So war das mit dem Wal (1)

Unsere Probe- Perikopenreihe (4) gibt uns für drei Sonntage das ganze Jonabuch zur Predigt auf. Ich habe noch nie in drei Abschnitten ein ganzes biblisches Buch gepredigt. Ich habe auch noch nie beim Predigen gewettet. Mit beidem fange ich heute einfach an.

Zuerst zur Wette: Klaus-Peter Hertzsch, er war Studentenpfarrer und Theologieprofessor in Jena, hat einmal eine Reihe von Bibeltexteten in Reime gesetzt. In dieser Reihe war auch das Buch Jona.  Ich wette jetzt mal, dass mehr von Euch eine Bibel zuhause haben als die Bibelballaden von Klaus-Peter Hertzsch. Oder?

Also, diese Wette habe ich gewonnen (in keiner „meiner“ beiden Gemeinden hatte jemand den Hertzsch im Bücherschrank). Nicht ganz fair. Aber einen Wunsch habe ich trotzdem frei: Ihr lest euch den Predigttext zuhause alleine durch. Im Ersten Teil der Bibel das Buch Jona, die Kapitel 1 und 2. Die müsst ihr lesen, schließlich habt ihr eine Wette verloren. Dafür lese ich euch anstelle des Predigttextes die entsprechenden Teile der Jona-Ballade von Hertzsch. Dann könnt ihr zuhause vergleichen. Die Ballade beginnt so:

„Wie schön war aus der Fern und Näh,
wie schön war die Stadt Ninive!
Sie hatte Mauern stark und dick.
Die Wächter machten Blasmusik.
Ein Stadttor war aus blauen Ziegeln  
mit schwerer Tür und goldenen Riegeln,
davor zwölf bärtige Soldaten
von einem Bein aufs andre traten.

Die Häuser waren schön und bunt
die Türme spitz, die Türen rund.
Man konnte dort drei Tage wandern
von einem schönen Platz zum andern.
Die Bäume blühten in den Straßen
auf denen bunte Vögel saßen.
Da gab es Teiche, voll von Fischen,
auch schönen goldenen dazwischen.
Die Kinder rannten um die Ecken
und spielten Haschen und Verstecken.

Dem König selbst gefiel es dort,
er wohnte darum auch am Ort.
Es gab ein goldenes Schloss für ihn
das glänzte, wenn die Sonne schien.
Und abends auf den Mauerzinnen
da sangen oft die Sängerinnen.

Es standen Kühe in den Gärten
wohin sie die Besitzer sperrten.
Auch sah man kleine Schafe weiden,
die blökten freundlich und bescheiden.

Und Gott sah aus von seiner Höh
und sah auf die Stadt Ninive.
Die schöne Stadt, sie macht’ ihm Sorgen.
Die Bosheit blieb ihm nicht verborgen.
Da tranken sie. Da aßen sie.
Die Hungernden vergaßen sie.

Der König schickte die Soldaten;
die plünderten in fremden Staaten.
Und ihre schönen bunten Kleider
die nähten eingefangne Schneider.

Gott sprach, nachdem er das gesehen:
„Nein – so kann’s nicht weitergehen.“
Und sprach: „Wenn sie sich nicht bekehrt,
wird bald die schöne Stadt zerstört.“

Dann ließ er seine Blicke wandern
langsam von einem Land zum andern,
sah Wald, sah Meer, sah das, sah dies –
sah einen Mann, der Jona hieß.
„Los Jona“, sprach der Herr, „nun geh
auf schnellstem Weg nach Ninive!
Sag ihr mein Wort! Sei mein Prophet,
weil es dort leider übel steht.“

Am Anfang  der Ballade sehen wir die schönen Seiten der Stadt und hören von himmelschreiendem Unrecht. Wir lernen Ninive lieben – und fürchten. Wir hören von Gott, der sich Sorgen macht um diese Stadt. Auch er liebt die spielenden Kinder, das goldene Schloss, die bärtigen Soldaten. Und weiß, dass diese Stadt ihrem Untergang entgegen geht, wenn sie sich nicht ändert.

Dann entdeckt er Jona. Jona ist der Sohn Amittais. Er hat in der Nähe von Nazareth gewohnt, wissen wir aus 2. Könige 14. Unwichtig, dass das schon 500 Jahre her ist, als die Sache mit Ninive geschah. Wichtig, dass der Prophet einen Namen hat, den alle kennen.  Denn: Wichtig ist nämlich nicht, OB es geschehen ist. Wichtig ist, WAS geschieht.

Damit das jeder Leser, der ein wenig bibelkundig ist, das auch merkt, wird jetzt also ein Prophet aktiviert, der schon seit 500 Jahren einen Namen hat. Ein wenig Fantasy in der Bibel. Gott schickt nicht IRGENDWEN nach Ninive. Er schickt jemanden mit langer Erfahrung. Es geht schließlich um Leben und Tod. Es geht um die Liebe zwischen Gott und seinen Menschen.

