Von der Macht des Wortes (Apg 16 9-15)

Worte und Wörter
werden Gerede
können Last werden
Freude nehmen
das Leben schwer machen
gar die Hölle zum Glühen bringen

Das Wort Gottes aber ist
Oase in der Wüste
Quelle lebendigen Wassers
in der Dürre menschlicher Unzulänglichkeit

Das Wort Gottes zu hören
ändert alles
schafft Leben

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet,
so verstockt eure Herzen nicht.
Hebräer 3,15
***
Lydia: Sie steht im Mittelpunkt des heutigen Predigttextes aus der Apostelgeschichte des Lukas. Ihr Name wird nur hier und leider nicht im Brief an die Gemeinde in Philippi erwähnt, obwohl diese Gemeinde doch gemeinhin als „Lieblingsgemeinde“ des Paulus gilt. Mich macht das neugierig. Wer war Lydia, was kann man über sie herausbekommen?

Lydia kam ursprünglich aus Thyáteira. Eine in der Antike bedeutende Handels- und Industriestadt in der Provinz Lydien. Lydien befand sich an der Mittelmeerküste Kleinasiens in der heutigen Türkei gegenüber den Inseln Lesbos, Chios und Samos. Das Gebiet erstreckte sich rund um das heutige Izmir.

Die Stadt Thyáteira war von ihrer Textilherstellung geprägt. Schafwolle wurde hier mit Hilfe von Pflanzenfarben eingefärbt und dann verkauft. Wie Lydias Eltern das kleine Mädchen nannten, ist unklar. Erst später, als sie nach Philippi ausgewandert war, nannte man sie Lydia, die Lydierin.

Philippi liegt im heutigen Griechenland, also in Europa. Das antike Philippi war auch Festungsstadt. Nach der Eingliederung ins Römische Reich wurden hier darum auch viele Veteranen angesiedelt; die Stadt wurde sehr römisch, oft auch „das kleine Rom“ genannt.

Lydia.
Wenn jemand nicht bei seinem eigentlichen Namen, sondern nach seiner Herkunft gerufen wird, ist das auch heute wenig schmeichelhaft. „Da kommt die Polin“: Diese Bezeichnung zeugt kaum von großem Respekt der Person.

Dennoch wird Lydia in Philippi keine Sklavin, sondern eine freie Frau gewesen sein, die es zu gewissem Wohlstand gebracht hatte. Viele meinen, dass sie reich war, denn Purpur war eigentlich eine sehr teure Angelegenheit.

Mir erscheint das eher unwahrscheinlich. Denn in Kleinasien, wo Lydia „in der Lehre“ gewesen sein dürfte, wurde die Wolle nicht durch den unerschwinglich teuren Schneckenpurpur gefärbt.

Man nahm die billigere Pflanzenfarbe. Das ergab „Purpur“- Stoffe in vielen Farbschattierungen von braun über lila bis rot. Aber auch dafür dürfte es einen Markt gegeben haben, gerade bei den nicht so „gut Betuchten“. Die Handelsspanne dürfte aber überschaubar gewesen sein.

Lukas bezeichnet Lydia als „eine Gottesfürchtige“. Das war die Bezeichnung für eine jüdische Proselytin. Sie war also jemand, der ihr Glaube an den Gott Abrahams, Sarahs und Jakobs so wichtig war, dass sie sich der jüdischen Religion zugehörig fühlte, obwohl sie keine Jüdin durch Geburt war.

Eine Synagoge scheint die jüdische Gemeinschaft in Philippi nicht gehabt zu haben, denn man traf sich zum Sabbatgebet unter freiem Himmel am Fluss.

Dafür, dass eine Synagoge fehlte, kann es nun mindestens zwei Gründe geben: Entweder die Gemeinde war nicht reich genug, um sich eine leisten zu können, oder die politischen Umstände erlaubten den Juden den Erwerb oder den Bau einer solchen nicht. Vielleicht treffen ja auch beide Gründe zu, ganz sicher aber der letzte, dazu später mehr.

Als Paulus und Silas nun an den Fluss kam, um (wie sie es auch sonst an fremden Orten taten) den Treffpunkt der jüdischen Gemeinde aufzusuchen, fanden sie da eine Gruppe von Frauen versammelt, zu denen auch Lydia gehörte.

Ob Paulus enttäuscht war, dass er hier diesmal „nur“ Frauen, nur die „zweite Garnitur“ traf? Jedenfalls war im seine Sache dann doch so wichtig, dass er jetzt seine Botschaft zu den Frauen brachte.

