Vom Unglück des Vergleichens (1 Mose 4 1-16)

Weil Menschen denken, wie sie denken
reden, wie sie reden
handeln, wie sie handeln
ächzt die Schöpfung
leiden Menschen Qualen
sterben vor der Zeit
Die Liebe sagt in Christus:
Was ihr getan habt
einem von diesen meinen geringsten Brüdern,
das habt ihr mir getan. (Matthäus 25,40)
***
Als Kontrastprogramm zum Tagesevangelium kommt der Predigttext daher, er ist die Lesung aus dem Alten Testament für heute.
Aus dem 1. Buch Mose, auch Genesis, Kapitel 4, die Verse 1-16:

 1 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN.
2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.
3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.
4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,
5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.
6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?
7 Ists nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.
8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.
9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?
10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.
12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.
13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.
14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.
15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.
16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Was für eine Geschichte, liebe Gemeinde! Seit Tausenden von Jahren zerbrechen sich die Menschen über die Geschichte von Kain und Abel den Kopf – ohne sie als überflüssig, schwach oder nebensächlich zur Seite zu legen. Ganze Romane sind um diese Familienkatastrophe geschrieben worden, neue werden sicher folgen.

Erwarten Sie darum nun bitte nicht von mir, dass ich nun alles „aufkläre“ und sie diese Geschichte erkannt, durchschaut und begriffen „zu den Akten“, also beiseite legen können. Kain und Abel werden auch Ihre Kinder und Urgroßenkel in Bewegung halten – da können Sie sicher sein!

Was sie aber erwarten können: Einige spannende Gedankengänge der Heiligen Schrift, erhellende Bilder zur Frage der Ungerechtigkeit des Lebens und wohin die führen kann. Und zumindest eine Antwort auf die Frage, was Kain und Abel mit uns zu tun haben, die wir tausende Jahre später ihre Geschichte zu lesen bekommen…

Alles beginnt ganz unspektakulär. Mann und Frau gründen eine Familie, bekommen zwei Kinder. Es gibt keinen Hinweis auf eine böse Entwicklung. Eine Urgeschichte über den Urzustand der Familie.

Der eine Sohn wird Landwirt, der andere Schäfer. Die Geschwister gehen ihren Berufen nach, erzielen mit ihrer täglichen Arbeit auch Erträge, ja haben offensichtlichen Erfolg damit: Sie erwirtschaften mehr, als sie zum Leben brauchen.
Anderenfalls hätten sie ja nichts gehabt, was sie hätten opfern können.

Diesen Mehrwert ihrer Arbeit empfinden beide als Segen. Sie begreifen offenbar, dass der nicht ihr eigener Verdienst ist. Sie erkennen ihren Gott- Ursprung allen Lebens, Ursprung aller Lebensmittel. Darum möchten sie ihm danken: Eine Urform der Mehrwertsteuer – sie bringen einen Teil ihres Verdienstes als Opfer dar.

Die Geschichte verschweigt, wer diesen Brauch ausgelöst, ihn erfunden hat. Sie erklärt auch nicht, wie er konkret ausgeführt wurde. Die Menschen wissen von selbst, wie man Opfer bringt –
wir wüssten es schließlich auch.

Wie aber konnte Abel erkennen, dass ein Opfer gnädig angenommen wurde? Wie Kain, dass Gott sein Opfer nicht gnädig ansah? Woran war das zu sehen?

Wie gut, dass wir das Spekulieren gelernt haben! Es könnten z.B. Brandopfer gewesen sein. Stieg dabei eine Rauchsäule direkt in den Himmel, weil Gott ihren Duft aufsog? Wurde die andere vom Nebel nach unten gedrückt, weil Gott die Nase voll hatte? Oder: Erlebte der eine anschließend einen wirtschaftlichen Boom und der andere eine Rezession? War der Beruf des Einen in der Gesellschaft geachteter als der des anderen? Waren beide Geschwister gar am Ende einer tragischen Sinnestäuschung erlegen? Die Bibel äußert sich zu alledem: Nicht.

