Vor allen Dingen Heil! (Mk 9, 14-29)

Glaube führt uns hierher
Glaube lässt uns
hoffen, zweifeln
fragen, hören
lieben, leben

Der Glaube ändert alles
JEDER unserer Tage auf dieser Welt
wird ein Tag mit Gott
der ewig ist und Leben schenkt
auch nach dieser Welt.

Unser Glaube ist der Sieg,
der die Welt überwunden hat.
1 Johannes 5,4c ***

Der Wochenspruch lässt keinen Zweifel: Glaube ist das Thema heute.

Ich bin mir sicher, dass JEDER Mensch seinen Glauben lebt. Denn jeder stellt die Frage nach dem Sinn seines eigenen Lebens. Und wenn er sie beantwortet, sagt er damit auch, wofür er lebt, letztlich also, welchem Gott er dient. Vielleicht nicht zu jeder Zeit seines Lebens dem Gleichen. Aber dazu ist der Mensch auch nicht verpflichtet, er ist ja frei.

An welchen Gott glauben die meisten Deutschen im Moment? An den Mammon? Die Karriere? Die Macht? Mancher mag das denken, aber ich denke, dass ist ein Irrtum. Denn kaum ein Jubiläum, kaum ein Geburtstag, kaum ein Jahreswechsel vergeht, ohne dass man vielfach und von allen Seiten den Wunsch „vor allen Dingen Gesundheit!“ entgegengenommen hätte. Ich bin mir sicher: Gesundheit- daran glauben die meisten Deutschen. Gesundheit als Weg zu einem Leben, das möglichst unbeschwert irgendwann nicht mehr 80, sondern 120 Jahre währen möge.

Genau so sicher bin ich mir: Die meisten, die anderen „Gesundheit“ wünschen, haben keine Ahnung, wie sie diesen Gott beschreiben sollten. Einundsiebzig Jahre ist es her, da definierte die Weltgesundheitsorganisation WHO das Wort Gesundheit. „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Damit beschreibt sie eine Vision. Niemand wird sie je erreichen können- aber jeder, der an sie glaubt, weiß, wohin er will in seinem Leben.

Friedrich Nietzsche wird eine sehr bodenständige Definition zugeschrieben. Er soll gesagt haben: „Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“

Auch wenn sich das ganz anders anhört als die Definition der WHO, einig sind sich beide überraschend in der Diagnose: JEDER Mensch ist krank. Der eine mehr, der andere weniger.

Sicher gibt es noch hunderte Gesundheits- Vorstellungen, die irgendwo zwischen der WHO und Nietzsche liegen. Darum weiß ich mit den Gesundheits-Wünschen auch so wenig anzufangen. Wünscht man mir, dass ich abnehmen soll? Keine Grippe bekomme? Nicht depressiv werde? Arbeitsfähig bleibe? Allzeit fröhlich bin?

Wie auch immer: Vor allen Dingen Gesundheit. Diesem Gott würden die meisten Deutschen ihre Seele verschreiben. Vielleicht sogar die meisten Menschen weltweit. Gesundheit als Sinn des Menschenlebens: Das ist ihr Glaube.

Was ist unser Glaube? Darum geht es Jesus in der Geschichte, die uns Markus in Kapitel 9 erzählt. Ab Vers 14 kann man lesen:

14 Als sie zu den anderen Jüngern zurückkamen, waren diese von einer großen Menschenmenge umringt, darunter einige Schriftgelehrte, die ein Streitgespräch mit ihnen führten. 15 Sobald die Menge Jesus sah, geriet sie in große Erregung. Alle liefen zu ihm hin und begrüßten ihn.
16 »Worüber streitet ihr euch denn?«, fragte er. 17 Einer aus der Menge antwortete: »Meister, ich bin mit meinem Sohn gekommen; ich wollte mit ihm zu dir, weil er einen stummen Geist hat. 18 Wo immer dieser ihn packt, wirft er ihn zu Boden; dem Jungen tritt Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen und wird ganz starr. Ich habe deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, doch sie konnten es nicht.«
19 »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation!«, sagte Jesus zu ihnen. »Wie lange soll ich noch bei euch sein? Wie lange soll ich euch noch ertragen?

Bringt den Jungen zu mir!« 20 Man brachte ihn, und sowie der Geist Jesus erblickte, riss er den Jungen hin und her, sodass dieser hinfiel und sich mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzte. 21 »Wie lange geht das schon so mit ihm?«, fragte Jesus den Vater des Jungen. »Von klein auf«, antwortete der Mann. 22 »Oft hat der Geist ihn sogar ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Doch wenn es dir möglich ist, etwas zu tun, dann hab Erbarmen mit uns und hilf uns!« –

23 »Wenn es dir möglich ist, sagst du?«, entgegnete Jesus. »Für den, der glaubt, ist alles möglich.« 24 Da rief der Vater des Jungen: »Ich glaube! Hilf mir heraus aus meinem Unglauben!«

25 Als Jesus sah, dass immer mehr Leute zusammenliefen, trat er dem bösen Geist mit Macht entgegen. »Du stummer und tauber Geist«, sagte er, »ich befehle dir: Verlass diesen Jungen sofort und geh nicht wieder in ihn hinein!« 26 Da schrie der Geist auf, riss den Jungen heftig hin und her und verließ ihn. Der Junge blieb regungslos liegen, sodass die meisten dachten, er sei tot. 27 Doch Jesus ergriff ihn bei der Hand, um ihn aufzurichten. Da stand der Junge auf.