Lukas erzählt, dass Lydia diese Botschaft begierig aufnahm. Paulus und Silas werden Zeugnis von Christus, dem Auferstandenen, gegeben haben. Was genau sie hier sagten, wissen wir nicht. Für Lydia aber werden diese Worte die Erfüllung ihrer Messiashoffnung bedeutet haben. Die Predigt wirkt in Lydia wie ein Samenkorn, das auf gutem Boden aufgeht. Während sie zuhörte, öffnete „ihr der Herr das Herz“.

Weiter erzählt Lukas, dass sie sich „mit ihrem Hause“ taufen ließ. Das bedeutet zum einen, dass sie selbst der Vorstand ihres Hauses war. Manch einer meint deshalb, sie müsse Witwe gewesen sein. Vielleicht war sie auch einfach nur unverheiratet, in jedem Fall aber wirtschaftlich selbständig.

Zum Anderen bedeutet das, dass auch die, die zu ihrem Haus gehörten, getauft wurden. Gemeint sind damit unmündige Menschen wie Kinder oder Sklaven. Die gehörten eben zum Haus und wurden nicht gefragt.

Durch diese Taufe wurde Lydia für viele zur „ersten Christin Europas“. Damals allerdings durfte das kaum eine größere Bedeutung gehabt haben, Thyáteira und Philippi waren einfach nur zwei Städte in unterschiedlichen römischen Provinzen.

Der letzte Vers des Predigttextes, den ihr Kapitel 16 in den Versen 9-15 nachlesen könnt, scheint dann aber tatsächlich so etwas wie einen Streit zwischen Lydia einerseits und den beiden Missionaren andererseits anzudeuten.

Lukas schreibt: „Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.“

Selbstbewusst und aus eigenem Entschluss bietet sie den Gästen Herberge in ihrem Haus. Ganz offensichtlich ist das Silas und Paulus gar nicht lieb. Sie scheinen sich jedenfalls zu wehren.

Darum unterstreicht Lydia ihre Einladung mit dem Zusatz „wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube“. Sie macht ernst mit der Theologie des Paulus, nach der es vor Christus weder Freie noch Sklaven, weder Männer noch Frauen gibt.

Lydia setzt sie scheinbar sogar unter Druck, was das Wort „nötigen“ erklären könnte. Das taucht im Neuen Testament nur bei Lukas auf, hier an dieser Stelle und am Schluss seines Evangeliums, wo die Emmausjünger Jesus nötigen: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget“.

Das war keine Einleitung zu einem schönen Kanon. Das war eine Warnung: Herr, es wird dunkel und gefährlich draußen, du solltest jetzt hier bleiben. Jetzt nötigt Lydia Paulus und Silas. War Gefahr im Verzug?

Da sind wir bei der Frage vom Beginn nach den politischen Verhältnissen für die jüdische Gemeinde. Wer in der Apostelgeschichte weiterliest, erfährt, dass Paulus und Silas nur wenige Tage später festgenommen, ausgepeitscht und in den Kerker geworfen werden.

Anlass dafür war, dass Paulus einer Wahrsagerin ihre Hellsichtigkeit genommen hatte und deren Eigentümer mit ihr nun kein Geld mehr verdienen konnten.

Die Begründung deren Anklage aber war eine andere (V 20f): „Unsere ganze Stadt ist in Aufruhr wegen dieser Leute hier! Juden sind sie, und sie propagieren Sitten, die wir als römische Bürger nicht gutheißen können und die wir auf keinen Fall übernehmen dürfen.“

Fazit: Es war nicht ungefährlich, sich in Philippi zu Gott zu bekennen, als Jude nicht uns als Christusjünger nicht. Schon darum werden die Juden dort keine Synagoge gehabt haben. Lydia wusste das, ihre „Nötigung“ hatte also einen guten Grund.

Und auch wenn ihr Leben als Christin gefährlich blieb: Ihr Haus wurde offenbar zum Zentrum der Gemeinde dort. Hierher, in den Schutz ihres Hauses, kommen auch Paulus und Silas zurück, als sie Tage später wieder aus dem Kerker entlassen werden (V 40). Hier besprechen sie sich mit den MitarbeiterInnen, bevor sie schließlich weiterziehen.

Lydia: Sie stellt sich mit ihren Talenten und Gaben der neuen Gemeinde zur Verfügung. Von ihr geht ganz offenbar die Initiative zur Gründung der Gemeinde in Philippi aus, die von Paulus später mit großer Herzlichkeit gelobt wird (Phil 1,3ff). Die Geschichte der Kirche auf europäischem Boden hat einen ihrer führenden Köpfe in einer Frau.