Der alte Jona hat lange Erfahrung mit Gott. Darum weiß er sofort, dass es hier nicht um kleine Fische geht, als er Gottes Stimme sagen hört, und jetzt lese ich die Ballade weiter:

„Da hilft nur eine kräftige Predigt,
sonst ist die schöne Stadt erledigt!“
Doch Jona wurde blass vor Schreck
und sagte zu sich: „Nichts wie weg!
Ich lösch mein Licht, verschließ mein Haus.
Ich mach mich fort. Ich reiße aus.“

Den Blick nach Westen wandte er.
Erst lief er nur. Dann rannte er.
Am Feld entlang – am Wald entlang –
er sah sich um. Es ward ihm bang.

Der Staub flog hoch. Er keuchte sehr,
als liefe einer hinter ihm her.
Gott aber, der den Weg schon kannte,
sah lächelnd zu, wie Jona rannte.

Am Ende kam der müde Mann
am weiten blauen Meere an.
Da roch die Luft nach Salz und Tang.
Da fuhrn die Fischer aus zum Fang.
Matrosen sah man lachend schlendern,
erzählen sich von fremden Ländern.
Noch lag ihr Schiff an festen Tauen.
Noch sangen die Matrosenfrauen.

Als Jona alles angestaunt,
da war er wieder gut gelaunt.
Er sagte zu dem Kapitän:
„Wohin soll denn die Reise gehen?“
„Nach Tharsis geht es“, sagte der,
„weit weg von hier, weit übers Meer“.
„Je weiter“, rief er, „desto besser!“
Hört zu: Ich bin kein starker Esser,
ich nehme wenig Platz euch weg
und zahle gut. Lasst mich an Deck!“

So zahlte er und ging an Bord.
Und bald darauf, da fuhrn sie fort.
Das Meer war weit. Das grüne Land,
es wurde kleiner und verschwand.
„Ahoi!“ rief Jona. „Klar bei See!
Ich gehe nicht nach Ninive!“

Dann langsam sank die Sonne unter.
So stieg er in das Schiff hinunter.
Und weil er nicht geschlafen hatte,
legt‘ er sich in die Hängematte.

Und Gott sah aus von seiner Höh
und sah auf die Stadt Ninive
und sah das Schiff, schon weit vom Hafen,
und sah: Jetzt geht der Jona schlafen.
Auf einmal gab es einen Stoß.
Das Schiff stand schief. Ein Sturm brach los.

Die Wellen schwappten über Deck
und spülten alle Bänke weg.
Das Ruder schlug und brach zuletzt.
Das große Segel hing zerfetzt.
Nun rollten Donner, zuckten Blitze.
Der hohe Mast verlor die Spitze.
Das Schiff, es wurde hochgehoben
und zeigte manchmal steil nach oben.

Den armen Leuten auf dem Schiff
war bange, als der Sturmwind pfiff.
Sie liefen ängstlich hin und her.
Ihr Boot schien ihnen viel zu schwer.
Sie nahmen alles, was sie hatten:
den Anker und die Hängematten,
den Kompass und das Wetterhaus,
und warfen es zum Schiff hinaus.

Dann wollten sie in ihren Nöten
ein Lied anstimmen oder beten.
So riefen sie – weil sie nicht wussten,
zu wem sie wirklich beten mussten;
denn Gott war ihnen unbekannt-:
„Hilf, wer das kann, hilf uns an Land!“

Zu Jona lief der Kapitän
und bat ihn, endlich aufzustehn.
„Auf! Auf!“ befahl er dem Propheten,
„wenn du es kannst, dann hilf uns beten!“
Inzwischen sagten die Matrosen,
sie wollten miteinander losen.

Wer nur das schwarze Los bekäm,
der wäre schuld an alledem.

Und Jona zog das schwarze Los.
Und jeder sprach: „Wer ist das bloß?“

„Ich bin“, sprach Jona, „ein Hebräer,
Ich flieh – und doch kommt Gott mir näher.
Ja Gott, dem bin ich wohlbekannt.
Hat mich nach Ninive gesandt.
Da bin ich vor ihm ausgerissen
und werd nun wohl ertrinken müssen“.

Zuerst versuchten die Matrosen
es noch mit Rudern und mit Stoßen.
Doch als es gar nicht anders ging
und schon das Schiff zu sinken anfing,
da nahmen sie den Jona her
und warfen ihn hinaus ins Meer.

Sie sahn ihm nach, wie er verschwand,
und riefen: „Gott, bring uns an Land!“
Und siehe da – die Winde schwiegen,
die Wolke schwand, die Sterne stiegen.
Es wurde still all überm Meer.
Das Schiff zog ruhig wie vorher.
Und sie erholten sich allmählich,
sie lobten Gott und wurden fröhlich.
Bald sahn sie auch ein Land von weiten
und kamen dort zu guten Leuten.“

Gott sei Dank. Die Schiffsbesatzung ist wieder in Sicherheit. Aber nicht nur das: Landurlaub bei guten Leuten – beste Voraussetzungen, um sich zu erholen. Nachzudenken darüber, was sie gerade erlebt haben. Den zu loben, der sie nicht hatte untergehen lassen.

Und Jona? War er nicht Schuld an allem? Aus dem Boot geworfen, weil er alle in Gefahr gebracht hatte?