28 Als Jesus ins Haus gegangen war und seine Jünger mit ihm allein waren, fragten sie ihn: »Warum konnten denn wir den Geist nicht austreiben?« 29 Jesus erwiderte: »Diese Art ´von Dämonen` kann durch nichts anderes ausgetrieben werden als durch Gebet.«

Was geschieht alles in diesem unübersichtlichen Abschnitt? Die Heilung eines kranken Jungen, der ganz offensichtlich an schweren epileptischen Anfällen litt? Darauf deuten die Überschriften in unseren Bibelübersetzungen hin, die „Heilung eines besessenen Knaben“ oder ähnlich lauten.

Aber die greifen zu kurz. Denn geschieht nicht auch die Heilung seines kleingläubigen Vaters? Oder geht es nicht auch um Menschen, die in einen hitzigen Streit verwickelt sind? Oder um die Vollmachtslosigkeit der Jünger und die Vollmacht Jesu? Die Szene hier ist ein eng geflochtener Zopf aus den Strängen Krankheit und Gesundheit, Glaube und Unglaube, Heilung und Gebet.

Was aber wohl jedem beim Hören gleich in den Ohren hängen blieb, ist die entmutigte erste Entgegnung Jesu: »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation!«, … »Wie lange soll ich noch bei euch sein? Wie lange soll ich euch noch ertragen?«

Damit fragt Jesus die Menschen nach ihrem Glauben. Er greift ein in den Streit, der entstanden ist. Ein HEFTIGER Diskurs um einen kranken Jungen, dessen Vater und die Jesus-Jünger, die ihm nicht helfen konnten.

Markus beschreibt nicht genauer, wo bei diesem Streit die Fronten sind. Aber jeder kann sich das vorstellen. Die Jünger wurden um etwas gebeten, was sie nicht liefern konnten. Die Schriftgelehrten werden ihnen Scharlatanerie vorgeworfen haben. Der Vater ist enttäuscht, am Boden zerstört.

Wie sehr ihn die Krankheit seines Sohnes belastet, zeigt sein Aufschrei. Er zeigt die große Not, der Kranke wie Behinderte mit ihren Familien in der Gesellschaft ausgeliefert waren. Soziale Ausgrenzung war die Folge, sogar theologische Ächtung.

Denn Leiden oder Unglück gelten als Folge persönlicher Fehler, als Gottesstrafe für schwere Verfehlungen. Dass die Heilung des Sohnes jetzt wieder nicht gelungen ist, macht Not und Ausgrenzung noch größer. Mitleid- bestenfalls im Verborgenen.

Jesus aber sieht das ganz anders. Es geht hier gar nicht um die Krankheit. Unglaube, also mangelndes Vertrauen zu Gott, wird als EIGENTLICHER Kern allen Leidens dargestellt.

Die hitzigen Diskussionen der Menschen entlarven schließlich selbst ihre Unfähigkeit, zu heilen und zu helfen: Die einen können es nicht, die anderen wollen es gar nicht, die sagen: Was gebt ihr euch auch mit denen ab? Jeder sieht doch, dass es ihre eigene Schuld ist!

Jesus lenkt die Diskussion in eine ganz andere Richtung, wenn er fragt: »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation!«, … »Wie lange soll ich noch bei euch sein? Wie lange soll ich euch noch ertragen?« Oder: Woran glaubt ihr eigentlich wirklich? Wann beginnt Ihr Gott endlich ernst zu nehmen?

Jesus leidet. Mit den Menschen, die ihn umgeben, weil sie die Größe Gottes immer noch nicht erkannt haben. Weil sie Göttern nachhängen, die es nicht wert sind: Gesellschaftliche Anerkennung, Selbstverwirklichung, Leistung. Zur Erinnerung: Sie meinten, heilen zu können, konnten es aber nicht. Oder sie meinen zu wissen, warum der Junge krank ist. Fragt uns, wir sagen es euch.

Jesus leidet auch mit dem Vater. Darum spricht er ihn direkt auf seinen Glauben an. »Wenn es dir möglich ist, sagst du?«, entgegnete Jesus. »Für den, der glaubt, ist alles möglich.« Es geht nicht darum, was irgendein Mensch kann. Es geht darum, wer Gott ist, was er will, was er kann.

Die Antwort des Vaters zeigt, dass er begriffen hat, dass alles in die falsche Richtung läuft. »Ich glaube! Hilf mir heraus aus meinem Unglauben!« Ich weiß, dass du Recht hast. Aber es ist so schwer, damit zu leben. Mit den Selbstzweifeln, mit all dem Leid, mit all der Unvollkommenheit.

