So war das mit dem Wal (2)

Nach dem letzten Gottesdienst bin ich gefragt worden, warum ich denke, dass das Jonabuch einige hundert Jahre nach dem Tod des historischen Propheten Jona geschrieben ist, von dem das 2. Buch der Könige berichtet.

Das ist eine ganz spannende Sache. Da ist zuerst, dass Ninive im Jonabuch als Königsitz beschrieben wird. Aber das wird Ninive nachweislich erst viele Jahre nach dem Tod des Jona.

Und dann ist es die Form des Textes: Das Jonabuch ist kein Geschichtstext. Nicht nur, weil es unwahrscheinlich ist, dass ein Fisch einen Menschen verschluckt und ihn dann wohlbehalten wieder an Land gehen lässt. Auch vieles, was wir heute und beim nächsten Gottesdienst hören werden, lässt uns sehen, dass im Jonabuch kein Bericht, sondern ein religionspädagogischer Text steht.

Vor allem diese beiden Argumente (es gibt noch einige mehr) sind es, die die meisten Theologen davon überzeugen, dass das Jonabuch ein sehr junges biblisches Buch ist.

Aber ob es nun gut 2000 oder gut 2500 Jahre alt ist: Für uns heute ist das eigentlich egal. Denn der ganzen Geschichte ist nicht wichtig, OB sie wirklich passiert ist. Ihr ist wichtig, WAS sie passieren LÄSST. Wie bei einem Märchen, das von Generation zu Generation weitererzählt wird. Weil es eine Lehre birgt, die nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Ich hoffe, ihr habt inzwischen Zeit gefunden, die ersten beiden Kapitel im Jonabuch zuhause in der Bibel nachzulesen. Ihr werdet gemerkt haben: Auch wenn die Ballade von Klaus-Peter Hertzsch manches anders beschreibt als der Bibeltext selbst- in ihren Aussagen bleiben beide Texte eng beieinander.

Also machen wir heute weiter, wie begonnen ist: Ihr lest zuhause bis zum nächsten Gottesdienst auch das dritte Kapitel Jona in der Bibel, und ich lese Euch statt dessen die Jona- Ballade von Hertzsch weiter vor, in der Jona nach seinem Lobgesang für Gott noch im Fischbauch steckt:

Am dritten Tag im Abendlicht,
da kam das grüne Land in Sicht.
Der Fisch, der würgte sehr und spuckte,
bis Jona aus dem Maul ihm guckte.
Nun sprang Jona auf den Strand
und winkte, bis der Fisch verschwand.

Und Gott sah aus von seiner Höh
und sah auf die Stadt Ninive,
sah auch den guten Fisch und sah:
Jetzt ist der Jona wieder da.
Und sprach zu ihm: Nun aber geh
auf schnellstem Weg nach Ninive!

Vor dem ersten Auftrag Gottes war Jona geflohen. Auf der Flucht hatte er sich selbst aufgegeben und sich ins Meer werfen lassen. Aber Gott hat ihn vor dem sicher geglaubten Tod gerettet. Darum wendet sich Jona wieder Gott zu, ihm gilt Dank und Lob in der Dunkelheit des Fisches. Drei Tage lang war er dort.

Als Jesus später nach Matthäus 12 (38ff) vom „Zeichen des Jona“ spricht, spricht er von diesen drei Tagen völliger Dunkelheit. Ähnlich wird Jesus in völliger Dunkelheit sein – zwischen Kreuz und Auferstehung.
Seine „Auferstehung“ erlebt Jona als Erneuerung des alten Auftrages:  Nach Ninive zu gehen und dort zu predigen.

Ninive war eine blühende Stadt. Sie lag aber nicht in Israel, sondern weit im Nordosten, am linken Ufer des Tigris. Sie war die dritte Hauptstadt des assyrischen Großreiches. Damit steht Ninive als Synonym für all die fremden Großmächte, die Israel immer wieder beherrscht haben: Die Babylonier, die Assyrer, die Perser oder die Hellenisten nach Alexander dem Großen.

Der Auftrag des Jona ist also sehr pikant. Er soll den Herrschenden drohen. Und das aus der Position des Schwachen, nämlich des Beherrschten aus Israel. Er soll das Handeln des Gottes Israels androhen, der doch für die Menschen in Ninive gar keine Rolle spielt. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Aber der Befehl Gottes war eindeutig. Und auf eine zweite Flucht will Jona sich nicht einlassen, soviel zumindest hat er gelernt. Die Ballade reimt weiter:

Da ging er los und floh nicht mehr
viel Tag und Nächte wandert er.
Er kam ans Tor und ging hinein,
die Stadt war groß, er war allein.

Und trotzdem fasste er sich Mut,
hielt seine Predigt kurz und gut
und rief auf Plätzen und auf Straßen,
wo Leute standen oder saßen:

Noch vierzig Tage, spricht der Herr,
dann gibt es Ninive nicht mehr.
Die Stadt ist groß, die Stadt ist schön,
(doch,) was böse ist, muss untergehn.

Die kürzest mögliche Predigt hält Jona. Wirklich mutig. Die Bibel ist voll von Versuchen, dass Propheten sich gegen Herrscher stellten und mit ihren Predigten scheiterten. Und das im so gottesfürchtigen Israel. Jona versucht es trotzdem. Weit weg von Israel. Hier konnte er mit keiner Menschenseele rechnen, die ihm irgendwie den Rücken gestärkt hätte. „Die Stadt war groß, er war allein.“ Wirklich allein. Doch es geschieht Wunderbares:

Die Leute, wie man denken kann,
die hörten das mit Schrecken an.
Sie hatten nie daran gedacht
und schliefen nicht die nächste Nacht.