Aber Menschen möchten natürlich immer wissen, warum alles ist wie es ist. Dass Gott Menschen zwar segnet, ihnen aber Leid und Unglück nicht erspart. Darum fragen sie: Warum ist Gott so ungerecht? Welcher Fehler ist Kain eigentlich vorzuwerfen? Wie hätte er richtig opfern können?

Aber ist diese Warum- Frage wirklich die Frage, die sich ergibt? Die Frage nach der Ungerechtigkeit? Menschen wissen doch, dass sie gleich- wertig sind. Aber fühlen tun sie oft anders: Beim Blick auf den anderen, sein Leben, seinen Erfolg, sein Einkommen, sein Auto, sein Boot, die Zeit, über die er frei verfügen kann, wenn man selbst arbeiten gehen muss.

Doch das Leben ist wesentlich komplexer. Wäre das Leben nicht scheinbar ungerecht, wie wäre es dann? Die einzig denkbare Alternative wäre doch: Es wäre Gleich. Völlig Gleich. Jede und jeder würde gleich behandelt. Jeder bliebe gleich gesund und würde gleich alt mit gleichen 88 Jahren sterben. Jede und jeder hätte –exakt! –gleiche Anteile an allem, was da ist.

So aber würden sich nicht einmal die Berufe des Landwirts und des Schäfers entwickeln- denn das wäre ja ungleich: Zwei ungleiche Berufe in einer gleichen Welt – schon das birgt ja die Gefahr, dass der eine umgraben muss, wenn der andere mit der Flöte in der Sonne liegt. Also: Alle machten das Gleiche.

Niemand müsste sich um den anderen kümmern, denn der hätten das Gleiche, also keinen Mangel. Es gäbe nie das Gefühl der Ungerechtigkeit, es gäbe nie das Gefühl des Hasses, es gäbe aber auch keine Liebe, nicht einmal des Verliebtseins.

Denn wenn Du die Frau heiratest, die ich doch eigentlich liebe –
Das ist doch nicht mehr gleich, oder? Und wenn der eine für vier Kinder Windeln wäscht, der andere aber gar keine Kinder hat –
Das ist doch auch ungleich!?

Ein bisschen gleich aber, ein bisschen weniger ungleich –
genau das gibt es nicht.
Fazit: Keiner der schönen Momente des Seins, so wie wir sie für uns empfinden, wäre denkbar ohne die dunklen, schweren Stunden. Alles wäre gleich.

Und das will auch keiner. Kein Mensch würde auf das Leben zugunsten der absoluten Langeweile verzichten wollen. Das Leben ist also gut, so wie es ist. Und das ist es wirklich.

Die Frage ist also nicht die nach dem Warum. Die Frage, sie wirklich zu klären wäre ist, wie Menschen das Gefühl des Neides
in den Griff bekommen können.

Und genau diese Lebensfrage stellt unsere Geschichte, indem sie Gott vor dem Totschlag dem Neidischen sagen lässt: „ Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie!“

Gegen die ewig rückwärtsgewandte Frage nach dem, warum das Leben des anderen so anders ist, gegen die endlose Selbstbespiegelung und Eigennabelschau fällt hier ein Satz, der den Blick nach vorne richtet, der den Vorwärtsgang empfiehlt.

Der Rückwärtsgang ist der Gang des Vergleiches. Eben hat die Arbeit dir Spaß gemacht, darum hast Du sie dir ausgesucht. Der Vergleich lässt die Vorteile der anderen sehen. Der Vergleich lässt die Nachteile des Eigenen sehen. Was eben noch gut war, ist im gleichen Moment schlecht. Was eben noch wertvoll war, ist im gleichen Moment eine Last.

Sicher: Jeder kann wissen, dass das nicht stimmen kann. Nur seine Gefühle sagen ihm etwas anderes. Neid sagt etwas anderes.

Der Fromme weiß es besser. Der Fromme ist der, der seine Abhängigkeit von Gott als sein Lebensglück begriffen hat und begreift. Der Fromme weiß: Gott regelt alles recht. Der Fromme wüsste sich frei für jeden neuen Tag. Denn alles ist gut, wie es ist.
Sein Kopf ist oben, sein Blick ist frei. Der Neid aber öffnet der Sünde Tor und Tür. Der Blick verfinstert sich und lässt schließlich den Bruder tot auf dem Acker liegen.