Jesus beendet das Leid des Vaters. Schon deshalb, weil immer mehr Schaulustige zusammenlaufen. Nicht anders als bei Unfällen heute, nur dass damals noch niemand Videos mit dem Smartphone drehen konnte, um sie dann im Netz zu verteilen. Dass andere noch mehr leiden müssen als man selbst, das hat Menschen wohl schon immer fasziniert. Und das ist wohl das schlimmste im Moment.

Markus zeigt nicht, WIE geheilt wird. Er zeigt, WER heilt. Nicht der Mensch Jesus. Christus heilt. Gott selbst heilt. Konsequent dann auch die Antwort Jesu an die Jünger, die in kleiner Runde nachfragen, warum sie denn gescheitert sind: »Diese Art ´von Dämonen` kann durch nichts anderes ausgetrieben werden als durch Gebet.«

Oder anders: Menschen müssen lernen, mit ihrer Begrenztheit umzugehen. Akzeptieren lernen, dass Katastrophen nie ganz verhindert, Krankheiten nie ganz geheilt, Lebenssicherheit nie vollständig sein kann. Sie müssen lernen, dass die Frage nach dem Warum von Menschen nicht beantwortet werden kann. Dass allein Gott den Bau-Plan des Lebens im Universum kennt. Dass der Versuch des Menschen, diesen Bauplan nicht nur in Teilen zu verstehen, sondern zu entschlüsseln und umzubauen, reiner Größenwahn ist.

All das zu lernen, zu akzeptieren, damit umzugehen: Das geht nur im Gespräch mit Gott, dem Schöpfer des Lebens im Universum. Das schafft man nur im Gebet.

Meine Schwestern, meine Brüder,

Diese Geschichte bringt Licht und Klarheit in eine Situation, die Menschen ALLEIN unmöglich klären konnten. Das ist die gute Nachricht für uns. Es geht nicht darum, dass wir uns am Ende Rat suchen bei den modernen Wunderheilern und Teufelsaustreibern. Es geht auch nicht darum, dass wir unsere Kirchen und Gemeindehäuser zumachen, weil wir zu denen gehören, von denen der geplagte Vater des kranken Jungen sagt: Doch sie konnten es nicht.

Diese Geschichte lehrt uns, die Götter voneinander zu scheiden und Gott zu entdecken. Machtlosigkeit zu entlarven und die Macht unseres Gottes zu begreifen. Sie lehrt zu unterscheiden zwischen Gesundheit und Heil. Sie lehrt uns, unsere Gaben zu nutzen und uns davor zu hüten, uns selbst zu überhöhen.

Wir Menschen sind gleichzeitig gesund und krank. Selbst der medizinisch gesunde Mensch. Denn er meint, sich selbst verwirklichen zu können, das Leben selbst zu bestimmen. Selbstüberschätzung aber ist die schwerste Krankheit. Die Unausweichlichkeit unseres Todes lässt daran keinen Zweifel.

Für uns als die auf Jesu Tod Getauften gilt aber: Uns ist die Auferstehung von den Toten geschenkt. Die Gottesferne als schlimmste Krankheit ist durch Jesus gebrochen. Wer ihm vertraut, findet Heil. Wer die Nähe zu Gott sucht, ist auf dem richtigen Weg.

Dem Weg, mit aller Krankheit so umzugehen, dass Leben möglich ist. Umzugehen mit menschlicher Besessenheit, vielleicht mit den Symptomen einer Suchtkrankheit, etwa als Magersucht, als Depression, Platzangst, Arbeitsunfähigkeit, Frigidität oder Zwangsneurose, von denen die Ärzte und Psychologen wissen. Mit Unzufriedenheit, Gespanntheit, Ungeduld, Einsamkeit oder großer Müdigkeit, von denen die Theologen und Seelsorger wissen.

In dieser Welt kann es leichter werden mit einem Bündnis von Medizin und Theologie, also mit dem Zusammenbringen aller Gaben, die Gott uns Menschen gegeben hat. Das wird unserer Gesundheit weiterhelfen.

Aber das Größte, das wir Menschen haben können, ist nicht Gesundheit, sondern Heil. Heil in der Entdeckung der Macht Gottes, die uns Auferstehung schenkt. Auferstehung trotz Krebs, Alzheimer oder bipolarer Störung. Gott wird uns nie aufgeben, niemanden von uns.

Wer auf ihn setzt, wer mit ihm im Gespräch bleibt, der wird den Weg zum Sinn seines Lebens finden können. Einen Weg mit Gott zu Gott, von dem ihn nicht einmal der Tod abzubringen vermag.

Wir vertrauen der Liebe Gottes, der Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Dieser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Amen.

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2 Antworten zu Vor allen Dingen Heil! (Mk 9, 14-29)

  1. Christoph Krüger sagt:

    Gott wird uns nie aufgeben, niemanden von uns!!!!!

  2. malte sagt:

    Das ist Gottes „Gerechtigkeit“, und die verdient ihren Namen wirklich .

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