Und morgens war die Lust dahin,
die schönen Kleider anzuziehn.
Sie zogen einfach Säcke über
und eine alte Schürze drüber.

Es sang kein Mensch ein frohes Lied mehr.
Sie hatten keinen Appetit mehr.
Sie aßen nicht, sie tranken nicht,
sie dachten nur ans Strafgericht.

Und als der König das erfuhr,
erschrak er auch und nickte nur.
Er zog den Purpurmantel aus
und schickte seinen Koch nach Haus.
Er nahm nicht Schuh noch Fingerring,
weil er im Sack und barfuß ging.

Sein Herold rief mit Hörnerklang:
Befehl! Ihr sollt drei Tage lang
bedenken in der ganzen Stadt,
was Jona euch gepredigt hat,
was jeder Böses hat getan
und wie er’s besser machen kann.

Ihr sollt die Kleider und das Essen,
ja selbst einmal das Vieh vergessen.
Ihr sollt in Häusern und in Hütten
den Herrn um sein Erbarmen bitten.
Vielleicht ist es noch nicht zu spät,
dass unsre Stadt nicht untergeht.

Und Gott sah aus von seiner Höh
und sah auf die Stadt Ninive
und sah die traurigen Gestalten
und sprach: Ich will die Stadt erhalten.
Da waren alle Leute froh
und ihre Tiere ebenso.

Kein Wort zu viel predigt Jona. Aber das Ergebnis ist atemberaubend. Keine Übergriffe gegen Jona, kein Widerwort bekommt er zu hören, es gibt keine langen Diskussionen. Stattdessen tiefstes Erschrecken von der ärmlichsten Hütte bis in den Königspalast. „Sie hatten nie daran gedacht und schliefen nicht die nächste Nacht“ – das schlechte Gewissen packt sie alle.

Das große Dreitagesfasten wird königlich befohlen. An Radikalität kaum zu überbieten: Selbst die Tiere sollen drei Tage vergessen werden.

Hier kann man deutlich spüren: Unsere Geschichte lebt von Ironie, von völliger Übertreibung. Jedem wird so deutlich: Hier geschieht völlig Unmögliches. Aber bei Gott wird es möglich: Die Heiden werden fromm.

Macht euch das klar: Diese Geschichte wird nicht den Heiden, sondern Israel erzählt. Dem Israel, das unter Fremdherrschaft steht und leidet. Und doch: Im ganzen Jonabuch kein einziges Schmähwort gegen die Besatzer. Kein winziger Hinweis auf die Zerstörung Ninives im Jahr 612 vor Christus. Kein Zorn, kein Nachtreten.

Im Gegenteil: Ninive wird sogar zum Vorbild für Israel. Ein Volk von Heiden, ohne Geschichte mit Gott, hört Worte des Gottes Israels, bereut sein Tun und kehrt um. Auf der Stelle, ohne Zeitverzug.

Dass muss Israel verdauen: Die „Feinde“ können es manchmal besser. Selbst sie erfahren die Zuwendung Gottes. Israel muss lernen: Gottes Liebe kennt keine Grenzen, weder nationale noch religiöse.

Das trifft wie ein Keulenschlag.
Nicht nur Israel damals, auch uns heute.

Auf der anderen Seite des Tigris, gegenüber vom alten Ninive, liegt Mossul. Im vergangenen Jahr von den Kriegern des sogenannten „Islamischen States“ erobert.

Eine ihrer ersten Taten: Die Enthauptung der Marienstatue neben der Immakulata- Kirche.
Die über dem angeblichen Grab des Jona errichtete Moschee, ein Wallfahrtsort vieler muslimischer und christlicher Pilger, wurde gesprengt.
Die Häuser von Christen wurden mit einem „N“ für Nazoräer gekennzeichnet, die Bewohner vor die Wahl gestellt, zu fliehen, zum Islam zu konvertieren oder umgebracht zu werden.

Wen packt da nicht die Wut? Muss man diesem Terror nicht mit Gewalt begegnen? Macht man sich nicht schuldig, wenn man nichts tut? Schuldig an der Liebe, auf die auch die Getretenen und Ermordeten dieser Welt ein Recht haben?

Warum wird Gottes Volk unterdrückt? Warum seine Kirche verfolgt? Durch die Jahrtausende ziehen sich diese Fragen wie ein roter Faden. Wer versucht, sich ihnen zu entziehen, muss seine Augen vor der Welt verschließen.

Wird wegsehen, wenn Menschen, die vor einem unwürdigen Leben auf der Flucht sind, im Mittelmeer ertrinken. Wird die fruchtlose und gefährliche Debatte führen, ob es Flüchtlinge erster und zweiter Klasse gibt. Wird sich anmaßen, Fluchtgründe zu bewerten und entweder großzügig gelten oder Menschen vor der Tür stehen zu lassen.

Gottes gibt uns SEINE Antwort auf diese Fragen.
Man kann sie schon im Jonabuch finden.
Wird sie Jona passen?
Wird sie uns passen?

Weder er noch wir werden daran vorbeikommen:

Gottes Liebe kennt keine Grenzen, keine nationalen, keine religiösen.

Gottes Liebe schafft Frieden, der größer ist als alles, was wir denken können.

Er bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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