Umkehren lohnt sich (1. Joh 1, 8+9)

Wie weit entfernt der Mensch auch ist
einen Augenaufschlag weit
oder am Ende der Welt
Gott ist nahe
denn Christus geht ihnen nach

Sein Ruf ist hörbar/
der Blick auf seine Gerechtigkeit
am letzten Tag der Welt liegt frei/
er sucht die Verlorenen/
er bittet um Rückkehr/
nicht schon heute am dritten Sonntag nach Trinitatis.

Der Menschensohn ist gekommen,
zu suchen und selig zu machen,
was verloren ist. (Lukas 19,10)
***

„Umkehren lohnt sich.“ Kein ganz einfaches Tagesthema. Nicht wenige von uns haben schon viele Kilometer hinter sich gebracht, nur um jetzt hier in der Hohenbrucher Kirche sein zu können. Bremen, Brandenburg, Potsdam oder Berlin- alles liegt nicht gerade nebenan. Und selbst die Wege hier im Riesen-Dorf (zumindest der Fläche nach) sind für die meisten so lang, dass man sie nicht eben mal schnell zu Fuß gehen könnte. Und dann bekommt man hier zu hören: „Umkehren lohnt sich“?

Aber keine Bange: Wir sind keine schlechten Gastgeber nach dem Motto: Der Weg war umsonst. Es geht auch nicht darum, die Festlaune gegen ein schlechtes Gewissen einzutauschen. Es geht darum, grundsätzlich darüber nachzudenken, was „Umkehr“ für ein Leben überhaupt bedeutet.

Immer wieder ist in der Bibel von Umkehr, Buße oder Bekehrung die Rede. Gemeint ist, Verhaltensweisen zu korrigieren, das eigene Leben zu ändern. In unseren Gottesdiensten hören wir darum oft (wie auch heute) auf die zehn Gebote. Von denen glauben wir, dass sie die Leitschnur Gottes für unser Leben sein sollen.

Heute haben wir danach aus dem Buch des Propheten Hesekiel gehört: Gott habe Gefallen daran, das Menschen die Wege, die von Gott weg führen, verlassen und zu ihm zurück kehren. Also: Umkehren.

Nur: Wer immerzu umkehrt, dreht sich im Kreis, der kommt nirgendwo an und nirgendwo hin. Das wäre ein Leben ohne Sinn, das kann Gott für uns nicht wollen. Worum aber geht es dann?

Johannes versucht in seinem 1. Brief eine Antwort. Ich lese aus dem Predigttext, Kapitel 1 die Verse 8+9:

8 Wenn wir behaupten, OHNE Sünde zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit.
9 Doch WENN wir unsere Sünden bekennen, erweist Gott sich als treu und gerecht: Er VERGIBT uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht, ´das wir begangen haben`.

Es ist wohl die traurigste, sicher aber die schlimmste Form des Betruges: Sich selbst zu betrügen. Sich der Wahrheit zu verschließen. Ohne es zu sehen, vielleicht gar ohne es sehen zu wollen. Wie kann man das verhindern?

Ehrlichkeit ist hier gefragt. Wahrhaftigkeit. Seid Ihr immer ehrlich? Sind wir in der Wahrheit, wie das Johannes ausdrückt? Da ist nicht gemeint, ob jeder von uns immer die volle Wahrheit sagt. Das geschieht oft genug nicht, ja KANN manchmal gar nicht geschehen.

Denn mitunter weiß Mancher einfach nicht richtig Bescheid und sagt schon deshalb etwas Falsches. Oder es gibt es die Unwahrheiten aus Höflichkeit oder aus Feigheit oder aus Liebe.

Jemand sieht zum Beispiel wirklich schlecht aus, weil er krank ist. Dann wird man ihm möglichst nicht ins Gesicht sagen: „Au Mann, du siehst ja fürchterlich aus!“.

Oder jemand hat ein Abendessen zubereitet. Aber es schmeckt einfach nicht. Viele werden das zu verbergen suchen und irgend etwas Freundliches sagen: „Hmm, wo hast du denn das leckere Bier her?“ oder sich zu-rückziehen: „ Bitte sei nicht böse- aber ich musste heute Mittag schon so viel essen, dass mir jetzt wirklich schlecht werden würde, wenn ich noch mehr esse.“

Ein sehr weites Thema ist das. Wann muss ich die Wahrheit sagen, wann DARF ich sie, ja wann SOLLTE ich sie besser verschweigen – um der Liebe willen?