In jedem Fall hatte er seinen Dienst nicht tun wollen. Aber wer von uns würde denn gern als Unheils- Prediger in eine satte Stadt gehen? Jona fürchtete sicher, ausgelacht, verspottet und nicht ernst genommen zu werden. Zu Recht.

Darum zog er nicht, wie befohlen, gen Osten nach Ninive, sondern genau in die entgegensetzte Richtung. Nach Westen, ans Ende der damals bekannten Welt. Tarsis liegt im heutigen Andalusien, also in Spanien.

Aber der Sturm kam dazwischen. Gott kam ihm dazwischen. Zwang ihn, Farbe zu bekennen. Seine Flucht öffentlich zu machen.

Und als ob diese Peinlichkeit nicht schlimm genug war: Jetzt brachten die Matrosen noch heiße Asche auf sein Haupt. Obwohl das schwarze Los Jona als Ursache der Katastrophe entlarvte, obwohl Jona es selbst zugegeben hatte – so einfach gaben sie sich nicht geschlagen. Erst, als aller Leben auf dem Spiel stand, gaben sie ihn auf und warfen ihn ins Meer.

Jona- der Stein des Anstoßes. Der, der an dem ganzen Dilemma die Schuld zu haben schien. Was wurde jetzt aus ihm? Die Ballade weiter:

„ Der arme Jona schwamm inzwischen
im Meer herum mit lauter Fischen.
Es war nicht Schiff noch Insel da,
nur blaues Meer, soweit man sah,
Er war zum Glück kein schlechter Schwimmer;
Doch bis nach Hause – nie und nimmer!
Da plötzlich teilten sich die Wogen.
Es kam ein großer Fisch gezogen.

Dem hatte Gott der Herr befohlen,
den nassen Jona heimzuholen.
Sein Maul war groß wie eine Tür.
Das sperrt‘ er auf und sagte: „Hier!“
Er saugte den Propheten ein.
Der rutschte in den Bauch hinein.
Dort saß er, glitschig, aber froh:
denn nass war er ja sowieso.

Da hat er in des Bauches Nacht
ein schönes Lied sich ausgedacht.
Das sang er laut und sang er gern.
Er lobte damit Gott den Herrn.
Der Fischbauch war wie ein Gewölbe:
das Echo sang noch mal dasselbe.
Die Stimme schwang, das Echo klang,
der ganze Fisch war voll Gesang.“

Diesen Lobgesang sprechen wir jetzt im Wechsel,
ihr lest die Zeilen in Großbuchstaben:

Ich rief zum Herrn in meiner Not,
und er antwortete mir.
ICH SCHRIE AUS DEM RACHEN DES TODES,
UND DU HÖRTEST MEINE STIMME.
Du warfst mich in die Tiefe,
mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben.
ALL DEINE WOGEN UND WELLEN
GINGEN ÜBER MICH,
dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen,
ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.
WASSER UMGABEN MICH UND GINGEN MIR ANS LEBEN,
DIE TIEFE UMRINGTE MICH, SCHILF BEDECKTE MEIN HAUPT.
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen,
der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.
ABER DU HAST MEIN LEBEN AUS DEM VERDERBEN GEFÜHRT, HERR, MEIN GOTT!
Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn,
UND MEIN GEBET KAM ZU DIR IN DEINEN HEILIGEN TEMPEL.
Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.
ICH ABER WILL MIT DANK DIR OPFER BRINGEN.
Meine Gelübde will ich erfüllen dem Herrn, der mir geholfen hat.

Im Bauch des Fisches weiß Jona wieder, warum er Prophet war. Spricht dieses Gebet, zeitlose Worte für Menschen in Not, Gefangene in Dunklelheit, Menschen auf der Suche nach Leben. Hier hat er Zeit. Denkt nach. Spricht mit dem, der überall ein Ohr und sein Herz hat.

„Am dritten Tag im Abendlicht,
da kam das grüne Land in Sicht.
Der Fisch, der würgte sehr uns spuckte,
bis Jona aus dem Munde guckte.
Nun sprang der Jona auf den Strand
und winkte, bis der Fisch verschwand.
Und Gott sah aus von seiner Höh
und sah auf die Stadt Ninive,
sah auch den guten Fisch und sah:
Jetzt ist der Jona wieder da.“

Jona muss nun neu versuchen, zu lernen, wie Gott handelt. Gottes Liebe wird Wunderbares entstehen lassen und letztlich Frieden schaffen:

Den Frieden Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft.Er bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu So war das mit dem Wal (1)

  1. Christoph Krüger sagt:

    Hallo Malte, wir haben das Buch von Klaus-Peter Hertzsch! Wir haben ihn auch in Dresden während unserer Studentengemeindezeit zu mindestens einem Vortrag gehört. Da hat er auch aus seinem Balladenbuch vorgetragen. Mit uns hättest Du Deine Wette verloren. Die Jonageschichte ist immer wieder faszinierend. Es gibt auch ein sehr lesenswertes Buch darüber „Der Mann im Fisch“. Autor kann ich nachliefern, wenn wir wieder zu Hause sind.
    Herzliche Grüße Christoph Krüger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.