Und Lukas ist gerade in der Apostelgeschichte derjenige, der nicht müde wird, die Rolle der Frauen beim Entstehen der Kirche immer wieder neu zu beschreiben und so in Erinnerung zu behalten. Dass Frauen auch heute noch treibende Kräfte in der Gemeindearbeit sind, muss ich niemandem erzählen. Warum das so ist, weiß ich nicht genau. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Frauen schon immer die wichtigsten Personen in der Kindererziehung waren und sind?

Meine Schwestern, meine Brüder,

nach diesem Ausflug in die älteste Kirchengeschichte nun zurück zum Thema dieses Sonntages: Das Wort Gottes. Präziser: Die MACHT des Wortes Gottes. Denn die Texte für heute vom Psalm (119) über das Evangelium (Lk 8,4ff) bis hin zum Predigttext reden nicht so sehr vom Inhalt, sondern von den Auswirkungen dieses Wortes.

Das Worte mächtig sind, ist vielen nicht wirklich bewusst. Sätze wie „Der redet doch nur, der tut nichts“ (der bellt nur, der beißt nicht) gehen geringschätzig mit der Macht des Wortes um. Sie suggerieren, als ob nur der etwas erreichen könne, der etwas tut, nicht aber der, der etwas spricht.

Das aber beschreibt unser Leben in keiner Weise richtig. Sprechen Menschen, die wir lieben, nicht mit uns, leiden wir, und wir leiden je mehr, desto länger ihr Schweigen andauert. Es macht übrigens kaum einen Unterschied, ob das Schweigen nur das Fehlen von gesprochenem Wort oder das Fehlen von Gesten oder Gebärden ist: Es trifft also die Hörenden genau so wie die, die nicht hören können.

Spricht jemand freundlich zu uns, freuen wir uns und fühlen uns gut; spricht er voller Geringschätzung, ärgern wir uns; beschimpft er uns, werden wir „sauer“. Worte können froh und traurig machen, motivieren und demotivieren, Taten verhindern oder in Gang setzen.

Selbst Worte, die nur IN uns gesprochen werden, haben Macht. Der Anfang unseres Predigttextes, über den ich noch nichts erzählt habe, ist ein Traum: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ spricht da ein Mann zu Paulus, und diese Worte BLEIBEN in seinem Kopf. Sie treiben ihn dazu, seine Reisepläne zu ändern und nach Philippi zu reisen.

Für Lukas ist das die Macht des Wortes Gottes, die durch seinen Geist in die Menschen dringt, ihren Kopf und ihr Herz erreicht. Paulus und Silas brechen nach Europa auf, tun also etwas, was nichts mit ihren bisherigen Plänen zu tun hatte.

Und das Segen auf diesem Tun liegt, erfahren wir durch die Geschichte der Lydia. Zuerst das Zusammentreffen überhaupt: Es war für Männer ungewöhnlich, die Gesellschaft von Frauen zu suchen. Die beiden Missionare aber lassen sich auf diesen Ruf ein.

Und gerade von Paulus wissen wir: Seine Botschaft von der Gleichberechtigung aller Menschen vor Gott war groß und hat viele Menschen geändert.

Seine alte Schule aber, in der Männer das Sagen haben und Frauen bestenfalls zuhören, hat das nie ganz überwinden können. So wird sich zumindest Paulus nicht gut gefühlt haben, nur zu Frauen zu reden. Aber das Wort Gottes treibt ihn dazu an.

Und das Wort, das vom Geist ausgeht und hier von Paulus gesprochen wird, erreicht Lydia: Ihr „… tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde“– so beschreibt es Lukas. Selbst dass „Lydia“ von einer geografischen Bezeichnung zu einem heute bei noch beliebten Vornamen wurde, ist so gesehen Folge der Macht des Wortes.

Geschwister: Welche Gottes-Worte hören wir selbst? Welche Träume haben wir? Fordern sie uns zum kleinen Schritt oder zum ganz großen Ding? Oder vielleicht zum Bleiben?

Was ÜBERhören wir lieber? Denn: Es könnte ja unangenehm werden. Ich habe von schlechten Erfahrungen gehört. Nein, so schnell lassen wir uns nicht darauf ein…

Lukas sagt: Gottes Wort nimmt gefangen, erreicht das Herz. Im Traum, im Gespräch, in der Predigt, selbst im Streit. Es KOSTET nur wenig: Zuerst Zeit, manchmal auch Überwindung.

Dafür lässt es aufhorchen, nachdenken, umdenken. Es schenkt Aufmerksamkeit, bringt Bewegung, bewirkt Segen.
Schon für den Psalmbeter, dann für Lukas, nun für uns.

Gottes Dienst:
Wort Gottes für uns.
Wer Ohren hat, der höre:
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sind das Wort Gottes für unser Leben.
Jetzt und ewig.
AMEN

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