Aber Johannes will sich nicht in diese Diskussion hinein begeben, ihm geht es um NOCH etwas anderes, dahinter liegendes.
Das In-der-Wahrheit-Sein, von dem Johannes schreibt, ist etwas ganz Grundsätzliches, spezifisch Theologisches.

Es geht um die Frage: Wie passen persönlicher Glauben und eigenes Leben zusammen, Theorie und Praxis, Reden und Tun? Und wie steht es um die Erkenntnis eigenen Fehlens, die Selbstkritik? Ist das Christsein für jeden von uns eine Herzensangelegenheit oder sieht es ganz im Inneren viel-leicht anders aus?

In dieser Frage sind nicht nur Kirchenleitungs-Worte oder andere öffentliche Reden wie die auf den Kanzeln gemeint. Jeder Einzelne von uns ist da gefragt. Gefragt nach SEINER eigenen, intimen Position zum Thema „Sünde“, so ungern wir dieses Wort (gerade heute beim Feiern) hören wollen.

Sund – das Wasser, das die Insel vom Festland trennt. Der Strelasund vor Rügen, der Fehmarnsund vor Fehmarn. Sünde – der Graben, der den Menschen von Gott trennt. Aber haben wir von dem auch so klare Vorstellungen?

Die aber sind nötig. Nur wer hier klare Vorstellungen HAT, kann den Graben auch klar beim Namen nennen. Und nur so hätte man die Möglichkeit zu erkennen, wo dieser Sund, also „meine Sünde“ liegt und wie man ihn vielleicht überwinden könnte. Wie aber ist das zu schaffen?

Zu unserer sonntäglichen Gottesdienstordnung gehört das Gebet, das wir nach der Erinnerung an die Geboten gehört haben. Es ist ein entfaltetes „Kyrie eleison“, also ein „Herr erbarme dich“.

Hier wird Sonntag für Sonntag aus immer neuen Perspektiven heraus versucht, das Gegenüber zwischen Mensch und Gott zu erfassen. Gottes Tun und unser Tun zu betrachten. Und dabei Stellen zu benennen, wo unser Denken und Tun nicht dem Denken und Tun Gottes entsprechen.

Aber funktioniert das auch? Mich persönlich treffen diese Gebete oft/ immer wieder einmal. Da gibt es dann diese Momente, wo ich merke: Genau das ist der Punkt, wo ich wirklich lange noch nicht DA bin, wo Gott mich ziemlich sicher gerne haben würde.

Aber es gibt auch Sonntage, da rauscht dieses Gebet an mir vorbei, weil es mich nicht trifft. Und es gibt Sonntage, da fällt mir dabei selbst in eigenen Worten nichts ein, was ich da still für mich beten oder bekennen würde.

Sicher: Dieses Gebet ist mir eine Hilfe, die ich nicht missen möchte. Aber reicht das allein zum In-Der-Wahrheit-Sein?

Keine Angst! Ich habe ja versprochen, dass es nicht darum geht, ein schlechtes Gewissen zu produzieren. Es geht im Moment wirklich „nur“ um die Frage, wie man das erkennen kann, was Johannes hier Selbstbetrug nennt. Das wäre doch schon ein wichtiger Anfang: Wenigstens zu er-kennen, wo der Selbstbetrug lauert. Was also kann hier helfen?

In vielen lutherischen Gemeinden wird regelmäßig gemeinsam das allgemeine Beichtgebet gesprochen: „Ich armer, elender, sündiger Mensch – ich habe gesündigt mit Gedanken, Worten und Werken.“

Für viele katholische Christen gehört es zur Glaubenspraxis, ganz regelmäßig zur Beichte zu gehen. Für uns Evangelische gibt es zwar auch noch eine Anleitung zur Beichte im Gesangbuch, aber ich kenne nur sehr wenige, die davon Gebrauch machen würden.

Noch einmal: Es geht hier nicht darum, ein schlechtes Gewissen zu machen. Es wird sicher zu Recht den Kirchen vorgeworfen, immer wieder mit der Rede von der Sünde versucht zu haben, die Menschen klein zu reden.

