Schafe, Hirten, der Islam und Deutschland (1. Pet 5, 1-4)

Schlechte Hirten
vor ihnen wird gewarnt
wohl schon immer
wird es sie gegeben haben
bringen ihr Schäflein ins Trockene
weiden sich selbst
Wölfe im Schafspelz

Der gute Hirte
Glücksfall der Menschen
denn seine Herde ist seine Leidenschaft
sein Leben wird ihr Leben
denn er liebt sie

Der gute Hirte
wer ihn kennt, lernt sie kennen
Miserikordias Domini
die Barmherzigkeit des Herrn

Christus spricht:
Ich bin der gute Hirte.
Meine Schafe hören meine Stimme,
und ich kenne sie, und sie folgen mir;
und ich gebe ihnen das ewige Leben.
(Joh 10, 11a 27.28a)
***
Im letzten meiner Jahre als Militärseelsorger hat mir ein Soldat des Wachbataillons in Berlin erzählt, wen er schon alles am roten Teppich von Schloss Bellevue begrüßen durfte: Die Präsidenten der USA oder Frankreichs, die englische Queen, den schwedischen König.

Das Wachbataillon ist das Gesicht der Bundeswehr bei Staatsempfängen. Es ist bekannt für seinen hohen Gemeinschaftssinn, seine Tradition reicht zurück bis in preußische Zeiten. Aber auch das Wachbataillon hat sich mit den Zeiten verändert. Wie alles, was lebt.

Der Soldat, mit dem ich sprach, war kein Preuße, sondern Deutsch-Libanese und gläubiger Muslim. Er fand es gut, dass es in der Bundeswehr eine christlich Militärseelsorge gäbe, durch die die Kirchen für die Soldaten da seien. Und dass auch für ihn persönlich in der Bundeswehr gewährleistet wäre, seinen eigenen Glauben leben zu können.

Das fünfmalige Gebet könne er problemlos mit seinem Dienstalltag vereinen, besser als viele andere in ihren Berufen in Deutschland. Er faste und gehe jeden Freitag in die Moschee. Der Glaube sei seine innere Richtschnur und helfe ihm, ein besserer Mensch zu sein, zumindest hoffe er das sehr.

Er sei stolz darauf, dass er in der Bundeswehr dienen dürfe, die dem Schutz der demokratischen Werte Deutschlands verschrieben sei. Zu denen auch die Religionsfreiheit gehöre. Meine und seine.

In diesen Tagen muss ich oft an diese Begegnung denken. Gehört der Islam zu Deutschland? Diese Frage wird in der Politik und an Stammtischen heiß diskutiert. Zitat:

„Der Islam gehört zu Deutschland, der Islam gehört nicht zu Deutschland – seit vier Jahren geistern diese beiden Sätze durch das Repertoire von Politikern und Publizisten wie ein Abzählreim: Er liebt mich, er liebt mich nicht.“

Das hat Susanne Schädlich 2016 geschrieben, eine Journalistin, die die anhaltende Debatte über diese Frage für äußerst verstörend und sinnlos hält.

Dass diese Debatte sinnlos ist, liegt so offen auf der Hand, dass viele es übersehen. Denn beide Aussagen sind zwei Seiten derselben Medaille und haben damit ihre Berechtigung.

Wenn nämlich inzwischen vier Millionen Deutsche Muslime sind, gehört der Islam natürlich zu Deutschland – Muslime ohne den Islam sind ebenso wenig denkbar wie Christen ohne Kirche.

Wenn es aber um die Frage geht, zu welchem Kulturkreis Deutschland gehört, ist die Feststellung richtig, dass der Islam hier niemals irgend eine bestimmende Rolle gespielt hat. Die Türkischen Eroberer sind vor Wien gescheitert, Rechtssystem und Kultus in Deutschland haben tiefe christliche Wurzeln. Das ist nicht nur an den vielen Kirchen in Dörfern und Städten, sondern auch an unserem Feiertagskalender zu erkennen.

Und weil christliche Wurzeln ohne das Judentum undenkbar sind, redet man zu Recht von jüdisch-christlichen Wurzeln. Und nicht von islamischen. Und so gesehen gehört der Islam nicht zu Deutschland.

Womit Frau Schädlich nicht ganz Recht hatte: Die Debatte um den Ausspruch „Der Islam gehört zu Deutschland“ gibt es schon länger. Ich kann mich erinnern, ihn erstmals bewusst wahrgenommen zu haben, als der damalige Innenminister Schäuble die erste Islamkonferenz eröffnete. Das war bereits 2006. Ob Schäuble ihn allerdings als erster geprägt hat, vermag ich nicht zu sagen. Aber schon damals meinten einige, ihm sofort und lauthals widersprechen zu müssen.

Der Islam gehört zu Deutschland, der Islam gehört nicht zu Deutschland- wenn also beide Aussagen unbestreitbar ihre Berechtigung haben, also richtig sind: Warum verwenden nicht wenige so viel Zeit darauf, diese Scheindebatte am Leben zu erhalten?