Da: Die Frage Gottes! Wo ist dein Bruder?

Kain meinte seiner Eifersucht Herr werden zu können, indem er sich den Bruder vom Hals schafft. „Soll ich meines Bruders Hüter sein?!“ Was willst Du von mir, Gott? Du bist doch selbst schuld an dem, was jetzt passiert ist! Du bist doch allmächtig! Du hättest besser aufpassen sollen, Gott! Deine Schöpfung funktioniert nicht. Von wegen es war alles gut- alles ist ungleich! Ganz Schief!

Gott hört, wenn Menschen in ihrer Not zu ihm rufen. Gott hört sogar dann noch, wenn es nichts mehr zu hören gibt: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“

Dieser Schrei gellt heute noch in unseren Ohren. Er endet da, wo keiner enden will. Im Exil, in abgeschnittenen Wurzeln, ohne Vater, Mutter, ohne Bruder. Lebenslang wird Kain diese Sache nicht mehr loslassen. Selbst die Arbeit wird ihm schwerer fallen als bisher.

Meine Schwestern, meine Brüder,

da sind wir bei uns. Wir waren eigentlich die ganze Zeit bei uns.
Die Frage kann also gar nicht heißen: Warum ist das Leben unGERECHT? Sondern: Warum ist es unGLEICH? Und die Antwort ist klar: Weil es sonst unGLÜCKLICH wäre.

Die Folge dieser Antwort ist Lebensaufgabe: Wie schaffe ich es, meine negativen Gefühle zu beherrschen? Wie beherrsche ich Neid oder Eifersucht? Wie gestalte ich dieses Leben so, dass mein Gang aufrecht bleibt, mein Blick frei, die Schwester, der Bruder neben mir ebenfalls glücklich bleiben? Wie schaffe ich es, dem anderen die Chance einzuräumen, genauso wichtig zu sein wie ich selber bin? Also: Wie lebe ich das 10. Gebot (lutherisch katholisch gezählt: 9.+10.)?

Wer die Geschichte von Kain und Abel liest und sie nicht einfach beiseite legt, bekommt und behält einen Blick für die Mechanismen des Lebens, die vom Glück ins Unglück führen. Der erkennt, welche Lebensfragen Chancen auf freien Blick haben
und ist gewarnt vor der Sorte Vergleich, die nur im hängenden Kopf enden kann. Wer Kain und Abel im Hinterkopf bewahrt, sieht den rettenden Ausweg. Weil er erkennt, wo Spekulationen, Neid und Begehren schon immer enden.

Hüter des Bruders, der Schwester zu sein, als Samariter die Wunden des anderen zu verbinden, ihm nach eigenem Vermögen zum Weiterleben zu helfen- das alles ist keine lästige Pflicht. Es ist vielmehr der einzige Weg, der Leben zum Ziel führt. Der Weg des Frommen, der Frieden mit dem Gott hat, der sogar die Stimme des Blutes auf der Erde erhört. Der seinen Lebensweg erhobenen Hauptes und klaren Blickes frei gehen kann.

Es ist der Weg des Friedens Gottes, der über das Kreuz Christi zum Ostertag führt.

Dieser Friede ist größer, als unser Denken es zu fassen vermag und gerade darum unsere Herzen und Gefühle bewahrt
in Christus Jesus.
AMEN.

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Ein Kommentar zu Vom Unglück des Vergleichens (1 Mose 4 1-16)

  1. Sabine sagt:

    Du hast so Recht, lieber Malte: die Geschichte von Kain und Abel ist eine, die man nicht oft genug lesen oder hören kann!
    Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich gerade hier wertvolle Ansätze zur (sinnlosen) Frage nach dem Warum finden könnte. Und besonders zur Frage der Ungerechtigkeit, die mich immer wieder beschäftigt. „UnGleich“ statt „Ungerecht“! Danke, dass Du mit Deinen Predigten immer wieder meinen Blick weitest.

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