sie bedrängen Witwen, Waisen und Fremde. Tun ihnen Gewalt an, vergießen unschuldiges Blut. Wer? Ich bin kein Richter. Aber Recht und Gerechtigkeit können so nicht aussehen.

Vielleicht ist diese Sicht zu deutsch? Das glaube ich nicht. Weder Israelis noch Palästinenser fühlen sich wohl in ihrer Haut. Weder Juden noch Araber fühlen sich gerecht behandelt. Weder die einen noch die anderen haben Frieden.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Unser Jeremia-Text wird in unseren Christvespern als messianische Weissagung gelesen werden. Alle Jahre wieder neu. Ich glaube, zu Recht. Jeremia nimmt zwar das Wort Messias nicht in den Mund. Aber er beschreibt eine messianische Vision. Einen König, der das menschenunmögliche möglich macht: Recht und Gerechtigkeit zusammenzubringen, beides Wirklichkeit werden zu lassen. Jeremia redet von wahrhaft messianischen Zuständen.

Aber hat er dann nicht einfach nur die Unwahrheit gesagt? Ist die messianische Hoffnung nicht einfach ein Bluff, der die Menschen auf das Jenseits vertröstet? Ist unsere Auffassung, in Jesus habe eben dieser Messias zu Weihnachten diese Welt betreten, ein großer Irrtum? Hat der oft zitierte Rabbi nicht recht, dem ein einfacher Blick aus dem Fenster genügt, um festzustellen: „Es hat sich nichts verändert, also kann der Messias nicht gekommen sein!“ ?

Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

Der einfache Blick aus dem Fenster genügt eben nicht. Da muss man schon genauer, länger hinsehen. Vor allem tiefer. Es geht nicht um das WIE unseres Lebens, es geht um das WARUM. Der Messias ist kein WIE, er ist das WARUM. Und genau das haben wir nötig, zuallererst und vor allem: Das WARUM. Jede und jeder von uns.

Heute heißen die rechtskundigen Gelehrten Juristen. Viele von ihnen verdienen nicht schlecht. Grund genug für viele andere, die Nase über sie zu rümpfen, die mit wenig schmeichelhaften Attributen wie „Rechtsverdreher“ zu versehen und immer wieder zu behaupten, dass es die nur gäbe, um andere um ihren Nachtschlaf und ihr Geld zu bringen.

Doch jeder, der auch nur ein wenig Verstand hat, wird begriffen haben: Ohne Juristen gilt Anarchie, letztlich das Recht des Stärken, sowohl finanziell als auch körperlich. Und das wäre nun das glatte Gegenteil von „Gerechtigkeit“.

Aber kein Jurist würde seinen Arbeitsalltag unbeschädigt an Leib und Seele überstehen, keiner kann sie gut machen, wenn er nicht ein WARUM hätte:  Die Vision einer Zeit, in der Recht und Gerechtigkeit für alle herrschen werden. Das Ziel, für das sich all ihre Arbeit lohnt. Jeder Sieg, aber auch jede Niederlage. Ein DARUM.

Ich weiß nicht, ob Jeremia in Jesus von Nazareth den Messias gesehen hätte. Aber das kann mir den Glauben daran nicht nehmen, dass Jesus genau das ist: Mein Messias.

Denn er hat es vorgelebt, wie es geht, das Recht und Gerechtigkeit sich finden und auf immer zusammenbleiben. Nämlich genau da, wo der Glaube an die Gerechtigkeit Gottes lebt. Eine Gerechtigkeit, die Liebe heißt und Jede und Jeden zum seinem Recht verhelfen wird, geliebt zu werden und geliebt zu bleiben.

MEIN Blick aus dem Fenster lässt mich darum etwas ganz anderes sehen. Zuerst die ganz offensichtliche Änderung, dass nämlich gegen die immer größer werdende Dunkelheit des November und Dezember ein Licht nach dem anderen entzündet wird, bis ein Lichtermeer uns Weihnachten feiern lässt.

Und dann die tiefe, große Änderung. Seit tausenden von Jahren gibt es immer mehr Menschen, die genau das erkennen: Dass die Liebe die Gerechtigkeit ist, die vor Gott gilt.
Dass Jesus von Nazareth der ist,
der diese Liebe nicht nur lehrt,
sondern verkörpert.
Dass in seinem Kreuz
sich Recht und Gerechtigkeit kreuzen
und für die Ewigkeit verbunden bleiben.

Jesus Christus ist unser WARUM,
das unserem Leben fast jedes WIE erträglich macht.
Er ist unsere Gerechtigkeit.
Ein Name, der für Lebensqualität bürgt.

Darum wird das Warten im Advent
von einer Last zur Lust.
Wir stehen nicht mehr in der Schlange im Arbeitsamt
in der trügerischen Hoffnung,
irgendeiner würde uns irgendetwas zu Tun geben,
das irgendwie sinnvoll ist.

Sondern wir warten auf den letzten Advent Gottes in der Sicherheit, dass unser WARUM in der Krippe im Stall zu finden ist. Wir wissen, was zu tun ist, weil wir es kennen:

Das WARUM zum Leben, das fast jedes WIE erträgt.
Den Frieden Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft,
und der unsere Herzen und Sinne bewahrt
in Christus Jesus. Amen.

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