Aus der Perspektive unseres heutigen Sonntags ist die Antwort auf diese Frage ebenso einfach wie erschreckend: Weil das jüdisch- christliche Bild vom „guten Hirten“ in unserer Gesellschaft keinen hohen Stellenwert zu haben scheint. Die Mahnung, sich doch an dem guten Hirten des Evangeliums zu orientieren, wird so von Tag zu Tag aktueller.

Das wird deutlich, wenn man den Predigttext für heute bedenkt, einen Abschnitt aus dem ersten Brief des Petrus im 5. Kapitel:

5 1 Jetzt noch ´ein Wort` an die Gemeindeältesten unter euch. Ich bin ja selbst ein Ältester und bin ein Zeuge der Leiden, die Christus auf sich genommen hat, habe aber auch Anteil an der Herrlichkeit, die ´bei seiner Wiederkunft` sichtbar werden wird. Deshalb bitte ich euch eindringlich:
2 Sorgt für die Gemeinde Gottes, die euch anvertraut ist, wie ein Hirte für seine Herde. Seht in der Verantwortung, die ihr für sie habt, nicht eine lästige Pflicht, sondern nehmt sie bereitwillig wahr als einen Auftrag, den Gott euch gegeben hat. Seid nicht darauf aus, euch zu bereichern, sondern übt euren Dienst mit selbstloser Hingabe aus.
3 Spielt euch nicht als Herren der ´Gemeinden` auf, die Gott euch zugewiesen hat, sondern seid ein Vorbild für die Herde.
4 Dann werdet ihr, wenn der oberste Hirte erscheint, mit dem Siegeskranz unvergänglicher Herrlichkeit gekrönt werden.

Manch einer heute mag denken, Petrus habe hier nur Pastoren gemeint, weil das ja wörtlich übersetzt „Hirten“ heißt. Oder Presbyter, die ja die gewählten Ältesten der Gemeinde sind. Aber das greift aus jüdisch- christlicher Sicht wesentlich zu kurz.

Sicher: Petrus redet hier die „Hirten“ an, an die sein Brief gerichtet ist, und das sind sicher leitende Christen in Christlichen Gemeinden. Er will und kann von ihnen erwarten, dass sie Vorbilder sind, was das Amt eines Hirten betrifft.
Vorbilder für die Schafe.

Und genau da weitet sich das Bild. Denn was oder wer sind sie denn, „die“ Schafe? Die eingeschriebenen Gemeindeglieder, abgezählt mit Stallgeruch? Die Jubilare an hohen Geburtstagen? Die Kinder einer Kirchen-Gemeinde? Die Glieder eines Posaunenchores oder eines Bibelkreises? Meint „Gemeinde Gottes“ überhaupt nur die, die sich irgendwie zu einer Kirchengemeinde halten?

Wenn der jüdische Prophet Hesekiel von Schafen redet (Kap. 34, in der alttestamentlichen Lesung für heute), redet er von ALLEN, die in Israel als einer politischen Einheit leben und in welcher Form auch immer die Fürsorge der Gemeinschaft benötigen. Und die Hirten, denen Hesekiel Versagen vorwirft, sind zuerst sicher Priester oder Älteste, genau so aber auch Politiker, Nachbarn, direkte Nächste.

Mag es Hierarchien in den Hirtenstrukturen gegeben haben oder geben: Schafe in diesem Bild sind ALLE Menschen, und Hirten sind FAST alle Menschen, wenigstens immer dann in ihrem Leben, wenn sie für jemand anderen Verantwortung übernehmen oder übernehmen müssten. Also fast täglich.

Aus jüdisch-theologischer Sicht gab es niemanden im Staatsvolk, der hätte links liegen gelassen werden dürfen. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes, gehört zu Gottes Herde, egal ob jung oder alt, arm oder reich, Witwe oder Waise, Eingeborener oder Fremdling. NIEMAND darf an seinem Leben leiden oder gar scheitern, weil er auf sich allein gestellt ist, in eine Notlage geraten ist, eine ANDERE Glaubenspraxis lebt oder vielleicht gar keine.

Und die christliche Sicht schließt sich konsequent an. Johannes hat Jesus in der Evangelienlesung (10, 11-16) so zitiert: Ich habe auch noch Schafe, die nicht aus diesem Stall sind. Auch sie muss ich herführen; sie werden auf meine Stimme hören, und ALLE werden eine Herde unter einem Hirten sein (V 16).

Darüber nachzudenken, ob es irgendwen gibt, der KEIN Schaf in Gottes Herde wäre, ist bloße Spekulation, denn der EINZIGE, der irgendetwas dazu sagen könnte und dürfte, ist Gott in Christus selbst, also der Erste aller Hirten.

Und der isst mit Sündern, umgibt sich mit Huren, ruft gesellschaftlich Geächtete in seine Jüngerschar. Wenn also Schafe von Nichtschafen für uns zunächst nicht zu unterscheiden sind, sind Hirten von Nichthirten genau so wenig zu unterscheiden.