Aber wer sich vor Selbstbetrug bewahren will, der muss für sich eine Möglichkeit finden, Sünde aufzudecken. Vielleicht immer mal wieder im Kyrie-Gebet, vielleicht in der allgemeinen Beichte, vielleicht in der persönlichen Beichte, vielleicht auf einem noch ganz anderen Weg.

Denn Johannes schreibt zu Recht:
8 Wenn wir behaupten, OHNE Sünde zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit.

Denn wären wir ohne Sünde, wären wir ganz bei Gott. Dann wäre unser Leben in jedem Moment ohne Fehl und Tadel. Dann gäbe es keine schlechten Träume, dann wären wir nur glücklich oder, wie die Bibel sagt, „selig“. Egal, ob die Sonne scheint oder es regnet, egal ob wir körperlich gesund sind oder krank, egal ob arm oder reich, egal ob jung oder alt, ob schwach oder stark: uns ginge es gut, in jedem Augenblick.

Wer aber könnte das von sich sagen? Gerade darum will ich mit meinem Leben achtsam umgehen. Die Gefahr des Selbstbetruges erkennen und ihr begegnen. Denn ich möchte Christ sein, möchte nah bei Gott sein, möchte In-Der-Wahrheit-Sein.

Und dafür gibt es auch einen guten Grund, den Johannes hier sehr treffend so beschreibt: WENN wir unsere Sünden bekennen, erweist Gott sich als treu und gerecht: Er VERGIBT uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht, ´das wir begangen haben`.

„Sünden bekennen“ ist sinnvoll und hat eine große Verheißung.

Sinnvoll ist es, weil der, der begriffen hat, auf einem für ihn nicht hilfreichen Weg zu sein, damit bereits den ersten Schritt zur Umkehr gemacht hat. Denn jeder wird den Weg gehen wollen, der verspricht, gut für ihn zu sein. Und versuchen den Weg zu meiden, von dem er erkannt hat, dass er zu nichts Gutem führt, vielleicht sogar falsch ist.

Im Bezug auf Gott: In-Der-Wahrheit-Sein bedeutet zu erkennen, was genau mich von Gott wegführt. „Sünde bekennen“ heißt, den Weg von Gott weg zu sehen. Und wer Gott nah kommen will, der wird auch seine Wege so korrigieren wollen, dass sie zu Gott hin und nicht von ihm weg führen.

„Sünde bekennen“ ist also der erste Schritt zur „Buße“, zur „Umkehr“, zum Hin-Zu-Gott-Gehen.

Schließlich, liebe Brüder, liebe Schwestern:*

Dieser NEUE Weg hat eine große Verheißung. Auf ihm kann man finden, was man braucht, um glücklich zu sein, „selig“ zu werden. Johannes nennt zuerst eine große Sicherheit: Gott erweist sich als treu. Als der, der nicht nur Himmel und Erde geschaffen hat, sondern als der, der uns in Jesus Christus gezeigt hat, dass seine Liebe zu uns stärker ist als jeder Weg, der von Gott wegführt.

Zweitens: Gott vergibt unsere Schuld. Wahrscheinlich bedeutet das nicht, dass er sie ungeschehen macht oder einfach vergisst. Aber, und das ist viel wichtiger: Gott lässt sie nicht zwischen ihm und uns stehen. Er ist nicht nachtragend. Darum ist er in Christus für uns gestorben, weil wir seine Leidenschaft sind: Wir, seine Menschen. Für uns ist ihm kein Weg zu lang oder zu schwer.

Darum spricht Johannes drittens sogar von Reinigung: Wir werden Gott als den erleben, der den Weg zu ihm von Hindernissen frei räumt. Der will, dass wir glücklich werden. Dass wir den Weg zur Seligkeit finden.

Umkehr lohnt sich also. Sie ebnet uns den Weg zu einem Leben, das uns selig macht:

Ein Leben in der Liebe Gottes,
ein Leben durch die Gnade Jesu Christi,
ein Leben durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Das zu feiern sind wir heute hier.
AMEN.

*: Diese Predigt habe ich als Lesepredigt für eine Lektorin geschrieben. Malte Koopmann

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