Denn jede und jeder von uns, so wie wir hier sitzen oder aktiv über unser Leben nachdenken, sind in ihrem Leben Menschen mit Hirtenfunktion. Zuerst als Christen, sicher. Aber eben auch als Glieder der Gesellschaft, in der wir leben. Darum gelten die Mahnungen, die der Hirte Petrus seinen Mithirten zukommen lässt, jedem von uns.

Und sie sind auch nicht schwer zu verstehen.

„Sorgt“ für eure Herde: Tragt dazu bei, dass sie haben, was sie zum Leben brauchen. Vom täglichen Brot bis zur seelischen und körperlichen Gesundheit.

„Seid nicht darauf aus, euch zu bereichern“: Denn genau das hat mit der Sorge für die Herde nichts, aber auch gar nichts zu tun.

„Spielt euch nicht als Herren … auf, … sondern seid ein Vorbild für die Herde“: Nur so kann man die Schafe in die Lage versetzen, die „Leithammelfunktion“ zu übernehmen.

Das Bild von Hirten und Schafherde macht eben NICHT aus Hirten herrschende Bestimmer und aus Schafen willenlos Folgende. Es ist vielmehr die jüdisch- christliche Vision von einem gesellschaftlichen Miteinander, in dem jede und jeder ein behütetes, erfülltes Leben finden kann. Zweifelsohne gilt das zuerst für die christliche Gemeinschaft im Kleinen. Aber genau so gilt es für die Gesellschaft am Wohnort, im Land, ja auf der Welt.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Als der Hirte Schäuble, damals Innenminister aller Deutschen, unabhängig von ihrer Religion oder Nichtreligion, diesen Satz zum Islam aussprach, verweigerten ihm viele seiner Schafe schlichtweg die Folgschaft. Warum? Um im Bild zu bleiben: Zuerst um zu beweisen, dass auch und gerade Schafe ihren eigene Kopf haben. Dann aber vor allem aus Futterneid.

Futterneid ist die Angst, dass man zu kurz kommen könnte, dass einem etwas weggenommen wird. Dass man teilen soll. Oder dass andere Schafe eine Stelle mit saftigem Gras gefunden haben, die man selbst übersehen oder längst vergessen hat.

Übertragen auf die Gesellschaft: Dass man Macht und Einfluss verliert. Dass unwichtig wird, was man selbst als wichtig empfindet. Dass Menschen neben mir anders leben als ich selbst und es dabei vielleicht sogar besser haben könnten als ich selbst. Vielleicht auch, dass sie einem zeigen, was man selbst verloren hat.

Dass andere Menschen zum Beispiel ein wesentlich religiöseres Leben führen als man selbst. Dass ihnen ihr eigenes Glaubensbekenntnis im persönlichen Alltag und in der Gesellschaft noch wichtig ist. Auch und gerade weil sie Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, also „privat“ ist.

Gerade aber der, der Hüter der jüdisch-christlichen Wurzeln sein will, muss sich als Hirte bewähren. Er ist nicht nur beauftragt, die Regeln zu bewahren, die in der Herde gelten, oder sie zu ändern, wenn es nötig ist.

Er hat besonders dafür zu arbeiten, die Schafe zusammen zu halten. Sie auf gute Weide zu führen. Dafür zu sorgen, dass kein Schaf verloren geht und dass schwarze Schafe nicht schlecht behandelt werden. Andere Schafe dazu zu bringen. Alle zu einer Herde zu machen. Wir wissen also, was unser Ziel ist, und das gibt uns genug zu tun.

Und das wird nur gelingen, wenn die Schafe sich nicht aus ihrer Hirtenrolle davonzustehlen versuchen. Wenn alle Hirten akzeptieren, dass „ihre“ Schafe ihren eigenen Dickkopf haben, sich zu nichts zwingen lassen, was sie selbst nicht gerade wollen. Dass sie aber die Stimme ihres Hirten hören und ihr folgen, wenn sie die Stimme des GUTEN Hirten erkennen.

All das und sicher noch wesentlich mehr gehört in die Gemeinschaftsvision GOTTES für seine, also ALLE Menschen. Auch daran lässt Petrus keinen Zweifel: Es ist nicht seine Idee, die er da beschreibt. Sondern es geht um ein Leben für die / und in der Herrlichkeit Gottes.

Für die hat Gott seinen Sohn nicht nur leiden lassen, sondern für die hat er seinen Sohn sogar aus dem Grab geholt. Damit wir sehen lernen, was die Gemeinschaft Gottes ausmacht: In Familie, Gemeinde und Gesellschaft, im ganzen Leben und sogar im Sterben zur Herde Gottes zu gehören, das birgt wirklichen Lebens-Frieden.

Es ist der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft.
Er bewahrt unsere Leiber und Seelen in Christus Jesus. AMEN

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